Das tut richtig weh, Christian Brand!
Hansa nach Pleite beim Jahn Vorletzter

Große Klappe: Zweimal durften die Spieler des SSV Jahn jubeln, Rostock kein Mal, in Zahlen 2:0. (Foto: Sascha Janne)
Sport
Regensburg
30.07.2016
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Das tut weh, Christian Brand: Der Ex-Jahn-Trainer wollte mit seinem neuen Team dem Jahn sportlich wehtun. Der verbale Schuss ging nach hinten los. (Foto: Sascha Janne)
 
Marco Grüttner tat sich so alleine im Rostocker Strafraum noch etwas schwer. (Foto: Sascha Janne)
 
Zeigt gute Ansätze, der geliehene Augsburger Erik Thommy. (Foto: Sascha Janne)
Regensburg: Continental-Arena |

Schmerzen gibt es zu Genüge beim Saisonauftakt in der Regensburger Conti-Arena: Giftige Rostocker dezimieren in der ersten Hälfte um ein Haar die Regensburger Rumpfmannschaft weiter – Marvin Knoll beißt sich mit Pferdekuss durch, Andi Geipl lässt sich von einer Verstauchung im Halsbereich nicht stoppen. Aber richtig, richtig weh tun Hansa-Coach Christian Brand die zwei Standardtore von Geipl (11er) und Kolja Pusch (Freistoß), die für ein 2:0 des Drittliga-Rückkehrers reichen.

Es sind dann doch nur 8000 Zuschauer, die die sofortige Wiederkehr von Jahn Regensburg in Liga 3 live verfolgen – die restlichen 7000 werden sich sonst wohin beißen, wo wir schon über Leid und Schmerz sprechen. Ex-Jahn-Coach Christian Brand hatte ja angekündigt, mit seinem neuen Team Jahn Regensburg „sportlich wehtun“ wehtun zu wollen. Ein schöner Vorsatz, nur der verbale Schuss des sonst so diplomatischen Nordlichts geht nach hinten los.

Zwar mühen sich die Ostseekicker immer wieder um Spielkontrolle, doch vor dem Tor bleiben die Hanseaten meist harmlos. Und der SSV nutzt ganz untypisch die wenigen Chancen per Standards zum nicht unverdienten Sieg. Vieles ist freilich noch Stückwerk an diesem ersten Spieltag der noch frischen Saison. Wohl auch, weil der Aufsteiger mit einer Not-Verteidigung und ohne Markus Ziereis auflaufen muss. Dazu kommt eine schwüle Hitze, die nicht gerade zum erfrischenden Offensivfeuerwerk einlädt.

Brand: „Unterirdisch vom fußballerischem Niveau“

„Glückwunsch an Regensburg, herzlich willkommen in der 3. Liga wieder“, gratuliert Hansa-Coach Christian Brand artig. „Ich freue mich, dass Regensburg den Aufstieg geschafft hat.“ Enttäuscht sei er über die gezeigte Leistung. „Ich glaube, wir haben ganz gut begonnen, hatten zwei, drei gefährliche Szenen.“ Ein typisches 0:0-Spiel sei es gewesen, „unterirdisch vom fußballerischem Niveau“. Auch in der zweiten Halbzeit sei nicht viel passiert. „Ich glaube, wenn es den Elfmeter nicht gibt, passiert auch weiterhin nicht viel. Gut, so hat Regensburg den ersten Fehler von uns ausgenutzt, völlig in Ordnung.“

Den weiteren Spielverlauf beschreibt Brand so: „Tja, dann haben wir einen Freistoß bekommen, den hat Kolja Pusch gut getreten.“ Mit den neuen Einwechslungen anschließend sei es besser geworden. „Wir haben dann auch mehr Fußball gespielt. Man hat dann auch gesehen, wenn Regensburg Druck gekriegt hat, dann wurde es auch gefährlich. Aber das haben wir den gesamten Spielverlauf viel zu wenig geschafft.“

Herrlich: „Sehr nervöser Beginn“


„Ja, die erste Hälfte der ersten Halbzeit hat ganz klar Hansa Rostock gehört“, sah Jahn-Trainer Heiko Herrlich „einen sehr nervösen Beginn“ seiner Mannschaft: „Wir haben eigentlich kaum Zweikämpfe gewonnen, waren auch sehr beeindruckt von der Aggressivität und Härte und sind da auch ein-, zweimal in eine brenzlige Situation gekommen, die wir dann trotzdem noch gut verteidigt haben.“ In der zweiten Hälfte habe sein Team die Nervosität abgelegt.

„Da haben wir besser ins Spiel gefunden, Nadelstiche gesetzt, wo wir vielleicht schon das eine oder andere Mal hätten ein Tor schießen können – aber es waren keine hundertprozentigen Chancen.“ Mutiger sei der SSV jetzt geworden, habe mehr versucht, die Räume zu bespielen, die Rostock offen gelassen habe. „Nach dem 2:0 hatten wir auch noch Möglichkeiten, haben sie im letzten Drittel nicht gut ausgespielt, sonst hätten wir den Sack früher zu machen können.“

Dominanz ohne Torgefahr

Nervöser Beginn auf beiden Seiten, Rostock um frühe Dominanz bemüht, ohne konstruktiv vors Tor zu kommen – der neue Kapitän Michael Gardawski immer mit von der Partie. Erste halbwegs brenzlige Situation: Stephan Andrist schirmt auf der rechten Seite Alex Nandzik mit der Hand ab, flankt nach innen, Marco Ziemer verfehlt knapp (6.). Erste schöne Jahn-Kombination über rechts, Erik Thommy auf Nandzik, der Pass etwas zu weit für Marco Grüttner (12.).

Dann doch ein Riesending für Rostock nach Freistoß aus dem Halbfeld: Den ersten Ball wehrt Rot-Weiß schwach in die Mitte ab, ein Schuss von der Kante des 16ers landet bei Andrist, der kommt allein vor Pentke an den Ball, kann ihn aber nur übers Gehäuse heben (15.). Direkter Gegenzug, Thommy schirmt den Ball prima gegen zwei ab, spielt Kolja Pusch in die Gasse, der versucht’s halbrechts vom 16er, nicht schlecht (16.).

Das lauernde Motiv

Thommy gefällt, behält die Ruhe, positioniert sich 20 Meter vor dem Kasten und holt den ersten aussichtsreichen Freistoß – Ausführung aller Beteiligten dann bescheiden (23.). Langsam wird das lauernde Motiv bei Rostock sichtbar: immer wieder Konteransätze in die Schnittstelle, Pentke gerade noch vor Andrist (23.). Thommys Ballverlust in der Vorwärtsbewegung, schon wieder Andrist rechts auf und davon, in der Mitte verfehlt Ziemer um Millimeter (27.).

Jetzt bekommt auch Geipl seinen Freistoß, 25 Meter halbrechts: Puschens abgefälschter Schuss fällt in die Arme von Bastian Lerch. So ist's Recht: Ballgewinn im Mittelfeld, Jann George dribbelt sich durch drei, Schuss aus 18 Metern, Lerch ist links unten. Nur eine Minute später glänzt George durch den Klinsmann-Dive am 16er ohne Fremdeinwirkung: die kleine Standpauke von Schiri Dr. Jochen Drees (Münster-Sarmsheim) ist angebracht.

Erdmann bewirbt sich fürs Stadttheater

Der Jahn jetzt die aktivere Mannschaft: Nochmal ein George-Vorstoß, Fehlpass, der zweite Ball auf Pusch, der zieht aus 18 Metern ab, die Kugel zischt knapp übers Lattenkreuz (34.). Dennis Erdmann entwickelt sich noch zum Idol der Regensburger Ultras: Der aus Dresden zu Rostock gestoßene Frechener wälzt sich bei jeder Berührung wie Schwan Pepe beim Sterben.

Die letzten Minuten bis zur Pause produzieren beide Mannschaften Pirouetten zur Freistoßgewinnung – schöner als Schwanensee im Stadttheater. Kofler sieht Gelb, weil er den Ball zusammen mit Lais‘ Fuß wegdrischt und dann mimisch perfekt die Kugel mit den Händen mimt: ganz großes Schauspiel.

Viel Kleingehacktes im Mittelfeld

Fast doch noch die Chance für Pusch, aber die 20 stolpert in den Fünfer, zu wenig für einen Elfer. Schon wieder eine Debatte an der Mittellinie: Schiri-Doc Drees fühlt Pusch und Erdmann den Puls. Freistoß Hansa, schwache Ausführung, beim Regensburger Spielaufbauversuch hält Kofler Pusch. Dann aber zieht Ziemer davon, geht in den 16er, verdribbelt sich. Marvin Knoll schwanzt sich aus dem 16er und der verwarnte Gardawski drischt den Not-Verteidiger um – Gelb für den gelobten Deutschpolen.

Noch ein Freistoß nach Foul an Nandzik auf der linken Seite, der Pass hoch und scharf in den 16er, Palionis fällt, keiner reagiert, Hein flankt den zweiten Ball hinter den Kasten – Halbzeit.

Auf den Punkt: Es kann nur einen geben

Der SSV marschiert noch angeschlagener in die zweite Hälfte: Andi Geipl macht mit gestauchtem Hals, Marvin Knoll mit Pferdekuss weiter – so also hat Brand das gemeint: Man wolle dem Jahn sportlich wehtun. Ziemer legt für Andrist auf, der sich zu einem einsamen Rendezvous mit Knoll an der Strafraumkante verabredet und dann auf gut Glück über Pentkes Kasten zielt. (48.).

Und dann ist es wieder Thommy, der mit schneller Körperdrehung Richtung 16er Rostock verwirrt. Sein Ballverlust ist zu verschmerzen, weil Maximilian Ahlschwede das Leder gleich wieder rausrückt und dann Pusch wegstampern muss – kein Zögern in Dreesens Pfiff, das ist der Strafstoß: Es kann nur einen geben ... wie gegen Wolfsburg verwandelt Andi Geipl sicher zum 1:0 (52.).

Respekt, ein Schiri mit Übersicht

Alle Achtung, Dr. Drees, der Münsteraner beweist Übersicht wie sein filmischer Kollege Professor Börne. Erst zieht er ganz cool gegen Henn und Lais Gelb – der Regensburger hatte den Ball dem Gefoulten nochmal auf den verlängerten Rücken geschossen, der Rostocker revanchiert sich mit angedeutetem Kopfstoß. Dann lässt er ein heftiges Foul in Regensburgs Hälfte weiterlaufen, pfeift erst, als auch Pusch 25 Meter halbrechts von den Socken geholt wird und zückt rückwirkend Gelb gegen Erdmann. Freistoß Pusch: Eine Bogenlampe ins rechte obere Eck, der Keeper boxt ihn sich selber noch ins Lattenkreuz, 2:0 (64.).

Kerem Bülbül kommt und schafft in seiner ersten Szene fast den Anschluss: Der gebürtige Berliner tänzelt bis zum Fünfer, wo Pentke gerade noch zupacken kann (73.). Nach langer Kunstpause ein sehenswerter Sololauf von Alex Nandzik, der sich gegen zwei durchsetzt, aber zurückgepfiffen wird (81.). Uwe Hesse ist zurück: Er ersetzt den jungen Thommy, der gute Ansätze zeigte und am Entstehen des Elfers beteiligt war.

Platz 2 zum Auftakt

So sicher Pentke auf der Linie ist, am Ball wird er kein Neuer mehr – nach Rückpass verschenkt er den Ball ohne Not ins Seitenaus (86.). Erste Riesendummheit von Knoll: Am Fünfer kommt er ins Straucheln und gibt den Ball an Bülbül ab – der schiebt in die Mitte und Rostock verblödelt den Ball (87.). Uwe, wie wir ihn kennen: Er erhechelt sich die Kugel am rechten Strafraumeck und schiebt dann den Ball brav zum Hansa-Keeper zurück (89.).

Wir begrüßen Patrik Džalto in Regensburg, der in der Nachspielzeit für Freistoßmonster Pusch seinen Beitrag zur 0 leisten darf, die hinten stehen muss – die Leverkusener Leihgabe braucht nicht lange zu warten, um mit dem Schlusspfiff den ersten Sieg gegen Rostock überhaupt und beim Saisonauftakt Platz 2 bejubeln zu dürfen. Christian Brand wird dagegen der zweite Platz von hinten richtig, richtig weh tun.
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