Derby oder nicht Derby: Jahn Regensburg gegen Wacker Burghausen
Ochsenblut zum Frühstück

So richtig viel Freude hatte der SSV Jahn mit Wacker Burghausen selten: In der Drittligasaison 2013/14 reichte es zu zwei mageren Remis. Im Zweitliga-Duell verlor Regensburg zu Hause mit 0:1. Zeit für Wiedergutmachung? Bilder: Herda
Sport
Regensburg
25.09.2015
118
0
 
So richtig viel Freude hatte der SSV Jahn mit Wacker Burghausen selten: In der Drittligasaison 2013/14 reichte es zu zwei mageren Remis. Im Zweitliga-Duell verlor Regensburg zu Hause mit 0:1. Zeit für Wiedergutmachung? Bilder: Herda
 
So fröhlich kann man ein Ostbayern-Derby feiern: Jahn-Fans am Turm mit Luftballons.
 
Lust am Feuerwerk: Burghausen ist da, wo's stinkt und kracht. Jedenfalls erklärte so ein Chemie-Lehrer mal sein Fach. Und was wäre Wacker ohne Chemie?
 
Trainer Uwe Wolf konnte zwar den Abstieg aus Liga 3 nicht verhindern - aber irgendwie zogen die Burghausener die Regensburger mental auch mit in den Abgrund.

„Für solche Spiele spielt man Fußball“, floskelt sich Burghausens Trainer Uwe Wolf durch die Pressekonferenz. „Wir freuen uns alle schon riesig“ – auf Samstag, 14 Uhr, und auch natürlich auf das „schönste Stadion der Regionalliga“. Während man beim Jahn defensiv mit 6000 Zuschauern kalkuliert, ist bei Wacker Burghausen (4./19 Punkte) von bis zu 10.000 die Rede. Und Wolf flachst: „Davon kommen 9000 aus Burghausen.“ Wie viele Einwohner hat die Jazz-Hauptstadt Süddeutschlands gleich nochmal?

In der intellektuellsten Fanszene der Republik dagegen fragt man sich: „Kann mir mal jemand erklären, warum ein Regionalliga-Spiel Jahn gegen Burghausen ein Derby sein soll“, zweifelt Bene auf http://jahnground.de, „während gleichzeitig Regionalliga-Spiele gegen Rain am Lech, Schalding, Nürnberg II, Fürth II, München, Ingolstadt II oder Buchbach keine Derbys sind, obwohl diese Orte allesamt viel näher zu Regensburg liegen als Burghausen?“

„Rivalität ist ein wichtiger Faktor“

Schoko scheint die Antwort zu wissen: „Ein Derby macht viel aus, nicht nur Regionalität. Rivalität ist da ein ebenso wichtiger Faktor. Zwei Fanszenen, etwa gleich groß. Zwei regionale Vereine, die über eine Zeit hinweg richtige Konkurrenten sind. Gleiche Liga, gleiche Ziele, sportlich ebenbürtig.“ 22 Jahre mehr oder weniger Kontakt durch alle Ligen. „Wenn dann noch ein spezielles Ereignis wie 2003, quasi als Auslöser dazu kommt.“

Jahnfan aus AB hält dagegen: „Ich bleibe dabei: Die Spiele gegen Burghausen wurden von einem Teil der Fanszene zu einem besonderen Derby stilisiert – ist ihnen ja auch ganz gut gelungen.“ Das schaukle sich hoch. „Jeder darf sich seinen Lieblings-Rivalen selber aussuchen“, blickt der elder Sportsman zurück: „Für mich ist die Mutter aller Derbys Weiden. Aber da muss man wahrscheinlich einfach Ü40 sein!“

Brands Wunsch: „Friedlicher Radau“

Für einen Schöngeist wie Jahn-Trainer Christian Brand scheinen solche Kategorien ohnehin ganz weit weg zu sein: „Wir wissen natürlich, dass das für die Fans ein wichtiges Spiel ist“, müht er sich in die Niederungen der Fan-Rivalität. Aber: „Das haben wir nicht weiter thematisiert, für uns ist es ein wichtiges Spiel, das wir gewinnen wollen.“ Natürlich.

Dennoch: Die Rauchschwaden von der letzten Begegnung gegen die Oberbayern sind kaum verweht. Engagierte Fans willkommen? „Je besser die Stimmung ist, desto besser für alle“, streckt Brand die Hand rhetorisch aus. „Es ist immer schön, wenn man im Stadion richtig viele Leute hat, die Radau machen, wenn es denn friedlich bleibt – das ist mein Hauptwunsch.“

Wolf: „Heißblütig und friedlich“

Und damit spricht er dem Kollegen aus der Seele: „Ich wünsche mir ein heißblütiges, friedliches Derby“, sagt Trainer Uwe Wolf. Also doch ein Derby. Den vielen mitreisenden Fans sei man schuldig, voll dagegen zu halten und etwas Zählbares mit nach Hause nehmen. Dass wäre sicher auch im Sinne des Sportfreunds Christoph Rech: Er wurde in der groteskesten Fan-Aktion aller Zeiten zum Jahnspieler 2014/15 gewählt – weil er in der Seuchensaison kaum zum Einsatz kam.

In Burghausen spielt der Bad Aiblinger inzwischen eine gute Rolle. Einer, der als Motto in seinem Steckbrief ausgibt: „Man sollte mindestens einmal am Tag über sich selbst lachen können“ hatte dazu in der Vergangenheit genügend Gelegenheit. Jetzt wollen die wiedererstarkten Schwarzen Ernst machen. „Die Jungs haben sehr ordentlich trainiert“, lobt Wolf, „vor allem hochkonzentriert und sie sind bereits sehr fokussiert auf das Spiel am Samstag.“

Überraschung in Bestbesetzung

Wolf traut seiner Mannschaft eine Überraschung aus der Außenseiterrolle heraus zu: „Da fühlen wir uns pudelwohl.“ Umso mehr, als wieder alle Mann an Bord sind: Moritz Mooser ist nach Gelb-Sperre zurück, Kevin Hingerl hat eine Knöchelverletzung auskuriert und auch Benny Kauffmann scharrt mit den Stollen. „Es ist schön, dass ich die Qual der Wahl habe“, ist der Leit-Wolf zufrieden.

Zeit für Komplimente: „Sie haben auswärts erst eine Niederlage“, hat Kollege Brand registriert. „Das ist beachtenswert, das ist eine gute Bilanz.“ Und das sei kein Zufall, denke man an die Spieler in ihren Reihen: „Sie haben in Christoph Burkhard einen ausgezeichneten Freistoßschützen und Standardspezialisten, der auch sonst eine ziemlich zentrale Figur ist.“ Dazu kämen:


Mit Juvhel Tsoumou, ein neuer Stürmer, der auch mal in Regensburg zum Probetraining gewesen sei. Respekt, Herr Juwel!
Mit Marius Duhnke (6 Treffer) den Ziereis-Verfolger: „Der hat auch, glaube ich, mal eine Regensburger Vergangenheit gehabt oder war in Unterhaching, da hab ich irgendwas gelesen im Kicker.“ Regensburg oder Unterhaching, egal, Hauptsache Niederbayern. Schließlich: „Der wird sich auch zeigen wollen.“ Oder verstecken?
Nicht zu vergessen: „Und dann haben sie natürlich den Christoph Rech, der auch ein guter Spieler ist und eine Verstärkung für Burghausen.“ Zweifellos.

Thomas Paulus fast ready

Da wär’s natürlich angezeigt, dass der Spitzenreiter wieder in die Gänge kommt. Gelegenheit für die Wiedergutmachung der Rainer Looser? „Mmmh“, summt Brand dieser These entgegen. „Nicht ganz.“ Weil? „Es könnte sein, dass es im Abwehrbereich eine Veränderung gibt.“ So? Wer kann das nur sein? „Der Thomas Paulus ist relativ nah dran an der Mannschaft, der ist auch körperlich mittlerweile in einem Zustand, dass ich sage, jetzt ist er fast ready, um von Beginn an spielen zu können.“

Ansonsten gibt es Ausfälle eher so in der zweiten Reihe zu beklagen: „Mir fällt jemand ein, der ausfällt“, dichtet der Trainer. „Das ist Fabian Raithel.“ Dann natürlich auch noch André Luge und bei Jann George da stünde es so 50:50. Nicht zu vergessen: „Andi Jünger ist auch noch angeschlagen, das wird diese Woche noch nichts.“

Über die Rainfälle hinweg

Rain … Rain, da war doch was? Die Rheinfälle vielleicht? Nein: „Wir haben unabhängig von der Niederlage versucht, uns zu verbessern an den Dingen, die wir zu verbessern haben – das sind noch eine ganze Menge Dinge.“ Klar. Und das wisse das Team auch. Deshalb sei die Stimmung wie immer: „Gelöst, aber fokussiert.“ Jetzt wollen wir’s aber genauer wissen. Was gibt es denn da für Dinge, Herr Brand?

„Einerseits gibt es ein großes Entwicklungspotenzial in der Persönlichkeit der Spieler, also, dass sie lernen müssen, dass sie 34-mal in der Saison die Gejagten sind.“ Pardauz. „Und das haben sie letzte Woche in Rain halt auch erlebt.“ Denn: „Wenn man da keinen richtig guten Tag erwischt, wo man die spielerischen Mittel optimal einsetzt, dann kann es auch mal daneben gehen, weil der Gegner halt auch immer ein oder zwei Spieler hat, die uns wehtun können.“ Ja, ein richtig guter Tag war das wohl eher nicht.

Vom Vorletzten-Jäger zum Gejagten

Da hechelt seine Mannschaft ein Jahr lang vergeblich dem Vorletzten hinterher, und dann so was: „Es ist wichtig, dass die Jungs akzeptieren, dass wir das Team sind, welches jeder andere schlagen möchte.“ Nach der vergangenen Saison sei das nicht schon „alles total raus aus den Köpfen“. Man habe letzte Woche deutlich gesehen: „Wenn wir diese Situation nicht zu 100 Prozent annehmen, kann auch ein etwas schwächerer Gegner, personell schwächerer Gegner, uns wehtun.“

Was noch so alles kompliziert ist am Fußball, erklärt der Trainer auch: „Dann, darüber hinaus, das ist immer noch das Schwierigste fast für uns, dass wir offensive Lösungen haben, auch mal auf kleineren Plätzen wie letzte Woche oder auch gegen Gegner, die dann gefühlte 25 Leute bei sich in der Hälfte positionieren.“ Das Rezept: „Da muss man extrem, extrem konzentriert sein und immer wieder den Ball zum Mitspieler bringen, sehr, sehr viel Geduld haben, auf Lösungen warten und auch auf Räume, den Gegner müde spielen.“

Erzählen leicht, Balltreten schwer

Jetzt, wie vermeidet man die Wiederholung solcher Fehler – die Saison ist lang, die Fehlerquellen sind üppig? „Das ist halt auch so ein Prozess, den wir einleiten müssen, dass wir da die Nerven bewahren und auch wissen, dass wir das Spiel nicht in 20 Minuten entscheiden müssen.“ Die Gegentore basierten auf zwei individuellen Fehlern, die man natürlich auch vermeiden könne.

Aber die Spieler seien selbstkritisch: „Erzählen ist ja relativ leicht, man schneidet ein Video zusammen, man sieht die Dinge und man kann dazu schon immer 1000 Worte verlieren, aber das was man zeigt, das ist unumstößlich und die Spieler haben auch schon nach dem Spiel direkt gesagt, dass das kein guter Auftritt war.“ Man müsse diese Zweifler manchmal geradezu bremsen beim sich anklagend an die Brust klopfen: „Jungs, haltet mal die Bälle flach, es ist nicht selbstverständlich, dass man zehn- oder neunmal hintereinander gewinnt – da muss sich niemand das Hirn zermartern.“

Wochen der Wahrheit

So verpuffte also die Chance, den gefühlten Abstand auf Bayern um 3 auf 5 Punkte zu vergrößern. „Die Jungs hätten es gerne wahrgemacht, aber man muss die eigenen Spiele auch erst spielen.“ Der Trost nach der 1:2-Niederlage des Verfolgers Nummer 1: „Die Bayern sind genauso wenig unbesiegbar“, weiß Brand, „wie wir es sind.“ Dass eine Nachwuchsmannschaft es schaffe, immer und immer wieder die Leistung abzurufen, sei ungemein schwierig. „Die haben so viele Veränderungen im Kader. Die haben viele talentierte Spieler, aber die unterliegen auch Schwankungen.“

Hört, hört: Die klangvollen Namen der nächsten Gegner werden ehrfürchtig geflüstert bei der freitäglichen PK – Burghausen, Schall-Dings-Heining, dann freilich Bayern München. Und Brand gibt allen Recht: „Das werden auch so ein bisschen die Wochen der Wahrheit“, zum einen gegen die Verfolger, zum anderen gegen die 25-Mann-Bastionen. „Die Mannschaft ist sehr auf dem Prüfstand, ist sehr gefordert.“ Erstmals sei das nun so eine Situation, wo man mit direkten Konkurrenten konfrontiert sei. „Ich will nicht sagen, dass wir eine Drucksituation haben, aber es ist schon so, dass wir dort zeigen müssen, was wir draufhaben.“ Ganz klar. Wenn nicht jetzt wann dann?

Keine schlaflosen Nächte wegen Duhnke

Zurück zum Fokus: „Burghausen hat auch eine sehr gute und kompakte Mannschaft und die sind so ein bisschen in Lauerstellung“, ernennt Brand explizit den nächsten Gegner zum schwierigsten. „Die haben jetzt immer noch, ich glaube, so 10 oder 11 Punkte Rückstand auf uns bei gleicher Anzahl gemachter Spiele, aber wir wissen auch, wie schnell das manchmal gehen kann.“ Da gebe man Punkte ab, der Kontrahent habe einen Lauf, gewinne alles: „Also, ich seh‘ das schon so, dass da drei, vier andere Mannschaften neben Bayern München eine Rolle spielen können.“

Burghausen versucht indessen den Favoritensturz mittels Duhnke herbeizureden. Brand sinniert: „Also, der ist o.k., der ist gut …“ Andererseits. „Das ist jetzt auch niemand, der mir schlaflose Nächte bereitet.“ Schließlich müsse es bei jeder Mannschaft einen geben, der Tore schießt. Korrekt. „Und wenn man Vierter ist, dann bietet sich das an.“ Hm? Naja: „Die haben halt mit dem Christoph Burkhard jemanden, der richtig gute Freistöße und Ecken schießt und ja, das ist wirklich eine außergewöhnliche Qualität für diese Spielklasse.“

„Wir rechnen mit allem“

Das wissen wir jetzt ja. Und gibt es dagegen ein Mittel? Wir erinnern uns noch an Thomas Stratos weise Worte vor den Freistoßschlachten gegen die Ostvereine – als deren Scharfschützen die Karriere von Patrick Wiegers zerschossen. „Keine Fouls … morgen foulen wir überhaupt nicht“, kichert der Trainer. Hoho. „Nein, wir versuchen Freistöße in der roten Zone tunlichst zu vermeiden, da ist er wirklich gut.“

Und den Trainer Wolf, kennt er den? „Nö. Vielleicht hat er mal bei 1860 München gespielt, vielleicht haben wir mal gegeneinander gespielt.“ Möglich ist alles. „Ich bin wahrscheinlich immer schneller gelaufen“, scherzt Brand. „Ist aber, glaube ich, ein netter Mensch.“ Der freilich die Stimmung vor dem Spiel anheize. „Ja, an seiner Stelle würde ich das auch tun, die fahren zum Tabellenführer.“ Da würde er auch alles abrufen, was ihm einfalle. „Ich weiß nicht, ob’s da Ochsenblut zum Frühstück gibt, aber wir rechnen mit allem und wir sind gewappnet.“

Knacker mit allem statt Ochsenblut

Ob es Ochsenblut in Burghausen gab, wussten wir bei Redaktionsschluss leider immer noch nicht – trotz der exzellenten Eilmeldung von Jahn-Pressesprecher Till Müller, die uns im Allgäu erreichte. Dafür wissen wir aus gut unterrichteten Kreisen, dass die neue Fangruppierung „Jahn Underground“ mächtig Hunger auf Knacker – vulgo: Regensburger – hat.

„Da ja einige (nicht gerade wenige) nach DEM Regensburger Original schreien, haben wir mal den Caterer angeschrieben mit der Bitte um Aufnahme dieser Köstlichkeit im neuen Jahnstadion“, schreibt Violence. „Vielleicht klappt es ja und vielleicht klappt es ja schon zum nächsten Heimspiel?!“

An Guad'n!