Thomas Witzgall im Regensburger Presseclub
Rechte Szene im Blick

Thomas Witzgall. Bild: Gibbs
Politik
Regensburg
17.05.2016
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Sie hetzen gegen Ausländer, betreiben bei nächtlichen Fackelmärschen "Heldenverehrung" von NS-Verbrechern und sind oft erschreckend jung. Thomas Witzgall beobachtet seit Jahren Mitglieder rechtsradikaler Gruppierungen in Bayern. Im Regensburger Presseclub berichtet er von seiner nicht ganz ungefährlichen Arbeit.

Ganz leicht zu fassen ist die rechte Szene nicht. Die NPD hat laut Witzgall zwar noch 700 Mitglieder in Bayern, ist aber überaltert und mobilisiert kaum Mitglieder für Aufmärsche oder Demonstrationen. Es sind die loseren Gruppierungen, die sich bis 2014 im "Freien Netz Süd" (FNS) organisierten, die bei öffentlichen Kundgebungen Präsenz zeigen. Nach dem FNS-Verbot fanden viele Aktive eine neue Heimat in der Kleinpartei "Der dritte Weg", berichtet Witzgall. Die rechte Szene gilt untereinander als zerstritten. "Da geht es viel um persönliche Eitelkeiten."

Einen gemeinsamen Unterschlupf finden viele immer öfter bei Demonstrationen der Partei Alternative für Deutschland (AfD) oder der Pegida-Bewegung. Sie gelten zwar als "softer" in ihrer rechten Gesinnung, unternehmen aber meist nichts dagegen, wenn auch Neonazis bei ihnen mit marschieren, sagt Witzgall. Im Presseclub zeigt er eine ganze Reihe von Bildern von rechten Aufmärschen.

Wenn er dort vor Ort ist, dokumentiert er mit seiner Kamera auch die äußeren Zeichen der Aktiven, die sich von Zeit zu Zeit ändern: Vom stereotypen Springerstiefelträger bis hin zum "Nipster" - einem Neonazi, der sich wie ein angesagter Hipster kleidet. "Teils sehe ich die Leute vor meiner Kamera aufwachsen", erzählt Witzgall. Über Jahre hinweg fotografiert er unter Umständen die gleiche Person immer wieder bei rechten Veranstaltungen. Ein Nachwuchsproblem sieht er in der Szene nicht. Die meisten Aktiven beim "Dritten Weg" seien zwischen 20 und 30 Jahre alt. Witzgall begrüßt, dass immer mehr Gemeinden angemeldete Aufmärsche von rechtsextremen Gruppen öffentlich machen, damit sich Gegenprotest formieren kann. Sorge bereitet ihm, dass die AfD rechtes Gedankengut salonfähig mache, da die Partei über gesellschaftlich anerkannte Repräsentanten verfüge.

Rechte Einstellungen seien zwar schon vorher in der Bevölkerung vorhanden gewesen, konnten aber durch die politischen Parteien nicht abgerufen werden, meint er. Mit politischen Statements hält sich Witzgall sonst zurück. Er sieht sich eher als beobachtender Journalist. Zum Thema AfD sagt er diplomatisch: "Ich glaube, die Parteien suchen noch nach dem richtigen Umgang mit ihr."
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