Die Waterkant ist zu stürmisch für bahnmüde Regensburger
SSV Jahn kentert bei Holstein Kiel

Geschlagen: Jahn Regensburgs André Luge (rechts) und Andi Geipl (links) hatten in Kiel wenig zu melden. Bild: Göpel
Sport
Regensburg
26.11.2016
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Heiko Herrlich schaut besorgt aufs Spielgeschehen. Bild: Göpel
 
Kiels Markus Anfang muss lange auf die erlösende Führung warten. Bild: Göpel
 
SSV-Keeper Philipp Pentke hat mehr zu tun, als ihm lieb ist. Bild: Göpel
Kiel: Holstein-Arena |

So fahl wie das müde Novemberlicht an der Kieler Förde, so blass bleibt der Auftritt des SSV Jahn im Holstein-Stadion. Vor 4256 Zuschauern, darunter vielleicht 56 aus Regensburg, setzt sich der neue Tabellensechste Kiel (24 Punkte) verdient mit 2:1 gegen die Bahngäste aus der Oberpfalz (21 Punkte) durch. Oli Heins Abstauber (88.) kommt nach der späten Kieler Führung durch Steven Lewerenz (77.) und Tim Siedschlag (83.) zu spät.

Immerhin, einen Fluch können die Rot-Weißen heute im mit 800 Kilometern von Regensburg weit entferntesten Stadion der Liga besiegen: Heins Anschlusstreffer kurz vor Schluss ist das erste Jahn-Tor im vierten Spiel beim Deutschen Meister von 1912. Ein großer Trost ist das freilich nicht. Zumal die Hauptstädter aus Schleswig-Holstein erst in der letzten Viertelstunde ernst machen vor dem Gästetor – und Erik Thommy nach einer Stunde nur den Pfosten trifft.

So wird das eine sehr lange Zugfahrt zurück nach Bayern, bei der sich die Spieler und vielleicht auch das halbe Hundert Fans womöglich eine lange Rede des Trainers über Gier, das fehlende Quäntchen Einsatz zu den 100 Prozent und Konzentrationsschwächen nach Balleroberungen anhören dürfen.

Herrlich: Kiel bester Gegner bis jetzt

„Der Sieg geht vollkommen in Ordnung, auch wenn es am Ende noch einmal spannend wurde“, bilanziert Jahn-Trainer Heiko Herrlich, „aber wir haben es heute nicht geschafft, uns in der ersten Hälfte von dem Druck zu befreien.“ Und hätte man das doch mal geschafft, dann habe seine Mannschaft die Konter nicht gut ausgespielt. „Wir haben zwar nichts Gravierendes zugelassen, aber dennoch hatte Holstein Kiel mehr vom Spiel.“

In der zweiten Halbzeit sei es ähnlich gelaufen: „Wir konnten nur punktuell kontern, haben die da aber auch nicht gut ausgespielt.“ Die eine Großchance, Erik Thommys Pfostenschuss, hätte die Führung bedeuten können. „So aber wurde der Druck immer größer und folgerichtig fiel das 1:0“, sagt Herrlich. „Insgesamt geht der Sieg in Ordnung. Kiel war die beste Mannschaft, gegen die wir in diesem Jahr gespielt haben.“

Anfang: Irgendwann musste der Knoten platzen

„Ich habe das Spiel ähnlich gesehen“, folgt Markus Anfang der Einschätzung des Kollegen, „die Jungs wollten das Spiel nach Chemnitz unbedingt gewinnen.“ Man habe sich vielleicht etwas zu viel Druck gemacht. „Wir haben einige leichte Bälle verschenkt, sind dann in zwei, drei Kontersituationen gelaufen.“ Das habe er in der Halbzeitpause angesprochen: „Dann haben wir es etwas besser in den Griff bekommen.“

Die ersten zehn Minuten habe sein Team unheimlich viel Druck ausgeübt, etliche Ecken bekommen. „Wir laufen in einen Konter, können in Rückstand geraten – haben aber ein bisschen das Glück auf unserer Seite.“ Irgendwann habe der Knoten aber einfach platzen müssen. „Die Jungs haben’s dann auch erzwungen.“ Dass ein Joker gestochen habe, überrasche Anfang nicht. Schon in den letzten Wochen habe man mit Einwechslungen das Spielsystem immer wieder mal verändert: „Da kommt einer und bringt nochmal richtig Schwung rein.“ Dass es zum Schluss etwas unruhig geworden sei, wäre vermeidbar gewesen.

Verkehrte Farbenlehre

Mit deutlicher Verspätung, für die zur Abwechslung die Deutsche Bahn nichts kann, geht es bei feucht-frostigen drei Grad los – das Farbenspiel am blassgrünen Rasen ist etwas ungewohnt: Der Jahn muss die roten Auswärtstrikots mit roten Hosen und blauen Stutzen kombinieren, um dem umsichtigen Schiedsrichter Sven Waschitzki (Essen) die Unterscheidung von den roten Stutzen der Gastgeber zu erleichtern.

Herrlich bleibt seiner Wende-Aufstellung von Kiel mit einer Ausnahme treu: Marco Grüttner wird für seine Nibelungentreue trotz Auszeit mit der Rückkehr in die Startelf belohnt. Dennoch kommt Kiel schneller in die Gänge, Dominick Drexler mit dem ersten Abschluss im gegnerischen Strafraum, Marvin Knolls Händchen ist am Ball, aber die kurze Distanz und die Abseitsstellung verhindern Schlimmeres (7.).

Dann sucht Milad Salem, der sich vor kurzem bei einem Einsatz in der afghanischen Nationalmannschaft feiern lassen durfte, mit einer Flanke von rechts seinen Mittelstürmer – Marvin Knoll ist mit gutem Stellungsspiel und Köpfchen zur Stelle (9.). Nach unvollendetem Regensburger Aufbauspiel schon wieder Kiel mit dem Tempogegenstoß: Drexler scheitert an Pentke (11.).

Thommys Heber

Pech für die Regensburger 7: Da hat er sich nach langer Durststrecke wieder in die Stammformation gekämpft und dann das. Marcel Hofrath verletzt sich ohne Fremdeinwirkung am eigenen Strafraum – es geht nicht weiter für ihn, Heiko Herrlich pfeift Sven Kopp herbei (17.). Endlich gelingt auch mal eine Regensburger Offensivaktion: Thommy mit einem gefühlvollen Schlenzer aus knapp 20 Metern, Holstein-Keeper Kenneth Kronholm hebt die Kugel gerade so noch über das linke Lattenkreuz (19).

Die Regensburger Abwehr muss sich nach dem Wechsel neu sortieren: Oli Hein wechselt nach links, Basti Nachreiner übernimmt die rechte Außenbahn, Sven Knoll kehrt neben Marvin Knoll zurück in die Innenverteidigung (20.). Da ist so eine aussichtsreiche Situation, die das Mittelfeld schlecht ausspielt: Andi Geipl treibt den Ball vor sich her und übersieht den freien Thommy (23.).

Knolls Judogriff

Gefährlicher die Blauen: Hein kann Salem gerade noch so irritieren, dass Pentke dessen Schüsschen aus fünf Metern in den Griff bekommt (27.). Drexler setzt sich auf der rechten Außenbahn durch, doch bevor er in den Strafraum marschieren kann, dreht ihn Knoll an der Schulter weg – zur Überraschung des ganzen Stadions lässt Schiri Waschitzki weiterspielen.

Erik Tommy springt 18 Meter halbrechts über die Klinge: Ja, da kann man mal auch mehr daraus machen, wenn man kurz vor der Pause noch einen Freistoß in Schussdistanz bekommt: Marvin Knoll knallt die Kugel in die Mauer (47.).

Die Kieler Ecken-Sessions

Kiel startet klar aktiver in die zweite Runde: Immer wieder sucht Salem die Lücke, Hein gibt dreimal den Rammbock und klärt zur Ecke – riesen Betrieb im Gästestrafraum, die Kugeln fliegen von links und rechts um die Jahn-Ohren, Saller und der Pfosten verhindern mit vereinten Kräften die Führung der Hausherren (51.). Wieder eine Kieler Ecken-Session: Zum Schluss kann Pentke im dritten Nachgreifen die Kugel festhalten (50.-53.). Schließlich schwächt Knoll Lewerenz‘ Abschluss noch so ab, dass Pentke das Leder im Schoss vergräbt (55.).

Out oft thin air oder mitten aus der nebligen Luft: Erik Thommy zieht am 16er ab, Keeper Kronholm kann dem Ball nur hinterherschauen, der aber zieht den Pfosten vor (59.). Die nächste Eckenserie der Kieler – die Störche setzen sich im Gäste-Strafraum fest (67.-69). Immer wieder Lewerenz über links, schöner Heber in die Mitte, der noch frische Kingsley Schindler steigt am höchsten, bekommt aber keinen Druck hinter das runde Weiß, kein Problem für Pentke (71.).

Verklumpte Viererkette

Wieder einmal ist die rechte Flanke der Regensburger offen wie das legendäre Scheunentor, gefährlicher Pass des eingewechselten Dominic Peitz auf Alexander Bieler, der rutscht in den Ball und schafft es nicht, das unkontrollierbare Spielgerät aus fünf Metern ins Netz zu nesteln (76.). Es ist die allerletzte Warnung der Kieler. Danach bildet Regensburgs Viererkette einen Klumpen, statt sich clever im Raum zu staffeln, und guckt Drexlers Querpass am Strafraumrand hinterher – Mathias Fetsch lässt mit Auge für Lewerenz passieren, der sich das lange Eck ausguckt, 1:0 für Kiel (77.).

Die Gäste versuchen durchaus, sich in aussichtsreiche Position zu spielen, das gelingt aber zu selten: Jann George kann sich zentral vorm Tor nicht entscheidend durchsetzen (81.). Klar muss der Jahn jetzt aufmachen – dennoch muss man sich nicht so doof auskontern lassen. Bei jedem Pässchen kommt ein Jahn-Spieler um einen Schritt zu spät: Am Ende der Fehlerkette bekommt Nachreiner die Ferse nicht mehr an die Kugel, der vor fünf Minuten eingewechselte Siedschlag zieht ab, Pentke ist fast noch dran, nützt aber nichts, 2:0 (86.).

Kronholm macht’s nochmal spannend

Dass es dennoch nochmal spannend wird, hat der SSV Jahn weniger sich selbst als dem Kieler Torhüter zu verdanken: Kronholm kann Georges Schuss von der Strafraumkante nicht festhalten, im Gewühl knallt Oli Hein die Kugel dann aus fünf Metern in den oberen Winkel, 1:2 (87.). Und fast stellt Grüttner noch das Spielgeschehen auf den Kopf, als er den nicht immer sattelfesten Kronholm zu weit vorm Tor ausmacht und es aus 40 Metern mit einem Loop versucht – der Schlussmann ist aber rechtzeitig auf dem Posten und hebt das tückische Fluggerät aufs Tordach zur Ecke (88.).

Auch die drei Bonusminuten bringen Regensburg letztlich kein Glück: Die Gäste mühen sich redlich, das jetzt naturgemäß hektische Aufbauspiel bleibt Stückwerk, Kiel schaukelt die Kogge seelenruhig in sicheres Gewässer. Die Norddeutschen freuen sich auf das Nordderby am kommenden Samstag, 14 Uhr, bei Christian Brands Hansa Rostock (10./23). Der SSV Jahn muss sich schon am Freitag, 18.30 Uhr, gegen Rotweiß Erfurt (16./19) Abstand nach unten verschaffen.
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