Der Unterhaltungswert ist zurück in der Conti-Arena
Jahn Regensburg zertrümmert Illertissens Serie

Der oft gescholtene Kapitän verdient ein Sonderlob.
Sport
Regensburg
12.03.2016
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Gäste aus Österreich konnten die Grenze trotz gesperrter Balkan-Route überwinden - und fotografierten mit ihren Handys auf japanische Weise.
 
Vielleicht die stärkste Szene der Gäste aus Illertissen.
 
Markus Ziereis schirmt den Ball korrekt ab.

Das letzte Spiel des SSV Jahn Regensburg, das wirklich Spaß gemacht hat in der Continental-Arena, war das 5:0 gegen Greuther-Fürth II im Oktober vergangenen Jahres – deshalb ganz einfach: Danke für das 4:0 gegen den FV Illertissen, für ein unterhaltsames Spiel, für vollen Einsatz und endlich mal wieder Unterhaltungswert für leider nur 3365 Zuschauer.

„Ein Negativrekord“, grummelt Nachbar Peter, „weil sie so gut gespielt haben die letzten Wochen.“ Klar, wir alle mussten uns durch dieses dunkle Tal quälen. Dumm nur, dass man nicht weiß, wann die Wende eintritt. Da hat’s der echte Fan besser: Er leidet wie ein Hund, dafür ist dann die Freude umso größer. Erstmals seit langer Zeit hätte man auch in der Ultra-Kurve mit dem Applausometer Zustimmungswerte um die 99 Prozent messen können: eine vorsichtige Annäherung auch der Mannschaft nach dem Spiel, der Gang Richtung Süden nach Canossa, zwar noch schüchternes Winken, aber mehr solcher Leistungen, und da wächst was zusammen.

Der Fleiß als Basis

Jahn-Trainer Heiko Herrlich merkwürdig blass und zurückhaltend in der Pressekonferenz – wohl eine antizyklische Reaktion –, trifft den Nagel auf den Kopf: „Wir haben viele Balleroberungen gehabt, da war viel Laufarbeit, die verrichtet wurde, viel Fleiß, und das ist einfach die Basis, um diese Ergebnisse einzufahren.“ Das müsse nächste Woche wieder genauso geleistet werden: „Sonst wird’s nicht funktionieren.“

Die Stimmung bei Gästetrainer Holger Bachthaler dagegen passend zum Ergebnis im Keller: „Ich denke, wir waren heute angenehme Gäste“, sagt er ironisch. „Es war uns dann schon klar, dass das halt so ein gebrauchter Abend ist.“ Die Mannschaft sei niedergeschlagen, weil sich jeder viel vorgenommen habe hier in so einem Stadion die bestmögliche Leistung auf den Platz zu bekommen.“ Zu viele individuelle Fehler habe eine Regensburger Mannschaft bestraft, „die natürlich auch eine brutale individuelle Qualität hat“.

Gleiche Aufstellung

Eine Aufstellung ohne die ganz große Überraschung: identisch mit dem Auftakt gegen Augsburg. Von wegen sehr gute Trainingsleistungen von Uwe Hesse und Jann George, die Bank bleibt hart, für die, die „ganz nah an der Mannschaft“ dran sind. „Ich habe nach dem Augsburg-Spiel auch schon gesagt, dass ich sehr zufrieden war mit der Art und Weise“, erklärt Herrlich seine Entscheidung. „Ich hätte wahrscheinlich gegen Amberg zwei Veränderungen vorgenommen, aufgrund der letzten Trainingseinheiten habe ich mich dann eigentlich erst in letzter Minute so entschieden.“

Die Lautsprecheranlage im Stadion scheppert gewaltig – das passt nicht so ganz zum Premium-Image der neuen Arena, klingt eher nach den guten alten Zeiten, als man die Ansagen erraten musste – der Christian-Sauer-Rap. Immerhin, die Einlaufhymne kommt wieder einwandfrei.

Druckvoller Beginn

Erster Tempogegenstoß nach zwei Minuten, Markus Ziereis‘ Flanke von links fängt Keeper Patrick Rösch ab. Dummer Ballverlust im Mittelfeld, den schnellen Konter spielen die Blauen nicht sauber aus (4.). Zweiter guter Spielzug der Regensburger: wieder auf Ziereis, aber der FVI-Torhüter antizipiert (6.). Oli Hein mit einem schwachen Freistoß aus 30 Metern halbrechts in die Arme des Schlussmanns (9.). Erste Eindrücke: Markus Palionis ist immer wieder für unkonventionelle Lösungen gut: ein Kopfball als Kerze, ein unnötiger Befreiungsschlag – und da war sie plötzlich, die ganz große Chance, Michael Faber in der Spitze freigespielt, ein letzter Schwabe klärt zur Ecke.

Herrlichs Analyse der Startphase ist näher an der Wirklichkeit als die des Kollegen, der vom Jahn in der ersten Hälfte nur eine halbe Chance gesehen haben möchte: „Ich denke, dass wir ganz gut ins Spiel gekommen sind“, findet der Jahn-Trainer, „wir hatten viele Drucksituationen, haben uns viele Möglichkeiten erspielt gerade über außen – Ziereis zweimal, und Faber muss einmal den Ball besser mitnehmen, dann steht er allein vorm Tor.“

Der Gast mit Nervenflattern

Illertissen wirkt unter Druck durchaus nervös, aber André Luge beim Nachsetzen rechts im Strafraum leider mit dem Stockfehler (13.). Dennoch, die erste Viertelstunde zeigt der SSV eine klare Leistungssteigerung gegenüber dem schwachen Auftakt gegen Augsburg. Rot-Weiß ist deutlich zielstrebiger, bissig am Mann, läuft alles zu – auch wenn Faber von links aus unmöglichem Winkel abzieht statt abzuspielen (14.).

Dann doch ein erster Verlegenheitsschuss der Gäste: Lukas Kling rutscht die Kugel am 16er über die Klinge. André Luge und Oli Hein bieten sich rechts an, stattdessen kommt der Pass viel zu lang auf Faber (17.). Haris Hyseni mit einem etwas ungenauem Ball, Luge winkt ab, bekommt den zweiten Ball – Klasse Engagement, aber die Flanken kommen nicht. Das darf nicht wahr sein: Faber wieselflink über links, bringt den Pass, Ziereis kann aus drei Metern nicht verwerten (20.). Illertissen durchaus beeindruckt, Tobias Heikenwälder mit einer Kerze, Fabian Rupp klärt bei einer 1:1-Situation ins Seitenaus.

„Regensburg, wir hören nichts“

Das nächste dicke Ding, von wegen „halbe Chance“: Faber spielt sich schön in den 16er, zieht knapp rechts vorbei (28.). „Regensburg, wir hören nichts“, amüsieren sich an die 50 mitgereiste Illertissener dennoch. Was macht Pale? Erst kratzt Oli seinen 5-Meter-Pass gerade noch von der Seitenlinie, dann traut er sich das Zuspiel auf den freien Luge nicht zu (31.). Die wenigen Konteransätze der Gäste läuft der Jahn mit viel Einsatz ab – wie der zurückgeeilte Alexander Nandzik, der mit Köpfchen klärt (35.).

Wenn man den Kapitän dann mal loben will, weil er sich den Ball energisch erkämpft, spielt er den Pass ins Nirwana (37.) – woher diese Hektik, Pale? Gegen Ende der ersten Halbzeit hat sich der Gast ganz gut auf den Jahn eingestellt. Mehr als ein schwacher Pusch-Freistoß aus 25 Metern halblinks, springt lange nicht heraus. Immerhin, nach einem Nandzik-Pass ist die nächste Ecke fällig: Und dann ist ausgerechnet der viel gescholtene Palionis zur Stelle und wuchtet das Leder mit seinem Vierkantschädel ins Netz 1:0 (45.).

Und der Trainer überrascht mit eine ganzen neuen Deutung der Dinge: „Wir haben durch die Drucksituationen die eine oder andere Ecke bekommen – und wollten natürlich auch unsere Standard-Stärke nutzen.“ Wie sagte er bei der letzten PK so schön: „Jede Stärke kann man auch in eine Schwäche verkehren“ – und umgekehrt.

Jahn setzt nach

Spätestens jetzt trifft Herrlichs Bilanz zu: „In der zweiten Halbzeit haben wir das Spiel kontrolliert.“ Erste Freistoßflanke der zweiten Halbzeit zielgenau auf Rösch (46.). Dann ist die Situation eigentlich schon geklärt, Hyseni bleibt dem Verteidiger aber auf den Fersen und kommt noch zum Abschluss – Rösch wieder zur Stelle. Alles, Was der Gast anzubieten hat, bleibt heute unter seinen Möglichkeiten: Ein übersichtlicher Versuch der Gäste über drei Stationen zu kontern, der zweite Ball springt auf den völlig freistehenden Andreas Frick, der aus 13 Metern drüberzieht – der Jahn danach nachlässig: Ardian Morina und Sebastian Schaller behindern sich am Fünfer gegenseitig (48.).

Genial oder genial blöd? Andi Geipl auf dem Weg zum Tor, bleibt hängen, schlenzt auf Ziereis, der verstolpert – die Ecke wird abgepfiffen wegen Torwartbehinderung. Ja gut, so geht’s auch: Der giftige Faber erzwingt die Chance von rechts, will zu Hyseni passen, Fabian Rupp kommt ihm zuvor, will klären, und stochert das Ding zum 2:0 ins Netz (55.). Illertissen jetzt vogelwild: Da lassen sie Ziereis fünf Meter laufen und ungehindert aus 18 Metern abziehen – die Kugel schlägt flach unten links ein 3:0 (59.).

Heikos Schiri-Disput

Der nächste Angriff über links rollt. Die Blauen sind völlig von der Rolle, aber Luge bekommt die unfreiwillige Bananenflanke an der rechten Grundlinie nicht mehr in den Griff (60.). Schiri Johannes Huber ist öfter mal nicht ganz dicht am Geschehen – wie beim überflüssigen Gelb gegen Palionis. Da kann man Trainer Heiko Herrlich schon verstehen, dass er sich zuvor schon mal ein Wortgefecht mit dem Unparteiischen geleistet hat.

„Ich habe halt zwei Einwürfe und den Eckball andersrum gesehen und dann noch das Foul an André Luge, wo weitergespielt wurde – ich habe mich da nicht im Griff gehabt, das war kein gutes Verhalten.“ Er hätte sich dann auch gleich entschuldigt. „Soll nicht wieder vorkommen.“ Nandzik, die linke Rennmaschine, läuft einfach die Base ab und lässt sich die Ecke schenken. Puschs zweiter Ball von der Strafraumkante kracht an die Latte (63.).

Österreich-Woche in der Arena

Und dann ist es schon wieder passiert – der klassische Satz aus den Wolf-Haas-Krimis wird unterbewusst von den vielen österreichischen Gästen im Stadion provoziert: Ein Sensationssitzrückzieher von Hyseni mit dem Abwehrspieler am Arsch markiert das 4:0 (65.). So, Marc Lais bekommt wieder seine Jokerchance für Pusch. Hein zieht den Freistoß aus 20 Metern zentral aufs rechte Torwarteck – kein hema für Rösch (70.).

Ein Konter mit drei: Ziereis leider zu eigensinnig, warum legt er da nicht früher quer? Und wer kommt denn da noch rein? Für Geipl und Ziereis marschieren Thomas Kurz und Jann George auf. Nach längerer Kunstpause ein langer Ball auf Nandzik und natürlich die zwangsläufige Ecke – Kurz mit seiner ersten Kopfkerze (86.). Und pünktlich nach 90 Minuten ist Feierabend.

Revanche für den ersten Punktverlust

„Von daher habe ich nie den Eindruck gehabt, dass wie da groß Paroli bieten können“, fast FVI-Coach Bachthaler ernüchtert zusammen. „Ich freu‘ mich über den 4:0-Sieg“, gibt Herrlich zu Protokoll, „wichtig ist auch, dass wir zu Null gespielt haben, das sehe ich als Fortschritt.“ Bei der Chancenverwertung sieht er noch Luft nach oben: „Es wäre mir natürlich lieber gewesen, wenn wir über Flanken dann auch noch Tore gemacht hätten.“

Ob das bereits der casus knaxus war, der entscheidende Wendepunkt zurück an die Spitze? „Ja, ich schaue jetzt gar nicht so weit nach vorne, ich schaue auf den nächsten Gegner Bayreuth.“ Und der wartet am kommenden Samstag, 14 Uhr, als derjenige Gegner (8./32 Punkte), der dem SSV Jahn in der Hinrunde das erste Remis abgerungen hat – noch dazu in der Conti-Arena.
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