Der Sportchef entlässt Trainer Brand, um den Laden zusammenzuhalten
Kellers schwerster Gang

Christian Keller vollzieht einen Schritt, der ihn nicht überzeugt, um den Verein vor einer Zerreißprobe zu bewahren. Bilder: Herda
Sport
Regensburg
18.11.2015
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Christian Keller vollzieht einen Schritt, der ihn nicht überzeugt, um den Verein vor einer Zerreißprobe zu bewahren. Bilder: Herda

Es gibt Entscheidungen, die schwierig sind, sich aber nicht vermeiden lassen – um das große Ganze nicht zu gefährden. Deshalb schmerzt Sportchef Christian Keller die Entlassung von Trainer Christian Brand besonders: „Er hat die Mannschaft auf Tabellenposition eins geführt und muss trotzdem gehen.“

Herr Keller, ich könnte mir vorstellen, dass Ihnen diese Entscheidung schwer gefallen ist ...

Keller: Naja, die Situation ist so, dass wir intern in den Gremien eine klare Stimmung gegen den Trainer haben. Gleichzeitig war ein Großteil der Jahnfans schon seit der vergangenen Saison gegen ihn. Die letzten Ergebnisse scheinen diese Haltung zu bestätigen. Die breite Öffentlichkeit, die nicht so nah dran ist, versteht das vielleicht weniger.

Ist die Entscheidung einhellig gefallen? Es klingt nicht gerade so, als hätten Sie die Entlassung forciert.

Keller: Ich bin außer Johannes Baumeister formal der einzige, der sie treffen kann. Und ich musste sie so treffen, dass ich die Gesamtinteressen des SSV Jahn zusammenhalte. Nach der Nichtverlängerung mit Thomas Stratos, dem langen Festhalten an Alexander Schmidt und der unpopulären Entscheidung im Sommer, Brand weiterzubeschäftigen, hätte ich bei einer erneuten Entscheidung gegen die Mehrheitsmeinung, die Gefahr gesehen, die langfristige Entwicklung zu gefährden. Damit meine ich nicht in erster Linie die sportliche Perspektive, sondern die gesamthafte Entwicklung des Jahn – ich denke, wir sind auf dem Weg der Konsolidierung deutlich vorangekommen.

Sie sagten, Sie hätten auch bei Alexander Schmidt die Defezite klar gesehen – welche haben Sie bei Christian Brand ausgemacht?

Keller: Natürlich macht niemand alles richtig, aber er hatte einen klaren Plan, den man auch sah. Wir haben in manchen Spielen weit über Regionalliga-Niveau gespielt. Leider konnten wir diese Leistung selten konstant über mehrere Spiele abrufen.

Gehören seine allzu rosigen Spielbeschreibungen nach schlechten Leistungen zu den Kritikpunkten?

Keller: Das geschah aus der guten Absicht, sich vor die Mannschaft zu stellen. Im Binnenverhältnis gab es ganz andere, auch extrem harte Ansprachen. Ich habe ihm den Ratschlag gegeben, auch einmal nach außen kund zu tun, was ihm auf der Seele brennt.

Mit dem Ergebnis, das Ziel Aufstieg vor dem Ingolstadt-Spiel klar zu benennen …

Keller: Ich habe ihm geraten, die schlechten Leistungen der vergangenen Wochen klar anzusprechen.

Können Sie sich erklären, warum einige Spieler, die zu Beginn zu den Säulen des Erfolgs zählten, plötzlich nur noch ein Schatten ihrer selbst sind – die Erklärung, dass sie überspielt sind oder dass der Kader zu klein sei, zählt ja auch für andere Teams?

Keller: Dass die Formkurve nach unten zeigte, erklärt sich schon zum Teil durch den Verschleiß des relativ kleinen Kaders. Dann war es mit Sicherheit auch ein menschlicher Prozess, dass die große Gier vom Beginn, die zum Teil auch aus der Angst gespeist war, dass es nicht schon wieder so eine verkorkste Saison wie die vergangene wird, abfiel. Dann kamen die Spiele, wo wir in Rain, Schalding und Memmingen zu wenig lieferten. Hätten wir diese Punkte geholt, müssten wir dieses Gespräch nicht führen.

Können sie schon das neue Profil des gesuchten Trainers beschreiben – würden Sie jetzt von der bisherigen Maxime Kompetenz vor Erfahrung/Reputation abweichen, vielleicht weil man theoretische Kompetenz auch in Motivation ummünzen können muss?

Keller: Es geht immer um Kompetenz, auch bei einem erfahrenen Trainer. Aber man kann davon ausgehen, dass es kein relativ jungendnaher Trainer sein wird.

Können Sie sich gegen die Erwartungshaltung stemmen, dass jetzt ein klingender Name fallen muss?

Keller: Ein Name kann für einen kurzen Moment alle glücklich machen. Aber ob Brand den Aufstieg geschafft hätte oder ob der nächste Trainer ihn schafft, kann kein Mensch vorhersagen.

Wie geht es Ihnen selbst dabei, dass sie entgegen besseren Wissens von der Devise Kontinuität abweichen und dem Erwartungsdruck nachgeben müssen?

Keller: Das kotzt mich an.