Dramatik nach Jahn-Drehbuch: Spitzenreiter-Fußball setzt sich durch
Wacker-Fans vernebeln sich die Sicht

Die Jahn-Fans entfalten auf der Hans-Jakob-Tribüne ein fast platzbreites Trikot und ein Transparent mit der Aufschrift „Herzblut, Stolz und Leidenschaft schenken unserer Jahnelf heute die Kraft“. Bilder: Herda/Göpel
Sport
Regensburg
26.09.2015
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Die Jahn-Fans entfalten auf der Hans-Jakob-Tribüne ein fast platzbreites Trikot und ein Transparent mit der Aufschrift „Herzblut, Stolz und Leidenschaft schenken unserer Jahnelf heute die Kraft“. Bilder: Herda/Göpel
 
Die Choreografie der Gäste: ein wenig wie Chearleader an Halloween.
 
Wacker-Trainer Uwe Wolf gibt den letzten Tropfen.
 
Jahn-Trainer Christian Brand ist zufrieden mit Team und Fans: „Die gesamte Mannschaft hat auf das Spiel der vergangenen Woche reagiert, die passende Antwort gegeben – da sieht man einfach auch, dass die Jungs in Ordnung sind, dass sie schwer arbeiten für ihren Erfolg und dass sie schnell dazulernen. Auch ein Kompliment an die Fans vom SSV, die sich da nicht weiter haben provozieren lassen.“

Das also ist Derby, Wortklauberei hin oder her: Zwei Fangruppen, die in der Innenstadt aufeinandertreffen … Zehn Minuten Spielunterbrechung, weil der Burghausener Block im schwarzen Rauch nicht mehr zu sehen ist. Und ein packendes Spiel mit einem verdienten Sieger – der Jahn macht’s beim 3:2 gegen Wacker Burghausen für die 6623 Zuschauer spannender als nötig.

Fußball wie in den besten Drittligazeiten lässt für ein Wochenende die Regionalliga-Realität vergessen. Los ging’s, noch ehe es im Stadion losgeht, mit einem langen Marsch von rund 200 Jahn-Fans von der Maximilianstraße über den Galgenberg bis zur Conti-Arena – „die hohe Präsenz an Einsatzkräften verhinderte insbesondere im Bahnhofsumfeld ein Zusammentreffen von Anhängern beider Clubs“, teilt die Polizei mit. Denn an die 250 Gästefans trafen etwa zeitgleich mit dem Zug ein.

Schwarz-weiße Chearleader

Und dann stehen sich die fußballfeindlichen Lager mit über 100 Metern Abstand im Stadion gegenüber: Im rechten Eck zappeln die Burghausener wie Chearleader mit schwarz-weißen Gimmicks. Gegenüber entfalten die Regensburger auf der Hans-Jakob-Tribüne ein fast platzbreites Trikot und ein Transparent mit der Aufschrift „Herzblut, Stolz und Leidenschaft schenken unserer Jahnelf heute die Kraft“.

Nach der Niederlage ist Wacker-Trainer Uwe Wolf dennoch zufrieden mit der Leistung seiner Truppe: „Wir haben vor dem Spiel gesagt, wir wollen nach dem Spiel sagen, wir haben den letzten Tropfen gegeben – und egal wie das Spiel ausgeht, wir haben uns da nichts vorzuwerfen.“ Eben. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Und gegen Jahn Regensburg kann man schon mal verlieren, da will der Pfälzer die „Kirche im Dorf lassen“. Ob er Burghausen auf Augenhöhe sehe, wird er gefragt? „Nee, hab ich vor der Saison schon gesagt, Jahn Regensburg ist der Topfavorit.“

Der Arm des Busfahrers vor Schalding-Heining

Schließlich denke er, sei dieses Stadion für die zweite und nicht für die vierte Liga gebaut worden. „Hut ab vor der Leistung meiner Mannschaft“, lobt er erneut die Seinen, „wenn ich seh‘, der Jahn hat eine Drittligamannschaft fast so zusammengehalten, und wir haben letztes Jahr gerade so die Klasse gehalten und haben jetzt im Jahr 2015 unsere zweite Auswärtsniederlage erst bekommen.“

Burghausen müsse da mittelfristig planen: „So wie der Jahn vielleicht mittelfristig für die zweite Liga plant, so planen wir mittelfristig wieder für die dritte.“ Nächste Woche könne der Jahn dann wieder echte Regionalligaluft schnuppern: „Da wird der Busfahrer schon schwer am Arm zu reißen haben, wenn’s nach Schalding-Heining geht.“

Mehrmals die Entscheidung vertagt

An Niederbayern will Jahn-Trainer Christian Brand jetzt natürlich noch nicht denken. „Ich denke, es war ein verdienter Sieg“, merkt man ihm eine leichte Reizung über die Hommage des Kollegen an das eigene Team an. Schließlich: „Wir hatten in der ersten Halbzeit schon mehrfach die Chance, das Spiel vorzeitig zu entscheiden – zwei, drei große Chancen, das haben wir nicht gemacht.“

Das habe seine Mannschaft versäumt, dadurch sei Burghausen durch zwei Standards zurückgekommen. Aber wofür hat man auch einen Torschützenkönig in den eigenen Reihen? „Letztendlich, ja, hat Markus Ziereis den zweiten Treffer gemacht und das freut mich für ihn.“

Paulus in der Startelf

Mit der in der PK angedeuteten Veränderung schickt Brand sein Team ins Rennen: Thomas Paulus rückt vor Keeper Philipp Pentke zusammen mit Oli Hein, Thomas Kurz und Fabian Trettenbach in die Viererkette, vor der Markus Palionis als 6er das Mittefeld mit Marc Lais und Marvin Knoll absichert. Für schrillen Alarm im Wacker-Strafraum sollen Uwe Hesse, Markus Ziereis und, ja, auch Marcel Hofrath sorgen.

Letzterer führt sich gleich mal mit einem optimistischen Distanzschuss ein (1.). Im Gegenzug darf Burghausen bis kurz vorm 5er laufen. Es geht hin und her zum Auftakt: Hofrath nimmt Trettenbach links mit, die Flanke kommt etwas zu hoch, Hesse auf der anderem Seite des Strafraums bekommt die Kugel unverhofft und macht zu wenig daraus (3.). Ein paar nette Seitenwechsel zwischen Knoll und Hofrath, aber noch fehlt die letzte Konsequenz: Konter über die linke Seite, Hofrath auf Trettenbach, dessen Flanke ist zu hoch für Knoll (7.).

Einstudierter Zauber-Freistoß

Davor hatte Brand eindringlich gewarnt: Freistöße für Burghausen in der „roten Zone“ – noch ist es nur die rosa Zone und Kurz ist zur Stelle. Schön gesehen: Knoll verwandelt einen Befreiungsschlag in einen öffnenden Pass – leider etwas zu weit (12.).

Und schon wieder zeigt Knoll Köpfchen. Diesmal Freistoß halbrechts aus 25 Metern für den SSV – Regensburgs Nummer 9 spielt Ziereis in der Mauer an, der leitet per Hackentrick weiter auf Hein, kurze Kombi im Strafraum auf Lais, der die Kugel links unten zum 1:0 versenkt (14.). Wow, da staunt das gewogene Publikum, und Trainer Brand gibt unumwunden zu: „Ja, das war so einstudiert.“

Burkhards Billardtor

Weniger schön anzusehen: Immer wieder versucht sich der Jahn gegen die hochstehenden Gäste hinten über die Bande mit Pentke freizuspielen – und bringt sich selbst in die Bredouille. Ja, da hat Gäste-Coach Wolf absolut Recht: „Ich denk‘, wir sind ganz gut in die Partie reingekommen, haben den Jahn hoch attackiert, haben gewusst, wenn Probleme, dann haben sie die hinten drin, nach vorne haben sie eine Wahnsinnsqualität.“ Exakt.

Paulus ist zu spät, verursacht den Freistoß in der dunkelroten Zone – genau das wollten sie verhindern. Christoph Burkhard nimmt sich die Kugel mit Brands prophetischer Ansage im Ohr – und dann boingt das Ding abgefälscht zum 1:1 ins Netz, Pentke chancenlos (19.).

Ziereis‘ magnetische Brust

Immer weiter, Jahn: Konter über Hofrath, der Trettenbach schickt, der zieht im Sechzehner an Weiß vorbei und wummert sich bis zur Grundlinie durch, legt den Ball zurück – Hofraths Abschluss etwas zu zart (25.). Dafür hat ein anderer das Vollstrecker-Gen: Hoher Ball in den Sechszehner, Ziereis nach einigen torlosen Spielen besonders agil, holt sich die Kugel mit der Brust runter, die keinen Millimeter von ihm weicht, und netzt aus der Drehung rechts unten rein, 2:1 (26.).

Ja, vorne kann sich das wirklich sehen lassen, aber hinten reißen die Pannen nicht ab: Leichtsinn im Mittelfeld, schneller Konter von Wacker über Juvhel Tsoumou, der Benjamin Kindsvater bedient – Hein klärt in letzter Sekunde zur Ecke (29.). Hofraths Selbstbewusstsein wächst von Spiel zu Spiel – diesmal lässt er auch Trette stehen, marschiert allein durch drei und zielt um Zentimeter daneben (33.). Was dann kommt, erinnert an schlimmste „Pleiten, Pech und Pannen“-Phasen: Uwe Hesse holt sich die Kugel exzellent, geht allein auf Torwart Alexander Eiban zu – und legt dann quer ins Nichts (34.).

SSV-Regierung mit Pannen

Nach einer halben Stunde macht der Jahn die Sprüche der Fans wahr: „Hier regiert der SSV!“ Die Rot-Weißen setzen die Schwarzen jetzt gehörig unter Druck. Wenn nur diese Aussetzer nicht wären: Was macht da Pentke? Der Keeper eilt völlig überflüssig und aussichtslos einem langen Ball entgegen, Trettenbach mit Befreiungsschlag fast auf Kindsvater – Hein kann dazwischengrätschen, ehe der 22-Jährige aufs leere Tor zielt.

Auf der anderen Seite die nächste intellektuelle Freistoßvariante: Knoll legt quer auf Lais, der das Ding Keeper Alexander Eiban genau in die Arme schiebt (40.). Ein Déjà-vu: Da warnt Trainer Brand vor Christoph Burkhard und der bekommt den Freibrief – jetzt auch noch per Handelfmeter. Alle Proteste nutzen nichts, Schiedsrichter Christian Wolfram will Trettenbachs Hand am Ball gesehen haben. „Ich stehe mit dem Rücken zur Aktion, hatte nichts mit der Szene zu tun und stand fünf Meter weg“, lamentiert der Blonde auch nach dem Spiel noch. Das juckt Burkhard nicht, er verlädt Pentke und rollt zum 2:2 rechts unten ein (45.). Schlamassel, weil Hesse zuvor das 3:1 hätte machen müssen.

Fünfmal läuft Hesse vergeblich

Neuer Anpfiff, neues Glück: Hesse und Knoll stehen sich 20 Meter halbrechts vorm Kasten ein wenig auf den Füßen, Knoll befreit sich und zieht ab – knapp übers rechte Dreieck (46.). Dann ist Trettenbach bereits durchgebrochen, tunnelt einen Gegenspieler, verhaspelt sich aber. Knoll erkämpft den zweiten Ball, steckt durch zu Lais – dessen Pass ist für Trettenbach zu steil (49.). Burghausen hat sich auf die Jahn-Diagonalpässe eingestellt: Palionis & Co. scheitern fünfmal an dem Versuch, Uwe Hesse rechts zu schicken. Die Bälle sind zu vorhersehbar und unpräzise.

Oli versucht‘s im Karlsruhe-Modus aus gut 20 Metern knapp links unten vorbei (59.). Tja, Sportsfreund Marius Duhnke – von dir war heute nicht wirklich viel zu sehen, nichts ist’s für den sechsfachen Vollstrecker mit dem Angriff auf die Torschützenspitze. In der 66. Minute ist Feierabend, Marcel Mosch soll’s richten.

Rech mit dem 50-Meter-Rache-Lupfer

Aber erstmal versucht Chris Rech die ironische Wahl zum Jahn-Spieler des Jahres 2014 durch einen Heber aus 50 Metern auf Ausflugs-Pentkes verwaistes Tor zu rächen – der Keeper hastet zurück, hopst zur Latte, drüber (67.). Das wurmt den Träger der Fredl-Fesl-Gedächtnis-Frisur: Für sein überflüssiges Foul an der Mittellinie sieht er Gelb (75.).

Dann fast zehn Minuten Rauchbomben-Pause: Schiedsrichter Ostheimer soll nach der munteren Serie mehrerer Pyro-Kracher sogar erwogen haben, das Spiel abzubrechen – ein x:0 wäre auch mal eine lehrreiche Belohnung für vernebelte Feuerwerker. „So etwas brauchen wir nicht im Stadion“, ärgert sich Burghausens Kapitän Burkhard nach dem Spiel über die erzwungene Unterbrechung, die eher dem Gast schadete.

Ballmagnet Ziereis

Denn kurz nach Wiederanpfiff macht Markus Ziereis alles klar für den Jahn. Knolls Schussansatz wird noch abgeblockt, die Kugel springt zu Ziereis, der wieder seinen Körper als Ballmagneten einsetzt, die Kugel mitnimmt und aus der Drehung links unten verwandelt – 3:2 zum richtigen Zeitpunkt (79.). Jetzt haut Wolf seine Joker raus: Valonis Kadrijaj kommt für Philipp Knochner (81.). Ein langer Ball auf Kindsvater, der versetzt Hein und schlenzt am langen Eck vorbei (83.).

Ist es wirklich clever, Burkhard die nächste 18-Meter-Freistoß-Chance am Silbertablett zu servieren? „Ja, natürlich hätten wir auch gerne den einen oder anderen Freistoß vermieden“, sagt Brand in der Konferenz danach, „aber es ist so, da spielen die Nerven mit, die Stimmung war aufgeheizt, die Jungs haben viel Adrenalin in sich in so einer Phase – und da macht man nicht immer alles richtig.“

Ein Plopp an den Pfosten

Und es bleibt Hesse auch fast nichts anders übrig, als den durchgebrochenen Stürmer zu fällen und dafür Gelb in Kauf zu nehmen – 18 Meter halblinks, Burkhard nimmt Maß, dreht die Kugel über die Mauer, Pentke blickt ungerührt dem Ball hinterher, den er weit im Aus wähnt, als der an den Pfosten ploppt (88.).

Schiri Ostheimer gibt natürlich noch einiges obendrauf – mahnt zur Eile, zückt gegen Palionis Gelb wegen angeblicher Verzögerung beim Freistoß. Noch ein Konter über Hesse und Trettenbach, noch ein Bein dazwischen, noch eine Ecke, noch ein Freistoß – Knoll versucht’s direkt, Palionis fast noch dran (89.). Und nach dem einzigen Wechsel der Regensburger – Daniel Schöpf für Hesse (94.) – und Burkhards fünften Anlauf, dessen Ergebnis Pentke sicher runterholt, ist endlich Feierabend.

Kompliment an schwarzen Anhang

Respekt, liebe Wacker-Fans, nach dem Abpfiff gibt’s kein Zetern, da wird die eigene Mannschaft gefeiert und kein Anlass zum Randalieren gesucht. Passend zum Spiel, wie Burghausens Trainer richtig konstatiert: „Und ja, die zweite Halbzeit war dann sehr brisant, so stell‘ ich mir ein Derby vor. Hinterher muss man sich wieder die Hand geben können.“

In sein Gebet schließt Wolf die schwarzen Schafe des eigenen Anhangs ausdrücklich mit ein: „Kompliment an die Unterstützung der Wacker-Fans – die haben auch alles gegeben, sind vielleicht mal ein Stück weit darüber hinweggegangen über die Grenze, aber das passiert halt mal.“ Naja, in Regensburg eigentlich jedes Mal, wenn die Jungs zu Gast sind.

Kommenden Samstag also folgt die Reise in die niederbayerischen Niederungen nach Schalding-Heining (Anstoß 14 Uhr) – und am Freitagabend, 9. Oktober um 19 Uhr, duellieren sich die zwei Top-Favoriten. Bayerns Talentschuppen gastiert nach dem 3:0 im Nachholspiel gegen Buchbach und dem 2:0-Auswärtssieg in Aschaffenburg als aktuell Zweiter mit acht Punkten Rückstand bei zwei Spielen weniger.