Auch der Heimnimbus dahin: Jahn verliert 0:2 gegen Ingolstadt II
Fußball ist eben nicht nur Füße

Jahn-Coach Christian Brand erreicht heute seine Spieler nicht. Bilder: Herda
Sport
Regensburg
15.11.2015
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Jahn-Coach Christian Brand erreicht heute seine Spieler nicht. Bilder: Herda
 
Der Einsatz stimmte - wie hier von Markus Ziereis: Ging aber meist ins Leere oder auf die Schlappen der Ingolstädter.
 
Die Komponenten des Erfolgs sind noch da: Aber Uwe Hesse, der gleich von Markus Ziereis rechts geschickt wird, bringt die Flanke zu ungenau.
 
Beste Chance in der ersten Hälfte: Ziereis köpft knapp daneben.

Nach dem Kreuzverhör bei der Pressekonferenz nimmt Ingolstadts Trainer Stefan Leitl seinen Kollegen Christian Brand in Schutz: „Nichtsdestotrotz, ich merk‘ schon, die Erwartungshaltung hier ist enorm – ich kann euch nur einen Tipp geben: Bleibt geduldig, ich glaube, dass das Potenzial hier vorhanden ist.“ Wie groß die Geduld in Regensburg nach der dritten Niederlage in Folge noch ist, wird sich zeigen.

Die Situation wiederholt sich in immer kürzeren Abständen: starke Worte vor dem Spiel, schwache Leistung am Spieltag. Gegen eine spielfreudige Jugendabteilung des FC Ingolstadt sieht Regensburg vor 4347 Zuschauern in der Conti-Arena von Anfang an alt aus. Hüftsteif in der Abwehr gegen quirlige Jungs wie Ryoma Watanabe, Schütze des 0:2 (60.) oder Aloy Ihenacho, der nicht nur bei seinem Pfostenschuss die Abwehr zu Statisten degradiert.

Das Mittelfeld zeichnet sich durch Reihenfehlpässe aus und der Sturm strahlt bei den vorhandenen Chancen, die sich gegen eine Jugend-Mannschaft dann eben doch ergeben, die größtmögliche Harmlosigkeit aus. „Fußball ist eben nicht nur Füße“, begründet Brand die plötzliche Rumpelfüßigkeit des Tabellenführers, „und die Dinge, die man taktisch, technisch jeden Tag trainiert. Sondern Fußball ist der Kopf.“

Peinlich geliefert

„Wir werden liefern“, kündigte Christian Brand an und: „Es wird für Ingolstadt am Sonntag sehr schwer, hier etwas zu holen, weil wir volles Rohr gehen werden.“ Das klingt nach dem Abpfiff einfach nur noch peinlich. Dabei kann sich der Jahn-Trainer nicht über eine mangelnde Einstellung seiner Profis beschweren, die sichtlich bemüht waren, die 0:4-Klatsche von Aschaffenburg glatt zu bügeln. „Nicht im Entferntesten hatte ich das Gefühl, dass die Jungs nicht wollten“, beschreibt Brand seine Eindrücke.

Woran aber liegt es dann? „Der ein oder andere Spieler ist nicht in der super Verfassung“, wiederholt er die Kaderproblematik. „Es gibt Spieler, die nach Verletzung zurückgekehrt sind, wo es halt auch normal ist, dass sie nicht auf dem Level sind wie noch im August und September – unser Kader ist jetzt nicht so riesengroß und wir haben auch nicht so die qualitative Breite.“ Vor allem die erneute Verletzung von Thomas Paulus schockiert Brand: „Eigentlich das Ereignis, das ich am Bedrückendsten finde – es sieht nach einer schweren Knieverletzung aus.“

Flügel-Zange ohne Biss

Die Aufstellung mit Pentke im Tor, Hesse, Paulus, Kurz, Trettenbach in der Viererkette, Palionis davor und Luge, Knoll sowie Wiederkehrer Pusch als kreativen Link in die Spitze mit George und Ziereis lässt erst einmal hoffen. Der Wille ist da, Markus Ziereis erkämpft sich den Ball, schickt Uwe Hesse rechts außen – aber nur eine schwache Flanke auf den Keeper kommt dabei heraus. Eine Aktion, die die Kritik in der PK an der Aufstellung eher nicht rechtfertigt – warum er denn die berüchtigte Zange Hesse rechts, George links auseinandergerissen habe, will Basti Schmidt wissen.

„Jann George hat doch links gespielt“, kontert Brand, „Sie meinen, die Zange funktioniert nur, wenn die andere Seite funktioniert?“ Dass man dieses Duo in der Liga zu fürchten begonnen habe, hänge mehr damit zusammen, dass die Spieler in einer anderen Verfassung gewesen seien zum damaligen Zeitpunkt. „Manchmal muss man als Trainer etwas korrigieren und man muss auf die gezeigten Leistungen natürlich reagieren.“ Und momentan gebe es eben keinen Spieler, der über alle Zweifel erhaben sei.

Verlorene Leichtigkeit

Über keinen Zweifel erhaben auch die Regensburger Abwehr: Die lässt Watanabe einfach mal abziehen, Pentke dreht den Schuss um den linken Pfosten (3.). Trotzdem, der Jahn versucht’s ja: Knoll kommt im 16er an den Ball, legt aber blind quer (4.). Dann schickt Luge Hesse, der knapp daneben zielt (5.). Die Anfangsphase: Viel Hektik gepaart mit Fouls und Schlamperei. Wo ist nur die Leichtigkeit geblieben, mit der sich Rot-Weiß die ersten neun Spiele der Saison von Sieg zu Sieg hangelte?

„Ganz einfach“, rekapituliert Brand, „das sind die fehlenden Erfolgserlebnisse, das geht natürlich an der Mannschaft nichts spurlos vorbei.“ Man könne im Training jeden Tag wieder neues Selbstbewusstsein aufbauen, aber die Messlatte hätte die Mannschaft selber so hoch gelegt. „Und der Anspruch ist hier etwas anders als bei anderen Vereinen, was auch o.k. ist“, sagt der Trainer. „Es ist nur immer so, dass die Spieler das nicht zu jeder Phase der Saison erfüllen können, das sehen wir gerade.“

Kuller aus 40 Metern

Vielleicht mal bei einem Standard – die erste Regensburger Ecke, Luge holt den zweiten Ball von hinten und gleich noch den Freistoß rechts außen aus spitzem Winkel – wow, Pusch dreht das Ding an die Latte (14.). Nach diesem Lichtblick, gleich wieder schwarze Wolke: Freistoß-Flanke vor den Jahn-5er, knapp drüber, schwach verteidigt (16.). Dann vernascht Ihenacho Trettenbach, geht an die Grundlinie, Trete zieht und zerrt, die 11 fällt, es gibt nur Abstoß (18.).

Feiner Ballgewinn im Mittelfeld, Luge fällt aber nichts Besseres ein, als Keeper Christian Ortag aus 40 Metern überraschen zu wollen – der Ball kullert in dessen Arme. Man muss feststellen: Ingolstadt spielt das einfach ruhiger, überlegter, konstruktiver. Ohne Beleidigungen macht Manchem Fußball keinen Spaß: Ingolstadts Vorsänger beginnen mit dem Hurensöhne-Duo, die Regensburger ziehen nach. Dann ziehen die Oberbayern ihren rhetorischen Trumpf: „Wir sind Bundesliga.“

Zwei Fehlentscheidungen, ein Gegentor

Ihenachos Heber aus 18 Metern schnippt drüber (21.) – darauf sollte sich Palionis nicht allzu oft verlassen. Geglückter Pass auf Luge, der verlädt den ersten, könnte noch weiter laufen, vertändelt aber und versucht‘s deswegen aus 16 Metern – in die Arme von Orag. Die bisher beste Chance nach einem Knoll-Freistoß: Ziereis‘ Kopfball dreht sich um den Pfosten, wo Trette fast noch dran gekommen wäre (29.). Gute Balleroberung von Luge, aber Knoll rutscht sieben Meter vorm Kasten vorbei (30.).

Zwei Fehlentscheidungen gegen George, ein Gegentor: Zuerst wird Jann im Mittelfeld gezogen und gezerrt – als er den Ball verliert, hakt er sich ein und der Ingolstädter bekommt den Freistoß. Anders rum wird ein Fußballschuh daraus. Der Ball fliegt in den 16er, klares Stürmerfoul an George, Schiri Benjamin Brand lässt weiterspielen, wieder hakelt der im Liegen nach, und wenn man das erste Foul übersieht, kann man den Elfer geben. Andreas Buchner lässt Pentke keine Chance, zirkelt die Kugel rechts oben ins Netz, 0:1 (33.).

Pechvogel Paulus

Wie lautet die Regensburger Antwort? Pusch mit harmlosem Schüsschen aus 18 Metern in Orags offene Arme. Was ist das denn? Paulus‘ bescheuertes Foul – ein Schubser mit Ansage kurz hinter der Mittellinie – lässt der Schiri durchgehen, aber Ihenacho ist für Hesse viel zu wendig. Kein Durchblick im Strafraum: Paulus drischt Pentke den Ball fast aus den Händen zur Ecke – Absprache Fehlanzeige. Durch schlampige Zuspiele bringt sich der Jahn wieder und wieder in Bedrängnis.

Ein Konter über George, den der Rekonvaleszent überhastet abschließt – immerhin Ecke (40.) in den Rückraum auf Knoll, der flach vorbeischiebt. Hesse wieder einen Schritt zu spät, sieht dafür zu Recht Gelb. Paulus ist eigentlich schon Herr der Lage im 16er, als er vor dem Gegenspieler einen Drehschuss versucht und diesen zur Ecke anschießt – dabei verletzt sich der Pechvogel nach nur zwei Spielen erneut und kommt nach der Pause nicht mehr zurück. Und auch die Ecke hat’s in sich: Paulus wird behandelt, keiner passt auf, Kopfball freistehend am Fünfer drüber (44.).

Auch die letzte Aktion vor der Pause ist symptomatisch: Luge super freigespielt, aber anstatt den letzten Mann zu überlaufen, dreht er sich wieder einmal zu viel, hat dann zwei Mann vor der Brust und stochert den Ball in die Füße seines Gegenspielers (45.).

Kein sauberer Ball, kein Druck

George und Paulus bleiben in der Kabine, Schöpf und Hofrath übernehmen. Die Wackler werden eher schlimmer: Palionis haut den Ball ohne Not vor Ihenacho ins Seitenaus – das kann man auch spielerisch lösen, wenn man nicht die Zeit hat, einen Vorsprung zu verwalten. Hesse rutscht die Flanke über den Scheitel: Ecke Ingolstadt an die Strafraumkante, der Schuss wird gerade och geblockt (48.).

Kaum ein sauberer Ball, so kann man keinen Druck aufbauen: Hofrath führt sich mit Fehlpass ein, wirft sich dann vorbildlich in den Pressball, Einwurf, der Ball ist trotzdem futsch. Dann marschiert er 30 Meter vorm Tor Richtung 16er und rutscht unbedrängt weg (54.). Trettenbach schließt sich mit einem Fehlpass an – dem einzigen Gegenspieler in die Füße. Das Trauerspiel wiederholt er zwei Minuten später erneut.

Gelbrot für ein taktisches Foul

Es ist ein taktisches Foul an der Mittellinie – riskiere ich dafür Gelbrot? Kapitän Palionis macht genau das, grätscht Ihenacho weg und sieht die Ampelkarte (57.). Und kurz darauf holt sich auch Luge nach Zweikampf links außen sein erstes Kärtchen ab. Die erste Chance für den Jahn in der 2. Halbzeit: Trettenbach und Schöpf wursteln sich links durch, Pass auf Ziereis, der am kurzen Eck knapp verfehlt.

Wie man’s besser macht, zeigt auf der anderen Seite das japanische Talent: Watanabe geht unbehindert auf den 16er zu, hat noch im Strafraum alle Zeit und viel Platz, um sich den Ball zurechtzulegen, und zirkelt das Ding rechts unten ins Eck, 0:2 (60.). Man hat so viele Spiele erlebt in den letzten Jahrzehnten, auch diese legendären Dreher, wenn eine Mannschaft in Unterzahl plötzlich aus Wut neue Energie freisetzt.

So sieht Ohnmacht aus

Und so sieht das dann beim Jahn im November 2015 aus: Erst mal Gelb gegen Schöpf, Kärtchen Nummer fünf. Ein Konter über Ziereis auf Hesse, der überhastet abschließt. Und so geht das bei Ingolstadt: Ihenacho setzt sich gegen Drei durch und knallt an den Pfosten (69.). Gelb für Ziereis (75.), Karton Nummer sechs. Und Ohnmacht sieht so aus: Raithel schiebt die Kugel an der Seitenlinie unbedrängt ins Aus – Fabian Trettenbach läuft mit dem Ball in die Ingolstädter Wand (76.).

Noch eine Viertelstunde – wenn jetzt der Anschlusstreffer fällt, wird’s noch mal spannend. Knoll setzt sich fein durch, spielt Ziereis frei – aber der Goalgetter Nummer 1 bringt die Kugel aus 7 Metern nicht rein – „ihr seid so blöd“, schallt es von der Hans-Jakob-Tribüne. Die Belohnung: Gelb für Hofrath, Plastik Nummer sieben (81.). Abseits? Nie im Leben! Schöpf ist links außen durch, der Schiri mit der Gelbsucht pfeift ihn zurück (82.).

Begrenzte Raus-Rufe

Der Gesang wird schriller: Es klingt nach „Markus weg“, doch heute hat ja auch schon die sündteure Tonanlage bei der Durchsage geleiert wie ein iPhone bei schwachem Netz. Nein, Ziereis steht nicht im Fokus des Fan-Zorns, „Brand muss weg, Brand muss weg, Brand muss weg …“, lautet die momentan geografisch klar auf vielleicht 50 Stimmen eingrenzbare Parole.

Es wird auch noch etwas weitergemurkst in der Arena: Raithel schafft es nach einer löblichen Balleroberung nicht einmal an einem Mann vorbei. Und Pusch spielt aus drei Metern dem Gegenspieler zu (87.) – Körpersprache: geschlagener Hund. Auch Knoll möchte da nicht außen vor bleiben: Er schlägt einen 20-Meter-Pass in den Strafraum, wo nun wirklich kein Mitspieler ist – das war auch ohne Opernglas zu sehen (88.). Last not least: Gelb für Trettenbach, Farbspachtel Nummer acht, zählt man Palionis‘ Folgerot nicht mit. Bezeichnend: Der FCI II. behält eine weiße Weste.

Leitl: „Qualitativ die beste Mannschaft“

„Und ich glaube, jeder wünscht den Jahn den Aufstieg“, springt nach dieser erneuten Ernüchterung Sportsfreund Leitl dem bedrängten Brand weiter zur Seite. „Sie sind qualitativ die beste Mannschaft und sie werden es auch im Laufe der Saison wieder abrufen.“ Und was sagt der Jahn-Trainer selbst zu den Rauswurf-Forderungen – fürchtet er das Echo aus dem Verein?

„Keine Ahnung“, blafft er genervt, „Ich bin jetzt ja schon ein Jahr hier und habe schon einiges erlebt. Das mit der Stimmung geht hier relativ schnell.“ Apropos Stimmung: Zu Beginn dieses missglückten vorletzten Auftritts in der Arena vor der Winterpause bilden die Spieler einen Kreis, an der Anzeigentafel erscheint das inzwischen schon legendäre Solidaritätssymbol mit Paris, der Eiffelturm im Peace-Zeichen und für einen Moment tritt der Fußball in den Hintergrund.

Rauswurf nach erreichtem Jahresziel?

Bei allem verständlichen Ärger – Sportler und Trainer werden an der Leistung gemessen, nicht an den Reden. Und in der Sache gibt es genug zu kritisieren: etwa, dass von der Spieltag für Spieltag behaupteten akribischen Arbeit am Zweikampfverhalten und Stellungsspiel wenig zu erkennen ist. Aber Christian Brand hat sich bisher immer als höflicher Sportsmann präsentiert, der sich vor seine Spieler stellt.

„Der muss weg“, klingt nach Arbeitslager. Man kann in der Winterpause analysieren, ob man sich von dem Niedersachsen mit der zweiten Chance nach dem Abstieg und einem fast-Drittliga-Kader mehr erwarten darf – tabellarisch geht ja nicht viel mehr, aber in puncto Entwicklung, bei der die Kurve nach unten zeigt. Überall sonst würden wir uns für eine faire Behandlung eines Angestellten auch in schwierigen Zeiten einsetzen – oder würden wir den Rauswurf eines Verkäufers, der sein Jahresziel (Tabellenführung) erreicht hat, gutheißen, nur weil die Erfolgskurve kurz vor Jahresende nach unten zeigt?

Am kommenden Sonntag, 17 Uhr, haben Christian Brand und seine Ritter der traurigen Gestalt die letzte Chance vor der Winterpause, den miserablen Eindruck zu korrigieren: Bei einem Sieg gegen Mitabsteiger Unterhaching (4./32 Punkte) sähe die Jahn-Welt nicht mehr gar so trist aus.