DFB-Pokal: Jahn Regenburg führt bis sieben Minuten vor Schluss
Hertha braucht das Elfmeterschießen

Die große Pokal-Begeisterung der Regensburger wurde nicht enttäuscht: Trotz der Niederlage im Elfmeterschießen feierten die Fans ihren SSV Jahn mit Standing Ovations. (Foto: Sascha Janne)
Sport
Regensburg
21.08.2016
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Untröstlich: Marcel Hofrath in Rage nach dem verschossenen verflixten vierten Elfer. (Foto: Sascha Janne)
 
Der große Lauf des kleinen Alexander: Nach seinem 1:0-Führungstreffer war Regenburgs Nandzik nicht mehr zu halten. (Foto: Sascha Janne)
 
Da musste schon Trainer Heiko Herrlich ran, um Dauerläufer Alex Nandzik wieder einzufangen: „Der legt da einen 400 Meter Sprint hin. Ich habe ihm gesagt, dass das Spiel noch länger dauert und dass er seine Kraft einteilen soll. Jubeln kann man nach dem Spiel.“ (Foto: Sascha Janne)
 
Erik Thommy und der rosrote Riese. (Foto: Sascha Janne)
Regensburg: Continental-Arena |

Klar hat Hertha-Trainer Pal Dardai DFB-Pokalgegner Jahn Regensburg vor der Partie seiner angeschlagenen Berliner in höchsten Tönen gelobt – schließlich sollten seine gescheiterten Champions den Drittligisten auch wirklich ernst nehmen. Ob es gefruchtet hat? Der Bundesligist hat natürlich mehr Spielanteile, lange Zeit aber führt der Gastgeber. Erst durch Mitchell Weisers Kopfball (83.) retten sich die Favoriten in die Verlängerung. Dort reicht Marcel Hofraths Fehlschuss für das Weiterkommen der Men in Pink.


Wenn man Hertha-Trainer Pal Dardai so zuhört, könnte man meinen, der Ungar sei ein Mann der Hans-Jakob-Tribüne: „Ich habe gewusst, was uns hier erwartet“, sagt der 40-Jährige aus Pécs, „wenn man über Regensburg ein bisschen Analyse macht, dann hat man gesehen, dass hier der Trainerstab und der ganze Verein machen einen guten Job.“

Und dann könne man nicht herkommen „mit irgendeine hochnäsische Ausstrahlung“. Er sei stolz, dass die Mannschaft gezeigt habe: „Die Mentalität stimmt – ob die Torchance reingeht oder nicht.“

Dardai hoffte: Dem Jahn geht die Luft aus

Entsprechend respektvoll der „Glückwunsch an meinen Kollegen, weil wir haben heute gegen eine sehr gute Mannschaft gewonnen“. Wenn auch nur im Elfmeterschießen: „Aber das darf man nicht unterbewerten, weil dafür brauchst du Kraft, auch psychische Kräfte, wenn alle 5 den reinjagen, dann ist das Selbstvertrauen da.“ 120 Minuten sei kein Pappenstiel, beide Mannschaften hätten gute Fitness bewiesen. „Das hätte ich nicht gedacht, ich dachte, irgendwann geht die Luft aus.“

Bezeichnend sei, dass der Gegner dann auch die erste große Torchance gehabt habe: „Rune Jarstein hat uns gerettet.“ Wieder habe man nach einer Ecke ein Tor kassiert: „Da müssen wir uns verbessern bis nächste Woche.“ Dann das eigene Standardtor: „Aber ich glaube, da waren mehr Möglichkeiten da, das Spiel für uns zu drehen.“ Konsequenz: „Wir müssen unsere Chancen machen.“

Gründe für die Auswechslung von John Anthony Brooks: „Weil ich gut kommuniziert habe mit den Referees, der hat gesagt, ist besser auswechseln – jeder hat gesehen, das war Rot-gefährdet, da kann man nicht gehen dieses Risiko. Das ist unerfahren von Jay.“

Und Mitchell Weiser habe sich die von ihm bemängelte Fitness inzwischen erarbeitet: „Er hat seine Aufgabe wunderbar erfüllt. Wir wissen, was wir an ihm haben.“

Gewinner, wenn auch nicht Sieger

„Wenn Marcel noch den Elfmeter reingebracht hätte, wär’s ein bisschen länger spannend geblieben“, kann Heiko Herrlich schon wieder schmunzeln. Der eingewechselte Pechvogel habe aber seine Aufgabe ansonsten bestens erfüllt – wie die ganze Mannschaft. „Insgesamt geht der Sieg der Hertha oder das Weiterkommen absolut in Ordnung – auch wenn’s weh tut, Niederlagen tun immer weh, das ändert sich nie.“ Aber manchmal, wird er poetisch, sei man ein Gewinner, auch wenn man kein Sieger ist. „Wir haben einen tollen Kampf hingelegt.“

Herrliche Statistik: „In der ersten Halbzeit hatten wir 3:3 Torchancen, zweite Halbzeit geht klar an Hertha, da hat uns der Philipp Pentke wirklich ein paar Mal sehr gut im Spiel gehalten. Aber in der Verlängerung, in der Endphase hatten wir auch nochmal ein, zwei Möglichkeiten.“ Was ihm imponiert habe: „Wie die Mannschaft immer wieder versucht hat, hinten rauszukommen und selbst in der 105. Minute versucht hat zu pressen.“ Elfmeterschießen sei dann natürlich eine Glücksache: „Aber da gebe ich meinem Kollegen Recht, die waren alle fünf sehr gut geschossen.“

Heimat 3. Liga

Horst Hrubesch, der gelassene Silber-Gewinner von Rio, als Vorbild? „Unsere Heimat ist die 3. Liga“, wird Herrlich nicht müde zu betonen, wo der Jahn steht. „Unser Ziel ist es, dieses Jahr die Klasse zu halten. Alles andere wäre als Aufsteiger vermessen.“ Das Ziel: Die dazu benötigten 45 Punkte einfahren, um den Nichtabstieg so schnell wie möglich festzumachen. „Das müssen wir jetzt transportieren in die Liga-Spiele, das muss Selbstvertrauen geben, aber wichtig ist, dass wir den gleichen Aufwand immer wieder von neuem spielen.“

Natürlich werde man nach diesem Kraftakt am kommenden Mittwoch um 19 Uhr im Toto-Pokal beim niederbayerischen Bezirksligisten TV Aiglsbach komplett durchtauschen. „Wir haben einen großen Kader und können uns das auch leisten.“ Die Spieler, die heute durchgespielt hätten, würden ein, zwei Tage mehr Regeneration bekommen. „Morgen wird erst mal frei sein, damit sie die Köpfe frei bekommen. Am Donnerstag werden wir uns dann vorbereiten für das Spiel gegen den VfR Aalen (kommenden Samstag, 14 Uhr).“

Ein kleines Rätsel ist das schon. Da knackt der Jahn in der Regionalliga einen Zuschauerrekord nach dem anderen – und dann wollen nur 12.526 Zuschauer den Pokal-Fight gegen Hertha BSC Berlin miterleben. Selber schuld, denn dieser Krimi stellt den Sonntags-Tatort klar in den Schatten. „Blau-weiße Trikots, wir wollen blau-weiße Trikots“, singen die 1200 mitgereisten Berliner, denen die pinkfarbenen Hemdchen ihrer Herthaner schwer im Magen liegen.

Die alte Dame müht sich schwer

Die erste Viertelstunde sieht das gar nicht so schlecht aus, was die Oberpfälzer hier aufführen. Die Hertha findet rein rechtes Mittel, den aggressiven Jahn-Auftritt zu unterbinden. Die erste Ecke für Rosarot: Die Jahn-Abwehr köpft raus, Darida zieht aus der zweiten Reihe ab, janz weit drüber (7.). Auf der Gegenseite versucht’s der SSV mit einem Standard: Pusch tritt den Freistoß, Marco Grüttner verpasst knapp (8.).

Im Moment spielen sich die Berliner den Ball vor der Mittellinie quer wie die DFB-Bubis gestern gegen Brasilien. Einfallslos oder mutlos oder beides, was die Dardai-Elf bisher praktiziert. Die zweite Ecke für Hertha endet wie die erste – aus dem Strafraum geköpft (17.). Beim ersten Versuch hat Erik Thommy wohl noch Bammel, da hätte er nur noch zu Grüttner durchstecken müssen. Beim zweiten Konter wird’s brenzlig für Hertha: Thommy profitiert vom Ballverlust der Berliner, Hackeablage für Jann George, flach rein in den Fünfer, Grüttner grätscht vorbei (22.). Und die nächste Chance für den Außenseiter: Grüttner läuft frei auf Rune Jarstein zu, bringt die Kugel aber nicht am herausstürmenden Keeper vorbei (28.).

Rudelbildung um die Berliner Bank

Erstmals wird Berlin so richtig gefährlich: Salomon Kalou nimmt dankbar den Kontakt an und bekommt den Freistoß aus 20 Metern zentral – Marvin Plattenhardt haut die Kugel Richtung Kreuz, Pentke rettet zur Ecke (33.). Vedad Ibišević luchst Knoll den Ball ab, passt zu Genki Haraguchi, scharfe Hereingabe, Knoll macht den Fehler wieder gut und klärt zur 6. Ecke für Rosarot: wieder keine Gefahr fürs Jahntor. Jetzt noch Darida mit Butterpass auf Ibišević‘ Schädel, der Kopfball geht deutlich vorbei (37.).

Kolja Pusch sieht nach hartem Einsteigen im Mittelfeld Gelb. Anthony Brooks kommt mit überhöhter Geschwindigkeit angerauscht und rempelt rum – Rudelbildung um die Berliner Bank. Schiedsrichter Robert Kampka (Mainz) beruhigt die Situation mit Gelb für Kolja Pusch, Sebastian Langkamp und John Anthony Brooks (41.).

Reaktionswunder Pentke

Nur selten blitzt die Überlegenheit des Bundesligisten auf wie hier: Haraguchi mit flacher Hereingabe von links, Stocker zieht völlig frei und ab, aber Reaktionswunder Pentke macht das Ding zunichte (44.). Respekt, der Jahn löst Vieles spielerisch, George und Pusch kombinieren sich durchs Mittelfeld und bedienen Thommy, der zieht von rechts nach innen – sein Schuss kurz vor der Strafraumkante ist knapp rechts daneben (46.). Päuschen.

Da haben sich die rosaroten Panther aber in ihrer Höhle einiges vorgenommen: Drei Herthaner rutschen zu Beginn der ersten Halbzeit am Ball vorbei. Kalou schiebt sich in den Sechzehner vor, tätschelt an Lais rum, der fällt – Schiri Kampka pfeift Stürmerfoul (49.).

Nandziks euphorische Ehrenrunde

Oli Hein verlängert in die Mitte, zwei Regensburger behindern sich blank vor Hertha-Keeper Rune Jarstein gegenseitig – nur Ecke. Das tut weh: Da produziert Hertha Ecken nach am laufenden Band und der SSV nutzt seine wenigen zur Führung – Jarstein mit einer Faust, Nandzik nimmt die Kugel direkt von der Strafraumgrenze und drischt sie zentral ins Netz, 1:0 für den Drittligisten (51.). Alex Nandzik läuft außer sich vor Begeisterung eine Ehrenrunde und handelt sich Ärger vom Coach ein – Heiko Herrlich zeigt an, dass er sich auf die kommende Drangphase konzentrieren soll (51.).

Hertha muss jetzt alles in die Waagschale werfen: Geipl klärt Zentimeter vor Ibišević zur nächsten Ecke. Wieder der Bosnier, der sich gegen drei Regensburger durchsetzt, der Ball landet bei Darida – sein Schuss am 16er geblockt (56.). Gefährlicher Konter der Rotweißen, Grüttner kann abziehen, reicht den (51.) Kelch weiter zu Pusch, auch der kann draufhalten, gibt aber weiter zu Thommy, der an Langkamp vorbei in den Sechzehner will und fällt – Aufregung im Stadion, das Spiel läuft weiter, Kampa winkt ab, Thommy bleibt liegen – Haraguchi mit der fairen Geste, spielt trotz Konter den Ball ins Aus (60.).

Generalprobe für den Ausgleich

Kalou chippt den Ball auf den zweiten Pfosten, Pekarik mit der Chance, aber der lässt die Kugel nur auf der Stirn abtropfen und sie geht aus fünf Metern vorbei (63.) – zeitgleich mit Ecke Nummer 8 (Pekariks Schuss geht abgefälscht knapp vorbei) und 9 boxt sich der für Haraguchi eingewechselte Mitchell Weiser ins Gewusel. Konter Hertha, Valentin Stocker mit Vollgas schon im Strafraum, Ibišević völlig frei, der Pass kommt zu spät – Stocker wird vorher weggegrätscht, der Jahn im Glück (69.).

Endlich mal wieder Entlastung für Regensburg; Thommy versucht’s aus 20 Metern, aber das war nichts (73.). Andi Geipl zu spät dran, fällt seinen Gegenspieler und sieht Gelb – Freistoß für Hertha, der Ball kommt gefährlich, Weiser verlängert per Kopf. Stocker per Kopf, die Kugel zappelt im Netz, die Stimmen der Berliner schwellen an, dann ist klar: Abseits (77.)! Heiko Herrlich schickt jetzt Patrik Džalto für Pusch ins Rennen – der hat alles gegeben und das Damoklesschwert von Gelbrot hängt auch noch über ihm.

Ausgleich nach der 11. Ecke

Pal Dardai wirft einen weiteren Stürmer ins Geschehen: Julian Schieber soll’s für Hertha in den letzten zehn Minuten richten. Und die elfte Ecke bringt den Ausgleich: Der eingewechselte Mitch Weiser steigt am höchsten und köpft knallhart ein, 1:1 (83.). Wie geht der Jahn jetzt mit diesem späten Nackenschlag um? Marcel Hofrath kommt für Dauerläufer und Torschützen Nandzik pünktlich zur Ecke für den Jahn – der Keeper ist mit der einen Hand zur Stelle (86.).

Hertha über links in den Sechzehner. Darida frei vorm Tor, aber er zielt genau auf Pentke (87.). Der nächste Konter über Ibišević, Pentke rettet wieder – zur 12. Ecke, und auch die entschärft der Jahn-Keeper. Der SSV bekommt noch seine Chance zum glücklichen Hertha-Bashing: Marvin Knoll mit dem Freistoß 25 Meter zentral, abgefälscht, 3. Ecke für den Jahn, Hein knallt deutlich drüber (90.).

Schlagabtausch in der Verlängerung

Es geht in die Verlängerung – Hertha sicher mit Vorteilen, der zweifache Klassenunterschied ist aber nicht zu sehen. Anders als bei der Verlängerung im Maracana-Stadion, wo den Akteuren die Kräfte ausgingen, geht’s hier mit munterem Schlagabtausch weiter: Schieber köpft knapp am langen Pfosten vorbei (92.). 25 Meter vor dem Tor hat Andi Geipl ein gutes Gefühl und hält einfach mal drauf – das Ding wedelt knapp am rechten Kreuz vorbei (94.).

Thomas Paulus soll jetzt hinten absichern: Marvin Knoll fix und fertig, Schiri Kampa hilft ihm auf, Standing Ovations für Regensburgs Berliner (100.). Herthas Ecke Nummer 13 ändert nichts am Spielergebnis, nachdem Per Ciljan Skjelbred in den Fünfer chippt, Schieber mit dem Kopf da ist und Oli Hein gerade noch klären kann. Letzte Hertha-Gelegenheit vor dem letzten Seitenwechsel: Ibišević steigt hoch und setzt den Kopfball knapp links vorbei (106.).

Immer wieder Pentke

Pentke bleibt der Fels in der Brandung – Weiser auf Kalou, der ist durch, Pentke draußen und klärt zur 14. Ecke. George kann zunächst klären, Thommy haut sich in den zweiten Ball und dann ist da auch noch Hein mit dem Kopfball (108.). Ecke Nummer 15: Berlin mit dem Schlussspurt, abgefälscht, die nächste Ecke, Kopfball ins Aus (112.). Kleine Befreiungsaktion über Džalto, der, statt schwach zu schießen, besser für Hofrath quergelegt hätte (112.). Džaltos zweite Chance, diesmal legt er exzellent quer für Hofrath, der ist im Strafraum, aber Jarstein packt herzhaft zu (115.).

Schieber schickt Ibišević, doch Pentke kommt dem Bosnier mit 120 Minuten im Skelett zuvor (116.). So macht das ein cleverer Torwart: Beim Freistoß von Hofrath rennt er raus und fordert vehement die Absicherung. Noch eine Ecke für den Gastgeber, die Zuschauer hält es nicht mehr auf den Sitzen (118.). Und nochmal ein Freistoß aus rund 18 Metern: Thommy knapp daneben – das Elfmeterschießen muss es richten.

Protokoll des Showdowns

Berlins Manager Michael Preetz tigert wie Rilke Panther hinter Gittern auf und ab – sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Hertha beginnt, Ibišević mit dem ersten Versuch vor der Hans-Jakob-Tribüne: 0:1, nichts zu halten.
Thommy muss nachlegen: Gestern wurde er 22, heute macht er das 1:1 mitten ins Glück.
Darida will Berlin wieder nach vorne bringen: rechts oben ins Kreuz, 1:2
Džalto ist gefordert: der Junge behält die Nerven, 2:2
Weiser ist Herthas Nummer 3: cool in die Mitte, 2:3
Hein lässt sich nicht lange bitten: halbhoch mit Wucht, 3:3
Plattenharts Nerven gefragt: Pentke im richtigen Eck, aber exakt ins Netz, 3:4
Linksfuß Hofrath unter Druck: schlecht geschossen, gehalten
Kalou kann’s entscheiden: Und das tut er, 3:5.
Der Jahn scheidet mit 4:6 aus.
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