Erste Halbzeit Bayern-Dominanz, zweite Halbzeit Jahnsinn
Ein richtig geiles Jahn-Spiel

Der Motivator am Bildschirm: „Ich habe den Jungs vorher gesagt, das müsst ihr genießen“, schildert Jahn-Coach Christian Brand die feierlichen Momente vor dem Spiel. „Ihr habt einfach nur den Auftrag, den Leuten ein tolles Spiel zu liefern, euch selbst gerecht zu werden.“ Bilder: Herda/Göpel
Sport
Regensburg
09.10.2015
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Der Motivator am Bildschirm: „Ich habe den Jungs vorher gesagt, das müsst ihr genießen“, schildert Jahn-Coach Christian Brand die feierlichen Momente vor dem Spiel. „Ihr habt einfach nur den Auftrag, den Leuten ein tolles Spiel zu liefern, euch selbst gerecht zu werden.“ Bilder: Herda/Göpel
 
Heiko Vogel sah bei seiner Spielanalyse geflissentlich über die vielen Jahn-Chancen hinweg, die Regensburg in der zweiten Halbzeit aus dem Spiel heraus kreierte.
 
Jahn-Trainer Christian Brand nimmt Marvin Knoll ins Gebet, der ein sehr engagiertes Spiel ablieferte.

Regionalliga-Bayern-Rekordkulisse von 15224 Zuschauern bei einem begeisternden Fußballspiel: Leichte Bayern-Dominanz mit viel Ballbesitz in der ersten Halbzeit. Dann dreht der Jahn mächtig auf, drückt den FCB II gegen die Wand und kassiert einen unglücklichen Freistoßtreffer zum 0:1 (84.). Aber damit will sich Oli Hein nicht abfinden und köpft die vorletzte Ecke vom kurzen Pfosten ins Netz, 1:1 (90.).

Recht viel wirkungsvoller hätte Christian Brands Truppe die Werbetrommel für die Arena nicht rühren können – nach nervösem Anfang dominiert der Spitzenreiter mit aggressivem Offensivfußball 40 Minuten der zweiten Halbzeit. Vor komplett ausverkauftem Haus muss man vor dem SSV nach dem 0:1-Schock neun Minuten vor dem Ende erst Recht die Jahn-Kappe ziehen: Mitten in die dröhnenden Bayern-Gesänge hinein, „ein Schuss, ein Tor, die Bayern“, schlägt Regensburg zurück und hält den Verfolger zumindest auf Abstand.

Zuschauer-Boom

„Ich glaub‘, es ist super, wenn man innerhalb kürzester Zeit zweimal den Regionalliga-Rekord einstellt“, lobt nach dem Match Josef Janker, Verbandsspielleiter der RL-Bayern, den Beitrag zum Publikumsboom: Insgesamt sei die Zuschauertendenz in der Regionalliga steigend: „Dazu tragen natürlich beide Mannschaften, die wir heute gesehen haben, ein gutes Stück bei – der Jahn dieses Jahr besonders.“

„Die Kulisse war sensationell“, gibt auch Bayern-Coach Heiko Vogel seinen Senf zur Publikumsanalyse, „und das Spiel hat dann auch dazu beigetragen, dass wir der Kulisse gerecht geworden sind. So darf’s eigentlich jeden Spieltag sein, das wär‘ das Schönste.“ In den ersten 60 Minuten habe seine Mannschaft das Beste gespielt, das die FC Bayern Amateure seit langem geleistet hätten. „Wir haben uns leider nicht belohnt – zweimal Aluminium, einmal Pantovic, der kurz nach der Halbzeit allein auf den Torwart zuläuft und ihn anschießt.“

Zu viele Standards zugelassen

Der Jahn sei nach der Pause etwas stärker geworden, als er auf die eigene Kurve zu spielte. „Das habe ich erwartet.“ Aber bis auf Standardsituationen sei relativ wenig gekommen. „Wir haben dann leider zum Schluss hin bei den Standards zu viel zugelassen – 7:3-Ecken, das darf in so einem Spiel nicht geschehen, weil wir gewusst haben um die Stärken, um die körperliche Überlegenheit.“

Dass das Ausgleichstor in der Nachspielzeit gefallen sei, sei umso unglücklicher: „Aber es hätte auch in einer Standardsituation zuvor schon fallen können.“ Insofern sei er alles in allem mit seiner Mannschaft „super zufrieden“.

Bekloppte Relegation

„Ich habe den Jungs vorher gesagt, das müsst ihr genießen“, schildert Jahn-Coach Christian Brand die feierlichen Momente vor dem Spiel. „Ihr habt einfach nur den Auftrag, den Leuten ein tolles Spiel zu liefern, euch selbst gerecht zu werden.“ Bayern München habe das Beste gespielt, was er seit langem von Amateuren gesehen habe, bestätigt Brand Vogels Sichtweise. „Nach 10, 15 Minuten haben wir so ein bisschen Zugriff gefunden, da kamen wir besser ins Spiel – und in der zweiten Halbzeit war es, glaube ich, ein richtig geiles Spiel auch von meiner Mannschaft, wo wir richtig, richtig Feuer gemacht haben.“

Nur beim allerletzten Pass hätte seine Mannschaft so ein wenig die Ruhe vermissen lassen. „Es ist sehr schade, dass nur eine der beiden Mannschaften nächstes Jahr in der Dritten Liga spielen können wird“, bedauert Brand den unbarmherzigen Ausleseprozess. „Erst muss man Meister werden, dann kommen diese bekloppten Relegationsspiele“, schließt sich Vogel an. „Ich wünsche jedem Meister der Regionalliga Bayern, dass er nächstes Jahr in der Dritten Liga spielt.“

Biss auf beiden Seiten

Uwe Hesse führt sich mit Grätsche vor der Haupttribüne ein (4.). Auf der anderen Seite fällt Matthias Strohmaier den Gegenspieler von hinten (9.). Die übliche Jahn-Wurstigkeit führt zur ersten Bayern-Chance: Green darf sich den Ball vorm 16er selbst auflegen, Pentke winkt ab, der Ball wankt an die Latte (10.). War das Abseits? Marcel Hofrath wird steil geschickt, wäre allein vor Ivan Lucic (12.) – da würde man gerne die Zeitlupe sehen.

Der Jahn wieder über links, robustes Foul an Hofrath Nähe Eckfahne – Gelb für Riccardo Basta. Marvin Knolls Freistoß kommt nicht schlecht, aber Ziereis‘ Kopfball ist zu unpräzise (15.). Da sieht die Jahn-Hintermannschaft richtig bescheuert aus: Flanke nach innen, zwei Weiße können sich um den Ball streiten, Greens Köpferl an den Pfosten (16.). Pannenserie: Kolja Pusch schlägt einen Freistoß ins Seitenaus, ein zweiter ein Luftloch – Amusement bei Bayern. Hofrath mit dem langen Lauf, aber eskortiert reicht’s nur zum Einwurf (20.).

Bayern am Drücker

Man muss es zugeben: Bayern in dieser Phase am Drücker, die Aktionen sind durchdachter, Gianluca Gaudino zieht mit viel Übersicht die Fäden und verursacht mehr Abschlüsse – beim Jahn folgt zwei guten Pässen der finale Fehler. Das wär’s gewesen: Hesse über rechts, das Foul bleibt ungepfiffen, er wurstelt weiter und sich durch, Doppelpass mit Ziereis, Hesse rutscht das Ding aus 11 Metern über den Schlappen und fast ins Seitenaus (28.).

Pusch über links, provoziert das Foul an der Strafraumkante gegen Steven Ribéry, der auch noch Gelb sieht: Die Kugel kommt gefährlich, aber ein Bayer klärt (31.). Der jüngere Bruder von Franck hat ganz dessen Temperament – nach dem Einwurf schubst er Hofrath weg. Wäre Schiri Benjamin Cortus konsequent, würde der Franzose dafür Gelbrot sehen. Dafür pfeift ihm seither jeder hinterher.

Immer wieder Julian Green

Gelb für Pusch, weil Julian Green schwer zu halten ist (37.). Fabian Trettenbach spielt schön hinten raus auf Pusch, die Ecke bleibt ohne Wirkung (38.). Jahn-Chancen werden eher aus Pannen geboren – Hesse auf Ziereis, der versucht an zwei vorbeizukommen, bleibt hängen, rutscht noch mal rein, fast kommt noch Trettenbach dran (42.).

Pusch nach Gaudino-Fehler ab durch die Mitte, wartet, bis Ziereis startet, Ecke: Da darf man mal im Training drüber reden, was man macht, wenn die Abwehr geschlossen rausgeht und fünf Rote im Abseits stehen – fast leitet der Jahn den Konter ein (44.). Die größte Chance für die Bayern vor der Pause: Nach einem Freistoß im Mittelfeld pennt die gesamte Jahn-Defensive, Green hat nur noch einen vor sich, sein Schuss geht aber rechts oben vorbei (45.).

Jahn erhöht den Druck

Gladbach-Abgang Sinan Kurt ersetzt bei Bayern den Rot-gefährdeten Ribery. Trettenbach spielt sich in den Strafraum – bleibt hängen, bekommt den Einwurf. Ziereis springt der Ball am Fünfer auf den Oberschenkel und weg. Der Jahn erhöht den Druck – eine dreifache Chance von beiden Flügeln: Hofrath aus spitzem Winkel an den Pfosten, Knolls Nachschuss vorbei (48.).

Riesenchance für die Bayern: Einmal schnell gespielt von Patrick Weihrauch, läuft Milos Pantovic völlig allein auf Pentke zu, der mit klasse Reflex den Rückstand verhindert – zwei Nachschüsse gehen ebenfalls nicht in den Kasten (50.). Der Jahn kann’s auch spielerisch: Klasse, wie sich die Mannschaft über Knoll, Lais, Palionis und Trettenbach hinten raus und bis auf Ziereis zum 16er freispielt – es fehlt nur der letzte Kick (53.). Und gleich nochmal: starke Balleroberung von Trettenbach, es geht schnell über rechts, der Ball ist im 16er, Ziereis fällt, aber das ist zu wenig für den 11er (55.).

Schiri als Schutzmacht der Talente

Schiri Benjamin Cortus pfeift vor allem bei Aktionen gegen die Bayern kleinlich – eine Schutzmacht der Talente? Trettenbach schon wieder stark durch, wird von hinten gefällt. Da gibt’s dann nur Gelb für Weihrauch. Wann sehen wir endlich mal wieder ein Freistoßtor? Stattdessen eine Gurke in die Mauer – Knolls Nachdreher daneben (61.). Bayern mit dem Doppelfoul – sensibel zu sich, eklig zum Gegner: Aus Versehen wird daraus die Chance, Pusch legt quer auf Knoll, Hofrath links mit der Flanke und dann stehen sich zwei Jahn-Spieler im Weg – ohnehin Abseits (63.).

Meine Güte, Kapitän Palionis mit dem Solo bis zum 16er, ein verunglückter Schuss, aber immerhin die Ecke – die kommt sehr weit, ein Kopfball auf der anderen Seite, der Ball kreist wie beim Handball, landet bei Ziereis, der aus 5 Metern drüber knallt (67.). Der nächste ganz starke Konter, Kurz versucht’s aus 16 Metern – wieder Ecke. Und erneut erkämpft sich der bärenstarke Trettenbach die Kugel, Flanke Hofrath, Ziereis setzt den Kopfball an die Latte (71.). Immer wieder Traumkombinationen über Lais, Ziereis und Hofrath, der den richtigen Zeitpunkt für den Abschluss verpasst (73.).

Bummeltor nach Freistoß

Wir wissen ja nicht, was FCB-Trainer Heiko Vogel in dieser Phase anguckte – aber dass der Jahn nur über Standards für Gefahr sorgte, halten wir für ein Gerücht. Jetzt aber die zweite starke Bayern-Szene in Hälfte 2 über Green, den Abschluss setzt Kapitän Karl-Heinz Lappe knapp übers Kreuz – Green geht vom Feld (74.). Und dann das: Was für ein Bummeltor nach Freistoß! Weihrauchs Schuss von 25 Metern links außen ist gefühlte fünf Minuten unterwegs und rutscht irgendwie ins rechte Eck – Pentke hadert mit sich und seinen Vorderleuten, 0:1 (84.).

Brand reagiert, bringt Michael Faber für Hesse und Daniel Schöpf für Lais (85.). Mann, da kann Ziereis den Ball im Strafraum nicht behaupten und dann pfeift der Schiri Stürmerfoul. Das „Mia san mia“ hat jetzt das Stadion fest im Griff: „Steht auf, wenn ihr Bayern seid“, dröhnt das Triumphgeheul der Münchener von der Gästetribüne „ohne Bayern wärt ihr gar nicht hier“ oder „ihr könnt nach Hause fahren“ – gesanglich, das muss man schon sagen, Bundesliga-tauglich auch die Hymne „Ein Schuss, ein Tor, die Bayern“.

Kleiner Mann ganz groß

Heiko Vogel zeigt hektisch an, wo er den Freistoß hin haben möchte – sein Angestellter tut ihm den Gefallen, es soll schnell über rechts gespielt werden, doch die Kugel geht ins Aus (88.). Aber dann, aber dann, kleiner Mann ganz groß: Einer will sich mit dieser Niederlage nicht abfinden. Die nächste Ecke kommt mal nicht ins große Gedränge in der Mitte, Oli Hein rast auf den kurzen Pfosten zu, schraubt und dreht sich in der Luft, FCB-Keeper Ivan Lucic macht den Hampelmann, die Kugel zappelt im Netz – jaaaaaaaaaaaaaaaa, ein erlösender Schrei aus gut 10.000 Kehlen, der hochverdiente Ausgleich ganz zum Schluss (90.).

Da bleibt den Bayern schon ein wenig der Hohngesang im Halse stecken – so kurz vorm Zieleinlauf noch abgefangen. „Hätte, wäre, wenn gewinnt kein Spiel“, gab Christian Brand zu Protokoll. Dennoch: Mit einem Sieg heute in Regensburg und in den beiden ausstehenden Nachholspielen hätte Bayern am Jahn vorbeiziehen können. Und der SSV will noch mehr: Hofrath ist schon durch, holt aber nur die letzte Ecke – Palionis am langen Pfosten köpft daneben, Aus.

Spieler beider Mannschaften liegen am Boden – erschöpft und sicher auch ein wenig enttäuscht. Für die Bayern war der Sieg zum Greifen nah. Der Jahn war vor dem Rückstand näher am 1:0. Unterm Strich, eine gerechte Punkteteilung. Das Fernduell geht weiter. München am Freitag, 19 Uhr, gegen Schweinfurth und Regensburg eine halbe Stunde später in Memmingen.