Herrlich fordert vom SSV Jahn gegen Paderborn Kämpfertugenden
„Attackieren wie die Scheißhausfliegen“

Wer kennt diese traurigen Helden nach der letzten 0:2-Schlappe gegen Paderborn noch? Bild: Herda
Sport
Regensburg
23.09.2016
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Carsten Linnemann, Vorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung (MIT) der CDU/CSU,versprühte noch vor zwei Jahren grenzenlosen Optimismus für seinen SC Paderborn. (Foto: Bild: dpa)
Regensburg: Continental-Arena |

Knapp zwei Jahre ist es her, da versprühte der Paderborner Bundestagsabgeordnete Dr. Carsten Linnemann im Redaktionsgespräch Optimismus: „Ich bin der Überzeugung, dass wir das erste Jahr überstehen“, sagte er über den Bundesligaaufsteiger, bei dem er im Wirtschaftsrat sitzt. Zwei Jahre später trifft man sich wieder in der gleichen Liga. Am Samstag, 14 Uhr, geht‘s für beide Vereine schon wieder um eine Weichenstellung.

Die ersten Spiele sah es für den SC Paderborn nach einem Durchmarsch aus – einem nahtlosen Übergang von der Bundes- in die Regionalliga. Inzwischen haben die Westfalen (8./12 Punkte) nach zwei Siegen in Folge ( 3:1 in Erfurt, 4:2 gegen Chemnitz) den Jahn (10./11 Punkte) rechts überholt. Den direkten Vergleich mit Regensburg muss die annähernd gleichgroße Universitätsstadt (148.000 Einwohner) ohnehin nicht scheuen: Bei vier Aufeinandertreffen gelang den Oberpfälzern bisher lediglich ein mageres 0:0.

SCP erwartet SSV-Härte

„Wir gehen mit einem gesunden Selbstbewusstsein in das Spiel“, macht deshalb auch Chef-Trainer René Müller deutlich. Für Euphorie bestehe zwar noch längst kein Anlass. Aber auf die vom Gegner erwartete Zweikampfstärke und Zweikampfhärte habe er seine Truppe gut eingestellt. „In der Kabine ist das Selbstvertrauen zurück“, freut sich Müller, der in seiner aktiven Zeit selbst 16 Tore in 49 Spielen für den SCP erzielte.

Was dem gebürtigen Mindener zusätzlich Mut macht, ist das Problembewusstsein seiner Spieler: „In Regensburg erwartet uns ein schwieriges Auswärtsspiel, in dem wir vor allem im Zweikampfverhalten gefragt sind", stellt sich auch Linksverteidiger Thomas Bertels auf einen aufreibenden Stellungskampf ein. Dabei können die Gäste auf die Unterstützung von etwa 200 mitreisenden Fans bauen.

Jeder wollte Drittliga-Niveau beweisen

„Wir haben das am Mittwoch noch einmal aufgearbeitet in einer Mannschaftssitzung“, beschreibt Jahn-Coach Heiko Herrlich die jüngste Vergangenheitsbewältigung des so peinlichen wie überflüssigen 0:4-Waterloos in Zwickau, „wir haben uns die Tore noch einmal angeschaut.“ Herrlich versucht den sächsischen Reinfall aber auch in die Gesamtleistung des Teams seit dem gloriosen Relegationserfolg einzuordnen.

„Wo die Mannschaft eine überragende Leistung gezeigt hat, gerade auch im Spiel gegen den Ball – ich fordere von der Mannschaft immer ein, dass sie gegen den Ball spielt wie Scheißhausfliegen, dass wir attackieren, wo‘s nur geht.“ Den Gegner nie öffnen lassen, durchdecken, immer pressen, sofort in der gegnerischen Hälfte – das sei die ersten Saisonspiele auch zu sehen gewesen. „In den ersten Spielen wollte halt auch jeder beweisen, dass er Drittliganiveau hat und dass er mithalten kann.“

Supergau Aiglsbach

Gerade diese Tugenden, die die Hälfte des Spiels ausmachten, hätten gereicht, die ersten Spiele robust zu spielen und zu gewinnen. Auch noch gegen Hertha BSC. „Danach wurde es peu à peu weniger – der Supergau in Aiglsbach.“ Bis dahin habe keiner großen Druck verspürt. „Eine ungesunde Situation“, die sich in der bis dahin schlechtesten Saisonleistung gegen Aalen widergespiegelt habe. Nach intensiver Aufarbeitung sei es in Lotte wieder etwas besser gelaufen – mit Ausnahme der naiven Herangehensweise bei gegnerischen Standards, eigenen Chancen und der Schlussminuten.

Gegen Fortuna Köln habe man die angesprochenen Fehler wieder abgestellt, gerade bei Standards nichts zugelassen, eine super Moral bewiesen. „Es war vielleicht auch mein Fehler, dass ich den Schwerpunkt auf die Offensive gesetzt habe, obwohl ich vor dem Zwickau-Spiel gewarnt habe, wir müssen uns gegen die robuste, aggressive Spielweise behaupten, wir müssen versuchen, uns durchzusetzen – das ist uns in der zweiten Hälfte überhaupt nicht gelungen, es war genau spiegelverkehrt wie gegen Wolfsburg. Die haben uns den Schneid abgekauft.“ Man habe sich auffressen lassen.

„Ich dachte, wir sind eine Mannschaft“

Was das Schlimmste sei: „Ich dachte, wir sind eine Mannschaft – in Zwickau war‘s so, jeder schaut, wie er selbst am besten wegkommt, wie er selbst am besten dasteht.“ Diesen starken Tobak habe Herrlich den Spielern ins Gesicht schonungslos geblasen. „Wir müssen schauen, dass wir den Schalter schnellstmöglich wieder umlegen.“ Sonst werde man in eine ganz schwierige Situation kommen. „Deshalb ist es auch egal, wer da morgen kommt, welche Qualität der Gegner hat.“ Dieser Geist habe schon geherrscht, bevor er gekommen sei. Warum der jetzt wieder auflebe, könne Herrlich nicht verstehen. „Paderborn klingt gut“, sagt der Trainer, „ich hoffe, dass das bei unseren Spielern auslöst, die Tugenden wiederzubeleben.“

Paderborn sei vor eineinviertel Jahren noch in der Bundesliga gewesen, habe auch da gezeigt mit ihrem Kader, dass sie konkurrenzfähig sein können. Man habe nach dem Abstieg vielleicht die zweite Liga unterschätzt. „Man hat lange auch noch unter Stefan Effenberg davon gesprochen, dass man wieder aufsteigen wolle – und am Ende ist man Tabellenletzter gewesen.“ Nach schwierigem Start auch in der Dritten Liga sei man jetzt mit einem tollen Kader – junge Talente der Bundesliga-Zweiten – auf dem Weg der Besserung.

Marvin Knoll pausiert

Bis auf Marvin Knoll – für ihn darf „Robin Urban vor heimischem Publikum zeigen, warum wir ihn geholt haben“ – wird der verärgerte Cheferzieher der Jahn-Schlingel auf die Beladenen und Verletzten aus dem Zwickau-Debakel zurückgreifen können: Marc Lais, Andi Geipl und Alex Nandzik konnten wieder ins Mannschaftstraining einsteigen. „Bei allen sollte es reichen für das morgige Spiel.“

Wer die fünfte Auseinandersetzung mit den Nordrhein-Westfalen nicht live im Stadion verfolgen kann, kann das Spiel auszugsweise in der Live-Konferenz des WDR oder dem Livestream auf www.br.de verfolgen.
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