Aias Aosman „verkürzt“ gegen Erfurt auf acht Punkte
Jahns Last-minute-Hoffnungstreffer

Giftiger Auftakt, dreimal Gelb für Regensburg: Hier grätscht Markus Palionis seinen Gegenspieler weg. Bilder: Herda/Baumann
Sport
Regensburg
14.03.2015
30
0
 
Giftiger Auftakt, dreimal Gelb für Regensburg: Hier grätscht Markus Palionis seinen Gegenspieler weg. Bilder: Herda/Baumann
 
Stand immer wieder im Fokus: Marco Königs warf sich rein, hatte aber beim Abschluss wenig Glück.
 
Immer wieder Diskussionen mit dem eigenwilligen Schiri Florian Heft: Hier beklagt sich der starke Uwe Hesse.
 
Seine erste und letzte Aktion: Aykut Öztürk (rechts) wird kurz vor der Pause allein vorm Tor zurückgepfiffen.

Als von den 2700 Zuschauern an diesem nasskalten Märznachmittag schon keiner mehr daran glaubte, war Aias Aosman zur Stelle: Sein 1:0 in der 90. Minute gegen Rot-Weiß Erfurt befeuert Christian Brands rhetorisches Strohfeuer. Der Jahn-Trainer verweigert sich gegen alle Wahrscheinlichkeit der Resignation und redet die Restchance auf den Klassenerhalt groß. Gegen den Aufstiegsaspiranten gelingt der erste von angepeilten sechs Heimsiegen.

Das Team von RWE-Trainer Walter Kogler bleibt allerdings fast über die gesamte Spielzeit den Nachweis schuldig, die große Vision von der Mission „Zweite Liga 2016“ schon heuer umsetzen zu können. Lediglich die letzten zehn Minuten drängen die Thüringer auf die Führung – die hätte Regensburg zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als einmal erzielen können.

Bissiger Auftakt, giftiger Schiri

Christian Brand wartet bei der Aufstellung mit wenigen Überraschungen auf – zumal Hannes Sigurdsson nicht im Kader steht, sind auch kaum welche zu erwarten. Andi Güntner besetzt nach Oli Heins Gelbrot-Sperre und Stani Herzels Aussetzern erwartungsgemäß den Schleudersitz auf der rechten Abwehrseite. Und trotzt Brands wenig euphorischen Kommentaren zum Ex-Erfurter Aykut Öztürk, bekommt der Deutsch-Türke seine Startchance.

Es ist zu Beginn ein zerfahrenes Spiel, in dem beide Mannschaften vor allem Koglers Devise beherzigen, „giftig zu spielen“. Und Schiri Florian Heft (Wietmarschen) zeigt, dass er den bissigen Akteuren gleich den Maulkorb anlegen will. Etwas unverständlich allerdings, dass er seine Appeasement-Politik ausschließlich auf Kosten der Regensburger betreibt: drei Gelbe gegen den Jahn in der ersten halben Stunde, Fehlanzeige bei Erfurt.

Königs trifft nur Klewin

Spielfluss Fehlanzeige, hektisch versucht fast jeder den Ball schleunigst wieder loszuwerden. Kaum ein Pass, der ankommt, kaum eine Lücke, die sich auftut. Adli Lacheb, der etwas unvermutet statt Grégory Lorenzi beginnt, verursacht gleich mal eine völlig überflüssige Ecke (1.). Andi Güntner kommt etwas zu spät, verfehlt den Ball, aber nicht seinen Gegenspieler und sieht Gelb (2.).

Dann die Riesenmöglichkeit für Marco Königs, der nach einem feinen Pass von Andi Güntner frei vorm RWE-Keeper auftaucht, doch der bärtige Kampfstürmer legt sich den Ball zu weit vor und trifft Philipp Klewin statt das Tor – Gelb Nummer 2 (8.). Wenn Heft hier an seiner Brusttasche nestelt, muss er es allerdings auch nach dem Foul an Aosman machen, der im Spielaufbau taktisch ausgebremst wird. Doch da lässt er weiterlaufen.

Erfurts Nickligkeiten bleiben farblos

Für die nächste Halbchance benötigt der SSV ein Missverständnis zwischen dem RWE-Torwart und seinem Kapitän Rafael Czichos – Königs prescht dazwischen, kommt aber nur noch zu einem Pressball. Nach dem anschließenden Einwurf trifft Aosman den Ball am 16er nicht richtig (14.). Wenn Erfurt dann mal schnell nach vorne spielt, kommt die Jahn-Abwehr gleich ins Schwimmen. Luka Odak schnappt sich den weiten Ball auf rechts außen, sein Schuss wird zunächst abgeblockt, aber zwei Regensburger vor ihm schaffen es, ihm den Ball ein zweites Mal zu servieren – Strebinger hat die Kugel sicher (16.).

Auch nach dem taktischen Foul von Czichos wäre Gelb fällig, aber Heft lässt weiter verschiedene Maßstäbe walten – fast schon Bayern-Verhältnisse: Als Knoll im Zweikampf fällt, entscheidet der Niedersachse auf Freistoß für Erfurt. Langsam erpfeift sich der Unparteiische ein echtes Antipathie-Polster. Okan Aydins Freistoß aus 20 Metern halblinks geht einen guten Meter drüber (20.). Und die Nickligkeiten gehen weiter: Odaks Foul an Königs bleibt genauso farblos wie Tyralas an Hofrath (22.).

Jahn stark Gelbrot gefährdet

Die Unzufriedenheit mit dem Mann im leuchtend gelben Trikot ändert aber nichts daran, dass dem SSV nach vorne nicht gerade Erhellendes gelingt. Immerhin, Öztürk und Hofrath produzieren fast die erste Ecke über links – aber der Ball bleibt im Feld und nicht in den eigenen Reihen. Beste Aktion von Mittelfeldmaschine Marvin Knoll: Der Mann mit dem Salafistenbart unterbindet harsch einen Konter und spielt Königs klasse in die Gasse – aber leider auch ins Abseits (25). Es bleibt dabei, kaum ein Durchkommen, und als es erneut Hofrath über links versucht, ist der Ball gleich wieder weg (28.).

Bei diesem Gelb für Markus Palionis kann man freilich nicht meckern: Der Jahn-Kapitän war schlicht zu weit weg vom Gegenspieler und grätscht ihn als letzter Mann weg – wenn das so weiter geht, erleben keine elf Regensburger das Spielende (29.). Endlich mal wieder ein schneller Spielzug Richtung Erfurter Strafraum, aber dann reißt Königs bei Lauritos Befreiungsschlag die Hände hoch, und Schiri Heft pfeift die Situation ab (31.).

Königs Kopfballaufsetzer

Nach gutem Einsatz von Königs an der Grundlinie wenigstens mal die erste Ecke für die Gastgeber (35.): Aosman bringt den Ball auf den Elfmeterpunkt, wo Königs ziemlich alleingelassen etwas zu früh abspringt, und dann Mühe hat, den halbhohen Ball noch druckvoll Richtung Kasten zu köpfen – die Kugel trudelt als Aufsetzer Richtung Latte, Klewin hebt sie drüber. Nach der nächsten Ecke holt sich Aosman selbst den zweiten Ball, lässt sich das Leder aber vorm Schuss vom Fuß nehmen (38.).

Nicht immer beruhigend sind die mitunter etwas kantigen Bewegungen von Gregory-Ersatz Lacheb: Beim Wegschlagen des Balls aus der Gefahrenzone zieht er so wuchtig durch, dass er Andreas Wiegel verletzt (40.). Was ist da mit Palionis los: Unbedrängt schlägt er den Ball anstatt an der Linie entlang ins Aus – und fasst sich an die Leiste. Hat er sich bei seiner Grätsche zuvor etwas gezerrt (41.)?

Pfiffe für den Pfeifer

Kurz vorm Pausenpfiff dann die erste große Chance für die Gäste: Aydin taucht plötzlich allein vor Strebinger auf, der die Fäuste hochreißt (44.). Und nach Teepausen-Schläfchen der Abwehr kann sich Erfurt in Überzahl bis zum Strafraum durchspielen, Sebastian Tyrala spielt clever in die Schnittstelle, Czichos zieht aus 16 Metern ab, knapp drüber.

Auf der anderen Seite hätte Öztürk endlich seinen Einsatz in der Startformation rechtfertigen können. Im Strafraum kreuzt er den Weg mit Kleineheismann, beide schmiegen sich aneinander, der Erfurter stolpert, Öztürk frei vorm Tor wird von Heft zurückgepfiffen – der Schiri schickt die Kontrahenten anschließend umgehend zur Regeneration. Pfiffe begleiten den eigenwilligen Schiedsrichter beim Gang in die Katakomben (48.).

Aias‘ Warnschuss

Die Befürchtung bewahrheitet sich: Für den angeschlagenen Palionis trabt Lorenzi nach der Pause aufs Feld. Und die eine vielversprechende Aktion Öztürks quittiert Jahn-Trainer Brand offenbar nicht als zufriedenstellendes „Leistungsangebot“ – für den enttäuschenden 28-Jährigen darf Daniel Steininger seine junge Dynamik in die Waagschale werfen. Erfurt giftelt dagegen unverändert weiter: Kleineheismann grätscht Königs weg – wann sieht auch mal ein Erfurter Gelb?

Knolls Freistoß dann aber ganz schwach ins Aus – Königs hat keine Chance die hohe Flanke zu erreichen. Aber Respekt, Aosman setzt gleich wieder nach, erobert den Ball. Im zweiten Anlauf zieht der Mittelfeldregisseur vom 16er platziert ab, der Keeper dreht die Kugel um den rechten Pfosten. Nach der Ecke ist er schon wieder zur Stelle, bedient Königs am Elfmeterpunkt, aber der kann das Ding nicht verwerten (50.).

Aosman springt der Ball von der Fußspitze

Klasse Pass von Steininger auf Königs, der neben Czichos zu Boden geht und sich bitterlich beschwert. Dann rast Hesse über rechts, legt für Königs auf, der knapp verpasst, aber dahinter rauscht Aosman an, der etwas überrascht die halbhohe Kugel am 5er nicht unter Kontrolle bringt – sie springt von seiner Fußspitze in Klewins Arme. Sieht dämlich aus, ist aber schwer zu verarbeiten (53.).

Die zweite unnötige Ecke: Strebinger ist bereits unten und bereit, den Ball aufzunehmen, als ihn Lorenzi zur Ecke klärt (60.). Die führt zum Konter über Aosman, der Hesse schickt, aber Steininger bleibt etwas billig an Laurito hängen. Die Spielaktionen der Regensburger werden jetzt immer besser: Schöner Doppelpass zwischen Pusch und Königs, der legt für Hesse auf, sein Schuss wird zur Ecke abgefälscht.

Das Supertalent kommt

Diese Auswechslung lässt aufhorchen: Für den agilen Tyrala kommt Supertalent Kevin Möhwald, der in der kommenden Saison das Trikot des 1. FC Nürnberg trägt. Dennoch ist der Jahn weiter auf Vorwärtskurs: Schlauer Pass von Güntner auf Aias Aosman, der im Strafraum wegrutscht – ist aber auch abseits. Puschs Direktabnahme ist kein Problem für Klewin (65.).

Wieder eine etwas wacklige Aktion Lachebs: Sein wenig entschlossener Kopfball landet erneut bei Erfurt, Aydin geht über links, seine Hereingabe verfehlen zwei Erfurter nur knapp (66.). Das Schlusslicht bleibt trotz solcher Aussetzer spielbestimmend – hat aber Glück, dass den Gästen ihr stärkster Stürmer Carsten Kammelott heute fehlt – durch solche Konzentrationsschwächen hat der Jahn schon viele Punkte unnötig abgeschenkt.

Puschs Freistoßdreher

Immer wieder versucht Aosman jetzt seine Sturmpartner freizuspielen: Königs dieses Mal ganz knapp abseits (65.). Hesse setzt sich gut durch, wird aber noch geblockt. Erneut Aosman auf Steininger, weiter zu Königs, aber Kleinheisemann klärt erneut (66.). Nach Foul an Hesse, stellen sich Pusch oder Knoll hochmotiviert zum Freistoß auf – Pusch läuft an, der Ball dreht sich links oben nicht mehr ganz in den Winkel. Da fehlen nur Zentimeter.

Wenn seine Kumpels das Ding nicht unterbringen, muss es der Deutsch-Syrer halt selbst versuchen. Aosman tanzt durch den ganzen Strafraum, kommt aber nicht mehr zum Abschluss (75.). Die Zeit läuft, langsam muss was passieren – ein 0:0 hilft nicht weiter. Nach einem sehenswerten Seitenwechsel von Knoll auf Hesse zieht der robbenesk nach innen und zieht ab – Klewin lenkt die Kugel an den Außenpfosten – Schiri Heft sieht nicht einmal das korrekt und entscheidet auf Abstoß.

Offener Schlagabtausch

Im Gegenzug hätte sich dann die Fahrlässigkeit, mit der Regensburg beste Chancen liegenlässt, fast gerächt: Wiegel taucht frei vorm Tor auf, Strebinger kämpft den Ball noch ebenso mit den Füßen nieder. Und noch einmal bleibt den Jahn-Fans fast das Herz stehen: Der eingewechselte Haris Bukva darf ungestört halblinks aus der Drehung abziehen, Hesse klärt zur Ecke – bei der rutschen gleich zwei Erfurter knapp am Ball vorbei (84.).

Erst hastet Lacheb bedenklich langsam Falk hinterher, dann lässt sich der aber ungeschickt abdrängen, so dass Strebinger kein Problem mehr mit dem Abschuss aus spitzem Winkel hat. Der Jahn würde schon gerne zur Schlussoffensive blasen, hat aber in dieser Phase Mühe, Erfurts Konter in Schach zu halten. Möhlwald mit seinem ersten starken Pass in die Schnittstelle auf Bukva, Strebinger entschärft das Ding zur Ecke.

Aias‘ verdienter Lohn

Und dann kontert auch der Jahn mal im eigenen Stadion: Steininger geht übers halbe Feld ab, schickt Hesse auf rechts, dessen Querpass verpassen zunächst Freund und Feind, aber nicht Aias Aosman, der am langen Pfosten genau zur rechten Zeit auftaucht und keine Mühe hat, den Ball in der Schlussminute über die Linie zu drücken – das Beste, das letztlich verdiente 1:0 ganz zum Schluss (90.).

Und der SSV behält ausnahmsweise auch mal bei einer so knappen Kiste die Nerven – fast hätte sich noch das Schauspiel vom Vorjahr wiederholt, als André Laurito das Spiel entschied, indem er einen Elfer verursachte und Rot sah. Doch diesmal ist die Szene vorm Strafraum und es gibt nur Gelb. Hesse klärt ein letztes Mal, dann ist die schwere Geburt vollbracht – der erste Dreier im Sack.
„Es war einfach überragend“, fehlen dem Mann des Spieles die Worte, „wenn man das sieht, alle Zuschauer waren froh“, stammelt Aias Aosman überglücklich. Und Trainer Christian Brand hat dem nicht viel hinzuzufügen: „Ich freue mich sehr für die Mannschaft“, die sich wie versprochen reingehauen habe.

Tabelle wenig tröstlich

Klar, der Blick auf die Tabelle tröstet nur wenig, auch wenn sich der Abstand zu Großaspach auf acht Punkte verringert hat – den Schwaben gelingt ein später Ausgleich gegen Münster. Dortmund holt einen Punkt bei Fortuna Köln und Mainz schafft mit einem 1:0 gegen Dresden gar den zweiten Dreier in Folge.

Am kommenden Samstag, 14 Uhr, muss Regensburg beim Tabellenzweiten Holstein Kiel das zarte Pflänzchen der wiedererwachten Hoffnung verteidigen – auch nicht gerade ein Spaziergang bei den Nordlichtern, die in Wiesbaden mit 1:0 die Oberhand behalten.