Antizyklisches Krisenmanagement: Keine Entlassung – Jahn investiert in Verstärkungen
Schulterschluss und Sponsorenspritze

Jahn-Sportchef Christian Keller bleibt unangefochten. Bilder: Herda/dpa
Sport
Regensburg
08.10.2014
1
0
 
Jahn-Sportchef Christian Keller bleibt unangefochten. Bilder: Herda/dpa

Keine Überraschung bei der gemeinsamen Sitzung der Aufsichtsräte der KGaA und des e.V. sowie des Vorstandes am Dienstagabend: Schon tags zuvor hatte Oberbürgermeister Joachim Wolbergs unterstrichen, dass er weiter Vertrauen in die sportliche Leitung des SSV Jahn habe: „Wir steigen nicht ab.“ Deshalb verständigte sich die Versammlung lediglich auf die bereits angekündigte Verstärkung des Profikaders.

Auch Präsident Hans Rothammer hatte zuvor zwar eingeräumt, „dass das eine schwierige Zeit ist“, und man Handlungsbedarf sehe. Aber: „Der sportliche Leiter steht außer Frage und auch der Trainer – es gibt nichts zu sagen zu diesem Thema.“ Wolbergs hatte gegenüber dem Bayerischen Rundfunk noch einmal deutlich gemacht, dass ein Stadionbau nicht von der aktuellen Tabellensituation eines Vereins abhängig gemacht werden könne. „Wir können den Stadionbau nicht abbrechen, sondern dieses Stadion wird weiter gebaut. Und sollte ein Fußballverein in dieser Stadt absteigen, gibt es immer noch die Option, dass er später wieder aufsteigt.“

Drittliga-Miete geht gegen Null

Natürlich würde sich keiner freuen, das 52 Millionen Euro teure Stadion mit einem Fassungsvermögen von 15.000 Zuschauern in der Regionalliga einzuweihen. Allerdings gehe die Miete durch den Jahn in der Dritten Liga ohnehin gegen Null, da entstehe für die Stadt kein Verlust. „Natürlich würde man dann andere Schwerpunkte setzen“, sagt Wolbergs, „im Tagungsgeschäft oder auch den ein oder anderen Versuch mit einem Konzert unternehmen.“

Doch soweit mag bei den Verantwortlichen noch keiner denken, im Gegenteil: Die Beschlüsse, die kurz nach Mitternacht als Pressemitteilung verschickt wurden, sollen Einigkeit und Entschlossenheit demonstrieren: Das Gremium habe „die Voraussetzungen für eine umfangreiche Verstärkung für den von Cheftrainer Alexander Schmidt trainierten Profikader des SSV Jahn geschaffen“. Als Ursachen der Krise machte Sportchef Christian Keller die nicht ganz neuen Rahmenbedingungen aus:

„Der Personaletat der Jahn Profimannschaft liegt mit rund 1,6 Millionen Euro inklusive Trainer- und Betreuerstab, Sozial- und VBG-Abgaben sowie geplanten Prämienzahlungen um rund 50 Prozent unter dem Durchschnittsetat der sportlichen Wettbewerber.
Als zentrale Korsettstangen eingeplante Spieler füllen die ihnen zugedachte Führungsspielerfunktion verletzungs- oder formbedingt nicht aus. Vor allem der Ausfall von Schlüsselspieler und Kapitän Sebastian Nachreiner ist nicht zu kompensieren.
Ohne die vorab angesprochenen Korsettstangen fehlt es der jungen, talentierten Jahn-Mannschaft an Halt, Selbstregulation und Selbstbewusstsein. Die Niederlagenserie mit teils unglücklichen Spielverläufen (Dresden, Erfurt etc.) trägt hierzu ein Übriges bei.“

"Besser jetzt investieren, als alles in den Sand zu setzen"

Der Lösungsansatz, auf den sich die Versammlung verständigte: die Verstärkung des Kaders. „Bis zum kommenden Heimspiel gegen die SG Sonnenhof Großaspach und ferner gegebenenfalls nochmals in der Winterpause soll die Mannschaft, vor allem in der Innenverteidigung, mit einigen erfahrenen Spielern verstärkt werden.“ Namen wurden nicht genannt. Ob die von der MZ lancierten Verteidiger, der Litauer Markus Palionis (27, vereinslos, zuletzt SC Paderborn, Dynamo Dresden, Wacker Burghausen) und der Deutschnigerianer Jeff Gyasi (25, zuletzt SC Elversberg, Wehen Wiesbaden I und II) außer Zweit- und Drittligaerfahrung auch die nötige Form und Fitness mitbringen würden, wird sich dann auch gegebenenfalls zeigen.

Woher die neuen Mittel plötzlich kommen? „Auf Beschluss der Gremien können hierfür aufgrund seriösen Wirtschaftens und durch kurzfristig bereitgestellte Sponsorengelder vorhandene Mittel verwendet werden.“ Man darf davon ausgehen, dass der Anteil des Sparstrumpfes den kleineren Teil ausmacht. „Immer noch besser, jetzt Geld zu investieren, solange es noch zu schaffen ist, als die bereits getätigten Investitionen in den Sand zu setzen“, war zu hören.

"Verhältnis Trainer-Team ist intakt"

Mit verstärktem Kader soll Cheftrainer Alexander Schmidt in den nächsten beiden Spielen die Wende herbeiführen: In der Tat könnte der Spielplan nicht günstiger sein – am Samstag nach der Länderspielpause gastiert die drei Punkte entfernte SG Sonnenhof Großaspach im Jahnstadion. Und in der Woche darauf ist der SSV zu Gast bei den Mainzelmännchen, die nur zwei Punkte mehr auf dem Konto haben. Der Trainer betonte gegenüber unserer Zeitung, dass das Verhältnis zwischen ihm und dem Team allen Gerüchten zum Trotz intakt sei. „Wenn ein Spieler nicht spielt, ist er natürlich enttäuscht“, so Schmidt. Richtig sei, dass die Qualität derzeit nicht reiche. „Ich werde deshalb alles daran setzen, damit wir uns nächste Woche entsprechend verstärken.“

Das Krisenmanagement vom Dienstag vergaß aber auch nicht, den Spielern einen wohlfeilen Auftrag ins Stammbuch zu schreiben: „Die Mannschaft ist in der unabdingbaren Verpflichtung, in den kommenden Spielen Punkte für den SSV Jahn einzufahren und die Abstiegsränge zu verlassen.“ Und wo man schon mal beim Appell ist: „Für die Realisierung der Wende ruft der SSV Jahn auch seine Fans, die Medien und die Öffentlichkeit zur breiten Unterstützung in den kommenden Wochen und Monaten auf.“ Nur mit gemeinsamer Kraft aller beteiligten Akteure könne der Jahn die aktuelle schwere Situation meistern und das große Ziel realisieren, als leistungsfähiger Drittligist die Chance "neues Stadion" zu nutzen. Lieber Turnvater Jahn, daran soll es nicht scheitern!