Herrlich warnt Jahn Regensburg vor blauem Wunder in den Relegationsspielen
Dämpfer in der Generalprobe gegen Club II

Sinnbild für die gemischten Gefühle nach der verpatzten Generalprobe: Bei der gedämpften Meisterehrung gebeugte Köpfe, aber nur, um sich von Oberbürgermeister Joachim Wolli Wolbergs die medaille umhängen zu lassen. Bilder: Herda
Sport
Regensburg
21.05.2016
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Das Motto für die Zukunft: Meister müssen aufsteigen. Hoffentlich gilt's heuer nicht für Wolfsburg.
 
Das Spiel beginnt wie beim Pokal-Aus gegen Haching: Als Vorführung der Jahn-Abwehr – Chancen im Gros für die kleinen Nürnberger.
 
Auch der SSV erspielt sich zu Beginn einige Chnacen, wirkt dabei aber nicht gerade zwingend, wie hier Kolja Pusch beim Hoch-3-Versuch im Strafraum.
Regensburg: Continental-Arena |

Da kann man sich schon die Augen reiben: 7042 Zuschauer wollen an diesem sonnigen Mai-Samstagnachmittag das bedeutungslose Saisonfinish einer 1B-Elf des bereits feststehenden Meisters gegen die U21 des 1. FC Nürnberg sehen. Für einen Stimmungsdämpfer ist der SSV Jahn aber immer gut: Mit einem 0:1 verpatzt Regensburg die Generalprobe für die Aufstiegsrelegation am Mittwoch und Sonntag.

Der Kopf sagt: „Ist doch klar, dass die Jungs nicht mit letzter Konsequenz hingehen und eine Verletzung riskieren – jetzt, wo die zwei Spiele des Jahres bevorstehen.“ Als die Deppen der Nation wären die Regensburger dagestanden, wenn sich heute im quasi Freundschaftsspiel gegen Nürnberg II ein wichtiger Spieler verletzt hätte. Was schert uns also ein 0:1 gegen die Franken-Bubis?

Der Bauch aber sagt: „Ein bisschen mehr darf’s schon sein.“ Man muss sich schließlich auch nicht im eigenen Stadion vorführen lassen und 7000 erwartungsvollen Fans des Drittligisten in spe alle Defizite vorführen, mit der sich der punkteschwächste aller fünf Regionalligameister das Leben in dieser Saison selbst immer wieder schwer machte.

Man möchte nicht wirklich wissen, ob die Mannschaft ein Endspiel heute besser gemeistert hätte, wenn Greuther-Fürth sich vergangene Woche nicht durch ein Eigentor in der 81. Minute selbst besiegt hätte – bei gleichen Ergebnissen heute, stünde der SSV Jahn dann auf Platz 3. Durchschnaufen und an das Gute in der Mannschaft glauben, schließlich sagen auch die großen Dramatiker: „Eine verpatzte Generalprobe sorgt für eine gelungene Premiere!“

Herrlichs herbe Warnung


„Natürlich ist es enttäuschend, wenn man gewinnt …“, hoppla, Heiko Herrlich, da muss der Trainer über den Versprecher selber kichern, „wenn man nicht gewinnt. Gerade im letzten Spiel haben wir uns natürlich vorgenommen, den Fans den Sieg zu schenken.“ Das sei nicht gelungen. „Erste Halbzeit war sicherlich ein sehr unterhaltsames Spiel für die Zuschauer, was nicht unbedingt für die Abwehrreihen beider Mannschaften gesprochen hat“, zählt der Regensburger Übungsleiter sehr großzügig für die Heimmannschaft 6:6 Chancen. Auf die Qualität der Abschlüsse kommt’s halt auch an: „Wobei man dazusagen muss, dass die Nürnberger die klareren hatten.“

Das Spiel nach vorne sei o.k. gewesen. „Aber in der Defensive darf das nicht so bleiben, sonst werden wir unser blaues Wunder in den Relegationsspielen erleben – es hätte 4:0 für uns stehen können aber auch 5:0 für die.“ In der zweiten Halbzeit habe man Druck gemacht, defensiv zwar weniger zugelassen, aber durch eine Standardsituation mit klarem Höhenvorteil gegenüber Nürnberg den Gegentreffer bekommen. „Dennoch Glückwunsch an Nürnberg, sie haben eine tolle Runde gespielt, wir können’s verschmerzen.“ Die Vorzeichen seien klar gewesen, Regensburg bereits Meister, man habe durchtauschen wollen. Deshalb sei der Trainer halbwegs zufrieden: „Wir sind nur mit einem verletzten Spieler herausgekommen, das ist Marcel Hofrath, der hat über eine Verhärtung geklagt.“

Die Kurzeinsätze von Marvin Knoll und Andreas Geipl bewertet der Trainer positiv: „Andi Geipl konnte mit der Maske spielen, hat zwar zwei Flugbälle direkt ins Aus gespielt, aber kommt damit zurecht. Marvin Knoll hat über keine Probleme geklagt.“ Wegen der Siegerehrung habe Herrlich zum ersten Mal keine Kurzansprache nach dem Spiel gehalten. „Das Spiel stand unter einem anderen Stern.“ Morgen früh im Training werde er das Nötige dazu sagen: „Jetzt gilt’s, volle Konzentration auf Wolfsburg.“

Prinzens Club-Kritik

„In der ersten Halbzeit haben wir richtig guten Fußball gespielt“, fasst noch-Club-U21-Coach Roger Prinzen richtig zusammen, „in Ballbesitz und viele Torchancen kreiert – leider im Abschluss nicht die richtige Konsequenz gehabt.“ Das hätte er in der Halbzeitpause angesprochen. „In der Defensive haben wir wenig anbrennen lassen, die Jungs haben das richtig gut gemacht und wir sind stolz auf sie – das Ergebnis haben wir uns vorgestellt im letzten Spiel, aber dann natürlich nicht in der Konstellation, dass wir Zweiter oder Dritter geworden sind.“ Viele U19-Spieler habe man erfolgreich integriert. Insgesamt sei es eine sehr positive Saison gewesen.

„Ich find’s halt schade, dass wir in letzter Konsequenz als Club diese Möglichkeit nicht genutzt haben, um in den Aufstiegsspielen mitzuspielen. Vielleicht hat da das letzte Vertrauen gefehlt in die Jungs.“ Als Trainer wolle man den maximalen Erfolg haben, dafür trainiere man Tag für Tag. „Dieses Jahr wäre es möglich gewesen.“ Man habe im Winter den Kapitän nach Unterhaching abgegeben, den Christopher Theissen zu Fortuna Köln. Der Club könne sich auf in den letzten drei Jahren top-ausgebildete Spieler freuen.

Trotz der Enttäuschung über die eigene Situation, vergisst Prinzen nicht die Höflichkeitsadresse an den Gastgeber: „Natürlich gratulieren aber wir auch dem Jahn und als Bayern drücken wir Heiko und Regensburg ganz fest die Daumen – gerade bei diesem Umfeld, wenn man sieht, wie viele Zuschauer hier kommen und welche Begeisterung hier ist, wäre es mehr als verdient, wenn sie aufsteigen.“

Die Meister-Diskussion

„Meister müssen aufsteigen“, ist die Parole des Tages auf der Hans-Jakob-Tribüne. Und: „Viele Köche verderben den Brei.“ Warum eigentlich keine dreigleisige Regionalliga? Klar, eine Regionalliga-Süd würde bedeuten, dass die Bayern bis zu 500 Kilometer anreisen müssten. Allerdings stehen dort dann auch attraktive Begegnungen gegen Saarbrücken, Waldhof oder Offenbach auf dem Programm. Und aus den Bayernligen können dann eben nur noch die Meister aufsteigen …

Herrlich hat schon Recht: Es ist keine B-Elf, die da heute aufläuft, eher so ein Team der verletzungsverfolgten ewigen Joker: Wie angekündigt darf Fabian Trettenbach für Oli Hein hinten rechts ausputzen, Marcel Hofrath und Robin Urban in der Defensive mithelfen. Im offensiven Mittelfeld treten André Luge, Daniel Schöpf und Kevin Hoffmann auf den Plan. Im Wellnessbereich für Wolfsburg entspannen Oli Hein, Uwe Hesse und Markus Ziereis.

Tag der offenen Scheunentür

Ein Auftakt wie gegen Unterhaching im Pokal: Pentke schon in den ersten 120 Sekunden dreimal im 1:1 (2.). Nach vorne versucht es der SSV mit gefälligen Kombinationen. Kurze Ecke auf Hoffmann, noch ein Kopf dazwischen – bei der langen ist Haris Hyseni aus nächster Nähe mit der Birne dran, knapp vorbei (7.). Hoffmann will’s wissen, nach einer 17-teiligen Ballstafette zwischen Meter 80 und 90 am gegnerischen Strafraum zieht er ab – es fehlt ein guter Meter (9.). Aber hinten geht das zu einfach, da spaziert der Nürnberger auf der rechten Seite bis zum Handschütteln mit Pentke durch, nur die letzte Fußspitze fehlt (10.).

Schöner Konteransatz über Luge, der’s bei der Ballrückgabe belässt (12.). Es bleibt dabei, die Jahn-Abwehr wackelt beim Elchtest wie eine bekannte A-Klasse – fünf Hochkaräter für die kleinen Clubberer, Ivan Knezevic zielt aus 12 Metern knapp drüber, zuvor legt Urban im 16er auf (18./20.). Besonders der 22-jährige Kroate kann schalten und walten, wie er will, es fehlt nur das letzte Mückenbein zur Führung (22.). Unfassbar, Abwehrspieler Patrick Kammerbauer köpft frei aus 5 Metern zu Pentke zurück (25.). Auf der Gegenseite peilt Hofrath beim Freistoß aus 25 Metern die kleine Club-Fangemeinde an, die längst erkannt hat: „Hier regiert der FCN.“

Licht- und Schattenkabinett

Schon etwas besser, Hofrath von der Strafraumgrenze, Keeper Sebastian Kolbe klatscht zur Seite weg (29.). Luge mal wieder rechts im Strafraum, halb Schuss, halb Flanke, ein halber Meter fehlt (31.). Licht und Schatten wechseln sich auf beiden Seiten ab, mal schöne Kombinationen, mal blinde Pässe ins Nichts – oder aus demselben ein Schuss von Pusch in dasselbe (36.).

Da bereden sich Kammerbauer und Ott beim Freistoß, Ott läuft rein, ein Jahn-Kopf ist zu niedrig, Ott frei drüber (41.). Und dann nochmal Kammerbauer, der 5 Meter vorm Tor Pentke anschießt. Zeit für eine Pause.

Von Trettes Ballverlust zum Gegentor

In Hälfte zwei darf Michael Faber für den verletzten Hofrath ran. Hoffmann mit dem Freistoß, Kolbe dreht die Kugel um den Pfosten (46.). Da beschwert sich Alexander Nandzik zurecht, dass Pusch blind ins Gemenge ballert, statt auf die freie linke Seite zu verlagern (51.). Faber führt sich mit einem Schuss aus 10 Metern halblinks in den blauen Himmel ein, nachdem eine Flanke zuvor von ganz rechts alle Adressaten verpasst hat (54.).

Das kleine Hoffmann-Solo holt den Freistoß aus 17 Metern zentral – Schöpf an einen Mauerkopf (57.). Indirekter Freistoß für Nürnberg, Knesevic und drei andere Weiße allein zu Hause im Fünfer, der Ivan macht das 0:1 (60.). Voraus geht ein Zuspiel auf Trettenbach, der den Ball am gegnerischen Strafraumeck verliert. Wieder verpennt Trettenbach ein Zuspiel, Ecke für Nürnberg, Pentke greift vorbei – abgepfiffen, Stürmerfoul (63.).

Gefährlich ist was anderes

7:1 Ecken für Regensburg spiegeln das Kräfteverhältnis nicht wirklich wider … bei der achten bekommt Odabas mit viel Mühe noch den Scheitel hin, aber gefährlich ist was anderes (67.). Zeit, das mal Ernst zu nehmen: Luge und Schöpf gehen, Marvin Knoll und Andi Geipl kommen (69.). Neu bei Nürnberg: Tim Wolf –und der wird sofort mustergültig freigespielt, aber dann verrutscht ihm der Ball am Fuß, sonst ist der alleine durch (77.). Es ist nicht der Tag des Fabian Trettenbach – entweder er verliert entscheidende Bälle oder er bleibt hängen (78.).

Zufallschance in der 90. Minute: Ein hoher Ball auf Trettenbach, der alleine vor Kolbe abspringt, der Keeper hebt den Ball über die Latte – die letzte Ecke für die Statistik, dann gibt’s zum Abpfiff bei allem Verständnis für die Relegationszurückhaltung einige Pfiffe für die blutleere Vorstellung der Hausherren.

Koljas Welt

Besonders ärgerlich findet Kolja Pusch die Niederlage gegen die Nachwuchsfranken nicht: „Es ist einfach nur schade, dass wir keinen Sieg einfahren konnten“, meint der Mittelfeldspieler. „Für uns war wichtig, dass wir im Rhythmus bleiben, dass die Spieler, die etwas weniger gespielt hatten, spielen konnten, dass sie noch fit werden für die Relegation, dass wir breit aufgestellt sind – der Fokus liegt ganz klar auf Mittwoch.“

Der Trainer steuere gut, alle seien sehr gut vorbereitet. Man habe das etwa gegen Greuther-Fürth beobachten können: „In den letzten Minuten haben wir den Gegner noch mit Druck bearbeiten können.“ Pusch sei hochmotiviert: „Ich freue mich immer auf wichtige, entscheidende Spiele, wo es immer um viel geht, da ist am meisten Feuer, Brisanz drin, da ist für alle Spieler, Verantwortlichen, Zuschauer eine riesen Geschichte.“ Und Pusch denkt groß, sehr groß: „Ich denke, ganz Deutschland oder ein großer Teil Deutschlands guckt auf uns und das freut uns.“

Zuschauen kann ganz Deutschland freilich leider erst beim Rückspiel am Sonntag, 29. Mai, in Regensburg: Achtung, bereits um 13.30 Uhr vor vollem Haus – denn nur dieses Spiel wird im Bayerischen Rundfunk live übertragen. Dass ganz Deutschland nach Wolfsburg pilgert, um das Hinspiel am Mittwoch, 25. Mai, 19 Uhr, zu bewundern, dürfte selbst dann unwahrscheinlich sein, wenn die Niedersachsen Schürrle, Dante und Draxler ins Rennen schicken.
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