Fortuna Köln fliegt vom Ballermann zum Abschiedsspiel ein
Jahn sagt deprimiert Servus

Gewinner trotz Abstiegs: Jahn-Boss Hans Rothammer und die Gremien (links) halten an Trainer Christian Brand und Sportchef Christian Keller fest. Bilder: Jahn/Herda
Sport
Regensburg
22.05.2015
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Gewinner trotz Abstiegs: Jahn-Boss Hans Rothammer und die Gremien (links) halten an Trainer Christian Brand und Sportchef Christian Keller fest. Bilder: Jahn/Herda
 
Auch der Fortuna stand das Wasser schon bis zum Hals: Alle Spieler und Trainer warben 2003 nackt mit dem Bildtitel "Einem nackten Mann greift man nicht in die Tasche - aber unter die Arme" für Spenden und den Erlass der Gläubigerforderungen an den von der Insolvenz bedrohten Verein. Bild: Cornel Wachter. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons

So sehen Sieger aus: Während sich der SSV Jahn trotz des brotlosen Punktgewinns bei Meister Bielefeld auf dem letzten Platz etablierte, feierte Fortuna Köln den Klassenerhalt am Ballermann: „Voraussetzung war natürlich unser Klassenerhalt und der Aspekt, dass es für Regensburg auch um nichts mehr geht“, sagt SC-Trainer Uwe Koschinat.

Am Samstag, 14 Uhr, quälen sich also übermüdete Kölner gegen desillusionierte Regensburger im letzten Spiel nicht nur der Saison – es ist zugleich die Beerdigungszeremonie für das Stadion an der Prüfeningerstraße.

Keiner, der an „Glück und Pech glaubt“

Es hätte so dramatisch werden können, hätte sich der Wunsch von noch und weiter Jahn-Trainer Christian Brand erfüllt: „Wenn es am letzten Spieltag gegen Fortuna Köln noch um etwas geht, würde mich das natürlich sehr, sehr freuen“, hatte der Niedersachse vor ein paar Wochen noch gehofft. Da er aber niemand sei, „der an Glück und Pech glaubt, sondern jemand, der glaubt, dass man sich Erfolg erarbeiten kann“, macht der Nachfolger von Alex Schmidt nicht Latte, Pfosten, Schiri oder Verletzungspech verantwortlich.

„Die anderen waren in den entscheidenden Situationen besser“, gibt er zu. „Sie trafen das Tor und verteidigten ihr eigenes.“ So einfach ist das für den fairen Verlierer. „Es war eine klare Frage der Qualität – sie hat nicht gereicht, deshalb stehen wir zu Recht, wo wir stehen.“ Eine These die im Licht der Spieltheorie noch zu diskutieren sein wird (Einladung hiermit ausgesprochen …).

Glorreiche Fortuna-Galerie

Erfahrungen mit dem gnadenlosen Pater-noster-System Profifußball machten auch die Gäste zur Genüge. Beim Tabellen-17. der Bundesligasaison 1973/74 gaben sich schon so illustre Trainer wie Bernd Schuster, Hans Krankl, Wolfgang Rolff und Harald Schumacher die Klinke in die Hand. Granaten und Paradiesvögel wie Anthony Baffoe, Hans Sarpei, Tim Wiese, Tony Woodcock oder Dieter Schatzschneider standen bei den rheinischen Frohnaturen unter Vertrag.

Heuer reichte es nach dem Aufstieg in die Dritte Liga u.a. mit den ehemaligen Jahn-Spielern Thiemo-Jérôme Kialka und Florian Hörnig immerhin zum Klassenerhalt – einem Ziel, an dem die sportliche Leitung der Regensburger kläglich scheiterte.

„Weiter so“

Dennoch hält nach einer – laut Club-Boss Hans Rothammer „nicht gerade vergnügungssteuerpflichtigen“ – Aufsichtsratssitzung der Verein am Führungspersonal fest: „Wir waren einhellig der Meinung, dass es für die Entwicklung des Jahn insgeamt besser wäre, wenn Christian Keller bleibt.“ Im Regensburger Regionalsender TVA begründete der Vorstandsvorsitzende das „Weiter so“ mit drei bekannten Argumenten:


Im Bereich Sponsoring und Organisation müsse man dem Sportchef eine 1 mit Stern verleihen
„Ich bin der Meinung, dass wir spätenstens ab Oktober keine wesentlichen Fehlentscheidungen mehr hatten.“
„Kontinuität spielt eine Rolle, auch im sportlichen Bereich.“ Und man könne einen Sportchef auch nicht durch die Einstellung eines Aufpassers degradieren.

Deshalb sei auch die Terminologie „Berater“ für die gesuchte Personalie falsch: „Wir suchen jemanden, der hoffentlich sehr erfahren ist.“ Man führe bereits Gespräche mit Kandidaten, die dann zuständig für das Jugendleistungszentrum seien, wo man durch den Weggang von Marcus Jahn eine Stelle einspare. „An zweiter Stelle wird er zuständig sein für das Scouting zusammen mit dem sportlichen Leiter und dem Trainer.“

„Köpfe rollen lassen“ wäre leichter

„Wir hätten es uns leichter machen können“, rühmt Rothammer die Entscheidung pro Keller als Prinzipienfestigkeit, „und Köpfe rollen lassen können.“ Ohne Keller aber „hätten wir den Kunstrasenplatz nicht bauen können, da die Finanzierung an Christian Keller hängt“. Auch einige Sponsoren machten ihr Engagement von der Zukunft des Heidelbergers abhängig. Und schließlich seien auch die Mitarbeiter in der Geschäftsstelle, die sehr gute Arbeit leisten würden, Teil des Keller-Netzwerks. Dennoch betont der Club-Boss: „Wir sind nicht abhängig.“

Am liebsten würde Hans Rothammer nach dieser verkorksten Saison – „eine Situation, in der man von einer Niederlage zur anderen stolpert, zermürbt“ – und der „würdevollen Verabschiedung aus dem Stadion an der Prüfeningerstraße, darum bitte ich“ nur noch nach vorne schauen: „Spätestens dann wird die Phase der Selbstgeißelung vorbei sein.“

Ohne Stadion müsste man zusperren

Die Regionalliga müsse man Ernst nehmen und annehmen. „Wenn wir dort guten, erfolgreichen Fußball spielen, und das wird nicht einfach angesichts der Konkurrenz, haben wir auch genügend Zuschauer“, ist sich der Steuerberater sicher. Glück im Unglück: „Ohne das neue Stadion müssten wir zusperren“, macht er deutlich, wie gelegen dem Absteiger das Sponsoreninteresse am rot-weißen Prunkstück auf der Papstwiese kommt.

„Stand heute haben wir in etwa die Sponsoringerlöse wie nach dem Abstieg aus der Zweiten Liga.“ Dadurch könne man den Ausfall der Drittliga-Fernsehgelder in Höhe von 750.000 Euro auffangen und mit dem gleichen Spielerbudget – rund zwei Millionen Euro – planen wie zuletzt. „9,3 Millionen Euro war das durchschnittliche Budget in der 3. Liga – in der Regionalliga sind wir jetzt ein großer Fisch neben der zweiten Mannschaft von Bayern München, die immer eine Sonderrolle spielt.“ Das beinhalte aber auch ein Risiko: „Jeder wird sich reinhängen.“ Wie sagte Trainer Brand so schön: „Schauen wir, wohin die Reise geht.“

Das Rech-Fanal

Einen erheblichen Anteil daran, wohin dieser Ausflug in die Niederungen bayerischen Halbbprofifußballs gehen wird, werden die Fans haben. Und diese haben in dieser Woche die MZ-Wahl zum Fußballer des Jahres in eine ironische Abstimmung gegen die sportliche Leitung umfunktioniert: Gewinner ist mit deutlichem Abstand Christoph Rech, der lediglich auf fünf, gelinde gesagt, unglückliche Einsätze kam und in der Winterpause an Regionalligisten SV Wacker Burghausen ausgeliehen wurde.

Pressesprecher Till Müller zeigte zwar Verständnis für die Enttäuschung der Fans, zeigte sich aber seinerseits enttäuscht, dass diese auf dem Rücken eines jungen Spielers ausgetragen werde.

Dones Rech(en)beispiel

Stellvertretend für die Mehrheit im Forum www.jahnfans.de verwehrt sich „Done“ gegen diese Interpretation: „Rech wird nicht zum Clown abgestempelt“, schreibt das Mitglied, das es seit 2012 auf 380 Beiträge brachte. „Jeder, der die Saison verfolgt hat, weiß doch, dass er sinnbildlich für einen bestimmten Aspekt der Misere beim Jahn dieses Jahr steht: Als junger Spieler mit RL-Erfahrung geholt, hat er in der Vorbereitung ganz passabel gespielt. Nach zwei schlechten Spielen (Stuttgart, Dortmund) kam er dann praktisch nicht mehr zum Einsatz.“

Er gehöre zu den Fällen, „bei denen man fragen muss, warum ihm nicht besser der Rücken gestärkt wurde. Für mich steht er also sinnbildlich – nicht für eine schlechte Personalie, sondern für den miserablen Umgang des Trainers mit dem Personal, das er hatte. Gerade bei den Verteidigern war das evident: Ob jetzt Rech, Windmüller, Kurz oder auch Dürmeyer – alle wurden nach Fehlern implizit oder sogar explizit abgewatscht und quasi zu den Alleinverantwortlichen stilisiert (+ der Suada, dass der unersätzliche Nachreiner gefehlt hat), um zu kaschieren, dass sein System hinten und vorne nicht passt (bzw. keines existiert).“