Fantastische Kulisse trägt Jahn zum Auftaktsieg gegen Aschaffenburg
Nur ein klein wenig peinlich

Sport
Regensburg
17.07.2015
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Überraschend konnte der Regionalliga-Aufsteiger die Führung bejubeln
 
Jahn-Trainer Christian Brand nutzte die Trinkpause für neue taktische Instruktionen. Bild: Herda

Was für eine Kulisse: 7800 Zuschauer wollen die Regionalliga-Premiere des SSV Jahn gegen Viktoria Aschaffenburg miterleben. Zur großen Unterhaltung beim Hochsommerabend-Kick trägt der unfreiwillige Favorit auch mit Laissez-faire in der Abwehr bei. Zu guter Letzt bezwingt Regensburg den tapferen Aufsteiger nach zwei Rückständen mit 3:2.

An die Anreise muss man sich erst noch gewöhnen: Nach zügiger Fahrt von Weiden bis zur A3 stockt der Verkehr bei der Ausfahrt zur Arena gewaltig – 15 Minuten vor Anpfiff reicht der Stau bis vor die feuerrote Spiel-Arena. Halleluja, dagegen war die Prüfeningerstraße ein Zuckerschlecken. Aber gut, was soll man machen, die Zufahrt achtspurig ausbauen?

Gerade sind die glockenhellen Stimmen der Domspatzen verklungen, gerade noch rechtzeitig die Pressetribüne erreicht, Till Müller ist schon vierhändig in die social medias vertieft, da legen die Regensburger – Pentke, Hein, Palionis, Odabas, Hesse, Knoll, Kurz, Hofrath, Pusch, George und Ziereis – auch schon los wie die Feuerwehr.

Wie Tom und Jerry

Den Willen, der Berge versetzen und Meisterschaften entscheiden kann, ist bis hoch zum gläsernen VIP-Palast zu spüren. Die ersten Minuten haben was von Tom und Jerry, die körperlich deutlich überlegenen Regensburger bedrängen die zarten Unterfranken – der Aufsteiger zeigt sich beeindruckt, schlägt nervös die Bälle aus der Gefahrenzone. Und das Publikum geht mit wie Oskar mit der Blechtrommel.

So hatten sich die Sportsfreunde vom Jahn die zu entfachende Euphorie wohl vorgestellt: Powerplay in eine Richtung, donnernder Schall im Dolby-Surround Format aus vier Richtungen – und das tapfere Häufchen der Aschaffenburger Heylandsfreunde und der blauen Thekenfront in einer Ecke der Nordtribüne zusammengedrängt, hält mutig dagegen.

Kraftstrotzende Angriffswellen von Süd nach Nord, ein Tanker in einem Binnensee – Neuzugang Jann George zieht nach innen und zielt knapp links vorbei (5.). Erste Ecke, Keeper Stefan Steigerwald faustet vor Ali Odabas weg, Marvin Knoll vesucht‘s aus der zweiten Reihe, knapp vorbei (7.). Und nach einer Flanke von Uwe Hesse zeigen die Gäste fast Einsicht: Verteidiger Dennis Löhr grätscht vor Ziereis in den Ball, Steigerwald taucht ins lange Eck und verhindert das Eigentor (9.).

Kalte Dusche

Nach dem überstandenen ersten Bombardement werden die die Gäste mutiger – jeder Konter ist ein verhinderter Gegenangriff. Odabas muss sich strecken, um eine 1:1-Situation zu unterbinden. Das gefällt weniger: Die statische Regensburger Abwehr lässt Schmidt, Gerhart und Toch gewähren, als ob die einen Nicht-Torschuss-Pakt unterzeichnet hätten.

Das hat Folgen: Ein Ball in den Rücken von Oli Hein, Pentke, in höchster Not aus dem Tor geeilt, prallt mit dem Gästestürmer zusammen (11.). Und schon wieder piesakt die Maus den Kater: Konterchen in den Rücken der goldbeflockten Jahn-Abwehr, kurz quergelegt, doch dank Schnitzers Schnitzer nur Ecke. Was heißt hier nur? Da ist er, der Jerry-Effekt: Johannes Gerhart verlängert den Eckball zur kalten 0:1-Dusche (18.) – aus die Maus.

Die Regensburger müssen sich schütteln und wie der Kater in der Comicserie rennen sie mit grimmigen Gesichtern gegen die nervige Undermouse an: Nach einer Ecke von Marvin Knoll köpft Ziereis, der Ball wird auf der Linie geklärt – Uwe Hesses Nachschuss zur nächsten Ecke geblockt (19.). Viel Schaum vorm Mund, aber nicht sehr clever: Der Jahn-Sturm kickt jetzt halbgar um den 16er herum und Tommy Kurz schließt mit Verzweiflungsschuss aus 20 Metern in den Himmel ab (24.).

Schluss mit lustig im blauen Fan-Eck

Die vereinbarte Trinkpause nach 25 Minuten gibt Jahn-Coach Christian Brand Gelegenheit, verbal und nonverbal Ideen zu vermitteln, die auf dem Platz bislang fehlen. Ein Pusch-Freistoß rauscht ans Außennetz (28.). Dann aber ist Schluss mit lustig im blauen Fan-Eck: Uwe Hesse lässt Zamir Daudi alt aussehen, legt präzise auf Ziereis quer, der verzögert geschickt und trommlt die Kugel vom Fünfer ins lange Eck – 1:1 (32.). Oli Hein kämpft sich immer engagierter in den Mittelpunkt – das mag Daniel Cheron nicht leiden und bremst den Straubinger rabiat. Gelb für den Cut über der Augenbraue (33.).

Ein anderer Aktivposten: Kolja Pusch – der Wuppertaler holt sich die Kugel an der Seitenlinie aus der Luft herunter, zieht nach innen und ab … da fehlt nicht viel zum ersten Regionalligatreffer (35.). Doch statt der fälligen Führung, meldet sich nun wieder der mausblaue Gast zu Wort: Wieder geht die Regensburger Abwehr fahrlässig zu Werke, erst stolpert ein Blauer in den Strafraum, noch formt Schiri Christian Dietz mit den Händen eine Kugel in der Luft, doch schon sinkt ein Zweiter zu Boden und der Zeigefinger des Referees wandert Richtung Elfmeterpunkt. Kollektives Stöhnen, Schieber-Rufe, nützt alles nichts, Thomas Kurz soll der Übeltäter gewesen sein – es ist schon ein wenig ein Elfer wie bei der Damen-WM.

Simon Schmidt geht in sich und zum Punkt, zielt auf Tor und Südtribüne und verlädt trotz Pfeifkonzert Penne zur erneuten Führung – 1:2 (35.). Jetzt wird‘s doch langsam etwas peinlich. Klar, das passiert in den besten Familien, dass der Außenseiter vorlegt. Aber gleich zweimal im neuen Palazzo Prozzo der Liga? Sie wollen‘s ja, die Favoriten mit der Bürde, Markus Ziereis wedelt wild mit den Händen (36.). Gelungener Diagonalball auf Hesse, weiter zu Hein, der bleibt hängen – Pusch holt das Ding zurück, legt erneut auf Oli ab – sein Außenristschuss geht am langen Pfosten vorbei (38.).

Abseitstor und Konzessionselfer

Kurios: Da kommt Heins Flanke endlich butterweich und präzise auf Knolls Birne am Fünfer, der macht alles richtig, perfekt getimter Absprung, kein Gegenspieler, der bedrängt werden könnte, und köpft ins lange Eck – doch in den Jubel zum vermeintlichen Ausgleich platzt die Hiobsbotschaft. Da möchte das BFV-Gespann eine Abseitsposition ausgemacht haben.

Dafür bekommt der Gastgeber kurz darauf den Konzessionselfer – Angriff über links, Jann George drängt mächtig aufs Tor zu und fällt. Pusch ist nach seinem Augsburg-Kracher gesetzt und versenkt das Runde zum 2:2 ins linke Eck (42.).

Erzwingen die Roten noch vor der Pause die Führung? Oli Hein feilt weiter an seinen Schüssen aus der zweiten Reihe. Hesse zu Hein, knapp drüber (46.). Immer selbstbewusster geht der Niederbayer in die Laufduelle – in dieser Liga gibt auch Oli den Messi für Arme, wenn nur der letze Pass noch käme. Dieses Mal vielleicht? Erst lässt Hein drei Mann ins Nirwana grätschen, legt dann auf Knoll zurück, der knapp drüberzielt (47.).

Zweite Sommer-Halbzeit

Die Zweite Hälfte beginnt etwas träger – die Hitze fordert Tribut. Ziereis nimmt die Kugel mit dem Rücken zum Tor an, dreht sich und zieht ab – ein erster Aufwecker (49.). Hesse findet die Lücke, aber sein Linksschuss aufs kurze Eck verhungert (53.). Drei Minuten später wetzt das weißblonde Duracell-Häschen wieder einem langen Ball nach und erzwingt den Eckball (56.).

Die Erlösung per Kopf: Punktgenaue Flanke von Marcel Hofrath, Ziereis ist zur Stelle, nutzt das Desinteresse der blauen Verteidigung und hat alle Zeit, ins freie Eck einzunicken – 3:2 (62.). Vom fränkischen Widerstand ist jetzt nicht mehr viel zu sehen. Haben die geschafften Schaffenburger schon fertig? Die Devise „Fernschuss“ beherzigt auch Kapitän Markus Palionis, der sich den missglückten Elfer-Heber gegen Augsburg von der Seele schaffen möchte – aber auch das Ding geht deutlich drüber (63.).

Damit‘s nicht zu langweilig wird, gestattet der erste Spitzenreiter der Liga den Gästen hin und wieder einen langen Ball und guckt dann, ob die Abwehr aufpasst – Sascha Wolfert kurz vorm Durchbruch, Hein mit dem langen Bein und ein entschlossener Pentke, der zum Eckball rettet, verhindern tiefrote Regensburger Scham (66.). Zwei haarsträubende Ballverluste beider Teams signalisieren dem Schiri, dass eine zweite Trinkpause angesagt ist (74.). Noch einmal hält Regensburgs Coach eine Brand-Rede: „Lasst euch nur ja nicht diesen Dreier von der Schaufel nehmen!“

Übungsauftrag für nächste Woche

Neuzugang André Luge darf die letzten gut zehn Minuten für den angeschlagenen Kolja Pusch Regionalliga-Luft schnuppern (78.). Hein mit dem nächsten euphorischen Antritt über rechts, eine Berührung im vollen Sprint bringt ihn ins Straucheln, Schiedsrichter Dietz lässt weiterlaufen (81.). Und falls er es noch nicht gemerkt haben sollte: Christian Brand weiß spätestens ab der 82. Minute, was er kommende Woche mit den Seinen üben sollte – energisches Abwehrverhalten! Die löchrige Viererkette lässt sich ein weiteres Mal auskontern, der eingewechselte Salvatore Bari allein vor Pentke, dessen Gummibein den Ausgleich vereitelt.

Zu guter Letzt unterbindet der Neue im Abwehrverbund – Ali Odabas mit Licht und Schatten – einen last-minute-Angriff im letzten Moment (94.). Und gut is‘. „Kompliment an die Fans“, freut sich Trainer Christian Brand über eine – trotz der Rückschläge – überraschend blendende Stimmung und den verdienten Sieg. „War schön, das zu erleben und ich glaube, dass die Leute auch zufrieden nach Hause gehen.“
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