Heiko Herrlich erinnert seine Rumpfelf an die Helden der Verletzung
Jahn-Coach fordert gegen Halle Toba-Mentalität

Jahn-Trainer Heiko Herrlich (links) und Pressesprecher Martin Koch erklären den Quälgeist. (Foto: Sascha Janne)
Sport
Regensburg
10.08.2016
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Erst Jubel, dann Jammer: Markus Palionis (rechts) verletzte sich in Großaspach kurz vor Schluss schwer. (Foto: Sascha Janne)
 
Halles Cheftrainer Rico Schmitt. (Foto: dpa)
Regensburg: Continental-Arena |

Es ist nicht gerade Jahn Regensburgs Lieblingsgegner: 2:4 nach Freistoß-Desaster in 2013, ein chancenloses 1:4 beim Rückspiel, ein zittriges 1:1 zu Hause in 2014 und ein 1:2 in Sachsen-Anhalt, das den Abstieg 2015 besiegelte. Am heutigen Mittwoch, 19 Uhr, unternimmt der SSV einen fünften Anlauf, um gegen den Halleschen FC den ersten Drittliga-Sieg einzufahren – mit tabellarisch reiner Weste, aber vom Verletzungspech gezeichnet.


Am Samstag gerieten sich die Trainer der Geheimfavoriten ein bisschen in die Wolle: „Rico, Rico, Rico“, beschwor Chemnitzens Sven Köhler seinen Kollegen vom Halleschen FC, „ruhig, ruhig, ruhig.“ Nach dem zweiten Unentschieden in Folge wollte der Ex-Sachsen-Anhaltiner das Gerede vom Favoriten nicht mehr hören. Dafür schoben die Journalisten dem heutigen Gast in der Regensburger Conti-Arena ein wenig die Geheim-Favoritenrolle zu.

Kleineheismann: „Wir sind aggressiv, wir haben Charakter“

„Die Enttäuschung muss gleich wieder weg sein“, bewältigt HFC-Trainer Rico Schmitt das unnötige Remis seiner Rot-Weißen, die die Himmelblauen streckenweise an die Wand spielten: „Wir haben am Mittwoch gegen Regensburg schon das nächste Spiel, wollen auch dort punkten.“

HFC-Kapitän Klaus Gjasula mutmaßt in der Mitteldeutschen Zeitung: „Sie haben die Euphorie aus dem Aufstiegsjahr mitgenommen. Wir müssen mit einhundert Prozent in das Spiel gehen.“ Halles Abwehrchef Stefan Kleineheismann ist sich der Halleschen Sache dennoch sicher: „Wir sind aggressiv, wir haben Charakter – und so wollen wir auch gegen Regensburg bestehen.“

Der letzte Innenverteidiger

Bestehen muss auch Regensburg nach dem teuer erkauften 4:3-Sieg gegen Großaspach – Kapitän Markus Palionis fällt nicht nur wegen Gelbrot ein Spiel, sondern mit Außenbandriss für längere Zeit aus: „Es gibt mehrere Dinge, die wir berücksichtigen wollen“, nähert sich Herrlich dem schwierigen Sujet, „um das aufzufangen. Natürlich ist ein Markus Palionis mit seiner Art als Mensch auch enorm wichtig – er ist absolut unser Kapitän, unser Pusher und treibt die anderen immer an.“ Diese Tugenden müssten jetzt auf mehrere Schultern verteilt werden.

Als letzter gelernter heiler Innenverteidiger muss nun Sven Kopp in die großen Pale-Schlappen schlüpfen: „In den letzten zehn Minuten in Großaspach hat er seine Sache gut gemacht, hat jeden Ball rausgeköpft, der da in den Strafraum reingekommen ist“, lobt Herrlich, „ich hab‘ spaßig gesagt, da hättescht einen Bierkasten reinwerfen können in den Strafraum, den hätt‘ er auch noch rausgeköpft.“ Dennoch: Es sei schon extrem, dass eine ganze Branche flachfalle: Sebastian Nachreiner, Thomas Paulus, Ali Odabas, Robin Urban und jetzt auch noch Markus Palionis: „So was hab‘ ich auch noch nicht erlebt.“

Der Quälgeist von Olympia

Da bemüht Fußball-Psychologe Herrlich ganz große Kaliber, um seine Mannen an Vorbildern wieder aufzurichten: „Andreas Toba hat sich für seine Mannschaft im Turnen mit Kreuzbandriss aufgeopfert, um dann noch ins Finale zu kommen – das ist 'ne sensationelle Leistung.“ Doch hoffentlich jetzt kein Wink mit dem Zaunpfahl an das Regensburger Lazarett?

„Nur um das klarzustellen“, grätscht ein etwas besorgter Pressesprecher Martin Koch dazwischen, „es wird morgen keiner mit Kreuzbandriss auflaufen, die anderen sollen diesen Geist zeigen.“ Doch Herrlich ist schon beim nächsten Helden: „Die älteren werden sich erinnern, Armin Wolf … Pasquale Passarelli, der bei der Olympiade 1984 bei der Brücke 90 Sekunden verharrt, was menschlich eigentlich unmöglich ist, mit ‚nem gebrochenen Unterarm hat er sich da durchgebissen und hat die Goldmedaille so errungen – und das fordere ich morgen, eine ,Pasquale Passarelli‘-Mentalität.“ Falls der Appell fruchten sollte, ist an Herrlich ein Churchill verloren gegangen.

Training der Aushilfsverteidiger

Auch wenn im Hintergrund jetzt über einen Abwehr-Nachrüstungsbeschluss nachgedacht werde, wolle sich der Trainer erst mal nur auf die Bewältigung der heutigen Aufgabe mit den vorhandenen Spielern konzentrieren. Und sollte es wirklich noch schlimmer kommen, könnten Marc Lais und Andi Geipl die Rolle in der Innenverteidigung übernehmen.

„Wir haben das auch trainiert“, erklärt der Trainer, „ich lasse ja nicht nur 10 gegen 10, sondern auch 6 gegen 6 spielen – die 6er spielen dann Innenverteidiger, das sind zwar keine schulmäßig gelernten Innenverteidiger, aber sie können das aushilfsweise auf jeden Fall schaffen.“

Extrem-Pressing made in Halle


Gegen Halle erwartet Herrlich ein komplett anderes Spiel: „Wir werden nicht mehr diese Räume haben, wie wir sie bis jetzt hatten – schon gar nicht wie wir sie in Großaspach hatten.“ Die Sachsen-Anhaltiner seien eine Mannschaft, „die gerade beim ersten Spiel in Erfurt extrem gepresst hat, auswärts 3:0 gewonnen hat, ein hervorragendes Umschaltspiel nach Ballgewinn hat – also gerade die Situation, wo der Gegner nicht in einer geordneten Deckung steht.“

Die 7 bis 8 Sekunden nutzten sie immer eiskalt und versuchten sofort überfallartig da reinzuspielen. „Da müssen wir gewappnet sein, hellwach sein, eine gute Restverteidigung haben, eine gute Konterabsicherung, wie wir sie in Rostock eigentlich auch schon sehr gut hatten.“

Schreckgespenst Pintol

Und da ist es wieder, das Schreckgespenst, vor dem der Trainer regelmäßig warnt und das dann meist auch noch trifft: Benjamin Pintol, Neuzugang vom Regionalligisten Kickers Offenbach, schoss in seinem zweiten Drittliga-Spiel am Samstag sein zweites Tor. Der giftige Bosnier mit Hamšík-Kamm und Knoll-Bart sei stets präsent und anspielbereit. „Den müssen wir einfach gut verteidigen, gut in den Griff kriegen.“

Andererseits: Alles im Fußballerleben hat zwei Seiten – wer presst, hat keine Augen im Rücken: „Dadurch ergeben sich wieder andere Räume, die werden wir versuchen zu bespielen.“ Allerdings ohne großes Risiko einzugehen: „Wir werden denen nicht ins offene Messer laufen, aber wir werden auch unsere Torchancen erspielen.“

Gezügelte Euphorie und Masseneintritt

Wieviel Euphorie lässt der Trainer nach dem Traumstart in die 3. Liga zu? „Das soll jetzt kein mangelnder Respekt gegenüber unseren bisherigen Gegnern sein“, relativiert Herrlich die 6 Punkte, „aber ...“ Wie gesagt, anstelle von Räumen wie im Istanbuler Topkapı-Palast müsse man sich eher auf Stalking in der Telefonzelle einstellen. Die Leistung sei in den beiden Spielen sehr gut gewesen, aber in Großaspach habe es nach 20 Minuten eine Phase gegeben, in der die Mannschaft den Schalter auf Standby gestellt habe. „Wenn der Kopfball zum Schluss reingeht, geht’s 4:4 aus.“

Umso mehr freut sich Heiko Herrlich über die Unterstützung durch 110 neue Mitglieder auf einen Schlag, die zum Spiel gegen Halle in einem eigenen Mannschaftsbus anreisen: „Wir verfolgen den Jahn natürlich seit Jahren“, erklärt InterNetX-Chef Hakan Ali den Masseneintritt seiner kompletten Belegschaft in den Verein, „der Jahn hat im letzten Spiel richtig Leidenschaft gezeigt, das war Gänsehautfeeling bis zum Schluss, jede Sekunde – es ist ein Mannschaftssport und wir als Firma sehen uns natürlich auch mit Leidenschaft als Team.“
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