Gegen Haching kann der Jahn die Entlassung ad absurdum führen
Fluch der guten Brand-Tat

Nach nur einem Jahr ist die Ära Christian Brand in Regensburg schon wieder zu Ende. Noch ein Heim- und ein Auswärtsspiel, dann ist der SSV auf der Suche nach einem neuen Heiland. Bilder: Herda
Sport
Regensburg
20.11.2015
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Nach nur einem Jahr ist die Ära Christian Brand in Regensburg schon wieder zu Ende. Noch ein Heim- und ein Auswärtsspiel, dann ist der SSV auf der Suche nach einem neuen Heiland. Bilder: Herda
 
Totalausfall der Innenverteidigung: Kapitän Markus Palionis ist nach der Gelbroten Karte vom Spiel gegen Ingolstadt gesperrt.
 
Hachings Trainer Claus Schromm sieht den Jahn trotz allem als Favoriten.
 
Lob für Marvin Knoll, der nach Gelbrot für Palionis den Job in der Innenverteidigung ordentlich absolvierte.

„Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir heute nur über das Spiel reden möchten“, leitete Martin Koch die Pressekonferenz ein. Was folgte war eine teilweise verwunderte, teilweise bittere Abrechnung von Trainer Christian Brand mit den Erwartungen aus dem Umfeld. Umso wichtiger für ihn: ein gelungener Abschied beim letzten Heim-Spitzenspiel gegen Unterhaching am Sonntag, 17 Uhr.

Zwei Mannschaften, zwei völlig verschiedene Leistungskurven – vielleicht einer der Gründe, warum man in Regensburg die Nerven verlor und den Trainer entließ. Unterhaching startete wie ein Absteiger und steht heute ohne Niederlage seit September mit 32 Punkten auf Platz 4. – 5 Punkte hinter Tabellenführer Regensburg und in der 3. Runde des DFB-Pokals.

Haching hat Ruhe bewahrt

„Was für Haching spricht“, stellt Christian Brand die Unterschiede bei der Vereinsführung heraus, „die haben Ruhe bewahrt, haben mit dem Mane Schwabl einen erfahrenen Mann – die haben das einfach abgeblockt und durchgezogen.“ Der Erfolg gebe ihnen absolut Recht. „Sie sind gewachsen während der Saison.“

Immerhin, auch bei den Münchener Vorstädtern läuft nicht alles rund: Zuhause gegen Favoritenschreck Rain am Lech reichte es trotz vieler Chancen nur zu einem 1:1. SpVgg-Trainer Claus Schromm sieht den Jahn trotz der jüngsten Rückschläge – drei Niederlagen in Folge, neun Punkte aus den letzten neun Spielen – weiter als Favorit. „Nicht nur in diesem Spiel sondern allgemein in der Liga.“

Im Vergleich zum Jahn:
Fitness-Hochburg Haching

Personell ist auch der Gast nicht sorgenfrei: Jonas Hummels (Arthroskopie im Knie), Franz Rathmann (Kreuzbandriss) und Andreas Markmüller (Meniskusverletzung) fehlen, der Einsatz von Tim Schels ist fraglich. Defensivmann Maximilian Bauer ist nach seiner Gelbsperre wieder zurück. Aber im Vergleich zu Regensburg sind die Oberbayern eine Fitness-Hochburg: Nachreiner, Geipl, Odebas, Hein, Lais, Paulus, Tiefenbrunner – außer Gefecht. Dazu die Gelbrot-Sperre von Palionis.

Besonders bitter: Abwehrstabilisator Thomas Paulus fällt, kaum zurück, mit Außenbandriss schon wieder drei bis vier Monate aus. „Der Thomas ist ein super Typ“, leidet Brand mit, „er war nicht 100 Prozent fit, hat sich in den Dienst der Mannschaft gestellt, sich reingehängt und es ist einfach extrem bitter, dass er sich da verletzt hat und so bestraft wird und wir auch noch so bestraft werden.“

Chance für Sonnenberg

Eine Konsequenz aus der Verletztenmisere: Jonas Sonnenberg aus der U23 rutscht in den Kader. „Weil er in Wolfsburg lange verletzt war, war er für die U23 vorgesehen“, erklärt Brand, „aber die Tür nach oben ist in jedem Verein immer geöffnet, vor allem in der jetzigen Situation, wo uns vier Innenverteidiger wegbrechen.“ Dass in einer solchen Situation Markus Palionis gesperrt ist, lastet er dem Kapitän dennoch nicht an.

„Der Markus ist ein vorbildlicher Kapitän, der wollte helfen, auch in dieser Situation, hat sich einfach falsch entschieden, ist einen Schritt zu spät herausgekommen und hat sich selbst am meisten über sich geärgert.“ Er habe das schließlich nicht absichtlich gemacht und bei diesem Spiel gegen Ingolstadt sei das Nervenkostüm vieler Spieler so gewesen, dass, hätte es etwas länger gedauert, auch noch die eine oder andere Gelbrote Karte gefolgt wäre.

Abschied mit Sieg, wenn’s geht

„Das ist eine richtig gute Mannschaft“, schätzt Brand den Gegner auf Augenhöhe ein. Auch im Hinspiel sei das ein enges Spiel gewesen. „Wir haben 1:0 geführt, dann zehn Minuten vor Schluss das zweite Tor gemacht – es war damals verdient, wir waren gut drauf, haben in Ingolstadt vorher gewonnen und jetzt sind die Vorzeichen ein bisschen anders.“ Ein interessantes Spiel für beide Mannschaften. „Es gibt aber schon auch ein paar Dinge, die sie nicht so gut können“, hat Brand bei einigen Spielen vor Ort beobachtet.

Über die Außenbahnen hätten sie gute Leute und auch im Mittelfeld mit dem Maximilian Nicu einen erfahrenen Spieler, der schon höher gespielt habe. „Aber nichtsdestotrotz, wenn wir da an unser Leistungspensum kommen, glaube ich, dass da was zu holen ist.“ Und motivieren müsse man seine Mannschaft für dieses Spiel nicht eigens: „Wir wollen dahin kommen, wo wir in dieser Saison schon waren, den Zuschauern ein gutes Spiel bieten – und klar, ich möchte mich mit einem Sieg verabschieden, wenn’s geht.“

„Wir sind Profis“

Die Aussichten dafür stehen und fallen mit der Stimmung im Team – wie reagiert nun die Mannschaft, die, wie man hört, hinter dem Trainer stand, aber ihn durch schwache Leistungen dennoch im Regen stehen ließ – auf den Paukenschlag kurz vor der Winterpause? „Ja, die Mannschaft muss das auch erst mal verarbeiten – es wäre auch gelogen, das irgendwie wegzudiskutieren.“

Aber Brand sagt auch: „Wir sind Profis. Der sportliche Erfolg steht über allem – wir haben noch zwei Spiele zu absolvieren und ich glaube, dass die Jungs große Lust darauf haben, diese Spiele (Anm. d. Red.: gegen Unterhaching und in Schweinfurt) vernünftig zu absolvieren, von daher bin ich da zuversichtlich.“

Genau ein Jahr in Regensburg

Und dann bricht er eben doch aus dem beherrschten Norddeutschen heraus – der Frust über die aus seiner Sicht so unverständliche Demission: „Diesen Verein muss man mal in der Gesamtsicht sehen“, blickt Brand zurück. „Ich bin jetzt genau ein Jahr hier, ich bin am 18.11. gekommen 2014, und jetzt seit gestern steht fest, dass ich dann irgendwann gehe.“ Man lerne in Trainerkursen ja ungeheuer viel über Technik, Taktik und so weiter – alles gut und schön. Aber wie ein Team sich psychologisch entwickle, könne man am Grünen Tisch nicht planen.

„Diese Mannschaft hat ja auch eine Geschichte“, sagt Brand. „Da sind so viele Spieler, die ich letztes Jahr übernommen habe – mit Verletzungen, teilweise hatten sie keinen Verein.“ Die würfle man dann zusammen, habe den Abstieg leider nicht verhindern können. „Dann geht das hier los, wir machen einen guten Job in der Sommerpause, stellen uns nochmal neu auf, holen neue Leute – wir haben hier vor 15.000 Leuten Bayern München geschlagen und tolle Spiele geliefert.“

Eine Liga, in der andere auch was können

Die Fixierung auf den Punktevorsprung könne er nicht nachvollziehen. „Ist irgendjemand schon mal im November aufgestiegen?“, möchte er wissen. „Und hier ist das so, dass die Leute gesagt haben, ja, in der Winterpause muss der Jahn mindestens zehn Punkte Vorsprung haben.“ Vor gerade mal vier Wochen habe der Jahn ein fantastisches Spiel gegen Bayern 2 abgeliefert: „Die Leute waren total begeistert.“ Dabei habe er immer gewarnt: Der Kader sei klein, es werde schwierige Phasen geben.

Dann kam die Durststrecke auswärts, schwache Leistungen in Rain und Aschaffenburg – die verlorenen drei letzten Spiele. „Das ist eine Liga, in der die anderen auch was können, auch trainieren.“ Und wenn auch nur dreimal die Woche: „Die kommen hier her, die muss man nicht mehr motivieren. Das ist ein super Stadion, die haben Mega-Bock zu spielen und für uns ist das jedes Mal eine Riesenherausforderung.“ Die man leider nicht immer so gut gemeistert habe. „Gebe ich gerne zu.“

Beim 5. Bayern hört man nichts

Und dann das: „Es ist ja nicht so, dass die Leute sagen, wir sind Tabellenführer, haben eine kleine sportliche Krise, das wird schon wieder, das ist hier ja nicht so.“ So, wie zum Beispiel beim Liga-Konkurrenten Nummer 1: „Bayern München hat ganz klar nominell die beste Mannschaft in dieser Liga.“ Die seien momentan 5. „Hören Sie irgendwas? Die geben als Saisonziel aus, wir wollen aufsteigen. Nichts, da hört man nichts. Die machen einfach ihren Job weiter.“

Und in Regensburg diskutiere man darüber, ob man dem Otto Normalverbraucher zumuten dürfe, zu einem Tabellenzweiten ins Stadion zu gehen. „Ich finde einfach diesen Ansatz wirklich krass“, redet Brand Klartext, „mir fehlt teilweise komplett der Respekt vor dieser Liga, und teilweise vor den Gegnern.“ Gegen Wacker Burghausen habe man 3:2 gewonnen: „Und jetzt sagen Sie mir doch mal, wo ist denn der Riesenunterschied?“ Der Unterschied zu engen Spielen mit negativem Ausgang – wie in Nürnberg.

„Wer ist denn Kutschke?“

„Und wenn ich dann gegen Nürnberg spiele und höre, was ist denn Nürnberg, wer ist denn Kutschke? Da muss ich einfach sagen, hej sorry Leute, was ist mit euch los?“ Das sei respektlos. Einspruch an dieser Stelle, da diese ketzerische Frage hier gestellt wurde – das war ein Weckruf, keine Geringschätzung des aus der ersten Mannschaft verbannten Profis. Eine Erinnerung: Der Jahn konnte schon Bayern-Formationen mit Luca Toni deklassieren. Auch ein Appell: „Mann, Krische, merkst du nicht, dass du dich um Kopf und Kragen bei deinen Kritikern redest?“

Ja, es stimmt, Nürnberg spielte mit fünf Profis, hatte an dem Tag die bessere Mannschaft auf dem Feld und da kann man schon mal verlieren – aber man kann nach einer Serie von zehn mäßigen Spielen mit einzelnen Ausschlägen nach oben doch nicht durchgängig zufrieden sein mit der Entwicklung. Da musste man doch die Zweifler auf den Plan rufen: „Sieht der wirklich nicht, dass die Mannschaft mit dieser Leistung droht, völlig abzugleiten?“ Auch der Sportchef scheint doch diesen Rat gegeben zu haben: „Mehr Realismus, weniger Diplomatie.“

Nicht jeder Zweifel ist paranoid

„Wir sind als Trainer immer auch verpflichtet, analytisch zu bleiben und zu sagen, es liegt daran oder daran.“ Einverstanden. Es ist aber auch hilfreich zu registrieren, wie das Umfeld tickt. „Und wenn das im Umfeld nicht der Fall ist, dann muss man das so hinnehmen.“ Nicht unbedingt. Man hätte auch auf den Vorschlag zu Beginn der Saison eingehen können, den Dialog mit den kritischen Fans aufzunehmen. „Nicht meine Aufgabe.“ Kann man so sehen. Aber dann darf man sich nicht wundern, wenn nicht zusammenwächst, was bei diesem Aufbruch im Sommer zusammenwachsen hätte können.

„Die Bedingungen hier sind doch hervorragend“, sagt Brand ratlos, „und wir sind Tabellenführer, wir sind Erster in dieser Regionalliga.“ Ja, aber neun Punkte in neun Spielen, den Trend in die Zukunft verlängert und wir reden nicht von Platz 2, sondern womöglich vom grauen Mittelfeld in einer farblosen Amateurliga. Es ist nicht jeder paranoid, der diese Befürchtung teilt. Bei aller Zustimmung zur These, dass Schwankungen normal sind, das Verletzungspech groß, der Kader klein, die Spieler außer Form.

„Haha, gut, dann eben so“

„Vor einem Jahr, wenn mich jemand gefragt hätte, Herr Brand, Sie sind am 19. Spieltag mit zwei Punkten Vorsprung Tabellenführer, machen Sie das, Sie können hier unterschreiben?“, versucht es der Fußballlehrer mit einer Parabel. „Ja, tut mir Leid, was hätte ich denn da gemacht? Ja bitte, ich unterschreibe, alles klar. Und jetzt ist der Zustand so und dann denkt man sich, haha, gut, dann eben so.“ Das ist schade, weil ein so kluger und eloquenter Trainer wie Brand erkennen hätte können, dass sein Job auch die Vermittlung seiner Philosophie Richtung Entscheidungsträger gewesen wäre.

Man habe ihm vielleicht nicht immer richtig zugehört, wenn er nach den besten Spielen gewarnt habe, es werde auch schwierige Phasen geben in der Saison. „Das wollte hier im Umfeld einfach keiner hören.“ Losgegangen sei es mit der Verletzung von Sebastian Nachreiner, „wahrscheinlich einem der drei oder vier stärksten Innenverteidiger. Und das hat diese Mannschaft nicht wegstecken können sofort, so wie einige andere Verletzungen auch.“ Alles richtig: Aber was sollen dann Teams wie Schalding-Heining machen, wenn die Verletzte kompensieren müssen?

Im falschen Film

In Aschaffenburg, als die Mannschaft richtig, richtig schlecht gespielt habe, sei die Stimmung total gekippt. „Aber das ging vorher schon los. Das ging hier los, das kann ich Ihnen sagen, mit einem Unentschieden, wo die ersten Leute hier nervös geworden sind, wo wir sieben Punkte Vorsprung hatten. Und da muss man sich dann schon fragen, ähh hallo, was glaubt ihr eigentlich, wo seid ihr hier?“ Ernst gemeinte Frage? Viele glaubten, sie sind im falschen Film, nachdem der Jahn zwischen 2012 und 2014 von der Zweiten in die Regionalliga durchgereicht wurde.

Es sei auch ein wenig der Fluch der guten Tat: „Wir haben eine Riesenserie gespielt, und dann haben wahrscheinlich alle Leute gedacht, dass geht jetzt ewig so weiter.“ Bayern München sei weltweit zurzeit die einzige Mannschaft, die keine Formschwankungen habe. „Und dann stellen wir uns hin als Jahn Regensburg und sagen, was ist denn da los, in Memmingen 1:1, gegen Ingolstadt verloren.“ Alle Nachwuchsmannschaften hätten gute Spieler. Ja, aber es war in vielen dieser Spiele einfach nicht zu erkennen, dass der Jahn alles tat, um wenigstens über den Kampf ins Spiel zu kommen, wenn schon die Leichtigkeit dahin war – mit Ausnahme vielleicht vom verkrampften Spiel gegen Ingolstadt.

Extrem verrückte Welt

„Wir müssen doch einfach die Kirche im Dorf lassen“, findet Brand. „Diese Welt ist doch einfach im Moment extrem verrückt.“ D‘accord, dazu muss man nicht mal nach Paris oder Dresden blicken. Und nein, die Welt geht nicht unter, wenn sich der Jahn nach einer Niederlage gegen Haching als Zweiter oder Dritter in die Winterpause verabschiedet – um dann erholt und optimiert im Frühjahr wieder „voll anzugreifen“.

Dennoch müssen sich weder Fans noch Funktionäre darüber freuen, wenn der Jahn einen sieben-Punkte-Vorsprung verspielt, den er bei vielen Gelegenheiten hätte ausbauen können, ohne sich ein Bein auszureißen. Immerhin wird es auch mit dem Meistertitel noch schwer genug aufzusteigen – in der Relegation gegen die hidden Champions der Regionalligen. Da muss man nicht schon zuvor alles daran setzen, eine Zitterpartie hinzulegen.

Nachtrag

Und sage keiner dieser Trainer sei arrogant, weil ihm bei der ersten Pressekonferenz nach der Entlassung für seine Verhältnisse der Kragen platzte. Ich möchte einen sehen, der alle Ziele des Jahresgesprächs erfüllt hat – und als Firmenprimus wegen einer Schwächephase in die Wüste geschickt wird.

Auch die, die Christian Brand nicht mögen, könnten ihm zum Abschied Respekt zollen – für eine Reihe „richtig, richtig, richtig guter Spiele“, um es brandesk zu sagen, und nicht ganz unwichtig: die Tabellenführung. Ihr seid doch so kreativ, ihr Jungs von der Hans-Jakob-Tribüne – wie wäre es mit „Brand-Dank“-Gesängen?

Und dass keiner auf die Idee kommt, das Spiel am Sonntag auf Sport 1 zu glotzen!