Peer Steinbrück spricht in der Universität Regensburg
Selfie mit dem ehemaligen Bundesfinanzminister

Peer Steinbrück - umringt von Studenten, die ein Erinnerungsbild wollen. Bild: paa
Politik
Regensburg
10.12.2015
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Im Wahlkampf vor zwei Jahren wäre die SPD glücklich gewesen über viele junge Menschen, die zu Füßen Peer Steinbrücks sitzen. Der frühere Kanzlerkandidat weckt bei den Studenten in Regensburg Enthusiasmus. Seiner Partei gelingt das derzeit nicht.

Peer Steinbrück schont bei Vorträgen niemanden, weder seine Partei noch den politischen Gegner, auch sich selbst nicht und schon gar nicht das Publikum. Die Studenten der Universität Regensburg feiern den ehemaligen Bundesfinanzminister trotzdem frenetisch. Besonders begehrt: ein Bild mit dem 68-jährigen Sozialdemokraten. Junge Frauen und Männer drängen auf die Bühne, um ein Erinnerungsfoto mit ihm zu bekommen. Zu immer neuen Gruppen muss sich Steinbrück stellen - und lässt es geduldig geschehen.

Zunächst im Zwiegespräch mit Stephan Bierling, Professor für Politikwissenschaft in Regensburg, später in Antworten auf die Fragen der Studenten entwickelt Steinbrück am Dienstag seine Gedanken zum Thema "Krisenzeiten: Deutschland und Europa in einer unsicheren Welt".

Gebrochene Biografie


Ganz zu Beginn steht die Frage nach dem kürzlich im Alter von 96 Jahren verstorbenen Altkanzler Helmut Schmidt, dem Steinbrück besonders verbunden war. Bei ihm nimmt er bis heute Anleihen. Das wird auch in Regensburg deutlich. Steinbrück sagt, dass das Image des Verstorbenen sehr abgewichen sei von dem, wie er war. Offensichtlich verkörpere Schmidt aber das, was in der heutigen Politik vermisst werde.

Schmidt sei ein "Pragmatiker in sittlicher Überzeugung" gewesen, der sich unter anderem an Emanuel Kant und Karl Popper orientiert habe. Steinbrück verweist aber auch darauf, dass das Charisma Schmidts, ebenso wie das Weizsäckers, Brandts oder Wehners, von dessen gebrochener Biografie geprägt sei. Das sei ihm selbst und allen Generationen bis hin zu den Studenten im Saal erspart geblieben. "Ich bin der Erste in meiner Familie, der nicht in einem europäischen Krieg kämpfen musste."

Steinbrück wirbt für die europäische Einigung. Isolation habe Deutschland immer geschadet, zitiert er Helmut Schmidt. Deshalb unterstützt er den Militäreinsatz an der Seite Frankreichs gegen die Terrormiliz IS. Deshalb mahnt er, das, was wohltuend selbstverständlich geworden ist, zu verteidigen. Und er nimmt die jungen Menschen im Saal in die Pflicht, für ein geeintes Europa zu kämpfen. Angesichts der Renationalisierung der Politik, des wachsenden Rechtspopulismus und Nationalchauvinismus in einigen europäischen Staaten, der köchelnden Euro-Schuldenkrise bekomme er "kalte Füße". Häufig fällt das Wort Verantwortung, auch der Hinweis auf die deutsche Verantwortung in Europa und in der Welt, die mit der Wiedervereinigung gewachsen sei.

Der politischen Klasse wirft Steinbrück vor, dass sie zur Entpolitisierung beigetragen habe. Den Wählern hält er vor, dass sie sich dieses gefallen ließen, weil sie es bequem wollten. Das sei nicht mehr möglich. Ukraine, Flüchtlingskrise und demografischer Wandel seien einige Stichworte, ebenso wie die Frage: "Was ist mit der Freiheit in Zeiten der Digitalisierung und Globalisierung?"

Im Zweifel Politiker werden


Weil er die eigene Zunft ins Gebet nimmt, aber auch das Publikum nicht aus der Verantwortung lässt, sorgt Steinbrück häufig für Lacher. Doch die Botschaft des einstigen Bundesfinanzministers an die rund 500 Studenten, die zum Teil zu seinen Füßen auf dem Boden sitzen oder sich vor den Türen drängen, ist ernst: Sie sollen Verantwortung für die Gesellschaft und für die Zukunft übernehmen. Steinbrück fordert sie auf, jenen entgegenzutreten, die ein "Loch im Kopf" haben, wie er es formuliert. Steinbrück hat aber auch einen Trost für alle, die Zukunftsängste plagen. "Ich bin in der Schule zweimal sitzen geblieben. Im Zweifel werden sie Politiker."
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