Vortrag Gregor Gysi („Die Linke“) an der Uni Regensburg
Keine Finanzunion ohne politische Einigkeit

Gregor Gysi sprach an der Universität Regensburg über "Die Europäische Union in der Krise". Bild: gib
Politik
Regensburg
18.11.2016
112
0

Er gilt als eloquent und witzig: Und tatsächlich zog Linken-Politiker Gregor Gysi die Besucher seines Vortrags "Die EU in der Krise" am Mittwoch an der Uni Regensburg von der ersten Minute in den Bann. Die jungen Zuhörer forderte der 68-Jährige auf, nicht so brav zu sein.

In einer politisch bewegten Zeit scheint Gysi einer zu sein, dem man Antworten auf schwierige Fragen zutraut. Der Hörsaal 24 mit über 300 Plätzen war komplett besetzt, als der langjährige Linken-Fraktionschef im Bundestag für die Veranstaltungsreihe "roots lecture in economics" der Uni Regensburg auf die Bühne trat. Mit ein paar Anekdoten und Witzen - "jetzt kommt der demütigende Akt, ich muss erst das Mikro runter drücken, aber das halte ich aus" - hatte der kleingewachsene Politiker das Publikum schnell auf seiner Seite.

Gysi machte eine "depressive Stimmung" in der Europäischen Union aus. Die Gründe dafür seien hausgemacht, befand er. Ein entscheidender Fehler sei es gewesen, den Euro einzuführen, bevor verabredete Steuer- und Sozialstandards eingeführt wurden, meinte der Bundestagsabgeordnete. Das sei der Auslöser für die Eurokrise gewesen. Eine Finanzunion ohne eine politische Union könne nicht funktionieren.

Dennoch sei er dagegen, jetzt aus dem Euro auszutreten, erklärte der Linken-Politiker. Der deutsche Export würde zusammenbrechen, weil mit einer starken Deutschen Mark die Waren plötzlich zu teuer für die importierenden Länder wären. Stattdessen müssten einklagbare Sozialstandards hergestellt werden. Außerdem forderte Gysi eine Schuldenkonferenz, "bei der es um die Schulden aller EU-Staaten geht, nicht nur um die Griechenlands". Das britische Votum für den Austritt aus der EU bezeichnete Gysi als "schlimm, aber nicht die absolute Katastrophe". Großbritannien habe sich schon immer stark zu den USA hin orientiert.

Schreckgespenst Le Pen


Mehr Sorgen macht ihm die Vorstellung, dass Marine Le Pen, die rechte Front-National-Chefin, nächstes Jahr in Frankreich Präsidentin werden könnte. "Dann ist die EU mausetot", sagte er. "Ohne Frankreich geht es nicht." Den weltweiten Aufstieg der Rechtspopulisten erklärt Gysi damit, dass sich immer mehr Menschen finanziell und sozial abgehängt fühlen. Deutschland, das den größten Niedriglohnsektor Europas habe, müsse hier besonders aufpassen. Außerdem seien sich Union und SPD viel zu ähnlich geworden, klagt der Linken-Politiker. Sein politisches Rezept dagegen: SPD, Grüne und Linke müssten die nächste Bundesregierung stellen, die Union könne als konservative Kraft in der Opposition mögliche AfD-Wähler bündeln. Mit Blick auf den Wahlsieg Donald Trumps plädierte Gysi dafür, dass Deutschland und Europa gegenüber den USA souverän agieren sollten. "Ich bin gegen das Duckmäusertum der Deutschen gegenüber den USA."

Mit einem Appell endete Gysi. Die EU sei in ihrer jetzigen Form zwar "unsolidarisch, intransparent, undemokratisch und viel zu bürokratisch", dennoch dürfe das Friedensprojekt nicht aufgegeben werden, so der Politiker. Der europäisch aufgewachsenen Jugend sei ein "Nationalstaat mit Pickelhaube" einfach nicht mehr zuzumuten. Um die europäische Idee zu retten, brauche es aber Engagement. "Es geht nicht, dass ich rebellischer bin als ihr alle zusammen. Es ist die Pflicht der Jungen, die Alten zu nerven", mahnte Gysi - und erntete dafür ordentlich Applaus.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.