Dresden führt zur Pause 3:0 und ruht sich für Dortmund aus
Jahn schrammt am Desaster vorbei

Christian Brand in sich zusammengesunken (rechtes unteres Eck): Die ersten 30 Minuten ein Desaster, die rechte Abwehrseite nicht existent. Bilder: Herda
Sport
Regensburg
28.02.2015
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Christian Brand in sich zusammengesunken (rechtes unteres Eck): Die ersten 30 Minuten ein Desaster, die rechte Abwehrseite nicht existent. Bilder: Herda
 
Riesen Stimmung auf der Vortribüne: Dresdener Fans haben allen Grund zum Feiern.
 
In diesem Jubel-Trubel sieht man nur noch, dass man nichts sieht - und weiß trotzdem: Es steht 0:1.

Es hatte was von Kindergeburtstag, den der SSV Jahn da für seine Gäste aus Dresden und die knapp 9000 Zuschauer zelebrierte. Zumindest in der ersten Hälfte: Gastgeschenke zum 0:1, 0:2, 0:3 für Justin Eilers, Feierlaune auf der sächsischen Partymeile und als kleines Dankeschön der Gäste fliegende Luftballons kurz vor der Pause. Nach dem Seitenwechsel ruhte sich Dynamo etwas auf den Lorbeeren aus und Regensburg durfte sich durch ein 2:3-Endergebnis noch etwas Mut machen.

Hattrick-Eilers hätte heute ein Desaster anrichten können – den Doppelhattrick. Zu keinem Zeitpunkt gelang es der Jahn-Abwehr den 27-Jährigen in den Griff zu bekommen. Mit etwas mehr Konzentration hätte der Braunschweiger das halbe Dutzend vollmachen können.

Kein Anlass zu Randalen

Die gute Nachricht vorweg: Die Gastgeber geben den rund 3000 Sachsen, die sich auf Tribüne, Vortribüne und Südkurve verteilen, keinerlei Anlass zu Randalen. Die selbstlose Aufbauarbeit, die Regensburg für den angeschlagenen Gast (zuletzt vier Niederlagen in Folge) leistet, macht den Gästen lediglich viel Durst. In etwa in dem Rhythmus, in dem Dynamo Chancen produziert, machen sich die Fans auf den Weg zum nächsten Bier.

Dabei geht es nicht einmal so schlecht los. Der moderat veränderte SSV – Stanislaus Herzel übernimmt für Uwe Hesse die rechte Außenverteidigung und Thomas Kurz für den verletzten Marco Königs die Mittelstürmerposition – hält in den ersten 10 Minuten gut dagegen. Regensburg lässt erahnen, wie sich Trainer Christian Brand die geforderte Aggressivität vorgestellt haben mag – ohne Rücksicht auf gegnerische Schienbeine gehen die Rot-Weißen zur Sache.

Kaum Widerstand auf Herzels Seite

Aber dann zeigt sich einmal mehr, warum der SSV allem Eifer zum Trotz nicht von der Stelle kommt. Auch die Variante mit Stanislaus Herzel auf der rechten Abwehrseite erweist sich als Fehlgriff. Praktisch alle Angriffe der Dresdener laufen über diese Seite und den agilen Eilers. Sieht man von Mikrochancen ab


wie Kolja Puschs Freistoß in die Mauer und den anschließenden Nachschuss von Marvin Knoll drüber (3.)
oder den ein oder anderen starken Ballgewinn in 16er-Nähe ebenfalls durch Knoll,
kommt der SSV kaum produktiv vors Tor. Dresden dagegen muss lediglich die haarstrebenden Fehler der Regensburger Hintermannschaft verwerten. Die Situation scheint bereits unter Kontrolle, als Gregory Lorenzi Justin Eilers den Ball vor die Füße spitzelt, Herzels rechte Abwehrseite ist völlig blank, und die gelbe 11 hat keine Mühe, allein vor Strebinger zum 0:1 einzunetzen – soweit man das über die Köpfe der aufgesprungenen Sachsen-Fans sehen kann (11.).

Im Gegenzug Kurzens Lattenheber

Vielleicht wäre dieses Spiel anders gelaufen, wenn fast im Gegenzug der gelernte Verteidiger Thomas Kurz den ersten gelungenen Konter aus acht Metern halblinks nicht mit Gefühl an Wiegers Latte gesetzt hätte (12.). Das richtige Signal zur richtigen Zeit – leider aber auch für lange Zeit das einzige. Dafür brennt's gleich wieder im Regensburger Strafraum: Flanke von links, wo Herzel keine Gegenwehr leistet, und Eilers springt mit Ankündigung am höchsten, setzt die Kugel aber aufs Netz (14.).

Es ist nicht so, dass die Gastgeber es nicht versuchen würden. Aber ein Konteransatz Daniel Steiningers wird schon im Ansatz erstickt, sein versuchter Seitenwechsel abgefangen (16.). Ein ganz seltener Glücksfall, wenn ein Angriff mal zu Ende gespielt wird: Hesse im Strafraum auf Kurz, dessen Drehschuss aus elf Metern halbrechts streicht knapp vorbei.

Das Elfer-Geschenk

Gerade als die Hoffnung auf ein baldiges Remis keimt, führt Knolls Ballverlust im Mittelfeld zum nächsten Nackenschlag. Eilers eilt natürlich über halblinks allen davon und lässt dem armen Strebinger bei der nächsten 1:1-Situation wieder keine Chance – 2:0 aus zehn Metern (26.). Und als wäre das nicht schon genug Hypothek, möchte Stani Herzel beim nächsten Zweikampf im Strafraum offenbar mehr Konsequenz an den Tag legen: Beim Versuch, den Ball an der Grundlinie abzuschirmen, spitzelt ihn sein Gegenspieler wieder ins Feld und Herzel lässt ihn äußerst unglücklich über den Fuß stolpern. Völlig überflüssiger Elfer, den Eilers ohne Probleme zum 0:3 flach links unten versenkt (29.).

Bei den Dresdenern bricht Euphorie aus. Viele hält es nicht mehr auf ihren Sitzen. Bier und Bratwurst haben Hochkonjunktur – die Gäste singen zwar nicht sehr schön, „Scheiß DFB, Deutschland über alles und SG Dynamo“ purzeln da munter durcheinander, aber sie lassen, wenn schon keine Punkte so doch immerhin Geld im Stadion. Fußball wird auch noch gespielt: Ein Gelber marschiert über den halben Platz, spielt die schockierte rot-weiße Hintermannschaft aus – Strebinger ist draußen, ohne eingreifen zu können, der Ball geht knapp daneben (40.).

Powerplay ohne Abschluss

Als Regensburger Minderheit unter den bestgelaunten Gästen wünscht man sich, dass dieser Bierkelch schnell an einem vorübergehen möge. Welche Hoffnung bleibt? Wen kann Christian Brand jetzt noch bringen, wer soll das Ruder rumreißen, wenn weder Giftzwerg Marvin Knoll, noch die Abwehrsäulen Lorenzi und Palionis die Gäste unter Kontrolle bekommen. Der Trainer versucht’s mit einer Korrektur: Der überforderte Herzel muss Andi Güntner weichen.

Man kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen: Alle rennen sich die Lungen wund, die Jungs ziehen in den ersten Minuten der zweiten Hälfte ein regelrechtes Powerplay rund um den Strafraum auf – aber symptomatisch, dass es kaum zu einem Abschluss kommt. Hesse rutscht mit vollem Einsatz Richtung Ball, und es gibt noch nicht einmal Einwurf (47.)

Erste gelungene Kombination zum Anschluss

Die erste gelungene Kombination im Strafraum führt dann gleich zum Erfolg. Andi Güntner spielt Pusch im Strafraum an, der setzt sich clever durch und legt quer auf Hesse, der nicht lange fackelt – 1:3, bitte, es geht doch (53.). Fast vom Anstoß weg erobert der Torschütze erneut den Ball, Alleingang über rechts, aber Wiegers fängt die flache Hereingabe weg (55.). Eine scharfe Freistoßflanke verpassen etliche Regensburger Köpfe nur knapp (57.).

Dresdens neuer Feuerwehrmann Peter Németh merkt, dass sein Team jetzt wackelt. Er setzt auf den Ehrgeiz des früheren Regensburger Publikumslieblings Jim Patrick Müller, der mit moderaten Pfiffen begrüßt wird (58.). Aber auch in der stärksten Phase der Gastgeber eröffnen sich den Gästen beste Konterchancen. Güntner leitet mit einem Ballverlust an der gegnerischen Eckfahne den Gegenangriff ein: Es geht einmal mehr zu schnell für die Oberpfälzer, Eilers bereits wieder auf und davon und allein vor Strebinger, aber diesmal rettet Lorenzis langer Fuß von hinten zur Ecke (61.)

Jahn nur nach Standards gefährlich

Das Regensburger Mittelfeld tut sich nach wie vor schwer, eine Lücke in der kompakten gelb-schwarzen Hintermannschaft auszumachen. Aosman arbeitet viel, lässt immer wieder ein, zwei Dresdener stehen, findet dann aber kaum eine Anspielstation. Chancen ergeben sich fast ausschließlich nach Standards: Wiegers faustet einen Eckball unkonventionell halbhoch zurück ins Feld, Hesse mit riesen Bums von der Strafraumgrenze knapp drüber – anschließend kracht der erste (und letzte) Böller in der Kurve zwischen den Fangruppierungen.

Es läuft der nächste Dresdener Konter natürlich über Eilers, Güntner ist etwas näher an Regensburgs Alptraum dran, aber der spielt diesmal Sinan Tekerci im Strafraum frei, Strebinger ist zur Stelle (65.). Abwehrspieler David Vrzogic läuft auf den 16er zu, bei Dresdener Überzahl zögert er zu lange mit dem Abspiel, findet aber dennoch Eilers, dessen Drehschuss am Elfmeterpunkt Strebinger mit Nachgreifen gerade noch so unter sich begräbt (66.).

Hektische Schlussphase

Dass es doch noch einmal spannend wird, hat der SSV der mangelnden Konzentration der Gäste bei Standards zu verdanken. Aosmans Freistoß aus 30 Metern halblinks prallt an einem gelben Rücken ab, der Ball springt zu Pusch, der durch Freund und Feind hindurch aus zehn Metern ins rechte Eck schießt, 2:3 (73.). Natürlich spürt der Gastgeber jetzt, dass ein kleines Wunder möglich ist: Ein 0:3 im Abstiegskampf zu drehen, das gäbe noch einmal Auftrieb. Die Adrenalin-Ausschüttung bekommt aber nicht jedem: Knoll säbelt im Eifer des Gefechts ohne Chance auf den Ball seinen Gegenspieler im Mittelkreis um – da ist er mit Gelb vom zurückhaltenden Schiri Arne Aarnink (Nordhorn) noch gut bedient.

Mit etwas mehr Coolness kann Dresden den aufgerückten Regensburgern mehrmals den Todesstoß versetzen: Ein letztes Mal vor seiner Auswechslung taucht Eilers allein vor Strebinger auf, der erneut hält – am Österreicher zwischen den Pfosten ist die Aufholjagd jedenfalls nicht gescheitert (79.). Viel mehr an fehlenden Ideen, wie man jetzt die Kugel auch aus dem Spiel heraus gefährlich vors gegnerische Tor bringen könnte.

Jetzt kommt Aufstiegsaspirant Münster

Die letzten drei, vier Ecken, die der verzweifelt kämpfende Letzte mit letzter Kraftanstrengung erzwingt, rütteln zwar noch etwas am Dresdener Nervenkostüm, doch weder der aufgerückte Torwart noch das eingewechselte Kopfballungeheuer Gino Windmüller, noch Aykut Öztürk, der sich mit einer spektakulären Rolle rückwärts einführt, können den Ausgleich erzwingen. Und Marcel Hofrath hat Glück, dass auch seine Notbremse mit gestrecktem Bein nur mit Gelb geahndet wird (85.). Trotz der zwischenzeitlichen Dramatik bleibt es beim letztlich verdienten 3:2-Sieg der Gäste, der deutlich höher ausfallen hätte können.

„Unser Problem war die erste Halbzeit“, versucht sich Kolja Pusch an einer ersten Fehleranalyse. Und Uwe Hesse assistiert: „Wir hatten zu Beginn einfach zu viel Angst.“ War’s das? Thomas Kurz weist fast trotzig alle Gedanken an Resignation von sich. „Natürlich glauben wir noch dran.“ Klar müsse man in einigen Situationen cleverer agieren, etwa beim Zweikampf, der zum Elfer führte. Dennoch: „Die Mannschaft und das Trainerteam arbeiten unter der Woche mit Volldampf – wir müssen den Mund abwischen und nächste Woche die Punkte holen.“

Einfacher wird’s dann freilich auch nicht, denn am Samstag, 14 Uhr, ist der Tabellenvierte Preußen Münster zu Gast – punktgleich mit Holstein Kiel auf Aufstiegsrang 2.