Jahn erstarrt gegen Holsteiner in lähmender Verunsicherung
Im Kielwasser versenkt

"Verantortung übernehmen, Konsequenzen ziehen" fordern die Fans vorm Turm staatstragend. Ein Appell an Oberbürgermeister Joachim Wolbergs, sich als oberster städtischer Sportpolitiker ins Krisenmanagement einzuschalten. Bilder: Herda
Sport
Regensburg
24.09.2014
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"Verantortung übernehmen, Konsequenzen ziehen" fordern die Fans vorm Turm staatstragend. Ein Appell an Oberbürgermeister Joachim Wolbergs, sich als oberster städtischer Sportpolitiker ins Krisenmanagement einzuschalten. Bilder: Herda
 
Der temperamentvolle Herr Kurz sieht Gelb.
 
Der fassungslose Herr Trettenbach gibt sich und Schiri Robert Kampka (Mainz) ebenfalls die Ehre.
 
Während Alex Schmidt im Hintergrund noch den Kurs sucht, bereitet Störche-Dresseur Karsten Neitzel einen entscheidenden Wechsel vor.

Es wiederholt sich. Der Jahn bemüht sich redlich mit begrenzten Möglichkeiten und scheitert an den immer gleichen Unzugänglichkeiten: Mit hohen Flanken ist die Abwehr ausgehebelt, die Gäste aus Kiel verwerten zwei ihrer vier Möglichkeiten. 2600 Zuschauer sehen ein trostloses Spiel – bezeichnend: Die Hilflosigkeit der überforderten Jugendgruppe am Ende des Spiels findet ohne Ton statt. Kaum Pfiffe. Bis zum bitteren Ende. Nach dem 0:2 steht Sportchef Keller auf der rhetorischen Abschussliste.

„Dafür kann Christian Keller doch nichts“, verteidigt Gerd Otto, früherer MZ-Chefredakteur und leidenschaftlicher Fußballfan, der selbst bis ins mittlere Alter kickte, den ausgebuhten Akademiker. „Es war richtig, den Kader breit aufzustellen. Und die Mannschaft hat doch bereits in einigen Spielen gezeigt, dass sie mithalten kann.“ Noch lange nach dem Schlusspfiff stehen allerorten Grüppchen, die den neuerlichen Tiefschlag diskutieren.

Ein weiterer Fan mischt sich ein: „Ich glaube durchaus, dass Keller seine Qualitäten hat, aber er hat nicht die Erfahrung eines Franz Gerber bei der Zusammenstellung des Kaders – der hat mit seinen guten Kontakten immer einige Spieler aus dem Hut gezaubert, die rechtzeitig einschlugen“, sagt Alois. „Keller hätte das zusammen mit Gerber machen sollen und vor allem Thomas Stratos weiterarbeiten lassen – der hatte einen Zugang zu den jungen Spielern, da ist eine Mannschaft zusammengewachsen. Die hat er ohne Not zerschlagen.“

Schnee von gestern

Letztlich mag Gerd Otto Recht haben, wenn er sagt: „Das ist Schnee von gestern.“ Die Würfel sind gefallen. Und es bringt den Verein nicht weiter, in der Vergangenheit zu leben. Aber gerade wenn man Christian Keller zugestehen möchte, dass er als Manager eines Drittligisten Novize ist, muss man hoffen, dass er aus Fehler lernen kann.

Mit 8 Punkten aus 11 Spielen, mit einer Tordifferenz von minus 11, nach einer 0:5-Niederlage gegen den aktuell Vorletzten Dortmund, nach Heimniederlagen gegen allenfalls biedere Mitkonkurrenten um die Abstiegsplätze wie Münster (0:4 gegen Ex-Schlusslicht Mainz!) und eben Kiel, ist es nicht zu spät zuzugeben: Es wäre besser gewesen, auf die solide Leistung der vergangenen Saison aufzubauen und gezielt zu verstärken – statt zwei Jahre vor dem angepeilten Conti-Arena-Finish erneut überforderte Amateure von Bayern- und Regionalliga- auf Drittliga-Niveau zu pushen.

Das Potenzial ist da – nur wann ist es entwickelt?

Gerd Ottos Beobachtung, dass die Mannschaft in einigen Spielen auf Augenhöhe mithalten konnte, stimmt natürlich: Gegen Duisburg war das ordentliches Mittelmaß, in Dresden und gegen Cottbus sogar über den Verhältnissen. Man kann der jungen Mannschaft das Potenzial nicht absprechen – aber man kann Zweifel anmelden, ob die Zeit reicht, dieses rechtzeitig zu entwickeln.

Trainer Alex Schmidt, der aktuell besonders unter Beschuss steht, hat die Mannschaft übernommen – ohne Einfluss auf deren Zusammenstellung. Man kann bemängeln, dass er viel experimentiert, auch wenn vieles Ausfall-bedingt ist. Man kann kritiseren, dass er kein System, sonder viele Systemnansätze testet. Aber man kann nach Spielen wie in Dresden oder Erfurt nicht sagen, dass er die Mannschaft nicht erreicht hätte – der Einsatz war da, die Mannschaft scheiterte an kleinen, dummen Fehlern.

Auch in der Zweitliga-Saison fehlte Konstanz

Ähnliches könnte man auch über die letzte Zweitliga-Saison sagen, die bekanntlich in den sofortigen Wiederabstieg mündete: Der Jahn verlor zum Saisonauftakt unglücklich bei den Löwen, weil Abde Amachaibou kurz vor Schluss einen Elfer vergeigte. Er gewann sein erstes Heimspiel ausgerechnet wie heuer gegen den MSV Dusiburg souverän – ein böses Omen?

Und dann kamen die Wahnsinnsspiele gegen Köln, Union Berlin und das Rückspiel in Duisburg, bei denen ein 2:0-Vorspung verspielt wurde. Auch mit vielen Zweitliga-Millionären konnte der SSV lange mithalten, aber er musste kontinuierlich über seine Verhältnisse spielen – und jede Verletzung hatte fatale Folgen. Deshalb fehlte die Konstanz – wie sie auch in dieser Saison fehlt.

Kieler Kick and Rush

Es wurde auch Fußball gespielt heute Abend, auch wenn dieser Begriff für das über weite Strecken Dargebotene euphemistisch klingt. Der Jahn beginnt mit nahezu unveränderter Aufstellung, nur der zuletzt gelbgesperrte Andi Geipl rückt für Andreas Güntner ins Mittelfeld. Es ist wie bei jedem Heimspiel: Das Bemühen, das Spiel in die Hand zu nehmen, ist deutlich zu sehen. Aias Aosman zieht die Fäden in der Mitte, marschiert Richtung 16er, legt ab auf Patrick Lienhard, der sich verheddert. Fabi Trettenbach rückt mit auf, allein, seine Flanke landet im Niemandsland (5.).

Nach zehn Minuten übernehmen die Kieler allmählich das Regiment. Wiederholt versucht Marc Heider die Stürmer in Szene zu setzen – eine erste Flanke pflückt Dominik Bergdorf mühelos herunter. Kurz später verpassen nach einer Freistoßflanke Regensburgs Matthias Dürmeyer und Kiels Manuel Schäffler (15./18.). Kieler Kick and Rush reicht leider, um die Jahn-Abwehr ins Schwimmen zu bringen.

Die Einschläge kommen näher

Nach dringendem Abseitsverdacht taucht Schäffler frei vor Bergdorf auf, der sich ganz breit macht und so zum unüberwindbaren Hindernis wird (25.). Da hat wohl einer die Anweisung bekommen: lieber klar Schiff, als schnell Schiffbruch: Thomas Kurz haut im Zweifel die Bälle weit raus – und wenn dann doch mal Gefahr droht, weil ein blauer Storch durchbricht, krallt er sich in Mann und Hose. Dafür gibt’s nachvollziehbar Gelb (34.).

Dann mal ein erster Halbkonter der Regensburger: steiler Pass auf Bene Schmid, der aus 25 Metern halblinks abzieht – gut zwei Meter drüber (35.). Zwei Minuten später diagonal entgegengesetzt schreit Fabian Wetter verspätet nach Tackling Zeter und Mordio – das akustische Signal reichte dem weit ab vom Schuss agierenden Schiri Robert Kampka (Mainz), um Trettenbach Gelb zu zeigen (37.). Schon besser hat er die folgende Szene im Blick: Vorm erfolgreichen Torschuss nimmt ein Kieler die Hand zu Hilfe – abgepfiffen (37.)!

Weitschüsse aus dem Prinzip Hoffnung

Es dauert 40 Minuten, bis der Jahn zum ersten Eckball kommt – das sagt einiges über das Spiel der Gastgeber: Lienhard flankt, Kurz und Dürmeyer verpassen und schon läuft der Konter der Kieler – zwei gegen einen, aber der lange Pass auf Schäffler ist richtig schlecht (41.).

Es wirkt verzweifelt, mit welchen Mitteln der Jahn die stabile Abwehr der Nordlichter aushebeln will: Mal eine ganz neue Freistoßvariante, langer Pass auf Lienhard, der ihn auch fast erreicht hätte (44.). Und wenn Aias Aosman einen vom Prinzip Hoffnung getragenen Schuss aus 35 Metern ins Nichts vorträgt, weiß man, was diese erste dreiviertel Stunde geschlagen hat – selbiges versucht dann auch noch Oli Hein (47.), ehe die Rot-Weißen in den Katakomben verschwinden.

Starke Viertelstunde

Ein erster halbwegs gelungener Konter dann acht Minuten nach Wiederanpfiff: Bene Schmid legt auf Aias Aosman ab, der von der Strafraumgrenze abzieht – Ecke (53.). Im Gegenzug dann die erste Großchance für Kiel: Tim Siedschlag darf halbrechts allein vor Bergdorf sein Schussglück versuchen, der blonde Ersatzkeeper reagiert erneut blendend und faustet das Ding über die Latte (55). Das sieht nicht gut aus: Freißtoß Kiel von der rechten Außenlinie, nicht Kurz oder Windmüller, sondern Hartmann steigt am höchsten, kann den Kopfball aber nicht mehr entscheidend drücken (56.).

Bene Schmid setzt sich einmal robust im 16er durch, schafft’s nicht nur bis zur Grundlinie, sondern auch noch ein passables Anspiel auf Aosman, der aus acht Metern an der vielbeinigen Abwehr scheitert – Andi Geipl drischt den Abpraller aus 18 Metern zurück aufs Tor, Kronholm ist unten (59.). Und auch die wohlgetimte Flanke auf den langen Pfosten, die Hartmann noch gerade so klärt, ehe Schmid Vollzug melden kann, hätte ein glücklicheres Ende verdient (60.). Kurz darauf tankt sich Schmid in den Strafraum, taumelt, fällt, aber trotz Protest bleibt der Pfiff aus (61.). Der Jahn am Drücker, das Publikum geht jetzt mit: Lienhard auf Aosman, der halblinks nicht genau genug zielt (63.)!

Kieler Tore nach Auswechslungen

Karsten Neitzel ist am Spielfeldrand kein Mann der leisen Töne: Er krächzt und kreischt beständig mit sich überschlagender Stimme seine Anordnungen. Nach der kurzen Drangphase der Regensburger sieht er Handlungsbedarf: Er schickt Patrick Breitkreuz für Patrick Herrmann aufs Feld. Offenbar lässt sich der Jahn vom Procedere ablenken. Kiel über links scharf nach innen, alle verpassen, der Ball ist bereits aus der Gefahrenzone. Dann schlägt der neue Mann den Ball Richtung Fünfer, Heider läuft auf den kurzen Pfosten und locht ein (69.). – 1:0 gerade als der Jahn zu spielen begann. Prost Mahlzeit!

Endlich reagiert auch Alex Schmidt: Romas Dressler soll trotz Fitnessdefiziten anstelle von Lienhard neue Impulse setzen (74.). So war das allerdings nicht gedacht: Jetzt fängt der Jahn schon nach jeder Auswechslung Tore: Nur drei Minuten später kann ein Blauer in aller Seelenruhe von rechts flanken, der Ball ist gefühlte zwei Minuten in der Luft, Bergdorf und Kurz beobachten im Rückwärtsgang die Fluglinie, Rafael Kazior steht mutterseelenalleine am langen Pfosten und nickt ein – 2:0, Schicht im Schacht (80.).

Höchststrafe: Mitleid

Sehr spät setzt Schmidt jetzt auf Noah Michel als Notnagel im Sturm (82.) und Andi Güntner als Geipl-Vertreter (83.). Aber zu Offensivakzenten reicht das alles nicht mehr, im Gegenteil: Bergdorf muss ein weiteres Mal in einer 1:1-Situation retten und darf sich den Trostpreis „bester Verlierer“ anheften lassen (86.). Die Luft ist jetzt draußen. Es ist gespenstisch still im Stadion – Höchststrafe für die Verantwortlichen, nicht für die Akteure: Man spürt keine Häme, eher Mitleid mit den Spielern, die sich mühen, aber äußerst unglücklich agieren – symptomatisch die Direktabnahme von Romas Dressler am Mittelkreis, die fast zur Vorlage für Kiel wird, dezentes Lachen, leicht ironischer Applaus.

Schlusspfiff, der Chor der „Keller raus“-Rufe schwillt an, Vorhang zu, alle Fragen offen. Aias Aosman ist nicht der Einzige, der getröstet werden muss. Fassungslos ringen Gino Windmüller und Thomas Kurz im Gespräch mit den Verletzten Stephan Loboué und Bastian Nachreiner um Worte. Schöne Geste: Christian Keller läuft trotz anhaltender Fan-Proteste zum Grüppchen der Niedergeschlagenen und tätschelt die hängenden Köpfe der Bedrückten und Beladenen.

Ausgerechnet jetzt steht dem Jahn auch noch ein doppelter Auswärtsspieltag bevor. Am kommenden Samstag wird sich SV Wehen Wiesbaden (6./20 Punkte) auch nicht kampflos in das Schicksal ergeben, den Aufbaugegner für den Jahn zu mimen. Eine Woche später, 4. Oktoker, gastiert Regensburg in Osnabrück (11./14). Und die nächste Heimzitterpartie gegen Aufsteiger SG Sonnenhof Großaspach (16./11) fällt auf Samstag, 18.10., 14 Uhr.

Keine Panik – Keller forscht

Man muss mit drei Punkten Rückstand zu einem Nichtabstiegsplatz 27 Spieltage vor Saisonende nicht in Panik verfallen. Aber man kann auch nicht ignorieren, dass das Spiel heute so weit weg war vom großen Befreiungsschlag wie Kiel von Regensburg. Da war kein Plan zu erkennen, nur lähmende Verunsicherung. Es gibt keine Garantie, dass das Konzept „Keller forscht“ in absehbarer Zeit aufgeht.

Auf der Gegengerade unterm Turm prangt das Spruchband: „Verantwortung übernehmen, Konsequenzen ziehen“ – ein nahezu staatstragender Appell für Fußballfans. Oberbürgermeister Joachim Wolbergs und Kollegen könnten langsam ins Grübeln kommen, was es für die Stadtpolitik bedeuten würde, wenn der Jahn als Regionalligist vor 800 Zuschauern in der Conti-Arena gegen Schalding-Heining spielen müsste. Mitten im laufenden Betrieb die gesamte Führung zu entlassen, wäre freilich wenig konstruktiv. Aber anstatt Prozesse auf Nebenkriegsschauplätzen zu führen, könnte erfahrener Rat von außen hilfreich sein.

Alter Hase meets jungen Aufsteiger

Was hätte eigentlich gegen ein Führungsduo Keller-Gerber gesprochen? Kurze Zeit hatte es ja danach ausgesehen, ehe Gerber das Handtuch warf, als man ihm unabgesprochen eine demütigende Rolle im zweiten Glied anbot. Ein alter Hase mit dem Riecher für unterschätzte Talente und ein junger Aufsteiger mit dem langen Atem, um eine breite Basis mit Perspektivtalenten zu schaffen – das hätte doch eine gewisse Logik.

Und was spricht heute dagegen, außer persönlichen Animositäten? Und die sollten im Interesse des Vereins keine Rolle spielen. Es geht nicht um Nostalgie, sondern um pragmatisches Krisenmanagement. Immerhin hat der alte Fuchs Gerber, nachdem Actori im ersten Anlauf gescheitert ist, den Verein schon einmal im letzten Moment gerettet – und Privatkapital investiert, das immer noch auf Jahn-Konten für den Verein arbeitet. Für mich klingt das wie eine echte Win-Win-Situation, wenn man es schaffen würde, über den eigenen Ego-Schatten zu springen.