Geht Illertissens Siegeszug weiter?
Jahn Regensburg empfängt schwäbischen Verfolger

Heiko Herrlich süffissant: Der Profi weiß, wie man mit Druck umgeht. Bild: Herda
Sport
Regensburg
10.03.2016
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FV-Trainer Holger Bachthaler schüttelt Ex-Werder Trainer Robin Dutts Hände - vorm Pokalspiel 2014. (Foto: dpa)
 
Nah am Team: Teilzeit-Reservist Uwe Hesse (rechts) fällt durch gute Trainingsleistungen auf. Bild: Herda
Regensburg: Continental-Arena |

Top-5 unter den Schwaben-Witzen: „Fußballspiel in einer schwäbischen Stadt: Zur Seitenwahl wirft der Schiedsrichter eine Münze in die Luft – es gibt 2000 Verletzte.“ Ist es diese sparsame Zielstrebigkeit, die Schwabennester wie Heidenheim, Sandhausen und jetzt auch noch Illertissen so erfolgreich macht? Am Freitag, 19 Uhr, muss Jahn Regensburg gegen die Spätzünder von der Iller bestehen.

Die vergangenen acht Spiele nicht verloren, davon vier gewonnen etwa gegen Burghausen (1:0), Nürnberg (1:0) oder in Aschaffenburg (5:1), wo der Brand-Jahn noch vor gar nicht so langer Zeit mit 0:4 nasskalt baden ging. Es wäre also ein fatales Missverständis, anzunehmen, als gefühlter Drittligist könne man die Allgäu-Kicker im Vorbeigehen schröpfen.

Gelassene Gäste

Entsprechend gelassen reist der Tabellenvierte (37 Punkte) an: „Es gibt nichts Schöneres, als vor einer tollen Kulisse zu spielen“, freut sich Trainer Holger Bachthaler auf das Duell gegen Burghausen-Verfolger Regensburg (2./43). „Den Druck hat in erster Linie unser Gegner, der unbedingt aufsteigen will“, hat der frischgebackene Fußball Lehrer vielleicht von Kumpel Markus Weinzierl mit auf den Weg bekommen.

Dennoch, was ein echter Schwabe ist, weiß der, „Übermut tun selten gut“ – also möchte man der durchaus respektierten Jahn-Offensive nicht ins Messer laufen: Das Abwehrbollwerk um Fabian Rupp und Manuel Strahler stellt sich auf den mit 44 Toren stärksten Sturm der Liga ein.

Hohe Bälle und Kopfballduelle

Die beeindruckende Serie ist auch Jahn-Trainer Heiko Herrlich nicht entgangen. Er zieht die Kapuze vor einem Gegner mit „toller Moral“ (wie beim Ausgleich kurz vor Schluss gegen Ingolstadt), einem Toptorjäger Ardian Morina, der schon neun Treffer auf dem Kerbholz hat, einem Spielmacher Lukas Kling, „den wir versuchen müssen, aus dem Spiel zu nehmen“, oder auch einem Außenverteidiger Tobias Heikenwälder, der „ständig für Druck über die linke Seite sorgt“.

Herrlich erwartet ein anderes Spiel als gegen Augsburg: „Illertissen wird zwar auch versuchen; Fußball zu spielen, aber sie operieren auch viel mit hohen, langen Bällen – da müssen wir einfach gewappnet sein, schauen, dass wir die Kopfballduelle gewinnen und auf die zweiten Bälle gehen und die dann auch verteidigen.“

Wenn eine Stärke zur Schwäche wird

Mit anderen Worten: „Wir müssen hochkonzentriert in dieses Spiel gehen, kompakt verteidigen – es ist 100 Prozent Leistung von uns nötig, wenn wir die drei Punkte bei uns hier behalten wollen.“ Und die Schwächen? Die möchte der Mannheimer lieber seinen Spielern verraten und sagt nur sybillinisch: „Letztendlich kann man alles, was ich positiv gesagt habe auch umdrehen – oft ist eine Stärke, wenn man sie umdreht, auch eine Schwäche.“

Komplett ausschalten könne man herausragende Spieler ohnehin selten. Die Philosophie des Trainers: „Zu unterbinden, dass diese Spieler überhaupt erst in Szene gesetzt werden können.“ Das habe beim letzten Heimspiel gegen Augsburg bis auf die Anfangsphase „weitestgehend sehr gut“ geklappt. „Unsere Offensivspieler haben jeglichen Spielaufbau zerstört und ähnlich muss es da sein.“ Wichtig sei, sich reinzufressen. „Das wird morgen wieder ein Kampfspiel – ich werde den Spielern Vidosequenzen zeigen und will morgen keinen sehen, der dem Schiedsrichter winkt und sich beklagt, ,ah, die spielen so hart‘.“

Plan A bis C

In der Innenverteidigung dürften Markus Palionis und Ali Odabas gesetzt sein: „Die haben vor zwei Wochen einen guten Job gemacht“, findet der Coach, „sie sind relativ stabil und eingespielt“. Thomas Kurz habe lediglich ausgeholfen, zumal man keine nominellen Innenverteidiger mehr habe, aber dessen Stammposition sei nun mal die 6. Sonstige Veränderungen zu erwarten? Natürlich: „Ich will die Trainingseinheiten abwarten“, sagt Herrlich.

Er habe einen Plan im Kopf, aber es gebe auch einen Plan B und einen Plan C, denn: „Es gibt einige Spieler, die im Training sehr positiv auffallen, die ganz nah an der Mannschaft sind, wie Jann George oder Uwe Hesse, die wirklich versuchen, Gas zu geben.“ Aber auch Marc Lais und andere – „das ist natürlich positiv für eine Mannschaft, dass ein Konkurrenzkampf da ist.“

Schön, wenn jemand was erwartet

Wirklich? Jaja: „Der Erwartungsdruck ist extrem“, aber: „Das ist ja auch schön, dass jemand was von uns erwartet, und das will man natürlich auch bestätigen“, erklärt der Meister in der Kunst, Druck ins Positive zu verwandeln. Der eine oder andere habe zwar damit zu kämpfen, aber an diesen Aufgaben wachse man. Vielleicht sei der Konkurrenzdruck etwas ausgeprägter, weil mehr Spieler wieder gesund seien: „Aber den muss ich besetehen, wenn ich mich im Profifußball behaupten möchte.“

Die Aufregung rund um natürlichen oder erzeugten Druck kann Herrlich nicht ganz nachvollziehen, schließlich: „Ich habe selbst nie erlebt, dass eine Mannschaft die ganze Saison mit elf Spielern von Anfang bis Ende gespielt hat und die anderen zugeschaut und gesagt haben, ,Mensch, ihr seid aber tolle Stammspieler‘“, sagt er glucksend. Bei erfolgreichen Mannschaften gebe es 15, 16, 17 Spieler, die austauschbar seien. „Ich könnte bereits bedenkenlos mit 14, 15 spielen.“

Wir brauchen Teamplayer

Für einzelne sei das eine schwierige Situation, gerade wenn man merke, man sei eigentlich dran: „Man kann der Mannschaft aber auch helfen, wenn man eingewechselt wird.“ Yann George habe, nachdem Michi Faber sich zuvor abgerackert hätte, nochmal für Druck gesorgt – genauso wie Uwe Hesse auf der rechten Seite. „So muss es sein. Wir brauchen Teamplayer, wir brauchen Charaktere.“

Der Trainer könne auch nicht „zu 100 Prozent garantieren, dass alle Spieler ohne Nervosität beginnen“, was er aber auch nicht schlimm findet. „Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass diese Nervosität ein positives Gefühl ist, man kann die kanalisieren.“ Vor großen Aufgaben wie Prüfungen sei man eben nervös, aber das mache auch leistungsfähiger. „Jeder weiß doch selbst, wenn ich in so einem Softmodus in eine Aufgabe oder ein Spiel gegangen bin, dann habe ich nie so von der Spannung gelebt und nie so mein Leistungspotenzial abgerufen.“

Burghausen? Welches Burghausen?

Was der Trainer auf keinen Fall möchte: das Schielen auf Burghausen – dass die gegen Bayern gewonnen und nun mit 4 Punkten (bei einem Spiel mehr) vorne seien, „dagegen kann ich eh nichts tun“. Die nächste Aufgabe Illertissen sei schwer genug, da dürfe kein Raum mehr für irgendwelche Rechnereien sein. „Wenn man gegen einen Gegner spielt, der acht Spiele nicht mehr verloren hat, dann ist die Herausfoderung groß genug – das ist wie ein Endspiel.“
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