Schwierige Suche nach einem Atommüll-Endlager
Nichts ist unmöglich

Im Zwischenlager des Kernkraftwerks Gundremmingen stehen Castor-Behälter mit verbrauchten Kernbrennstäben. Wann die Fässer in ein Endlager kommen, ist völlig offen. Archivbild: dpa
Politik
Regensburg
30.06.2016
710
0

Jedes Jahr fallen in Deutschland etwa 450 Tonnen Atommüll an. Doch niemand will den radioaktiven Abfall haben. Die Oberpfalz ist bei der Suche nach einem Endlager noch nicht aus dem Schneider.

Die Endlagerkommission des Bundestags hat am Dienstag einen Kriterienkatalog für die Suche nach einem Standort beschlossen. Ob die Oberpfalz betroffen sein könnte, kann derzeit niemand sagen. Als geologische Formationen kommen vor allem Salz, Ton und Granit für ein Endlager unter der Erde in Frage. Sowohl Ton als auch Granit kommen in der Oberpfalz vor, sagt Frank Holzförster, wissenschaftlicher Leiter des Geo-Zentrums an der Kontinentalen Tiefbohrung (KTB) in Windischeschenbach (Kreis Neustadt/WN). Insbesondere der Oberpfälzer Wald wurde wegen seiner Granitvorkommen als ein potenzieller Standort in Bayern genannt.

Völlig ergebnisoffen


In den vergangenen Monaten nahm Holzförster an mehreren Workshops und Expertentagungen teil, die die Endlagerkommission bewusst für alle deutschen Landkreise angeboten hatte. Die Kommission möchte das Auswahlverfahren betont offen halten und vermeidet strikt, Namen von Orten oder Regionen zu nennen. Zu den Veranstaltungen erschienen seien aber doch vermehrt Vertreter der Landkreise, in denen es die Befürchtung gibt, dass es sie treffen könnte, berichtet Holzförster.

Auch er betont, dass der Prozess noch ganz am Anfang sei und begrüßt, dass das Verfahren völlig ergebnisoffen läuft. Zunächst gehe es darum, zu sehen, welche Regionen von vornherein ausgeschlossen werden, etwa wegen Vulkanismus. Die Wahrscheinlichkeit, dass es in den nächsten 100 000 Jahren zu vulkanischen Aktivitäten kommt, liege etwa in der Eifel bei 80 Prozent, weshalb die Region wohl ausgeschlossen werde. Im Vogtland liege die Wahrscheinlichkeit bei 50 Prozent. Inwiefern die Oberpfalz davon betroffen ist, müsse erst untersucht werden, sagt Holzförster. Er nimmt an, dass die Oberpfalz in der zweiten Phase im Rennen bleibt - wie der überwiegende Teil Deutschlands. "Wir sind komplett beim Spekulieren, wenn wir sagen, in die Oberpfalz kommt ein Endlager oder nicht."

Ob der Oberpfälzer Granit überhaupt für ein Endlager geeignet ist, sei bislang nicht geologisch untersucht. Grundsätzlich handle es sich bei Granit um ein sehr dichtes Gestein, das jedoch auf Druck reagiert und Klüfte bilden kann. Wer im zerklüfteten Granit an der Bodenoberfläche ein mögliches Ausschlusskriterium erkennt, liege aber möglicherweise falsch: In der Tiefe könnte der Granit dicht genug sein. Einen Vergleich mit Schweden, wo es bereits Endlager mit Granit als Wirtsgestein gibt, hält Holzförster für unlauter. "Dort kommt fast nur Granit vor, deshalb gibt es keine Möglichkeit abzuwägen", sagte er. Aussagen zur Eignung bestimmter Regionen für ein Endlager will auch Herbert Barthel, Energiereferent des Bund Naturschutzes (BN), nicht treffen. Was auf die Bewohner der letztlich ausgewählten Region zukommt, sei aber absehbar. "Die Ruhe ist dann sicher erst mal weg", sagt Barthel.

Ein tiefes Loch


Ein Zwischenlager müsste errichtet werden, das die Castoren mit dem radioaktiven Material aufnimmt. Je nach den örtlichen Voraussetzungen müsste ein entsprechend tiefes Loch für die Lagerung gegraben werden. Die Atommülltransporte per Bahn und Lkw würden einen erheblichen Sicherheitsaufwand nötig machen.

Ein Vertreter des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Bund) hat an dem Bericht der Endlagerkommission mitgearbeitet - und ihn letztlich als einziger von 15 Stimmberechtigten abgelehnt. Entscheidende Empfehlungen haben nach Ansicht der Umweltschützer in dem Bericht gefehlt, erklärt Edo Günther vom Bund-Arbeitskreis für Atom- und Strahlenschutz. Der Bund fordert unter anderem, dass in dem Bericht eine Empfehlung, den Atomausstieg im Grundgesetz zu verankern, aufgenommen wird.

Was Günther ärgert, ist die Haltung der bayerischen Staatsregierung, die ein Endlager im Freistaat kategorisch ablehnt. Dass Bayern hier das Sankt-Florians-Prinzip anwende, sei nicht sachdienlich, meint Günther. Es handle sich beim Atommüll um eine Last, die Deutschland insgesamt tragen müsse. Ähnlich äußert sich der Regensburger Grünen-Landtagsabgeordnete Jürgen Mistol. Er sei kein Anhänger der "Ausschließeritis". "Ich halte nichts davon, zu sagen, in dieser Region geht es nicht und in jener Region auch nicht", erklärt er. "Sonst kommen wir nie zu einem Ergebnis." Ganz gleich, welcher Standort am Ende herauskommt, es sei klar, dass niemand in Jubel ausbrechen werde. Kurios findet Mistol, dass gerade die CSU, die für die Atomkraft stehe wie keine andere Partei, mit dem Atommüll nichts zu tun haben wolle.

Hubert Aiwanger, Landesvorsitzender der Freien Wähler, spricht sich am Donnerstag gegen ein Endlager in der Region aus: "Der Granit ist zu zerklüftet, völlig ungeeignet." Die Realität sei, dass "mehrere Generationen auf dem Dreck sitzen bleiben werden". Bis Ende des Jahrhunderts bleibe nach Aiwangers Meinung das Zwischenlager in Landshut in Betrieb und sei "de facto ein Endlager - durchschnittlich gesichert in oberirdischen Stätten, nicht mal gegen den Absturz einer Verkehrsmaschine gefeit". (Angemerkt)

Granit-Endlager in Finnland und SchwedenIn Finnland und Schweden geschah etwas, wovon deutsche Politiker nur träumen können: Gemeinden bewarben sich als Endlagerstandorte. Vorreiter war die finnische Gemeinde Eurajoki, zu der die Insel Olkiluoto im Bottnischen Meerbusen gehört. Dort stehen drei Atommeiler: Im Jahr 2001 gab das Parlament in Helsinki grünes Licht für ein Endlager. Jetzt bohren Experten der Betreiberfirma Posiva die Tunnel in den Granit - zunächst für ein Versuchslabor, ab 2020 sollen dann die ersten Brennelemente eingelagert werden. Gleich zwei Kommunen stellten sich in Südschweden zur Verfügung: Oskarshamn, wo schon jetzt die Zwischenlager für den hochradioaktiven Abfall des Landes stehen, und Östhammar. In beiden Orten ist ein Kernkraftwerk in Betrieb. Doch 2009 entschied sich die für die Endlagersuche zuständige Firma Svensk Kärnbränslehantering (SKB) für den Standort Forsmark. Nach den Plänen der SKB soll das Endlager bis zum Jahr 2022 betriebsbereit sein. Es soll für mindestens 100 000 Jahre nuklearen Müll aufnehmen. Um die Nachteile des kristallinen Gesteins auszugleichen, werden die Atommüllbehälter dort mit einer zusätzlichen technischen Barriere aus Bentonit und Kupfer ummantelt. (nt/az)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.