Arminen-Fuchs Meier warnt vor unberechenbarem Schlusslicht
Brandneue Jahn-Hoffnungen

Ein Pfiff ohne An-: Trainer Christian Brand setzt auf positive Signale. Bilder: dpa
Sport
Regensburg
21.11.2014
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Ein Pfiff ohne An-: Trainer Christian Brand setzt auf positive Signale. Bilder: dpa
 
So sehen wir Norbert Meier am liebsten: echauffiert.

Die Stopp-Uhr steht wieder auf „Null zu Null“ beim SSV Jahn, wie der neue Trainer gerne sagt. Neues Spiel, brandneues Grück. Ganz ohne Wortspiel: Kann Christian Brand in zwei Tagen tatsächlich etwas an der psycholgischen Verfassung der Mannschaft verändert haben? Am Samstag, 14 Uhr, ein echter Härtetest: Arminia Bielefeld (3./28 Punkte) kommt sicher nicht als Aufbaugegner. Rund 4000 Zuschauer wollen den Neustart unter die Lupe nehmen.

Seit Dienstag ist Christian Brand Cheftrainer beim SSV Jahn. Hauptaufgabe bei den ersten Trainingseinheiten: das angeknackste Selbstvertrauen seiner Schützlinge zu stärken. „Ned gschimpft, is globt gnua“ gilt ja eigentlich als Grundregel bayerischer Arbeitsmoral. Da tut niedersächsische Sensibilität mal ganz gut. Brand verteilt weniger Anweisungen, als rhetorische Fleißbilder. „Ja, ja, ja“, feuert er Andi Güntner bei einem unwiderstehlichen Solo an. „Mach mal offensiv.“ Denn eines hat Brand schon erkannt: „Irgendwann muss man auch schießen.“

Gleicher Text, aber irgendwie netter

„Das Negative aus den Köpfen kriegen“, nennt der Ex-Werderaner seine Therapie. Gut, das klingt nicht viel anders als bei Alex Schmidt. Aber vielleicht ist das ein wenig wie beim Bischof: Auch der neue Oberhirte hat ganz ähnliche Positionen wie Kardinal Müller, aber irgendwie trägt er die viel leutseliger vor. Und schon ist Rudolf Voderholzer ein beliebter Mann. Wenn das bei Brand auch klappt, soll‘s uns Recht sein. „Ein paar Tricks und Kniffe“ will er den Jungs zeigen, „damit sie sich immer wieder neu fokussieren können“. Bisher noch ohne Buddha-Statue und Ommm-Gesänge.

„Bisher haben wir einen super Eindruck“, jubelt Patrick Lienhard, „er kommt gut rüber, er passt zu uns, das ist die Hauptsache. Die Spieler reden über die veränderte Situation und auch Maskenmann Lukas Sienkiewicz hat „einen guten Eindruck“, aber den hängt er als alter Kempe doch nicht ganz so hoch: „Wichtig ist, dass wir punkten“, will der Fels in der Brandung am Samstag keine Wellness-Veranstaltung.

Meier will trotz Verletzungspech gewinnen

„Wir fahren natürlich dahin, um zu gewinnen“, sagt Arminia-Trainer Norbert Meier gewohnt selbstbewusst. Zwar müsse Bielefeld eine Reihe bitterer Ausfälle kompensieren, „aber wir haben einen Kader, der Veränderungen möglich macht”. Lediglich zwölf Feldspieler stehen dem Cheftrainer derzeit aus dem Profikader zur Verfügung. Christian Müller, Jerome Propheter, Bashkim Renneke, Peer Kluge, Manuel Hornig und Jarno Peters müssen passen. Stürmer Fabian Klos und Außenverteidiger Sebastian Schuppan sind wegen der fünften gelben und Felix Burmeister aufgrund seiner roten Karte aus dem Verbandspokal gesperrt.

Für Peters wird Christopher Balkenhoff oder Kennet Kostmann (beide U23) als zweiter Torwart ins Aufgebot rücken – ebenso wie Marco Hober, der sich laut Meier durch seine Trainingsleistungen eine Nominierung redlich verdient habe. Die U23-Küken Cihan Bolat und Stefan Langemann sind in Regensburg ebenfalls Kadermitglieder. Angesprochen auf Kritik an seiner Testpolitik in der Länderspielpause kontert der Knurrbär von der Waterkant: „Jetzt sage ich Ihnen mal eines, Fan-Foren sind eine tolle Geschichte, aber die Dinge, die ich da lese, habe ich schon 365-mal durchdacht.“

Maskenmann führt Lazerett aufs Feld

Doch auch beim Gastgeber sieht die personelle Situation nicht viel rosiger aus. Sebastian Nachreiner, Daniel Franziskus (Muskelfaserriss) und Romas Dressler sind ohnehin nur Zaungäste. Aber auch Matthias Dürmeyer (Sprunggelenksprobleme), Azur Velagic (Schambeinentzündung), Thomas Kurz (Magen-Darm-Virus), Aias Aosman und Stani Herzel (beide grippaler Infekt) sind angeschlagen.

Patrick Lienhard trainiert zwar nach seinem Unterarmbruch mittlerweile wieder mit vollem Elan mit – aber es reicht nur für einen Einsatz in der Zweiten. Immerhin, Lukas Sinkiewicz bekam ja bereits von Alex Schmidt bestätigt, dass diesen Baum so schnell keine Verletzung fällt – der Abwehrriese wird mit Maske eben noch furchterregender wirken.

Respekt vorm Regensburger Gardemaß?

Meier, der Mann mit der aufwendig gegelten Rupffrisur, hat von früheren Fehleinschätzungen – „Regensburg habe ich nicht auf dem Schirm“ – gelernt und beugt prophylaktisch einer Blamage beim unberechenbaren Schlusslicht vor: „Ja, natürlich, das ist ein Club, der ein ganz neues Stadion baut, der mit ganz anderen Zielen gestartet ist, an Tabellenplätzen darfst du gar nichts festmachen.“ Richtig erkannt hat der Reinbeker, dass der SSV noch mal richtig aufgerüstet hat „mit Spielern wie Gregory Lorenzi, Lukas Sinkiewicz oder Markus Palionis“.

Für die Analyse holt der kleine Otto-Rehagel-Freund auch schon mal das Maßband heraus: „Regensburg hat einen breiten Kader mit vielen großgewachsenen Spielern“, hat er nachgemessen. Deshalb gelte es, Standardsituationen vor dem eigenen Tor zu vermeiden – da ist der Jahn ja bekanntlich sooo gefährlich. Und gerade nach dem Trainerwechsel sei es schwer, die Mannschaft einzuschätzen. Nicht dass der noch Tricks wie Bundes-Müllers Fallobst-Freistoßvariante in Regensburg einführt.

„Meier versucht uns in Sicherheit zu wiegen“

„Norbert Meier ist ein alter Hase“, sagt Brand grinsend, wenn man zum Lamento des Kollegen befragt, „der weiß schon, wie er uns ein bisschen in Sicherheit wiegen kann – oder er glaubt es zu wissen.“ Auch eine ersatzgeschwächte Arminia werde zeigen wollen, dass sie zu Recht da oben steht. „Ich habe versucht, den Jungs einen relativ klaren Plan mitzugeben“, nennt der Interims-Schweizer das Rezept gegen den Favoriten. „Ich habe ein sehr gutes Gefühl, die Jungs waren sehr engagiert, sehr lernwillig.“

Trotz intensiven Videostudiums, nach drei Trainingstagen kann Brand noch nicht jeden Grashalm im Jahn-Stadion und jede Befindlichkeit der jungen Truppe persönlich kennen. „Das ist ein bisschen wie Memory-Spiel“, philosophiert das Nordlicht mit Anleihen bei der Spieltheorie, „man deckt ein Blatt auf, dann zeigt der Spieler sich mal wieder, irgendwann passt es und bleibt liegen.“ Komisch, wir hatten Memory anders in Erinnerung. Ach ja, da war doch noch was: „Im Lauf der Zeit kommt noch das zweite Blatt dazu ...“

Jahn muss fitter sein als alle anderen

Das Hauptaugenmerk habe Brand darauf gelegt, mehr Stabilität hinzubekommen, „damit die Jungs den Laden zusammenhalten, ganz gleich, was da passiert“. Freilich, wenn man 20. sei, gebe es nicht nur eine Problemzone. „Wir haben 37 Gegentore erhalten, demgegenüber steht ein Schnitt von einem Tor auf unserer Seite.“ Und bei aller Neustart-Rhetorik: „Das Problem ist nur, wir haben schon 17-mal in dieser Runde gespielt – es gibt keine Zeit mehr zu verlieren. Es ist nicht so, dass sich die Spieler noch eine Schonzeit gönnen können.“

Wenn man ein Flugzeug steuert, das gerade Richtung Boden rast, geht es darum, sich auf das Überlebenswichtige zu konzentrieren, Unwesentliches auszublenden. Da kann man nicht auch noch eine sanfte Landung erwarten. Aber im Hinterkopf stellt Brand bereits die Weichen, um den flügellahmen Vogel wieder fit zu bekommen: „Als Jahn Regensburg müssen wir physisch noch stärker sein als alle anderen, da müssen wir eine Schippe drauflegen.“