3:2 für Haching nach 0:2: Jahn-Ultras rasten aus
Jahn wie verflucht

Fassungslos: Daniel Steininger, Schütze zum zwischenzeitlichen 2:0 am Boden, Zlatko Mluhovic mit leerem Blick nach der 2:3-Niederlage in Unterhaching. Bilder: Janne/Herda
Sport
Regensburg
20.12.2014
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Fassungslos: Daniel Steininger, Schütze zum zwischenzeitlichen 2:0 am Boden, Zlatko Mluhovic mit leerem Blick nach der 2:3-Niederlage in Unterhaching. Bilder: Janne/Herda
 
Jonas Erwig-Drüppel hatte wieder mal ein Tor auf dem Fuß - der Pfosten stand im Weg.
 
Gino Windmüller außer Rand und Band nach seinem Kopfball-Treffer.

Eine Stunde lang sieht der Tabellenletzte wie der klare Sieger aus: Der Jahn führt 2:0 durch Kopfball Gino Windmüller und Abstauber von Daniel Steininger nach zwei Ecken. Dann bettelt die rechte Abwehrseite der Regensburger um Aufmerksamkeit und kassiert innerhalb weniger Minuten drei Tore. Die Ultras rasten aus, ein Sanitäter geht zu Boden und Windmüller sieht zu Unrecht Rot.

Man kann den Zorn der jungen Fans schon etwas verstehen: Da macht sich zum ersten Mal nach einer gefühlten Ewigkeit so was wie Zuversicht breit – und dann reißt die Jahn-Abwehr mit dem Hintern in wenigen Minuten alles ein, was sie sich vorher mit Köpfchen aufgebaut hat. Das ist für alle, die mit Herz und Seele dabei sind, schon schwer zu verdauen. Trotzdem Jungs, der Sicherheitsdienst vor eurem Block kann nichts dafür – es darf nicht passieren, dass wegen Fußballfrust Leute zu Schaden kommen!

Brands leiser Kommentar

Das Spiel im Sportpark-Kühlschrank, hätte es aus Regensburger Sicht nicht so einen deprimierenden Verlauf genommen, hätte unterhaltsam sein können. Es ist, als hörte man den Jahn-Coach bei den Spielzügen den Kommentar sprechen: „Seht ihr, ich hab’s euch doch gesagt, die Jungs können Fußball spielen, wenn sie den ganzen Ballast mal abschütteln.“ Und dabei ist die Ausgangsposition alles andere als rosig: Für den zuletzt starken Markus Palionis rückt Matthias Dürmeyer in die Viererkette, Stani Herzel (rechts) und Fabi Trettenbach tauschen die Seiten. Lukas Sinkiewicz sichert auf der Sechs Aias Aosman und Andi Güntner ab.

Es dauert zehn Minuten, bis das Spiel einigermaßen in Fahrt kommt. Dürmeyer mit erster Unsicherheit, riskanter Rückpass auf Stephan Loboué, der hastig zu Trettenbach weiterleiten muss (11.). Alon Abelski versucht‘s aus der Distanz: drüber. Den ersten Akzent für den Gast setzt Trettenbach, der Uwe Hesse prima in Szene setzt, der ist am ersten vorbei, rutscht dann aber weg, aber immerhin Ecke. Aias Aosman bringt das Ding und Gino Windmüller endlich mal wieder mit dem Dickschädel zur Stelle: 1:0 (16.) – ja wo läuft der den hin, der 1,93-Mann nicht mehr zu halten, vorbei an Brand Richtung Christian Keller.

Jonas Pfostenkracher

Leerlauf in der Mitte der ersten Halbzeit – bei eigener Führung ja nicht das Schlechteste. Erst muss Hesse behandelt werden, kann aber weitermachen. Anders bei Hachings Fabian Götze, der ersetzt werden muss – für ihn kommt Thomas Hagn (29.). Endlich mal wieder der Vollgas-Fabi über rechts, Trettenbach lässt die SpVgg-Jugend als aussehen, scharfe Hereingabe auf Steininger, der zu Jonas Erwig-Drüppel zurücklegt – Pfostenkracher, das wär’s gewesen (33.). Sonderlob an Christian Brand für die Regie eines Spielzugs, den wir so schon lange nicht mehr sehen durften.

Danach hätte in der besten aller Jahn-Welten schon Feierabend sein können: Steininger nach einer umstrittenen Abseitsentscheidung alleine vor Ersatztorwart Felix Rum – inklusive des vorangegangen Aluminiums wäre da schon die Vorentscheidung möglich gewesen (35.). Der Jahn verabschiedet sich nach einer guten Leistung in die Kabinen – bringen die Rot-Weißen jetzt endlich mal auf den Platz, was sie nach Brands Beteuerungen im Training längst an Fortschritten zeigen?

Der Ziege-Effekt

Nach Wiederanpfiff ist beim Gastgeber ein Ziege-Effekt zu spüren: Der ehemalige Europameister hat seinem Kindergarten wohl klargemacht, dass der SSV drauf und dran ist, die Hachinger mit in den Abgrund zu reißen. Rotblau jetzt mit Widerstand. Aber dadurch eröffnen sich den Regensburgern Konterchancen: Hesse in aussichtsreicher Position, warum schießt er denn nicht? Querpass auf Aosman, die Kugel verspringt auf diesem Acker, drüber (51.).

Die rechte Jahn-Abwehr ist löchrig wie Allgäuer Emmentaler: Scharfe Hereingabe, Vogelsammer zu hüftsteif, er bringt den Fuß aus drei Metern nicht mehr an das Leder (52.). Und wie geht eigentlich Keeper Stephan Loboué mit den gelegentlichen Pfiffen und Buhs aus der Fan-Ecke um? Nach einer Ecke der Hachinger ist er zumindest körperlich sehr präsent, faustet das Ding mit einer Hand aus der Gefahrenzone. Leute, man kann intern streiten, aber wenn man draußen Spiele gewinnen will, sollte man zwischendurch das Kriegsbeil begraben – einen weiteren Torwart-Fehler kann sich der SSV nicht leisten. Es wird Zeit, dass sich der Jahn mal wieder befreit: Wieder Angriff über links, Freistoß vom Stramfraumeck, weil Herzel sich nur noch mit Foul zu helfen wusste. Loboué hält den Direktschuss sicher (60.).

Geht nach dem 2:0 die Sonne auf?

Wie aus dem gern zitierten Nichts dann das 2:0 für den Jahn: Ecke diesmal vor Erwig-Drüppel, die gute alte Variante mit der Kopfballverlängerung vom kurzen Pfosten. Diesen Scherz aus der Mottenkiste kennen die jungen Hachinger offensichtlich nicht mehr, denn Steininger steht allein wie ein Einsiedler am langen Pfosten und braucht nur noch den Schlappen hinhalten – so einfach kann Toreschießen sein! Geht jetzt endlich die Jahn-Sonne wieder auf, Herr Brand? Der SSV führt jedenfalls seit einer Ewigkeit mal wieder mit zwei Toren Vorsprung. Noch aber hat sich der kalte Nebel im Sportpark nicht aufgelöst (63.).

So wollen wir den Oberpfälzer Rooney sehen: Trettenbach wühlt sich durch den Strafraum, knallt dann aber über den kurzen Pfosten – war nicht ganz einfach, hier schon den Deckel draufzumachen (63.). Von wegen Deckel – den lüpfen im Gegenzug die Rotblauen wieder ganz gewaltig: Nach Seitenwechsel nach links auf Hagn darf sich der Götze-Ersatz den Ball in aller Ruhe zurechtlegen und das Ding zum 1:2 (65.) ins lange Eck schieben – Stani, Stani, das musste ja passieren, es war die vierte, fünfte Lücke auf der Herzel-Seite (65.).

Köln lässt grüßen

Brand reagiert mit dem Wechsel, Andi Geipl kommt für den blonden Abwehrmann, der auf dem ganzen Weg schimpft wie ein Rohrspatz, als wollte er sagen: „Macht mich hier nicht zum Sündenbock, ich kann die alleine auch nicht aufhalten!“ Immerhin, der SSV versucht sich in Ballbesitz, gute Stafette über Sinkie, aber diesmal verseppelt Erwig-Drüppel den Ball. Sofort wieder Gefahr diesmal zur Abwechslung über rechts, Hufnagel lässt Trettenbach stehen und schießt ans Außennetz (69.).

Oh Mann, an Herzel kann‘s diesmal wirklich nicht liegen. Dominik Widemann taucht völlig frei vor Loboué auf, der ist noch mit dem Bein dran, aber dann springt der Ball an Windmüllers Bein, der ihn in der Rückwärtsbewegung als letzter Mann zum 2:2 (72.) ins Netz befördert – womöglich wäre das Ding sonst gar nicht reingegangen. Man kann nicht mehr hinschauen, Köln lässt grüßen: Wiedemann ist, wo auch sonst, auf der linken Seite durch, trifft nur den Pfosten, aber bis sich der Rest der Jahn-Abwehr sortiert, hat Vogelsammer alle Zeit um den Abstauber in die Mitte des Jahn-Herzens zu schießen (78.).

In acht Minuten Restkredit verspielt

Schockstarre. Was war das jetzt? Welcher Fluch liegt über dem Jahn-Gehäuse? Sicher, zwei der drei neuen Abwehrsäulen, Palionis und Lorenzi fehlen – aber bis zur 60. haben die Rot-Weißen das doch auch ohne die Neuen ganz gut gemeistert. In acht Minuten allen Restkredit verspielt. Vor acht Minuten waren es nur noch sechs Punkte zum rettenden Ufer, jetzt ist dieser Strohhalm auch wieder gerissen.

Kein Wunder, dass auch den Fans der Geduldsfaden reißt. Vor dem aufgebrachten Block der Regensburger Ultras liegt ein verletzter Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes – scheinbar wurde er beim Versuch der Ultras, aufs Feld zu stürmen, umgestoßen. Zum Glück steht er jetzt wieder und kann – noch etwas benommen – weggeführt werden. Jungs, ruhig Blut, das ist es nicht wert, kauft euch einen Boxsack und lasst an dem die Wut aus. Ganz bitter: Während Aias Aosman drei Mann stehen lässt und – allerdings ohne Gegenwehr der Abwehr – den Ball links im Tor versenkt, hat Schiri Benedikt Kempkes (Kruft/Kretz) wegen der befürchteten Keilerei längst abgepfiffen.

Rot für den Falschen

Fünf Minuten versucht sich das Unparteiischengespann ein Bild von der Lage zu machen. Was machen die Jahn-Fans denn jetzt? Nach unkoordinierten „Keller-Raus“-Rufen, die der Sportchef mit bitterer Miene hinnimmt, drängen sie zum Ausgang – Auflösungserscheinungen allenthalben. Das Spiel aber muss weitergehen. Brand schickt mit versteinerter Miene Zlatko Muhovic für Erwig-Drüppel in die Schlacht (83.). Es ist schwer für die Jungs nach dieser Unterbrechung wieder anzuknüpfen.

Haching will jetzt den Ball nicht mehr hergeben. Immer wieder verstecken sie an allen vier Ecken des Platzes das Spielgerät zwischen ihren Beinen – Geipl versucht Vogelsammer die Kugel abzujagen, bekommt den Ellbogen ins Gesicht. Rappelt sich auf und revanchiert sich mit einem leichten Hüftcheck. Windmüller steht dazwischen. Nach Absprache mit dem Linienrichter zückt Kempkes glatt Rot für den Falschen. Klar, dass Gino, Torschütze und Unglücksrabe beim 2:2, es nicht fassen kann.

Ziege vor Aufregung fast um den Verstand gebracht

Die letzten Minuten ziehen sich. Wie lange lässt der Schiri nachspielen? Haching fast nur noch mit Zeitspiel, ganz schwer, zu einer klaren Aktion zu kommen. Ist das jetzt wirklich noch sinnvoll? Brand gibt Markus Smarzoch in der 91. Minute bei 2:3 die Chance, sich vom so gut wie Aussortierten zum Helden zu wandeln? Nein, es reicht nicht mehr. Unglaublich, wie dem Jahn heute die Punkte zwischen den Fingern zerrannen.

SpVgg-Trainer Christian Ziege wirkt nach dem Spiel wie durch den Wind: „Wir sind heute nicht wirklich nicht ins Spiel gekommen“, klagt er, „geraten durch zwei Standardsituationen in Rückstand.“ Wie seine Jungs dann wieder zurückgekommen sind, macht ihn zwar stolz, aber hätte ihn vor Aufregung auch fast um den Verstand gebracht. Pendant Christian Brand möchte vor allem seinen Ärger über die Ausschreitungen der Fans los werden: „Von welchen Fans sprechen Sie? Ich habe hier Hachinger gesehen und einige Kriminelle, die unschuldige Leute zusammenschlagen.“

Fanprojekt statt Keule

Wie vergangene Woche von Stephan Loboué auch dieses Mal eine schnelle Reaktion direkt nach dem Spiel. Man kann die Entrüstung verstehen, zumal Rainer Koch, Chef des Bayerischen Fußballverbands, bereits Konsequenzen ankündigt: „Da wurde ein unschuldiger Ordner verletzt, da werden jetzt Stellungnahmen angefordert und danach werden wir sehen.“ Aber auch wenn große Einigkeit darüber besteht, dass sportlicher Frust nicht zu Gewalt führen darf – die jungen Hitzköpfe zu kriminalisieren, greift zu kurz. Schließlich scheint der Ordner nicht absichtlich umgestoßen oder geprügelt worden zu sein.

Vielleicht wäre das jetzt mal die Chance für die Jahn-Führung um Christian Keller zu zeigen, dass sie mehr soziale Kompetenz drauf hat, als man ihr zutraut. Ein Fanprojekt, das Aggressionen abbaut, tut jetzt mehr Not, als PR-Aktivitäten, die bei dieser Tabellensituation ohnehin kaum mehr jemanden interessieren. Weihnachtspause, innerlich mal runterschalten und dann bitte den Weinzierl der ersten Augsburg-Saison imitieren: das Wunder vom 9-Punkte-Letzten zum Klassenerhalt. Gegen Dortmund beginnt am Samstag, 31. Januar, 14 Uhr die Aufholjagd.