Heiko Herrlich in Burghausen auf dem Weg zum „1:0-Gott“
Jahn Regensburg deprimiert Wacker

Man of the Match: Der umjubelte Mann mit dem stählernen Clint-Eastwood-Blick vorm Duell, Markus Palionis, köpft gegen seinen Ex-Verein Wacker Burghausen das goldene Tor. (Foto: Sascha Janne)
Sport
Regensburg
16.04.2016
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Auch der hat ein Jubelgesicht: Marcel Hofrath hätte nach seinem Supersolo das Tor verdient. (Foto: Sascha Janne)
 
Da kennt Marcel Hofrath weder Freund noch Feind, den Blick stier auf den Ball gerichtet, düst er ab und scheitert nur an Keeper Eiban. (Foto: Sascha Janne)
 
Markus Palionis könnte die Welt umarmen, oder seine Frau ist schwanger, man weiß die Geste nicht zu deuten. Egal, sein 1:0 ist einen 5-Punkte-Vorsprung wert. (Foto: Sascha Janne)
 
Auch im Stellungsspiel hinten glänzte der Kapitän. (Foto: Sascha Janne)
Burghausen: Wacker-Arena |

Warum nicht gleich so? Nach einer tor- und ideenlosen ersten Halbzeit der große Schlagabtausch in Hälfte 2 des Spitzenspiels der Regionalliga Bayern. Neun Auswärtsspiele ohne Sieg und dann knockt der SSV Jahn ausgerechnet den ärgsten Verfolger Wacker Burghausen mit 1:0 aus. Das goldene Tor für Regensburg köpft Ex-Wackerianer Markus Palionis.

3600 Zuschauer, darunter rund 700 Regensburger, sehen bei bestem Fußballwetter zwei grundverschiedene Halbzeiten. Zu Beginn beide Mannschaften im Anti-Klopp-Style, nur nichts riskieren, im Zweifel eine Fünferkette, leichte Vorteile für die Hausherren, die einen Tick weniger fehleranfällig agieren – die Folge: eine Großchance für Stoßstürmer Juvhel Tsoumou.

Nach der Pause kommt Regensburg deutlich aggressiver aus der Kabine, verteidigt deutlich weiter vorne, setzt die Oberbayern unter Druck, zwingt sie zu Fehlern. Die Folge: Wahnsinnschance für Marcel Hofrath nach einem Sensationssolo und das etwas glückliche 1:0 nach Freistoßflanke Pusch auf Markus Palionis. Ein enges Spiel, ein spannendes Spiel, jetzt ist wenigstens ansatzweise zu merken, was Jahn-Trainer Heiko Herrlich versprochen hatte: Dass hier der Tabellenführer seine Spitzenposition verteidigen möchte – erfolgreich: Regensburg schenkt seinen Fans einen 5-Punkte-Vorsprung auf den Erzrivalen.

Wolf hätte fast den Sieg eingewechselt

„Ich trink Wasser“, sagt Heiko Herrlich bei der PK. Dabei hätte er sich was anderes verdient. Also, ich bin mit der Leistung meiner Mannschaft absolut zufrieden, unabhängig vom Ergebnis.“ Sie habe über 90 Minuten gearbeitet, gekämpft, gespielt. „Bloß, man muss natürlich ehrlich sein, dass die erste Halbzeit eher an Burghausen ging.“ In der zweiten Halbzeit sah Herrlich Vorteile für sein Team: „Wir hatten da zwei Großchancen am Anfang, die wir nicht nutzen konnten, und am Ende haben wir durch die Standardsituation das Glück gehabt, das uns in letzter Zeit manchmal im Abschluss gefehlt hat.“

Auch Uwe Wolf hat „ein sehr intensives Spiel“ erlebt: „Wie mein Kollege Heiko schon sagte, es hätte auch auf unsere Seite gehen können.“ Aus dem Spiel heraus habe seine Mannschaft die klareren Chancen gehabt: „Ich hätte heute dasitzen können und sagen, ich habe den Sieg eingewechselt – das hätte ich mir gewünscht für die Spieler. Wenn Benjamin Kauffmann mit der riesen Kopfballchance und dann zum Schluss nochmal Valonis Kadrijaj zum Ausgleich trifft – aber es hat nicht sollen sein.“ In puncto Einsatz- und Laufbereitschaft könne er seiner Mannschaft keinen Vorwurf machen.

Immerhin erkennt der Mann, der zum Schluss von der Trainerbank verwiesen wurde, an: „Nach der Halbzeit war der Jahn etwas aggressiver in den Zweikämpfen.“ Das sei ein Stück weit auch dem Alter geschuldet, weil man eine sehr junge Mannschaft habe: „Da sind wir in den einen oder anderen Situationen noch zu brav, aber das ist ein Entwicklungsprozess.“

Muss der Jahn sein Aufstiegsleben lass’n?

Beste Stimmung auf den Rängen, beide Fangruppen in Feierlaune: „Gib acht auf die Straß'n, künnst leicht dein Leben laß'n“, plakatieren die Weiß- Schwarzen – ein Zitat vom Torbogen zur Gasse „In den Grüben“ in der Burghausener Altstadt. Soll wohl heißen: „Lasset alle Hoffnung fahren, arme Gäste!“ Die Hausherren wollen mit kontrollierter Offensive die Regensburger kommen lassen, weil Uwe Wolf in Buchbach und Amberg beobachten konnte, wie schwer sich der Jahn tut, wenn er das Spiel machen muss.

Aber auch Heiko Herrlich, der sein Konzept bis kurz vor Anpfiff unter Verschluss halten wollte, geht mit einer Finte ins Match – 4-2-3-1 ohne Haris Hyseni, dafür mit Marc Lais auf der Doppel-6 neben Andi Geipl. Kolja Pusch soll den echten 10er geben und endlich mal mehr Impulse nach vorne setzen.

Der BFV wiederum schickt den international erfahrenen Schiri Marco Achmüller ins Rennen, damit der mögliche ausufernde Emotionen im Keim erstickt. Die erste Ecke für Burghausen, weil rechts ganz viel Raum ist (1.): Schuss aus der zweiten Reihe von Dominik Weiß in die Arme von Philipp Pentke. Freistoß Pusch auf Hesses Hinterkopf – eine Rückgabe an Eiban (2.). Alles zugestellt, deshalb Ali Odabas mit langem Ball auf den Torwart (5.). Aus dem Nichts die erste Chance für Wacker: Marius Duhnke ist rechts im Strafraum, Odabas bekommt den Fuß dazwischen, Ecke – das geht zu leicht (6.).

Ratlose Gestik: alles zugestellt

Heiko Herrlich wirkt reichlich nervös an der Seitenlinie – nicht von ungefähr: Alexander Nandzik schießt unbedrängt an der Grundlinie zur Ecke raus – wie wär’s mit Abstimmung und Zuruf Pentke? Allerdings sind die Standards der Hausherren bisher harmlos. Eine halbe Aktion von Marcel Hofrath über links, ein Kopfball von Hesse aus sehr spitzem Winkel daneben (14.).

Nandzik mit der ratlosen Gestik, „wo soll ich denn hinspielen?“ Auf Hofrath, der versucht den alten Schulhof Trick, Ball nach vorne, und Gegner umkurven, zu langsam (15.). So jetzt trudelt sich der Jahn über fünf Einwürfe in Höhe des Strafraums, Ziereis im 16er, Fabian Trettenbach von der rechten Strafraumkante weit drüber (18.).

Nach der vierten Burghausener Ecke die Konterchance für den Gast, Uwe Hesse mit einer guten Täuschung, aber dann braucht er viel zu lange, um auf den freien Ziereis zu spielen, und schiebt den dem Gegner die Kugel in die Füße (19.).

Tsoumous Gigantenchance

Besser machen das die Jäger von der Salzach: Nandzik schaut Marius Duhnke am 16er interessiert zu, der schickt Tsoumou in die Gasse, der aus fünf Metern knapp links vorbeischiebt – in der Mitte beißt sich ein mitgelaufener Kollege in den Ärmel, weil er den Fuß nicht mehr hingehalten hat (21.). Auf der Gegenseite köpft ein Wackeraner glasklar zur ersten Jahn-Ecke – es gibt Abstoß, Herrlich kann’s nicht fassen. Pusch jetzt mal mit einem gelungenen Pass auf Hofrath, dessen Flanke ist zwar unpräzise, aber die Wacker-Abwehr bringt sich mit einer Kerze selbst in Gefahr (24.).

Symptomatisch beim Jahn: Geipl schiebt einen Freistoß aus 30 Metern dem Nebenmann zu – was soll der damit anfangen? Alibipass Richtung Strafraum zum Gegner. Der Ball verspringt, die Gäste kommen zu einer Zufallschance und vergeben kläglich (25.). Das hat wehgetan: Hesse und Moser halten die Holzköpfe zusammen und bleiben einige Zeit liegen (27.) – für beide geht’s weiter.

Die ganz wenigen Offensivsituationen kommen zustande, wenn der Jahn mal aggressiv presst – aber dann bringt Hofrath die Flanke genau auf den Keeper – gut ist anders (30.). Auf der anderen Seite schlimmer Fehler vom letzten Mann Lais, hinter dem Tsoumou lauert. Er versucht einen lässigen Lupfer, Tsoumou ist mit der Brust zur Stelle, wenn der Ball nicht verspringt, hat er freie Bahn Richtung Pentke (32.).

Nur bei Abseits kommt die Flanke

Es dauert bis zur 35. Minute, ehe der Jahn wirklich die Ecke bekommt – und die freiwillig Alexander Eiban in die Hände legt. Geipl unterbindet den anschließenden Konter mit Foul. Kapitän Burkhardt hält aus 25 Metern drauf, Pentke faustet gerade noch weg (36.). So könnte es gehen: Wenn Burghausen das Spiel einstellt, weil abseits gewunken wurde, gelingt Pusch die Flanke auf die linke Seite, wo der freie Mann ins leere Tor einschiebt – Pfiffe (38.).

Nachdem Geipl Dominik Weiß an der Grundlinie wegschiebt und der Schiri weiterlaufen lässt, entwickelt sich ein Konter, den Hofrath mit dümmlichem Schussversuch zunichtemacht (40.). Fabian Trettenbach wurstelt sich rechts halbwegs durch und schießt aufs Tordach (43.). Dann noch eine Halbchance in der Nachspielzeit, aber anstatt den freien Hesse anzuspielen, geht der Pass ins Ungefähre (46.).

Wenn das schon ein Spitzenspiel ist, dann ist Kaffeekochen ein innovatives High-Tech-Projekt. Immerhin, Rainer Koch hat ein „tolles Spiel“ gesehen, ein „offenes Spiel“. Der BFV-Präsident muss das wissen.

Jetzt wird’s richtig rasant

Nach einer geschenkten Ecke bringt Geipl den Ball cum grano salis gefährlich in die Mitte, Hofraths hohes Bein wird abgepfiffen (47.). Endlich mal eine sehenswerte Aktion über Fabi Trettenbach, der im Doppelpass zum ersten richtigen Torschuss im 16er aus spitzem Winkel kommt – Eiban erster Sieger (49.). Auf der anderen Seite verliert Palionis das Tackling gegen Tsoumou, der entscheidet sich freilich für die schlechteste Möglichkeit, einem simplen Schuss auf Pentke, anstatt den freistehenden Kollegen anzuspielen.

Jetzt wird’s mal richtig rasant: Sofort der Konter über Hofrath, Eiban ist zur Stelle. Ziereis mit dem zweiten Ball, die nächste Ecke – reden wir nicht drüber (51.). Der fleißige Hesse rettet als Fabi-Stellvertreter im Strafraum gegen Benjamin Kindsvater – was haben dessen Vorfahren nur verbrochen? Während Moritz Moser schon wieder am Boden liegt, leitet der Jahn den nächsten Konter ein – da war definitiv mehr drin.

Atemberaubendes Solo

Die beste Szene der Regensburger folgt: Ein atemberaubendes Solo vom Hofrath von der Mittelinie bis in den Strafraum, Eiban rettet mit der Faust zur Ecke (56.). Bei Burghausen kommt Philipp Knochner für Weiß, den Pusch beim Kopfball unterlaufen hatte (58.) – Diagnose: schwere Gehirnerschütterung. Eigenwillige Abwehridee: Palionis hält Tsoumou kurz vorm 16er einfach mal fest – nicht die beste Idee, eine gefährliche Distanz: Pentke faustet Christoph Burkhards Schuss zum Einwurf (60.).

Nach hinten werkelt Kapitän Burkhard weniger als Feingeist – für die Grätsche gegen Nandzik sieht er Gelb. Freistoß Nähe Eckfahne: Geipl zielt auf einen Wackerstutzen – muss der Edelfuß in spe eigentlich jeden Standard treten (67.)? Beim Jahn kommt jetzt Marvin Knoll für Lais (69.). Aus dem Nichts aber erst einmal die Flanke von Burkhard, und der eingewechselte Kauffmann schafft’s aus fünf Metern, knapp links vorbeizuköpfen (72.). Knoll schickt nach einem ersten energischen Antritt Nandzik links, der aber mit ganz schwacher Flanke den Keeper bedient (74.).

Knolls Impulse

Wieder Knoll, der den Freistoß rechts außen bekommt: Pusch tritt das Ding aus rund 35 Metern in den 16er, Burghausens Nummer 14 verlängert die Kugel unglücklich und Käpt‘n Pale köpft unbehindert aus nächster Nähe zum 1:0 ein (77.). Nicht nur, weil er den Freistoß gezogen hat: Die Impulse der Nummer 10 sind spürbar, das Regensburger Mittelfeld wirkt noch präsenter, schön, dass Knoll zurück ist.

Achtung Regensburg: Ein schnell ausgeführter Freistoß auf Kindsvater, aber der schiebt schwach zu Pentke (78.). Die erste Gelbe für einen Domstädter nach einem dummen Foul von Ziereis im Mittelfeld. Bravo Heiko, anstatt einen Rückzieher zu machen, belebt der Jahn-Trainer mit Jann George die Offensive für den ausgepowerten Hesse (79.). Und auch Wolf legt nach, schickt Kadrijaj aufs Feld. Ein lustiger Versuch vom Ösi Moser, zum Elfer zu kommen: ein Seitenpurzler nach Körperkontakt, keine Regung beim Schiri (84.). Und Pusch bekommt nochmal den Freistoß von der 1:0-Position … schwach getreten.

Die eine letzte Chance und Aus!

Puschens neue Stärke: Fallen und Liegen (86.), as time goes by – dazu eine gemütliche Trinkpause. Oh, Uwe Wolf muss auf die Tribüne: „Ich wurde verwiesen, deshalb habe ich schnell die Flucht ergriffen“, erzählt er danach, schließlich wollte er vermeiden, dass das Spiel noch zehn Minuten unterbrochen wird wie beim Leverkusener Kollegen Roger Schmidt. „Ich habe, glaube ich, einmal die Coachingzone verlassen“, sagt er grinsend, „so hab‘ ich’s gefühlt“.

Wo andere Trainer auf die Tribüne stolzieren, marschiert ein Wolf schnurstracks zu den Hardcore-Fans, klettert auf den Zaun: „Ich schätze die Fans und es war harte Arbeit, die wieder zurückzugewinnen“, freut sich der Wacker-Knurrhahn über den Jubel im Fanblock. Von dort sieht er, wie Tsoumou am Boden liegt, Knoll hat ihn mit dem Ellbogen erwischt – es gibt drei Minuten oben drauf. Aargh, Abstoß zum gegnerischen Keeper, warum gibt Pentke den Ball so leicht wieder her?

Noch einmal ein Konter über Ziereis, aber der ist den einen Schritt zu langsam, um noch was daraus zu machen. Auweh, dann lässt der Jahn doch noch die eine letzte Riesenchance zu, weil keiner entscheidend eingreift, Kadrijaj allein vor Pentke, der hält (93.) – Aus!

Kein Jubel nach Kilometer 7,30

„Ich habe im Vorfeld gesagt, dass heute nicht die Meisterschaft entschieden wird“, betont Heiko Herrlich auch nach seinem stillen Triumph in Burghausen. „Egal, wie das Spiel ausgeht, weil es sind noch ein paar Spiele bei beiden Mannschaften vor der Brust.“ Große Hürden kämen da noch auf den Jahn zu, und deshalb sei es heute lediglich ein kleiner Schritt nach vorne. „Beim Marathon jubelt auch keiner nach Kilometer 7,30, sondern erst nach 42 Kilometern.“

Wie wahr, findet auch sein Pendant: „Wir wissen, die Situation ist schwierig für uns“, versucht sich Uwe Wolf an einer komplexen Kalkulation, „es sind noch 5 ausstehende Spiele, wir haben 5 Punkte Rückstand. Aber ich kann mich erinnern, wir haben schon mal 12 aufgeholt bei mehr Spielen, klar, aber im Fußball ist nichts unmöglich.“ Dreisatz oder so ähnlich.

Am kommenden Freitag, 19 Uhr, kann der SSV Jahn gegen den keinesfalls zu unterschätzenden SV Schalding-Heining (16./28 Punkte) nachlegen – im Hinspiel reichte es für Regensburg gerade mal zu einem glücklichen 0:0. Wacker Burghausen versucht am Sonntag beim FC Schweinfurt (13./31) den Abstand nicht größer werden zu lassen. Und der neutrale 1. FC Nürnberg II (2./51), der nicht aufsteigen möchte, fightet im Nachwuchs-Derby gegen Greuther-Fürth II (6./42).
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