Regensburger Professor mit Ratschlägen beim Thema Integration
Schafhirte und Student

Professor Philip Anderson von der OTH Regensburg gibt Empfehlungen zur Integration von Flüchtlingen an Schulen. Bild: Gibbs
Politik
Regensburg
04.06.2016
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Junge Flüchtlinge kommen aus völlig unterschiedlichen Lebenswelten. Ein Regensburger Professor hat Lösungen, wie sie schnellst möglich integriert werden könne. Der Schlüssel dazu liegt in der Schule.

Was braucht es, damit ein junger Flüchtling in der Schule erfolgreich integriert wird und den Weg in eine Berufsausbildung einschlagen kann? Antworten auf diese Frage hat am Donnerstagabend in Regensburg Professor Philip Anderson gegeben. Bereits vor der Flüchtlingswelle hat er sich intensiv mit dem Thema befasst.

Der eine jugendliche Flüchtling war in Afghanistan Schafhirte und erreichte erst nach eineinhalb Jahren mit vielen Zwischenstopps und Arbeitsaufenthalten Deutschland. Der andere ist zehn Jahre in Damaskus auf eine höhere Schule gegangen und kommt aus einer Mittelschichtfamilie, die ihm eine vergleichsweise schnelle Flucht finanzierte. In einer deutschen Berufsschule sitzen der Analphabet und der gebildete junge Mann aus gutem Hause plötzlich nebeneinander. Mit diesem Beispiel veranschaulichte Anderson die extreme Heterogenität unter den jungen Flüchtlingen - die an den Schulen zu Spannungen und Neid führen könne.

Umso wichtiger ist für den Professor die Rolle der Lehrkräfte, die vermitteln können, Bezugspersonen und Vorbilder sind. Anderson, der an der Fakultät für angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg lehrt, plädiert dafür, dass die Schule sowohl ein Lernort als auch ein Ort der Geborgenheit sein müsse.

Erheblicher Druck


Er gab zu bedenken, unter welchem erheblichen Druck die jungen Flüchtlinge teils stehen. Der junge Schafhirte müsse seiner Familie erklären, dass er erst drei Jahre die Schule besuchen muss, bevor er Geld verdienen kann. Der Sohn aus Damaskus muss seinen Eltern sagen, dass er hier einen Maurerausbildung absolviert - und kein Jurastudium.

Im Auftrag der Stadt München hat Anderson, selbst Anglo-Inder, eine Studie erarbeitet. Von 2012 bis 2015 hat er dafür Flüchtlingsklassen einer Münchener Berufsschule begleitet und beobachtet. Ziel der Untersuchung war es, Möglichkeiten zur Optimierung der Beschulung herauszuarbeiten. Wichtig war Anderson dabei die Sicht der Jugendlichen selbst. Sie wollen so schnell wie möglich den Flüchtlingsstatus abschütteln, "normal sein", hat Anderson festgestellt. Viele von ihnen seien von Krieg und Flucht traumatisiert. Dazu komme die Ungewissheit, ob und wie lange sie in Deutschland bleiben können.

Frühe Sprachförderung


Zu Andersons Empfehlungen gehört die Sprachförderung von Anfang an: Die Jugendlichen sollen in ihren Unterkünften in Sprach- beziehungsweise Alphabetisierungskursen auf die Schule vorbereitet werden. Während der Ausbildung müsse ihre Wohnsituation gesichert werden. Für viele Jugendliche sei es ein Schreckgespenst, mit 18 Jahren von der betreuten Jugendhilfeeinrichtung in eine Gemeinschaftsunterkunft umziehen zu müssen. Daneben regte Anderson an, angemessenes Lehrmaterial für Flüchtlinge zu entwickeln, mehr schulpsychologische Fachkräfte einzusetzen und erfolgreiche Absolventen als Vorbilder zu nutzen.

Zum Fachgespräch hatte die Regensburger SPD-Landtagsabgeordnete Margit Wild zusammen mit ihrer Kollegin Kathi Petersen an die Städtische Berufsschule II eingeladen. Rund 30 Vertreter aus Schulen, Arbeitsagenturen und Jobcenter tauschten sich im Anschluss an Andersons Vortrag über Faktoren zum Gelingen der Integration aus.
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