Waigel tritt Europaskepsis entgegen

Der frühere Bundesfinanzminister Theo Waigel sprach beim "Domforum" in Regensburg über sein ganz persönliches Verhältnis zu Europa. Bild: gib
Politik
Regensburg
02.10.2014
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Der ehemalige Bundesfinanzminister wirbt beim Regensburger "Domforum" für Europa. Dazu verweist der CSU-Politiker auf seine Familiengeschichte.

Mit sehr persönlichen Worten begann Theo Waigel seine Rede beim Regensburger "Domforum" am Dienstagabend. Er sprach über die Vision Europas als "Kontinent von Frieden und Freiheit". Was Krieg anrichten kann, hat der ehemalige Bundesfinanzminister in der Familie erlebt. Eigentlich wollte Waigel am 30. September das Grab seines Bruders besuchen. Dieser war vor 70 Jahren an diesem Tag als 18-Jähriger in Lothringen gefallen. Doch die Einladung von Bischof Rudolf Voderholzer, in Regensburg über Europa zu sprechen, stimmte den CSU-Politiker um. "Vielleicht leiste ich meinem Bruder einen größeren Dienst, wenn ich heute Abend Unterstützer für die europäische Idee sammle."

Denn der 75-Jährige fürchtet, dass nationale Egoismen der Europäischen Union schaden und der hart erarbeitete Frieden auf dem Kontinent wieder zerbrechen könnte. Er beklagt eine wachsende Europa-skepsis nach dem Motto: "Wir haben genug eigene Probleme, warum sollen wir anderen Ländern helfen?"

Hilfe zur Selbsthilfe

Es sei richtig, dass einige Länder über ihre Verhältnisse gelebt hätten und dadurch in eine Schuldenkrise gerutscht seien. Es sei aber auch Aufgabe der Europäischen Union, unter strengen Bedingungen "Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten". Waigel erinnerte daran, das Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg im Form des Marshallplans Unterstützung von außen erhielt. Auch europäische Nachbarn, gerade noch Feinde, hätten ihre Märkte geöffnet.

"Trotz aller Unvollkommenheit ist Europa seit 60 Jahren ein Kontinent der Freiheit und des Friedens", betonte Waigel. Aus Erzfeinden seien Partner geworden. Ein Krieg zwischen Deutschland, Frankreich und England sei heute nicht mehr vorstellbar. Waigel forderte Kirchen, Wirtschaft, Gewerkschaften, Landwirte, Intellektuelle, aber vor allem auch die Jugend dazu auf, für die europäische Idee zu kämpfen. Gerade die Jungen dürften nicht glauben, dass das grenzüberschreitende Netz, das sich ihnen in Europa bietet, eine Selbstverständlichkeit ist.

Nicht zuletzt sei die deutsche Wiedervereinigung ohne Europa nicht möglich gewesen. Nur weil klar war, dass Deutschland in die Europäische Gemeinschaft eingebettet wird, hätten Russland, Frankreich und England der Wiedervereinigung zugestimmt. Und den heutigen Herausforderungen der Globalisierung könne sich Europa ohnehin nur stellen, wenn es seine Kräfte bündele. Dazu gehöre auch, dass man an der gemeinsamen Währung festhält, sagte Waigel, der gerne als "Vater des Euro" betitelt wird. "Jetzt zu glauben, mit 30 verschiedenen Währungen das Gewicht Europas in der Welt sichern zu können, ist eine Illusion."

"Ich möchte Europa"

Mit der Lichtinstallation "Abgrund und Schönheit Europas" hatte Künstler Hans-Günther Kaufmann die Besucher auf den Abend eingestimmt. Kaufmanns Lebensweg spiegelt die europäischen Verwerfungen wider: Als Sohn einer Französin und eines deutschen Offiziers erlebte er in der Nachkriegszeit, wie es ist, ein Feindbild zu sein. Als er nach dem Zweiten Weltkrieg als Kind nach Frankreich zog, wollte auf dem Pausenhof zunächst keiner mit ihm spielen, sein eigener Urgroßvater wollte ihn wegen des deutschen Vaters nicht kennenlernen. "Einer wie ich möchte Europa", betonte Kaufmann.
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