Allerletztes Aufraffen: Die Mainzelmännchen als Jahn-Totengräber?
Bis zum letzten Schiri-Pfiff

Damian Roßbach entschied mit seinem Last-Minute-Tor zum 1:0 das bisher einzige Duell zwischen der Mainzer U23 und Jahn Regensburg. Bilder: Baumann/Herda
Sport
Regensburg
24.04.2015
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Damian Roßbach entschied mit seinem Last-Minute-Tor zum 1:0 das bisher einzige Duell zwischen der Mainzer U23 und Jahn Regensburg. Bilder: Baumann/Herda
 
Christian Brand wünscht sich so sehr, den anderen endlich mal auf die Pelle rücken zu können.
 
Mit Aias Aosman hat der Jahn "außergewöhnliche Qualität" im Mittelfeld. Aber auch die schaut zunehmend gequält aus der Wäsche.

Der Jahn ist vor dem vermainzlichen Endspiel am Samstag, 14 Uhr, gegen Mainz II. (17./33) auf den Hund gekommen. Bei den Fans ist die Stimmung im Keller. Der arme Hund pfeift aus dem letzten Loch und viele wollen das Elend nicht mehr länger mit ansehen: „Ich will endlich, dass es vorbei ist“, stöhnt der Bene auf jahnground.de. Nur SSV-Coach Christian Brand will davon nichts wissen.

Wo der Hund begraben liegt: Das Hinspiel im Oktober ist nicht gerade ein verheißungsvolles Omen: In einem mäßigen Match zweier Kellerkinder schlägt Pechvogel Fabian Trettenbach in der 90. Minute ein Luftloch – und Damian Roßbach schiebt aus fünf Metern zum 1:0 ein. Eine Niederlage wie so viele: Unnötig wie Hämorrhoiden, Folge eines individuellen Fehlers. Die ganze Saison ein einziger Betriebsunfall. Menschliches Versagen.

„Die Dinge in meinem Kopf“

Ein wenig müde sieht er schon aus, der ewige Optimist. Christian Brand sitzt schmächtig hinter dem PK-Tischchen in einem altrosa Shirt: „Alle Dinge, die waren, sind nicht mehr in meinem Kopf.“ Achsel zucken, Augen zu, Mundwinkel ganz unten. Nietzsche, Kierkegaard? Nein, es läuft eher auf John Wayne hinaus: „Warum wir Spiele verloren haben, dieses und jenes, das spielt keine Rolle, morgen ist High Noon.“ Und dann blitzt er wieder auf, der Schalk im Nacken des Fußballlehrers: „Der Fabian ist ja morgen nicht da, das kann also nicht passieren“, grinst er das böse Vorzeichen einfach weg.

Im Ernst: „Das ist lange her.“ Hier und heute zählt. Auch wenn die Enttäuschung nach dem fatalen 1:2 im Schlüsselspiel von Großaspach „noch lange in den Kleidern hing“. „Das ist auch das, was die Mannschaft ungemein anstrengt, dass man so nah dran ist und dann so ein Spiel, wo man auf einen guten Weg ist, am Ende sogar noch verliert.“ Eine Halbzeit dominiert, vielleicht etwas schusselig im Abschluss, dann ging ein wenig die Luft aus – und zum Schluss die Seuche.

Brands heißer Atem verlischt

„Uns hätte ein Sieg gegen Großaspach brutal nah herangebracht wieder“, denkt und redet Brand simultan, weshalb das Adverb zum Schluss herauspurzelt. „Das war durchaus möglich“, trauert er der Chance nach, bis auf vier Punkte an eben jene Mainzer auf dem rettenden Platz 17 heranzukommen – dann hätten wir das erhoffte packende Finish gegen die selbst arg gebeutelten Pfälzer: Auf acht Verletzte muss 05-Trainer Sandro Schwarz verzichten – dazu die gelbgesperrte Doppelsechs mit Benedikt Saller und Daniel Bohl.

Brands heißer Atem wäre zu spüren gewesen und sein Wunsch endlich in Erfüllung gegangen: „Ich möchte einfach nur die Situation erleben, und das wünsche ich auch dem Team, wo wir mal so, so nah dran sind, dass die anderen auch mal ins Zittern kommen, dass es mal eng wird.“ Stattdessen könnten die Mitkonkurrenten um die A-Karte zwar immer beobachten: „Regensburg kommt ran, kommt ran, kommt ran“ – aber dann, aber dann: „Dann kommt eine Auswärtsniederlage oder hier das Spiel gegen Dresden.“

Jahns Druck, Mainzens Freiheit

Gäste-Coach Schwarz sieht den Druck natürlich ganz beim Heimteam: Für seine Ausbildungsmannschaft würde nach einem Ausrutscher zunächst nicht viel passieren, sagt der gebürtige Mainzer, der unter Kloppo in der Aufstiegsmannschaft 2003/4 kickte, mit Blick auf Unterhaching (18./32 – beim VFB II) und Dortmund (19./30 – in Rostock) optimistisch. „Das muss uns die Freiheit für eine gute Leistung und Mentalität auf dem Platz geben“, fordert er.

Unterschätzen möchte er das Tabellenschlusslicht keinesfalls, das mit Aias Aosman im Mittelfeld „außergewöhnliche Qualität in dieser Liga“ unter Vertrag habe. Auch Uwe Hesse und Marco Königs fordern im Respekt ab: „Regensburg ist eine Mannschaft, die ihre Qualitäten klar in der Offensive hat.“ Die Personalnot könne Schwarz zu einem Systemwechsel zwingen – mit Chancen für Spieler aus der zweiten Reihe: „Alle hängen sich im Training voll rein und haben auch im Testspiel gegen Darmstadt (3:3) gezeigt, dass wir auf sie zählen können.“

Die Auslese der Nervenstärksten

Auf Regensburger Seite sind die personellen Defizite bekannt: Lacheb, Sinkiewick und Trettenbach außer Konkurrenz. Daniel Steininger ist nach einer Oberschenkelverhärtung ein Wackelkandiat. Bei Daniel Franziskus sollte ein Joker-Einsatz nicht am Knie-Wehwehchen scheitern. Schlimm erwischt hat‘s dagegen Andi Geipl: „Eine ganz bittere Geschichte“, bedauert sein Trainer. „Da war er das erste Mal wieder so auf den Sprung in den Kader.“ Er sei nur ganz kurz mit dem linken Knie am Boden aufgekommen: „Das sah nicht schlimm aus – aber die Diagnose bestätigte das Schlimmste.“ Mit Kreuzbandriss fällt der 23-Jährige auf alle Fälle bis in die nächste Saison hinein aus.

Über die festen Größen im Team muss man keine großen Worte verlieren: Die Viererkette vor Keeper Richard Strebinger – Oli Hein, Markus Palionis, Grégory Lorenzi und Marcel Hofrath – ist eben so gesetzt wie Stürmer Marco Königs: „Er macht einfach einen guten Eindruck im Training, der ist positiv, er macht das gut.“ Für mögliche Varianten hat Brand im Training geguckt – „das mache ich ja immer“ – in welcher psychischen Verfassung sich die Spieler präsentierten: „Und jetzt ist es ja mehr denn je gefragt, die Jungs auf den Platz zu bekommen, die mental so gefestigt sind, dass sie sich schnell wieder fangen können nach so einem Negativerelebnis.“

Bunter Strauß an Optionen

Leicht habe es ihm die Mannschaft nicht gemacht: Nach dem mentalen Durchhänger bis Mittwoch seien „inzwischen alle gut drauf“. Thommy Kurz werde definitiv auf der 6 spielen. Für die Halbpositionen gebe es die Option mit Kolya Pusch, Marvin Knoll und Aias Aosman: „Da bin ich mir noch nicht ganz sicher.“ Vorne eröffnet sich ein bunter Strauß an Möglichkeiten: „Patrick Lienhard, Aykut Öztürk auf der einen Seite – dann kann aber auch Aosman auf der einen Seite spielen und Uwe Hesse auf der anderen.“

Anders als vor Großaspach, als er Özturk kritisierte und dann in die Startelf schickte, verrät Christian Brand heute nicht durch Einzelkritiken, auf welche Überraschungen man sich gefasst machen darf. „Ich finde, das zeigt auch eine sehr gute Moral innerhalb der Mannschaft und auch einen super Charakter, wie die Jungs die Situation annehmen und mit ihr umgehen.“ Das bestärke ihn im Glauben, „dass wir Mainz morgen alles abverlangen, dass wir den Leuten, die kommen, ein gutes Spiel zeigen werden, dass wir als Truppe am Platz stehen werden, wo einer den anderen unterstützt – bis zum letzten Pfiff des Schiris.“

Glauben, nicht hoffen

Die Glaubensgeschichte geht also weiter: „Das mit der Hoffnung ist ja nicht ganz so meine Baustelle“, präzisert Christian Brand die feinen Unterschiede zwischen Wissen, Glauben und Hoffen. „Hoffen ist für die Verzweifelten“, nickt Brand ein wenig wie der Wackeldackel im Opel und lächelt versonnen. Schließlich liege das letzte Erfolgserlebnis gar nicht so lange zurück. „Das war Osnabrück“, lässt er mit steiler These aufhorchen, „und zuvor haben wir gegen Wehen-Wiesbaden ein gutes Spiel gemacht.“

Entscheidend sei, dass man nicht die Nerven verliere: „Als Trainer, als Trainerstaff – es muss so sein, dass die Spieler auf dem Feld kühlen Kopf bewahren.“ Es könne ja am Samstag auch geschehen, dass es nicht wie gegen Wehen nach einer halben Stunden 3:0 stehe. So was kann beim Jahn mal vorkommen. Und solche Eventualitäten müsse man als Spieler auch durchspielen: „Da muss man sagen, ok., es steht vielleicht in der 75. Minute immer noch 0:0, aber selbst dann muss ich in der Lage sein zu sagen, wir kriegen diese eine Chance, und die müssen wir verwerten.“

O.k. Das beste Beispiel dafür sei das Spiel gegen Erfurt gewesen – wo Hesse und Aosman einen Konter in der 90. Minute cool zu Ende spielten. Zack und 1:0. Vielleicht weniger geeignet als „Role model“: Kolya Puschs Alleingang in Großaspach … Verzockt und am Ende 1:2.

„Fußball ist ein crazy game“

Es bleibt dabei, die Zeiten der Nabelschau sind vorbei, jetzt wird kräftig auf Nachbarplätze geschielt: „Wenn die morgen verlieren und wir gewinnen, dann sind‘s einfach vier Punkte. Und dann sind‘s – wieviel? – vier Spiele und das ist natürlich absolut drin.“ So sieht‘s aus: Wenn wir gewinnen, die anderen verlieren, am besten vier- oder – wieviel? – fünfmal, dann hat das Vorteile. Denn: „Wenn die anderen gewinnen“, weiß Brand, „und wir nur einen Punkt holen, dann sind‘s, keine Ahnung, neun Punkte und dann brauchen wir auch nicht mehr groß erzählen.“ Nee, müssen wir nicht.

Was macht uns geprügelten Hunden also noch Hoffnung, es wider alle bessere Erfahrung noch einmal zu versuchen: „Fußball ist ein crazy game“, textet der Trainer für Josef Piendls nächsten Jahn-Schlager. „Da sind viele Unwegbarkeiten immer dabei.“ Und zur Sicherheit rechnet er nochmal vor, pass auf: „Es ist doch so, wir gewinnen morgen gegen Mainz, davon bin ich felsenfest überzeugt – und die anderen Mannschaften gewinnen nicht. Ja, dann sind‘s vier Punkte.“

Stimmt doch, oder? Rechenschieber raus! Die anderen gewinnen nicht, nach Eva Zwerg macht das 0 bis einen Punkt – vs. unseren bereits gebuchten 3 macht: Regensburg 29 points, Dortmund 30 bis 31 points, Unterhaching 32 bis 33 points und Mainz 33 points. Summa summarum: Maximum 4 bis Rettung.

Bergung oder Trauerfall

Die nächsten Etappen der Bergung sind schnell erzählt: „Dann fahren wir nach Halle, dann kommt Chemnitz, dann fahren wir nach Bielefeld, dann kommt Fortuna Köln“, weiß Brand zu berichten. Perfekter Ablauf. Immer gewinnen, das benachbarte Trio höchstens noch für Einser gut – nach zwei Spielen sind die 4 egalisiert, bei der Arminia ist rettendes Ufer erreicht, gegen Fortuna reicht ein Punkt, der Rest ist Schaulaufen.

„Danke, Bene“, holt uns Blurt wieder auf den jahnground.de zurück – zurück zum Wunsch nach dem nervenschonenden Dahinscheiden in Liga 4. Doch die Furcht vor der Ungewissheit nagt an der Gemeinde: „Denn auch nach dem letzten Spieltag hört es noch nicht auf. Da vergeht dann noch eine ganze Weile, bis endlich geklärt ist, ob tatsächlich alle Vereine vor uns ihre Lizenz erhalten. Hach, ist das aufregend.“

Und Blurt liefert auch gleich die Steilvorlage für Christian Brands nächste PK – eine kleine Philosophie des fußballerischen Todes, falls die Ein-Sieg-Serie schon am Samstag reißen sollte: „Das fühlt sich bei mir so ähnlich an wie nach einem Todesfall, wo man sich einerseits über sich selber wundert, dass man anstatt zu heulen noch zu Späßchen aufgelegt ist, aber andererseits schon genau weiß, dass man die traurige Wahrheit jeden Tag ein bisschen mehr begreifen wird. Bis dann endlich die totale Leere den Raum komplett ausfüllen wird.“ Und wer füllt dann unsere Leere?