Doppelinterview mit Präsident Hans Rothammer und Sportchef Christian Keller
Bilanz der Keller-Saison

Gebrandte Kinder: Jahn-Boss Hans Rothammer (links) und Sportchef Hans Rothammer halten sich mit hochtrabenden Prognosen zurück. Bilder: Herda
Sport
Regensburg
13.06.2015
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Gebrandte Kinder: Jahn-Boss Hans Rothammer (links) und Sportchef Hans Rothammer halten sich mit hochtrabenden Prognosen zurück. Bilder: Herda
 
Alex Schmidt fand keinen Zugang zu Christian Kellers Jungvolkschar.
 
Ein rotes Tuch für die Jahn-Bosse: Ex-Sportchef Franz Gerber.
 
Die Fans sind noch nicht versöhnt. Hans Rothammer setzt auf Kommunikation und künftigen Erfolg als Mittel zum Schulterschluss.
 
Hans Rothammer hofft aufs neue Stadion als Katalysator des Erfolgs.
 
Wieder ohne Stürmer: Marco Königs (Mitte) wechselt leider zu Fortuna Köln.
 
Lukas Sinkiewicz war einer der Hoffnungsträger, die vor der Winterpause kamen.

Es war ein Seuchenjahr für Jahn Regensburg: der zweite Absturz innerhalb von drei Jahren. Einziger Lichtblick für SSV-Präsident Hans Rothammer: „Wir bekommen vielleicht ein Derby gegen den FC Amberg in neuen Stadion.“

Es sollte das erste Gesellenstück des neuen Sportchefs werden. Zum ersten Mal stellte der Fußball-Professor aus Heidelberg allein eine eigene Mannschaft zusammen. Christian Keller verlängerte gegen alle Kritik einen leidlich erfolgreichen Trainer Thomas Stratos nich, sondern ersetzte ihn durch den Ex-Löwen Alex Schmidt, dem ein ruppiger Umgang mit Spielern nachgesagt wird. Und er konnte oder wollte einige – im Jahnsinn – teure Leistungsträger wie Abdenour Amachaibou, Jonathan Kotzke und Jimmy Müller nicht halten. Junge Talente aus der Regionalliga sollten‘s richten.

Das Resultat ist desaströs. Nach einem Mittelfeldplatz in der ersten Saison nach dem Zweitligaabstieg klebte Regensburg nun fast die gesamte Spielzeit am Tabellenende. Die Bilanz aus Sicht der Hauptverantwortlichen.

Herr Keller, das Resultat der Zusammenstellung Ihrer ersten Mannschaft kann man nicht anders als verheerend bezeichnen. Würden Sie aus heutiger Sicht sagen, dass Sie einfach nicht die nötige Erfahrung hatten?

Keller: Ich würde es nicht auf Unerfahrenheit schieben, einmal lag ich auf der Torwartposition grandios daneben, einmal hatte ich einem Bestandsspieler im Sturm mehr zugetraut. Die beiden Fehler waren schwerwiegend. Wenn du hinten keinen hast, der ab und zu mal einen hält und vorne keinen, der mal ein Tor schießt, wird‘s schwer. Es war eine Fehleinschätzung, dass der Stürmer rechtzeitig fit werden würde. Und ich habe einen Keeper verpflichtet, der in der Vorsaison nach der Kicker-Note drittbester Torhüter der Liga war, und auch die Rückmeldungen deuteten nicht drauf hin, dass es zu solchen Problemen kommen könnte.

Das Problem mit dem Torwart hatten wir in der Saison zuvor aber auch schon, als Patrick Wiegers seine Freistoßkrise hatte – ohne dem Abgrund entgegen zu taumeln …

Keller: Aber es ist unbestritten, dass Patrick in der Zweitliga-Saison, als er ein paar Spiele rein durfte, stark gehalten hat. Und bei Dresden hat er jetzt seine Chance genutzt.

Herr Keller, wenn ich Sie bei unserem letzten Gespräch richtig verstanden habe, wären Sie selbst damals dafür gewesen, sich neben einem sportlichen Leiter Franz Gerber auf den Aufbau der Jugendarbeit zu konzentrieren?

Keller: Was soll ich dazu sagen? Es war nicht meine Entscheidung.

Rothammer: Sie sind ja schon etwas besessen von Herrn Gerber ...

Man muss nicht besessen sein, um darauf hinzuweisen, dass der Jahn unter Gerber stabil in der Dritten Liga gespielt und in die Zweite Liga aufgestiegen ist – dass er auch wieder abgestiegen ist, hat verschiedene Gründe. Jedenfalls ist es vielen Fans nicht klar, warum diese erfolgreiche Zusammenarbeit nicht fortgesetzt wurde.

Keller: Es gab mal ein Denkkonstrukt mit drei Geschäftsführern, einer wollte nicht mitmachen.

Sie spielen auf Franz Gerbers Weigerung an, in einer Konstellation mitzumachen, indem er entgegen eines früheren Aufsichtsratsbeschlusses ein niedrigeres Gehalt und eine geringere Vertragslaufzeit bekommen sollte ...

Keller: Ich weiß nicht, was mit Herrn Gerber vereinbart war.

Herr Rothammer, Sie argumentieren, dass Franz Gerber, dem man den sportlichen Erfolg während seines Engagements nicht abstreiten kann, vor allem für den Hauptsponsor untragbar gewesen sei, und dass er die Finanzen nicht im Griff gehabt hätte – von denen er sagt, dass die erst im Verantwortungsbereich Franz Nerbs und dann Johannes Baumeisters gelegen hätten. Wenn es aber so wäre, warum sollte es nicht möglich sein, ihn eingebunden in ein Trio aus kaufmännischem Leiter und Herrn Keller zu finanzieller Disziplin zu zwingen – in vielen Unternehmen gilt das Prinzip, dass mindestens zwei Geschäftsführer unterschreiben müssen?

Rothammer: Wenn er sich nicht an Vereinbarungen hält, geht das nicht. Aber das ist doch müßig. Die Frage, ob man Franz Gerber disziplinieren hätte können, stellt sich nicht mehr. Im Übrigen war ich an diesen Prozessen nicht beteiligt. Ich bin der Meinung, dass eine Mitarbeit von Gerber nicht vereinbar wäre mit handelnden Personen im Vorder- und Hintergrund.

Als Hauptargumente für eine Vertragsverlängerung für Christian Keller werden seine Erfolge im Bereich Sponsoring, seine Akzeptanz bei Sponsoren und Geschäftspartnern, sein überzeugendes Konzept und das geplante Jugendleistungszentrum genannt. Können sie das bitte konkretisieren?

Keller: Ich werde von außen nur als Sportchef wahrgenommen, bin aber Geschäftsführer, der für die Sanierung des Vereins verantwortlich ist. Man bemüht sich, besser zu werden, ein gesundes Fundament zu schaffen, dass gelingt auch, wenn auch noch auf Sparflamme. Fußball ist natürlich der Katalysator bei dieser Entwicklung. Wir haben entschieden, bei der Konsolidierung mit der Wirtschaft anzufangen. Bei der Kaderplanung sind mir die eingangs angesprochenen Kardinalfehler unterlaufen. Aber das allein erklärt nicht den Absturz. Wir hatten bis zu 12 verletzte Spieler, die Dritte Liga war so gut wie noch nie und einige Spieler, die in der Vorsaison noch zum Stamm- oder erweiterten Stammpersonal gezählt haben, waren deshalb nicht mehr in der Lage, auf diesem Niveau mitzuspielen.

Lag das wirklich an der Stärke der Liga? Einer dieses bedauernswerten erweiterten Stammpersonals hatte zum Beispiel eine ganz schwarze Halbzeit gegen Münster, als er auf der rechten Verteidigerposition schwindelig gespielt wurde, ohne dass der Trainer reagiert hatte?

Keller: An dem Tag war Kara aber auch einfach überragend. Der Spieler hat in Bochum in der Zweiten Liga die gleiche Position schon mal ausgezeichnet ausgefüllt. So ging es vielen, ob Zlatko Muhovic, Azur Velagic oder Oli Hein, der aus unterschiedlichsten Gründen keine gute Saison spielte. Der Kader war nicht so schlecht, aber das Korsett hat nicht funktioniert.

Aber Sie haben doch auch noch andere junge Spieler geholt, die so gut wie gar nicht zum Zug kamen, wie Noah Michel ...

Keller: Aber der war ja nicht als Korsettstange geplant, sondern als junger Ergänzungsspieler. Den kann man mal reinwerfen, damit er sich entwickelt, ein Perspektivspieler. Bei den A-Junioren von Eintracht Frankfurt hat er die meisten Tore geschossen, er kann also nicht so schlecht sein. Das ist ein lieber Kerl, der aber erst noch lernen muss, worum es im Profifußball und im Leben geht. Gescheitert sind wir daran, dass es in der Mannschaft keine Selbstregulierung gab, weil die Korsettstangen fehlten. Und da darfst du mit den geringen Mittel des Jahn nicht falsch liegen.

Wieviel Mehreinnahmen konnten Sie durch das neue Stadion erzielen: Sponsoren, Werbeträger, VIP-Plätze?

Rothammer: Das Stadion spielt eine große Rolle, aber auch die Professionalität der Marketingabteilung mit Herrn Hausner und seinen zwei Jungs. Ich stelle immer fest, dass es ein richtiger emotionaler Dammbruch ist, wenn ich die Leute durch die Räume im neuen Stadion führe. Das Erlebnis Fußball lässt sich ganz anders verkaufen. Wir haben schon heute deutlich mehr Einnahmen als in der Zweiten Liga, ohne die Fernsehgelder. Das ist eine Riesenleistung und noch nicht das Ende der Fahnenstange.

Keller: Um es konkreter zu machen: Der Jahn hatte in der 2. Liga ein Sponsoringvolumen von 1,5 Millionen Euro, im vergangenen Jahr von 2 Millionen. Das ist im Wettbewerb in der 3. Liga noch zu wenig, wo durchschnittlich rund 4 Millionen Euro vereinnahmt werden. Es ist auch als Standard für Regensburg zu gering, wo die Wirtschaft boomt. Wir müssen die Unternehmen noch besser erreichen, das fällt uns noch immer schwer. Aber wir haben neue Partner gewonnen und konnten bestehende halten und ausbauen. Wenn es uns gelänge, alle 1000 Business-Plätze zu verkaufen – die Jahreskarte kostet in der Regionalliga 1800 Euro – dann wären das 1,8 Millionen Euro Mehreinnahmen. Das schaffen wir natürlich aber nicht vom Start weg, ein Drittel wäre schon gut. Die Nachfrage im Businessbereich ist sehr solide.

Rothammer: Man spürt bei Gesprächen mit Sponsoren, dass die Ruhe und Kontinuität im Verein positiv ausgelegt wird – für manche war das sogar ein Grund, wieder zurückzukehren, nachdem sie vor Jahren ausgestiegen waren. Unser Problem in Regensburg ist, dass wir keinen großen Player haben, der sich wie Audi in Ingolstadt engagiert. Wir müssen das Budget mit mittleren und kleineren Beträgen stemmen. Mittelfristig kann das aber auch eine Stärke sein, die uns unabhängiger macht. Was ist denn, wenn morgen bei VW Vorstandschef Winterkorn abgesägt wird und der Nachfolger sagt, wir steigen aus beim VfL Wolfsburg?

Es war einmal die Rede davon, dass nach dem Abstieg die Geschäftsstelle personell verkleinert würde – was ist da geplant?

Keller: Es gibt grundsätzlich fast nur Zeitverträge, einige davon laufen aus. Zwei ältere Mitarbeiterinnen gehen in Pension. Aber es gibt keine betriebsbedingten Kündigungen.

In puncto Regionalität kann ich zu den Verpflichtungen Gerbers (Altinay, Philp, Müller etc.) keinen Unterschied feststellen – und spätestens nach der Winterpause und den Neuverpflichtungen von Sinkiewicz, Königs, Knoll, Lorenzi, Palionis & Co. wurde dieses Prinzip doch wohl ohnehin aufgegeben?

Keller: Fakt ist, dass zu Beginn der Saison 40 Prozent der Spieler Jahn-Wurzeln hatten. Ich halte es sowohl aus Gründen der Identifikation als auch der Wirtschaftlichkeit für sinnvoll, ein Mindestmaß an regionalen Spielern zu integrieren. Fakt ist auch, dass dieser Ansatz in der vergangenen Saison grandios gescheitert ist. Wir wollen das dennoch sensibel vorantreiben, aber wenn ein Spieler gut ist, charakterlich zu uns passt und wir ihn uns leisten können, ist es grundlegend egal, woher er kommt.

Niemand wird bestreiten, dass der erfolgreiche Einbau junger Spieler aus der Region eine gute Sache ist – aber gerade dazu muss ein Trainer Zeit und Personal haben, die jungen Leute behutsam einzubauen. Zeigt der Verschleiß von Rech und Kopp, die nach einigen haarsträubenden Fehlern in der Versenkung verschwanden, nicht, dass man ihnen zu viel zugemutet hat?

Keller: Viele junge Spieler waren mit der Situation überfordert. Sie waren es aus ihren Jugendleistungszentren gewohnt, regelmäßig zu gewinnen, ruhig spielen zu können. Als sich dann Niederlage an Niederlage reihte und das Umfeld unruhig wurde, konnten sie damit nicht umgehen. Es hat die Ausgeglichenheit im Kader gefehlt. Im Herbst ging bei einigen die Freude verloren, ein halbes Jahr danach im April und Mai sagten manche sogar, sie hätten in der Vorrunde Angst gehabt. Christoph Rech ist heute ein Leistungsträger in Burghausen, und dort ist man froh, ihn unter Vertrag nehmen zu können.

Was konkret wurde Richtung Jugendleistungszentrum mit einem von Ihnen genannten Investitionsvolumen von 6,8 Millionen - das Dreifache des Spielerbudgets - bisher umgesetzt? Ist das wirklich mehr als eine schöne Vision, die man vielleicht als etablierter Zweitligist stemmen könnte?

Keller: Man muss zwischen inhaltlicher und infrastruktureller Thematik unterscheiden. Inhaltlich haben wir am 31. Oktober 2014 beim DFB einen Antrag auf Anerkennung als Jugendleistungszentrum gestellt, bekamen im März einen positiven Erstbescheid. Es gibt nunmehr eine Vorortbegehung am 21. Juli. Fällt die auch positiv aus, dann sind wir zuversichtlich, den Status zu bekommen. Aus infrastruktureller Perspektive haben wir eine Vision, wie sich der Kaulbachweg verändern, die Plätze besser werden könnten und hoffen, schon in diesem Jahr einen neuen Kunstrasenplatz zu bekommen.

Was nützt diese formale Anerkennung?

Keller: Wenn wir den Status Nachwuchsleistungszentrum haben, hilft es uns, talentierte Spielern besser halten zu können. Es gibt eine Vereinbarung, dass junge Spieler nur unter bestimmten Voraussetzungen und dann auch nur gegen eine Ablösezahlung von einem Nachwuchsleistungszentrum abgeworben werden dürfen. Und es ist auch ein Imagefaktor, wenn man neue Spieler bekommen möchte.

Wie ist der weitere Plan?

Keller: Schritt 1 ist die Platzsanierung, Schritt 2 ein neues Funktionsgebäude und Schritt 3 das Internat als letzter Mosaikstein – beim ersten sind wir dabei, der zweite ist wünschenswert, der letzte wäre das Tüpfelchen auf dem i, ist Stand heute aber unrealistisch.

Wie verteilen sich die Kosten auf diese Etappenziele?

Keller: Die Platzsanierung plus Neubauten dort kosten etwa 1,6 Millionen Euro, das Funktionsgebäude 2,5 Millionen, das Internat 2,7 Millionen.

Rothammer: Man muss auch sagen, dass es da intern eine komplizierte Vertragsverpflichtung zwischen Jahn, Post SV und der Stadt gab. Es ist uns gelungen, das auf klare Beine zu stellen und klare Verantwortungsbereiche zu definieren.

Was macht Sie optimistisch, dass Sie die vergangenen Fehler bei den Spielerverpflichtungen diese Saison vermeiden?

Keller: Ziel war, ein Dutzend Bestandsspieler zu halten. Das ist bis auf zwei gelungen. Königs entschied sich bei annähernd gleichen Konditionen für Fortuna Köln in der Dritten Liga und Matthias Dürmeyer möchte sich stärker im elterlichen Betrieb einbringen, anstatt für kleines Geld beim Jahn weiterzumachen. Das muss man akzeptieren. Von den anderen zehn stehen acht bereits unter Vertrag.

Wer sind die anderen zwei?

Keller: Da stehen wir vor dem Abschluss, deshalb kann ich nichts dazu sagen.

Grégory Lorenzi ist es nicht?

Keller: Nein, weil wir uns von einem Spieler mit seiner Erst- und Zweitligaerfahrung mehr Stabilität für die Abwehr versprochen hätten. Das war zu wenig.

Und Hannes Sigurdsson bleibt wohl auch nur eine Fußnote der Jahn-Geschichte – war er ein Panikkauf, weil kein Stürmer am Markt war?

Keller: Nein, von Hannes waren wir inhaltlich überzeugt. Dann zog er sich beim ersten Training eine Sprunggelenksverletzung zu, anschließend war die Achillessehne wegen einer Fehlbelastung gereizt. Er wurde gespritzt, er hat unter Schmerzen trainiert bis sich herausstellte, dass er nicht nur unter einer Entzündung, sondern sogar unter einem Anriss der Achillessehne litt. Er sagte in dieser Situation zu mir: „Ich habe dir versprochen zu spielen, also spiele ich.“ Das war natürlich Quatsch, aber es zeigt, dass er mit Kopf und Herz bei der Sache war. Das ist schade, denn einen wie ihn mit so einer Einstellung hätten wir im Abstiegskampf gebraucht – einen, der auch austeilt. Das hat uns wehgetan. Jetzt wurde er in Schweden operiert.

Lukas Sinkiewicz ist definitiv draußen?

Keller: Ja, er wollte aus familiären Gründen aufhören. Seine Verletzung war letztlich entscheidend. Da war gegen Wiesbaden, als er nach der Verletzung zurückkam, eine ganz andere Mannschaft auf dem Platz. Lukas gab den Jungen Halt auf dem Platz. Nach dem Wiesbaden-Spiel war das Ergebnis, dass wir gegen eine passable Mannschaft mit 3:0 gewonnen hatten, überhaupt kein Thema. Die einzige Frage der Mannschaft war, „was ist mit Lukas?“ Als klar war, dass er für den Rest der Saison ausfällt, war jede Euphorie weg. Er war wie eine Art Papa für die Jungs.

Es blieb immer noch das Quartett Marco Königs, Marcel Hofrath, Marvin Knoll und Kolja Pusch, die in ihrem ersten Spiel gegen Borussia Dortmund II den Eindruck hinterließen, alles niederreißen zu wollen.

Keller: Wir wussten, dass sich diese Power nicht über die gesamte Rückrunde konservieren lässt. Die Jungs hatten alle Trainingsrückstände und keine Spielpraxis. Wir haben sie mit HIT, d.h. hochintensivem Training, schnell fit bekommen. Es fehlte aber die Grundlage. Als die Körper bei den Jungs mangels Ausdauer müde wurden, hätte uns eine Euphorie tragen müssen. Diese Balance zwischen abnehmender Körperlichkeit und wachsender Euphorie haben wir aber nie wirklich hinbekommen. Dazu kam, dass nach den ersten Erfolgen die ganze Mannschaft in Cottbus dermaßen überheblich auftrat, obwohl wir noch immer Letzter waren. Der Trainer und ich hatten die ganze Woche versucht, die Jungs wieder auf den Boden zu bekommen, aber die waren überzeugt, sie können jetzt jeden schlagen. Zur Pause saßen sie dann da wie ein Häufchen Elend. Und gegen Dresden waren es dann zwei haarsträubende individuelle Fehler von Stani Herzel und Grégory Lorenzi, die uns endgültig das Genick brachen.

Sie müssen nach dem Abgang von Königs im Sturm zulegen – haben Sie bereits jemand unterschriftsreif?

Keller: Wir wissen, dass wir unter Zeitknappheit agieren. Die Regionalliga Bayern fängt vor der Dritten Liga an, und drittligataugliche Spieler warten so lange wie möglich, ob sie noch ein Profi-Angebot bekommen. Erst Ende Juli bis Mitte August werden die Jungs nervös. Wir müssen Geduld haben, so schwer es fällt, aber ich bin sicher, dass wir dann die Positionen gut und auch finanziell vertretbar besetzen können.

Aber wir haben schon einen vollständigen Kader bis zum Saisonauftakt?

Keller: Wir haben ein gutes Dutzend Spieler bis zum Trainingsauftakt, werden diesen mit ein paar U23-Spielern und einigen Testspielern vervollständigen.

Welche Qualifikation soll Ihr neuer Berater Mario Himsl, der kein Berater sein soll, mitbringen? Welche Kompetenzen werden Sie ihm zugestehen?

Keller: Er ist wirklich kein Berater, sondern Leiter der Jahnschmiede, verantwortlich für das Scouting und mit mir und Christian Brand mitverantwortlich bei der Kaderplanung. Wenn alle drei sportlich ja sagen, nehme ich Gehaltsverhandlungen auf. Mario Himsl ist noch bis 30. Juni in Fürth unter Vertrag, aber man kann ja telefonieren.

Scheiterte die Verpflichtung von Paula am Kompetenzgerangel?

Keller: Wir haben Herrn Paula kontaktiert, hatten gute Gespräche, haben uns aber für Himsl entschieden.

Rothammer: Beides waren sehr gute Bewerbungen, Himsl ist an der Stelle für dieses Anforderungsprofil der richtige Mann.

Nur drei Mannschaften aus sechs Regionalligen steigen in die Dritte Liga auf - die potenten kleinen Bayern, die das unbedingt wollen, scheitern daran seit ihrem Abstieg 2011. Warum sollte der Jahn das schaffen?

Keller: Ich denke, es wäre ein Kardinalfehler, in die neue Saison zu gehen und zu sagen, wir wollen aufsteigen. Wir wollen guten und attraktiven Fußball spielen, aber wir müssen wissen, dass eine Meisterschaft nicht planbar ist. Es gibt immer noch Mannschaften, die bessere finanzielle Voraussetzungen haben. Wir möchten nicht wieder eine zu große Erwartungshaltung wecken, das passt auch nicht zu unserem Markenwert Bodenständigkeit. Selbst ein Team mit ganz anderen Möglichkeiten wie RB Leipzig brauchte ein paar Jahre, um aus der Regionalliga aufzusteigen. Profifußball muss aber natürlich ganz klar unser Ziel bleiben.

Rothammer: Wir müssen die Regionalliga mit Freude annehmen, mit einem Stück Demut, aber ohne den Ehrgeiz zu vernachlässigen.

Welche Vereine sollen denn ein höheres Budget haben?

Keller: Das ist schwer zu sagen, es gibt keine publizierten Zahlen, das sind alles nur Mutmaßungen.

Rothammer: Ich denke schon, dass wir in der Spitzengruppe sind.

Nächste Saison könnte der Jahn auf den FC Amberg treffen ...

Rothammer: Das ist ein positiver Aspekt. Ein Derby gegen den FC Amberg fände ich sehr attraktiv. Und noch ein Vorteil: Wir werden in der Regionalliga häufiger Freitagabendspiele haben, bei denen wir nicht in dem Maße mit 2. und 1. Bundesliga konkurrieren, wie wir es am Samstagnachmittag tun würden – das wird im neuen Stadion sicher eine tolle Atmosphäre.

Leistung muss sich lohnen, lautete ein Wahlspruch, mal von der FDP, mal von CDU/CSU. Stecken Sie nach dem Misserfolg auch beim Gehalt zurück?

Keller: Im Regelfall beinhaltet jeder Vertrag beim Jahn eine ligaabhängige Staffelung beim Grundgehalt.

Im Regelfall, aber nicht bei jedem?

Keller: Bei der Putzfrau nicht, das wäre schwer zu vermitteln, aber bei allen verantwortlichen Personen.

Herr Rothammer, welche Konsequenzen ziehen Sie selbst und der Aufsichtsrat insgesamt aus der Entwicklung im vergangenen Jahr?

Rothammer: In vielen Dingen ist man im Nachhinein klüger, aber da wo man gerne klüger gewesen wäre, das ist im sportlichen Bereich. Die wirtschaftliche Konsolidierung macht Fortschritte. Wir stehen ohne jegliche Altschulden und -lasten da. Wir haben einen konservativ kalkulierten Finanzierungsplan mit Luft nach oben. Wir spüren, dass das Vertrauen der Wirtschaft in den Jahn gewachsen ist – auch wegen der personellen Kontinuität in der Führung. Natürlich hätten wir lieber die Liga gehalten, das hätte uns beim Ausbau geholfen. Aber wir haben bei unserem neu zu bauenden Haus ein stabiles Fundament.

Baut an diesem Haus auch Bauunternehmer Tretzel weiter mit?

Rothammer: Herr Tretzel ist nach wie vor Hauptaktionär, mit Begeisterung bei der Sache und ich gehe davon aus, dass sich das nicht ändern wird.

Gab es Zweifel daran, dass Christian Brand der richtige Trainer für den Neustart in der Regionalliga ist?

Keller: Wenn ich die Saison analysiere, dann fallen mir als Gründe für das Scheitern, seitdem Christian Brand da ist, sehr viele Aspekte ein, die nichts mit dem Trainer zu tun haben. Insofern war es eine klare Entscheidung, dass er das Vertrauen hat und in der Lage ist, uns aus dem Tal der Tränen herauszuführen. Christian Brand ist keine Persönlichkeit, die sagt, wenn etwas nicht so gut funktioniert hat, dann renne ich weg. Er weiß auch, was jetzt von ihm erwartet wird.

Es wurde immer wieder darüber spekuliert, inwieweit Sie die Schmährufe der Fans mitgenommen haben – haben Sie sich daran gewöhnt?

Keller: Ich hatte weniger schlaflose Nächte wegen der „Keller raus“-Rufe als mehr wegen der Konsequenzen, die das für das Umfeld und vor allem für meine Mitarbeiter mit sich bringt – es gab Menschen, für die ich verantwortlich bin, Spieler und Angestellte, die um ihren Job bangten.

Rothammer: Ich bin da schon eher ein emotionaler Mensch und hatte viele schlaflose Nächte. Dass ich am letzten Tag vieles abgekriegt habe, war nicht schön, aber aufgrund der Enttäuschung verständlich. Als ich den Job antrat, hatte ich mit so etwas nicht gerechnet – auch nicht, dass ich so stark in den sportlichen Bereich involviert werden würde. Ich werde mich weiter bei Fantreffen der Diskussion stellen, ich empfinde das als befruchtend. Ich finde auch, dass der Stefan Reiprich als Fanvertreter einen sehr konstruktiven Beitrag im Aufsichtsrat leistet. Der Austausch mit den Fans kann nicht heißen, alles 1:1 umzusetzen. Alle Meinungen von Fans, Sponsoren, Politik usw. unter einen Hut zu bringen, geht nicht leicht. Die Niederlage ist ein Stiefkind, der Sieg hat viele Väter.