Jahn-Punktspielpremiere in der Arena gegen Aschaffenburg
Durchstarten oder Fehlstart?

Jahn-Coach Christian Brand redet auf Oli Hein ein. Bilder: Herda/dpa
Sport
Regensburg
16.07.2015
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Jahn-Coach Christian Brand redet auf Oli Hein ein. Bilder: Herda/dpa

„Wir haben heute zum ersten Mal die Gelegenheit, die Menschen ins Stadion zu spielen", freut sich Christian Brand auf die Punktspielpremiere am Donnerstag, 19 Uhr, in der neuen Arena. Der Gegner? Der schwer einzuschätzende Bayernligameister Viktoria Aschaffenburg.

Zweite Unbekannte: die Zuschauer. „3000 Tickets sind im Vorverkauf weg“, sagt Pressesprecher Till Müller. Die 30 bis 50 Gästefans machen das Kraut nicht fett. Aber ob’s am Ende 5000 oder 8000 werden, traut er sich nicht zu prognostizieren. „Wir sind auf alle Fälle vorbereitet.“

Schizophrene Erwartungshaltung

Nach den Feierwochen in der Arena mit voller Hütte, langen Staus auf den Zufahrtsstraßen und einem nach dem jahnsinnigen Tief der vergangenen Desastersaison doch steigenden Stimmungsbarometer ist die Spannung groß: Wie schwierig ist nun diese Liga, aus der ein finanzieller Krösus wie Bayern München seit vier Jahren vergeblich versucht, seine U23-Mannschaft wieder hochzuhieven? In der Drittliga-Absteiger Wacker Burghausen mit Ach und Krach einen 11. Rang erreichte?

Die Ansprüche vor dem Liga-Start sind schizophren – das Bayern-Trauma, die Tatsache, dass der Meister noch die Relegation meistern muss, wird in einem Atemzug mit dem Anspruch des sofortigen Wideraufstiegs formuliert – die Ausrede klammer Kassen zählt nicht mehr, nun ist man selbst an der Spitze der Nahrungskette.

Nüchtern, professionell, konzentriert

„Wir haben eine gute Mannschaft, das Selbstbewusstsein ist da“, versucht Christian Brand eine nüchterne, konzentrierte, professionelle Einstellung an den Tag zu legen und sich nicht kirre machen zu lassen von den Ansprüchen, die von außen herangetragen werden. Diese Haltung ist sicher mehr als Understatement und die Konsequenz aus der längst bedauerten Prognose von Sportchef Christian Keller, als der nach dem Umbruch vor der vergangenen Saison ein besseres Ergebnis versprach. Das Resultat ist bekannt.

Brand und Keller wissen, dass gute Rahmenbedingungen eine zentrale Voraussetzung für den sportlichen Erfolg sind. Aber längst nicht alles: Die Konzentration auf jedes Spiel, das Einlassen auf die Liga, das Ernstnehmen von Gegnern, deren Namen bisher kaum einem Spieler geläufig sind. „Vom Eröffnungsspiel hängt's ab, wie's mit dem Selbstbewusstsein weiter geht“, kennt der Trainer die eigenartige Dynamik von Fehlstarts oder Durchstarten.

Viktorias weiße Fahne

Der erste mögliche Stolperstein: Viktoria Aschaffenburg, die ihre großen Momente nach dem Krieg feierte – in der Oberliga zusammen mit Bayern München, dem VfB Stuttgart und dem Club. 1984/85 gelang noch einmal der Aufstieg in die Zweite Bundesliga, anschließend folgte ein schleichender Niedergang. „Für uns geht es als Aufsteiger darum, am Ende der Saison mindestens auf dem fünftletzten Platz zu landen“, sagt Viktoria-Coach Slobodan Komljenovic, den Brand noch als Spieler von Eintracht Frankfurt kennt. „Dafür müssen wir zu Hause eine Macht werden.“ Seine Prognose: „Mit dem FC Bayern München II, TSV 1860 München II und Drittliga-Absteiger Jahn Regensburg sehe ich drei Mannschaften, die im Meisterschaftsrennen ganz vorne zu finden sein werden.“

Also bereits vor dem Spiel die weiße Fahne gehisst? „Wie schnell kommt meine Mannschaft in der Regionalliga an?“, grübelt der serbische Hesse. Der frühe Zeitpunkt des Aufeinandertreffens lasse immerhin hoffen, dass sich der Jahn nach dem Abstieg noch in einer Umbruchphase befinde. Vielleicht ein kleiner Vorteil der Gäste am Westrand Bayerns? „Wir können auf eine eingespielte Mannschaft vertrauen und personell aus dem Vollen schöpfen.“

Klatsche beim Hessenligist

Der Viktoria, die mit einem Bruchteil des Regensburger Jahresetats von 1,5 Millionen Euro um den Ligaverbleib kämpfen muss, geht es vor allem um eine couragierte Leistung, die Mut macht für den weiteren Saisonverlauf. Gleich zu Beginn eine 2:6-Klatsche wie beim Testspiel vergangene Woche beim Hessenligist SC Hessen Dreieich wäre da psychologisch eine schwere Hypothek.

Aber auch Christian Brand ist sich nicht so sicher, wo seine Jungs momentan stehen. Ach wie trügerisch: „Wir haben gegen Mannschaften wie Nürnberg, 1860 München, Fürth oder Augsburg gespielt, das sind natürlich ganz andere Mannschaften, als die in der Liga.“ Zum einen bessere, zum anderen aber auch Mannschaften, die selbst das Spiel machen wollen. „Augsburg hat versucht zu pressen, da habe ich viele gute Sachen gesehen, wie wir uns befreit haben.“ Die Gegner in der Regionalliga würden aber umgekehrt den Jahn kommen lassen. „Wir brauchen Geduld und gute Nerven.“

Der Jahn muss das Spiel machen

Entgegen des Gästetrainers Hoffnung sollte der SSV auch auf eine eingespielte Achse setzen können: Vor dem Neuzugang im Tor, Philipp Pentke, bilden Markus Palionis, Marcel Hofrath und Oli Hein ergänzt um Ali Odabas die Abwehr. Marvin Knoll, Uwe Hesse und Kolja Pusch sollen aus dem Mittelfeld Jann George und Markus Ziereis im Sturm bedienen. Definitiv ausfallen dürften Thomas Paulus und Fabian Trettenbach. Der Einsatz von Basti Nachreiner ist mehr als fraglich. Der Rest ergibt sich aus taktischen Erwägungen kurzfristig.

Besteht die Gefahr, den Gegner zu unterschätzen? Das kann sich der Jahn-Coach beim besten Willen nicht vorstellen: „Gerade das Spiel gegen die Ostbayernauswahl hat gezeigt, wie schwer es ist, immer das Spiel machen zu müssen.“ Die vielfachen Nennungen des Jahn als Topfavorit von Seiten der Trainerkollegen sieht Brand nicht als Bürde: „Das ist ein Muster ohne Wert“, wischt er das Thema beiseite, „Sie wissen doch, wie solche Umfragen zustande kommen – „O.k. wer ist abgestiegen, Jahn Regensburg, und dann nehme ich noch Bayern München, da nehme ich mir selbst schon etwas Druck.“