Fans von Jahn und Kickers singen verbrüdert: „Scheiß VfB“ und „Keller raus“
Nie mehr Dritte Liga?

Synchron-Duell an der Seitenlinie: Beide Trainer feuern ihre Jungs leidenschaftlich an. Bilder: Herda
Sport
Regensburg
13.12.2014
34
0
 
Synchron-Duell an der Seitenlinie: Beide Trainer feuern ihre Jungs leidenschaftlich an. Bilder: Herda
 
Pechvogel Jonas Erwig-Drüppel bei einer seiner Chancen.
 
Markus Palionis entschuldigt sich bei Elia Sorano, der zur Halbzeit ausgewechselt werden musste.

Fast 3000 Zuschauer wollen das letzte Jahn-Heimspiel vor der Winterpause an diesem sonnigen Dezembernachmittag sehen. Gegen alles andere als berauschend aufspielende Stuttgarter Kickers (3./35) bleibt sich der Tabellenletzte treu, kassiert kuriose Gegentore und vergibt selbst beste Gelegenheiten. Das 0:2 ist so erwartet wie unnötig.

Welch schöner Konsens: „Scheiß VFB“ singen sich die beiden Fangruppen im Echo zu. Und als den Regensburger Fans nach dem 0:2 klar war, dass sie heute die fünfte Niederlage in Folge verarbeiten werden müssen, machen sie sich auf den langen Weg vom Turm zum Gästeblock, feiern zusammen mit dem befreundeten Kickers Anhang und singen verbrüdert „Keller raus, Keller raus“ – das Echo schallt von allen Seiten wieder.

Impulse wirkungslos verpufft

Die Hoffnung stirbt Spiel für Spiel. Fünf Niederlagen in Folge – die von Geschäftsführung, Präsidium und Aufsichtsrat groß inszenierten „Impulse“ seit der „Krisensitzung“ im Herbst sind wirkungslos verpufft. Weder vier erfahrene Spieler, noch ein neuer Trainer konnten bisher das Ruder herumreißen. Und der arme Christian Brand muss erneut die Abwehr umbauen.

Andi Güntner Gelb-gesperrt, Matthias Dürmeyer und Gregory Lorenzi, Nummer drei der neuen Säulen in der kürzlich zusammengekauften Verteidigung, verletzt. Dafür Fabian Trettenbach, Stani Herzel und Lukas Sinkiewicz zurück. Bei den Blauen schickt Kickers-Coach Horst Steffen Sandrino Braun und Fabian Baumgärtel für Gerster und den Gelb-gesperrten Fennell aufs Feld.

Brand tobt am Spielfeldrand

Brand lamentiert nicht, er nimmt’s schicksalsergeben hin. Bisher reagiert er in der Öffentlichkeit so, wie man das offenbar in seine Stellenbeschreibung notiert hatte: freundlich zu den Medien, motivierend auf seine geknickte Mannschaft. Wenn man den Niedersachsen an der Seitenlinie beobachtet, scheint der Druck aber dann doch größer zu sein, als seine nach außen demonstrierte Gelassenheit vermuten lassen würde. Er gestikuliert wild, schreit sich die Seele aus dem Leib und rauft sich beim Betrachten der hilflosen Spielweise mancher Akteure die wenigen Haare.

Schon nach drei Minuten droht Brands kurzgeschorener Restfrisur neues Ungemach: Fabian Baumgärtl tritt einen harmlosen Freistoß aus 25 Metern halblinks, Aias Aosman mit etwas Abstand zur Mauer dreht sich im Sprung, der Ball prallt an ihm ab und im 45 Grad Winkel rechts unten Richtung Tor – Stephan Loboué kann sich zwar noch drehen, ist mit der Hand dran, aber die Kugel dennoch im Winkel. Na Bravo, nach drei Minuten führt Stuttgart ohne etwas dafür zu können.

Übergewicht ohne Ertrag

Wer nur die Ergebnisse liest, kann sich das vielleicht nicht vorstellen. Aber was folgt ist ebenso symptomatisch für die Situation der Regensburger wie die nackten Zahlen. Die Jungs mühen sich redlich – nicht nur im Sinne des Zeugniseintrags für einen hoffnungslos überforderten Schüler. Rot-Weiß erspielt sich in der nächsten halben Stunde tatsächlich ein Übergewicht, mehr Ballbesitz, die besseren Chancen.
Immer wieder versucht’s das Rechtsaußen-Wiesel Jonas Erwig-Drüppel: Tempogegenstoß auf Daniel Steininger, zunächst abgefangen, dann nochmal über rechts auf Oli Hein, der zieht an der 16er-Ecke etwas zu sanft ab, der sichere Torwart Korbinian Müller ist unten (15.).
Aias Aosman wird nach suboptimalem Zuspiel von Erwig-Drüppel an der Strafraumgrenze heftig weggerätscht, der Ball hoppelt weiter zu Sinkiewicz, der versucht sich durch drei durchzutanken, wankt, kommt nicht mehr richtig zum Abschluss, Ecke (24.).
Markus Palionis mit toller Spieleröffnung auf, natürlich, Erwig-Drüppel, der holt wenigstens die Ecke. Erst schwach geschossen, dann kommt die zweite Flanke von links, und Erwig-Drüppel bringt am Torpfosten den Ball nicht mehr unter Kontrolle (29.).
Uwe Hesse setzt sich gegen den ersten Blauen prima durch, bleibt am zweiten hängen. Dann erneut Ballbesitz, Hesse behauptet sich, Hein steckt nach links durch, Erwig-Drüppel am 11er mit Balanceakt (38.), aber ohne Abschluss.

So wenig reicht für viel Gefahr

Auf der anderen Seite reicht den Stuttgartern so wenig, um für Gefahr vorm Jahn-Tor zu sorgen. Freistoßflanke Baumgartl von halbrechts, Kopfball Elia Soriano, Latte – aber auch abgepfiffen, weil die schwäbische 9 Gino Windmüller bedrängt haben sol (40.). Der Wumms ans Gebälk reicht aber bereits für Verunsicherung. Freies Geleit für den nächsten Angriff, ein Blauer ist links im Strafraum und zielt um Zentimeter am langen Pfosten vorbei (41.).

Der SSV beendet die erste Hälfte mit einem Lehrstück, wie man’s nicht machen soll. Uwe Hesse macht beim Antritt wie immer eine gute Figur, schießt dann aber einen Verteidiger an, immerhin Ecke. Und weniger kann man aus Standards wirklich nicht mehr machen: Gleich zwei Spieler bieten sich an, kurze Ecke auf Trettenbach, der ins Nichts flankt (45.).

Halimis Lattenlupfer

Chaotischer Wiederbeginn im inzwischen düster-kalten Jahnstadion. Die erste Torannäherung durch Aosmans Freistoßflanke ins Aus (50.). Dann wird der Gastgeber etwas energischer. Sinkiewicz setzt sich links robust durch, schickt Erwig-Drüppel, der Steininger bedient, aber der junge Fürther braucht im 16er zu lange, um den Ball unter Kontrolle zu bringen. Im zweiten Anlauf noch ein Schuss von Aosmann, Müller ist wieder unten (52.).

Trettenbach, der sich bemüht, aber bei weitem nicht mehr die Dynamik vom Saisonbeginn auf den Platz bringt, zieht von rechts in den Strafraum, die Flanke aber, herrje, ohne Worte. Dann fehlt Fabi hinten, fast mühelos spielen sich die Kickers über rechts vors Jahn-Tor, Querablage auf den freistehenden Halimi, der am falschen Fuß erwischt wird, aber noch einen Lupfer an die Latte zustande bringt (56.).

Diese Offensive muss niemand fürchten

Jedesmal, wenn der Jahn mit Verve, angetrieben von Aosman, Richtung Strafraum marschiert, verlieren die Stürmer spätestens im 16er die Übersicht. Stani Herzel, der in seiner Defensivrolle nicht glücklich wirkt, tritt einen Freistoß halblinks ins Nirwana – Brand scheint davon wenig begeistert, ruft erbost „Stani …“ – eine Minute später wird’s dann wirklich brandgefährlich, weil Herzel als letzter Mann den Ball verliert, und Hein Kopf und Gelb riskieren muss (59.).

Uwe Hesse ist einer, der nie aufgibt – langer Sprint über 50 Meter, aber was nützt das alles, wenn der Pass auf Erwig-Drüppel viel zu lang ist? Jonas muss ganz weit raus auf die linke Seite und verhaspelt sich dann bei der Flanke – diese Offensive muss wirklich niemand fürchten (65.). Erneut Hesse mit gutem Antritt und diesmal auch guter Vorlage, aber dafür bleibt Herzel kläglich hängen (63.).

Feierabend nach Elfer-Präsent

Strahlend eilt nun Herzjunge Daniel Engelbrecht, der Mann mit dem Defibrillator für Lhadji Badiane als Joker auf den Platz – gegen Wehen gelang ihm der Siegtreffer, macht er im Jahn-Stadion jetzt alles klar für Stuttgart (66.)? Beim SSV darf sich Zlatko Muhovic noch für gute zehn Minuten zeigen, dafür weicht der ausgepumpte Erwig-Drüppel. Während vor den Toren kaum mehr was passiert, sehen Aias Aosman und Gerrit Müller Gelb – die Stuttgarter 8 hatte den Ball erst mit der Hand gespielt, dann weggekickt, was dem ungeduldigen Aias missfiel (68.).

Aosman jetzt auf der linken Seite, Muhovic rückt in die Zentrale. Endlich mal wieder das Prinzip Hoffnung: Oli Hein spielt sich schön in den 16er, aber dann er zum Unmut der Zuschauer noch mal ab, und die Kugel ist wieder weg (70.). Wer nicht schießt, der hat schon. Also ist dann mal Stuttgart so frei. Herzel agiert etwas ungeschickt im Strafraumeck, Müller fällt über sein Bein – den Elfer kann man pfeifen. Loboué ist in der richtigen Ecke, aber Marc Steins Schuss zu präzise, 0:2 (72.), Feierabend!

Kurzes Kurz-Comeback

Noch ein Bilderbuchpass von Aosman auf Steininger, der auf der linken Seite Richtung Tor marschiert – kurz vorm Schussversuch, fünf Meter vorm Keeper, verspringt der Ball, der Hüpfer geht links vorbei (80.). Respekt vor Sinkiewicz, der sich, obwohl noch angeschlagen, nie hängenlässt, nach vorne wie hinten arbeitet, noch einmal über links marschiert, aber der Pass auf Aosman ist dann doch zu weit (82.).

Eine letzte Schusschance bietet sich Muhovic, den Oli Hein an der Strafraumgrenze bedient – wieder hat Müller beim Flachschuss keine Mühe (86.). Und auch das Kurz-Comeback in den letzten drei Minuten ändert nichts mehr an der Niederlage. Im Gegenteil, Loboué muss noch einmal in höchster Not zur Ecke klären (90).

Kein Fortschritt ohne Tore

Ist das 2:0 der Stuttgarter verdient? Das ist es wohl, weil die Blauen zwei Tore schossen, auch wenn sie sich dabei nicht mit Ruhm bekleckern mussten – ein abgefälschter Freistoß, ein überflüssiger Elfer, das reicht in diesen Tagen, um einen weiteren Sargnagel in die Drittliga-Kiste des Jahn zu hämmern. Was soll Christian Brand dazu schon groß sagen? In Memoriam der vielen Szenen, in denen sich der Coach die Haare raufen musste, fasst er hilflos zusammen: „In so einer prekären Situation vergeben die Spieler dann überhastet ihre Chancen.“

Es dürfte schwer sein, auch dieses Mal wieder Fortschritte zu konstatieren – denn in einem entscheidenden Punkt tritt der SSV auf der Stelle: kein Tor, kein Punkt. Und wer einmal den schweren Gang zurück in die Regionalliga antreten musste – faktisch ja inzwischen die Bayernliga –, der tut sich sehr schwer, wieder hoch zu kommen. Selbst der verwöhnte Bayern-Nachwuchs kann davon ein Lied singen.