Derby: Jahn Regensburg und FC Amberg vor (fast?) vollem Haus
Duell um die Oberpfalz-Krone

Man muss tief in die Bildermottenkiste greifen, um einen ähnlichen Zuschaueransturm für ein Oberpfalz-Derby herauszuzaubern. Hier standen sich die Fans noch auf den Stufen der Gegengerade im Stadion an der Prüfeningerstraße die Beine in den Bauch. Bilder: Herda/Jahn/Ziegler
Sport
Regensburg
13.08.2015
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Man muss tief in die Bildermottenkiste greifen, um einen ähnlichen Zuschaueransturm für ein Oberpfalz-Derby herauszuzaubern. Hier standen sich die Fans noch auf den Stufen der Gegengerade im Stadion an der Prüfeningerstraße die Beine in den Bauch. Bilder: Herda/Jahn/Ziegler
 
Die Hausaufgaben seriös erledigt: Kolya Pusch und seine Jahn-Kollegen ließen beim standesgemäßen 5:0 Hainsacker in der ersten BFV-Pokalrunde keine Chance.

Eines ist so gut wie sicher: Der bisherige Zuschauerrekord der Regionalliga dürfte am Freitag, 19 Uhr, fallen. Schon über 10.000 Karten gingen im Vorverkauf für das Oberpfalz-Derby über die virtuelle Tickettheke. Da wird der bisherige Spitzenwert von 12.260 Zuschauern am 8. November 2014 beim Münchener Regionalliga-Derby zwischen dem TSV 1860 und dem FC Bayern bald Geschichte sein. „Auf alle Fälle wird es ein tolles Erlebnis“, freut sich Ambergs Trainer Timo Rost auf das Spitzenspiel.

Die älteren unter uns wissen es noch wie heute: In der Pleiten-Saison 1977/78 trafen beide Mannschaften in der Bayernliga aufeinander – der SSV Jahn brachte das Kunststück fertig, sich nach dem Abstieg aus der Zweiten Bundesliga Süd in die Landesliga durchreichen zu lassen. Der FC Amberg zog sich immerhin mit einem 11. Platz aus der Affäre. Im Stadion an der Prüfeninger Straße reichte es gegen die ehemalige Regierungshauptstadt dennoch zu einem 1:0.

Beim letzten Aufeinandertreffen der beiden Rivalen 1994 zog der Jahn auch zu Hause den Kürzeren: 0:1 hieß es nach 90 plus x Minuten. Aber damals verließen die „Macht an der Vils“ alle guten Geister: Abstieg und der Anfang vom Ende – der langsame Gang in die Insolvenz.

Vorglühen im Pokal

Die Vorzeichen sind für beide Vereine inzwischen wieder deutlich besser: In der blitzeblanken Continental-Arena trifft der punktverlustfreie Tabellenführer Regensburg (1./15 Punkte) auf den Überraschungsdritten Amberg (3./9). Vorhang auf für das Oberpfalzderby. Ihr Pflichtprogramm unter der Woche absolvierten beide Teams zufriedenstellend: Der FC Amberg sicherte sich durch einen 3:0-Sieg am Dienstagabend beim Bezirksligisten SV Sorghof den Einzug in die 2. Runde des BFV-Pokals – und gleich das nächste Derby gegen die SpVgg SV Weiden. Der Jahn spazierte mit einer 1B-Elf zum ungefährdeten 5:0 in Hainsacker – und steht vor der doch lösbaren Aufgabe beim TSV Neudrossenfeld (Landesliga Nordost/9:2 gegen Burglengenfeld, das sich lieber auf den Klassenerhalt in der Bayernliga konzentrieren will …).

„Das sind die Partien, für die man als Spieler und Trainer lebt“, bewertet Rost die bevorstehenden Kurz-Tripps. Und Jahns neues Glückskind, der Seitfallrückzieherschütze beim 1:0 in Augsburg, redet sich zum gleichen Thema in einen Derby-Furor: „Derby ist immer Prestige“, weiß Jann George, „wenn du das Derby gewinnst, kannst du in der Liga viel gut machen.“ Mmh, drei Punkte nach unten zum Beispiel. „Das ist einfach das Ziel, dass du jedes Derby gewinnst.“ Also zwei, wenn man die Oberpfalz als Maßstab nimmt. Oder alle, weil nur bayerische Mannschaften am Start sind. So muss es sein.

Eine Serie reißt – nur welche?

Wie will der Amberger Coach seine Jungs für das Spitzenspiel einstellen, um die saisonübergreifende Serie von 30 Spielen ohne Niederlage in Regensburg nicht zu gefährden? Hardcore-Videoanalyse bis zum Abwinken. Der Jahn sei keine Übermannschaft, hat Rost dabei entdeckt. „Man kann sie knacken. Wir wissen um die Schwächen des Jahn.“ Klar, schließlich machte Sportchef Christian Keller aus seinem Herzen keine Mördergrube, als er die letzte Viertelstunde beim Spiel in Augsburg bekrittelte: „Wir hätten viel früher den Deckel drauf machen müssen, so kamen wir noch mal in Not – auch weil zum Schluss die Körperspannung fehlte.“

Amberg kämpfe, 3. Platz hin oder her, um den Klassenerhalt, Regensburg, Bescheidenheit geschenkt, um den Aufstieg. „Unsere Akteure arbeiten nebenbei noch, beim Jahn sind viele Profis.“ Amberg habe einen Etat von 500.000 Euro, der Jahn von 1,5 Millionen. Aber wer 30 Spiele nicht verliert, wird mutig: „Wir wollen auch dort gewinnen und werden alles in die Waagschale werfen.“

Selbstkritik nicht nur zur Bodenhaftung

Auch Jahn-Trainer Christian Brand macht deutlich, dass seine Kritik von Augsburg keineswegs nur als Bodenhafter gedacht war: „Wenn alles super wäre, bin ich schon jemand, der auch sagt, alles ist gut.“ Wie meistens sei es aber im Fußball so, dass es noch was zu verbessern gebe. „Es war bei unseren Spielen tatsächlich so, dass wir es unnötig spannend gemacht haben und einfach schlicht versäumt haben, den zweiten Treffer noch zu erzielen – dann kommen halt solche Spiele zusammen, wo man zum Schluss noch etwas zittern muss.“

Dennoch hat Brand nach dem unnötig knappen 1:0-Auswärtssieg bei Schlusslicht Augsburg weder Anlass noch viele Optionen, die Startelf grundlegend zu verändern: Die Langzeitverletzten wie Thomas Paulus und Sebastian Nachreiner seien noch nicht an Bord, die Rekonvaleszenten wie Fabian Trettenbach, Ali Odabas, Danny Schöpf und Andreas Luge noch nicht bei 100 Prozent. „Von daher ist es fast logisch, dass die 13, 14 Jungs, die jetzt immer zum Einsatz gekommen sind, auch mehr oder weniger immer spielen.“ Vor diesem Hintergrund sei die Neuverpflichtung des flexiblen Defensiv-Allrounders Marc Lais als Kompensation nach dem Ausfall von Säule Nachreiner zu verstehen.

„Alles ist möglich“

Ob Lais, der zuletzt bei Chemnitz nicht zum Zuge kam, am Freitag schon auf dem Platz steht, ist offen: „Marc muss noch ein paar Dinge bei uns kennenlernen.“ Gleichzeitig hätten Kevin Hofmann und Thomas Kurz eine gute Leistung abgeliefert“. Deshalb könne es gut sein, „dass wir mit der identischen Mannschaft auflaufen – alles ist möglich“. Den neuen Verteidiger hatte man übrigens schon länger auf der Wunschliste: „Wir kannten ihn schon aus Freiburger Zeiten.“

Mit der Formation von Augsburg erwartet der Jahn-Vorturner ein spannendes Spiel gegen einen guten Gegner: „Die spielen fröhlich drauf los, haben nach uns die zweitmeisten Treffer erzielt – das ist eine mutige Truppe, die sich sehr über das Team definiert.“ Auch wenn sich die Aussagekraft der Tabelle nach fünf Spieltagen noch in Grenzen halte und er fest damit rechne, dass die beiden U23 Teams von Bayern München und 1860 sowie Illertissen im Laufe der Saison immer besser werden, lobt Brand die Gelben: „Die spielen offensiv, spielen gut, und ich finde, Mannschaften, die offensiv und gut spielen, sollen auch oben stehen.“

Ziereis sucht den Vollstrecker-Rhythmus

Luxusprobleme hat der Favorit derzeit vor allem in der Offensive – es fehlt der Schütze des vorentscheidenden 2:0. Da richten sich die Augen auf Markus Ziereis, der zielstrebig in die Saison startete und zuletzt etwas Ladehemmung zeigte: „Er hat im Pokal am Dienstag getroffen, deshalb habe ich ihn auch aufgestellt, weil ich weiß, dass Treffer gerade für die Offensivabteilung wichtig sind.“

Der Neuzugang, der zuletzt ebenfalls in Chemnitz litt, mache einen guten Job: „Aber man merkt ihm natürlich an, dass er in den letzten Jahren ein paar Stationen hatte, wo er nicht regelmäßig gespielt hat.“ Es sei einfach eine Frage des Rhythmus: „Jedes Spiel tut ihm gut und jeder Treffer erst recht – er muss hart arbeiten, das tut er auch, und das Schöne ist, dass er sehr selbstkritisch ist.“

jahnground.de-Reihe: Trainer und Fans

Für die ewig jungen jahnground.de-Reihe „Was sagen Trainer über die Fans“ ist Brands Beitrag zum Fahnen-Konflikt vor dem Anpfiff in Augsburg aufschlussreich: „Die Provokation ging eindeutig von Augsburger Seite aus, so wie ich das gesehen habe, und unsere Fans haben ganz normal ihre Mannschaft gefeiert.“ Von einer zerrissenen FCA-Fahne wisse er nichts und er finde: „Unsere Fans haben sich bisher extrem vorbildlich verhalten, sie feuern unsere Mannschaft an, haben Spaß an der Leistung, die unsere Mannschaft abliefert und das erwarte ich morgen genauso.“

Ob dann 12.000 oder 15.000 Jahn-Fans nach dem Abpfiff mal wieder eine „Humbta Täterä“ Stimmung wie zu Zeiten des Vorsängers Tobias Schweinsteiger erleben? Allzu oft durfte Rot-Weiß gegen die Macht von der Vils noch nicht jubeln, wie man Wolfgang Ottos Chronik entnehmen kann: „Es war seinerzeit das Saisonfinale 1982/83 und der SSV schickte sich gegen den direkten Rivalen und Bayernliga-Absteiger FCA an, erstmals nach fünf Jahren wieder in die dritte Liga aufzusteigen. Die 12.000 Zuschauer, sofern Anhänger der Mannschaft von Trainer Klaus Sturm, feierten damals das 0:0, das die Meisterschaft bedeutete. Drei Jahre später hatten es dann auch die Amberger geschafft und revanchierten sich gleich mit zwei Siegen für den einstigen Misserfolg.“