Jahn Regensburg lässt sich von Magdeburg den Schneid abkaufen
„Weihnachten fällt auf Ostern“-Ausgleich

Tumult, weil Schiri Oliver Lossius (Sondershausen, Thüringen) dem Rugby freien Lauf lässt. Nach Sven Kopps Sohlentritt versucht sich Sportsfreund Nils Butzen (16) als Karate-Kid. Bild: Herda
Sport
Regensburg
29.10.2016
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Magdeburgs Huuu-Rhythmus, treibt das „blau-weiße Fußballland“ zum leidenschaftlichen Fight – „einmal blau ist immer blau, hej, hej“. Bild: Herda
 
Munteres Kniescheibenschießen: Diesmal hat's Kolja Pusch erwischt. Bild: Herda
 
Magdeburgs Goalgetter Christian Beck verpasst nur knapp. Bild: Herda
Regensburg: Continental-Arena |

Für Freunde des Rugby-Sports ein toller Nachmittag: Der 1. FC Magdeburg nimmt mit einem äußerst robusten Mandat Regensburgs Edeltechniker Erik Thommy komplett aus dem Spiel. Schiri Oliver Lossius (Sondershausen, Thüringen) lässt dem Gemetzel in der ersten Hälfte seinen Lauf und hat Glück, dass das Spiel nicht völlig aus dem Ruder läuft. Und in der besseren zweiten Hälfte, lässt sich der SSV Jahn erneut durch einen Sonntagsschuss den Senf von der Wurst nehmen.

„Wir haben ein Superspiel abgeliefert“ fasst Kolja Pusch, mit seinem Robben-Tor und drei weiteren starken Szenen „Player oft the Match, das Erlebte treffend zusammen. „Bei so einem Kampfspiel ist es einfach wichtig, dass du nicht verlierst.“ 6386 Zuschauer waren trotz fehlender spielerischer Eleganz von der Schlacht in der Conti-Arena keineswegs enttäuscht – anders als der Moderator des Bayerischen Rundfunks, der sich bei der Übertragung stellenweise in einen negativen Blues steigerte.

Die gute Stimmung im roten Rund ist nicht nur der sanften Herbstsonne zu verdanken, die am Wochenende vor der US-Schicksalswahl immer wieder Mal für Indian-Summer-Zauber sorgt. Auch die Fankurven beider Lager lassen erst gar keine Tristesse aufkommen. Magdeburgs Huuu-Rhythmus, treibt das „blau-weiße Fußballland“ zum leidenschaftlichen Fight – „einmal blau ist immer blau, hej, hej“.

Jens Härtel: „Ein Stückchen gewackelt“

„Wir sind hier hergefahren, um das Spiel zu gewinnen, auf keinen Fall zu verlieren“, fasst FC-Trainer Jens Härtel die Intention der Magdeburger zusammen. „Wir sind ganz ordentlich ins Spiel gekommen, hatten auch in der ersten Halbzeit die größeren Möglichkeiten – und wenig zugelassen.“ Natürlich könne man Regensburg nie ganz verteidigen, aber außer einem 30-Meter-Schuss falle ihm keine gefährliche Aktion der Gastgeber ein. „Das änderte sich leider in der zweiten Halbzeit, wo wir gar nicht gut rausgekommen sind, wo Regensburg viel Druck gemacht hat und in Führung geht.“

Man habe eine Weile gebraucht und auch ein Stückchen gewackelt. „Wenn wir da das zweite Tor bekommen, wird’s ganz schwer, aber wir sind dann halt zurückgekommen.“ Es gehöre immer ein bisschen Glück dazu bei so einem Schuss, aber das habe sich die Mannschaft verdient. „Und hinten raus sind dann noch drei klare Möglichkeiten, um vielleicht auch drei Punkte mitzunehmen, aber unterm Strich ist es ein verdientes Unentschieden.“ Freiburgs Leihgabe Florian Kath habe oft „an den Ketten gezogen“, sich aber leider nicht belohnt, als ihm Oli Hein freie Fahrt vor Pentke einräumt: „Da muss er jetzt dranbleiben, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.“

Heiko Herrlich: „Über der Grenze“

„Nach zwei Niederlagen haben wir heute wenigstens wieder einen Punkt geholt“, beschreibt Jahn-Coach Heiko Herrlich die normative Kraft des Faktischen. „In der ersten Halbzeit war es das erwartete Kampfspiel, wo ich gesehen habe, dass die ein oder andere Situation, ja … unterbunden wurde – sowohl bei uns als auch beim Gegner. Was über der Grenze war, dadurch gab’s immer mehr Foulspiel.“ Die Dritte Liga sei ja berüchtigt für ihren Kampf, er habe aber viele Spiele gesehen, wo guter Fußball gespielt worden sei. „Das war in der ersten Halbzeit so nicht möglich.“

Herrlich habe in der Pause die Mannschaft ermutigt, sich nicht entmutigen zu lassen, weiter nach vorne zu spielen, den Gegner erst gar nicht in die Zweikämpfe kommen zu lassen durch wenige Kontakte. „Das ist letztendlich durch die Aktion von Kolja belohnt worden.“ Danach hätte man den Sack zumachen müssen. „Da haben wir wieder zwei, drei Möglichkeiten, da müssen wir einfach effizienter sein.“ Magdeburg habe dem Jahn durch den Sonntagsschuss einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Danach haben wir noch zwei, drei brenzlige Situationen zu überstehen gehabt.“ Aber auch der SSV habe noch seine Möglichkeiten gehabt, etwa durch Puschs Kopfball. „Insgesamt eine gerechte Punkteteilung.“

Mehr PS in der Abwehr

Der Gastgeber beginnt mit der angekündigten Veränderung – „mehr PS in der Abwehr“ durch Alex Nandzik anstelle von Marcel Hofrath. Bei Magdeburg rotiert Jens Härtel deutlicher: Handke, Brandt und Kath müssen einerseits den verletzten Müller ersetzen, andererseits für mehr Stabilität in der Verteidigung sorgen.

Kann man mal versuchen: Oli Hein hält gleich direkt drauf, aber zu unplatziert für Keeper Jan Glinker (4.). Und rechts hinten gibt der Rechtsverteidiger kurz darauf den Flankenverhinderer, Chapeau (5.)! Allerdings müssen sich nicht unbedingt drei Rot-Weiße gegenseitig auf den Füßen stehen, Herr Kopp. Und, Herr Geipl, bitte richtig draufgehen, statt halbscharig – Marvin Knoll muss deshalb unkonventionell zur ersten Ecke klären, Christian Brand segelt nur knapp am Ball vorbei (7.).

Thommy umgewrestelt

Schneller Tempovorstoß über Alex Nandzik, der bringt den Ball noch nach innen, aber Marco Grüttner kann ihn nicht mehr kontrollieren (11.). Schiri Oliver Lossius ist nichts für sensible Fußballästheten: Erik Thommy bekommt zum zweiten Mal den Freistoß nicht, nachdem er erneut umgewrestelt wird (12.). Da wäre Jann George rechts durchgewesen, Nicco Hammann sieht für die Notbremse immerhin Gelb (17.). Keeper Glinker faustet Puschs indirekten Freistoß zur Ecke, die über viele Umwege zu Hein kommt – der schiebt ins Aus (18.).

Originelle Entscheidung: Felix Schiller zieht Grüttner zu Boden, der frei vor Glinker gewesen wäre, aber Magdeburg bekommt den (19.). George giftig, setzt Nils Butzen unter Druck, der die Kugel ins Aus schießt (20.). Der dritte Schubser gegen Thommy: Einwurf Magdeburg … Die großzügige Linie zeigt Wirkung: Kopp geht ungeschickt mit der Sohle voraus in den Gegner – Tumult an der Mittellinie, Butzen tritt als Karate-Kid in Richtung Kopp, Gelb sieht aber nur der Weidener Junge (23.). Die Regensburger sollten sich nicht provozieren lassen, auch wenn der Schiri die Magdeburger Härte schleunigst unterbinden sollte, bevor hier jemand verletzt vom Platz muss.

Handke an den Pfosten

Fünftes Foul an Thommy, diesmal hat er den Ellbogen im Kreuz und bekommt wenigstens den Freistoß (27.). Eine Flanke aus dem Nichts vom zornigen Butzen, Beck per Kopf aufs Tordach (30.). Turbulent: Jahn-Bock im Mittelfeld, Pass auf Beck, der ist fast durch, Knoll grätscht das Ding gerade noch zur Ecke – Handke mit dem Kopfball an den Pfosten. Dann ist Kolja Pusch auf und davon, 3:2-Überzahl, Fehlpass, Gegengegenzug, klasse Tackling von Grüttner, aber DAS pfeift der Schiri ab (33.).

Uuuuh, Philipp Pentke ist ein ganz Großer auf der Linie, aber der Abstoß ist seine Stärke nicht – er setzt den Jahn unter Druck, nächste Ecke. Das siebte nicht geahndete Foul an Thommy, der allerdings früher abspielen muss, schon läuft der Konter über Beck, Flanke auf Käpt‘n Marius Sowislo, der kann die Kugel nicht mehr drücken (43.). Schlusspunkt vor der Pause: Puschs Freistoß in die Mauer (45.).

Kein Pfiff bei Horrorclown mit Beil

Da hat er ihn schon, der Geipl Andi, und lässt sich den Ball wieder abnehmen – weil er nachhackelt sieht er Gelb (47.). Drei haarige Situationen im Strafraum: Erst nimmt Grüttner den Ball nah an der Hand an, dann fällt Lais, spätestens aber beim Tritt in Knolls Hacken hätte Sportsfreund Lossius auf den Punkt zeigen müssen – das wird der 26-jährige Thüringer, Stand jetzt, heute aber auch dann nicht machen, wenn ein Horrorclown mit Beil angreift.

Immerhin, der SSV setzt sich langsam in der Magdeburger Hälfte fest. Und weil es heute mit der unwiderstehlichen Thommy-George-Achse nicht so recht klappen will, nimmt Jahn-Brain Pusch das selbst in die Hand – an der Strafraumgrenze tanzt er sich durch Vier und versenkt das Ding rechts halbhoch zum 1:0 (51.). Fünf Minuten später der vermeintliche Schuss ins Glück von Grüttner – der Abseitspfiff verhindert das 2:0 (56.).

Und wieder trifft ein Sonntagsschütze

Und schließlich lehnt die einzige Regensburger Spitze auch dieses Gastgeschenk ab: Neben dem letzten Mann allein vorm Keeper, hat er alle Optionen, ein Heber, weiterlaufen, stattdessen vergibt er flach gegen Glinkers Schienbeinschoner (61.). Pusch mit der nächsten Einzelaktion, ein schöner Schuss vom 16er, Glinker wehrt zur Ecke ab (63.). Als Vorbereiter macht er die bessere Figur: Grüttner geht über rechts, scharfer Pass nach innen auf Thommy, der verfehlt knapp (67.).

Da war sie zum ersten Mal, die Geschwindigkeit in der Abwehr: Nandzik gerade mal so noch zum Einwurf. Aber: Handke mit dem weiten Handball, zu kurze Kopfballabwehr, Jan Löhmannsröben nimmt den Ball volley, das Ding dreht sich unhaltbar in den linken Winkel – wieder ein Gegentor per Sonntagsschuss (70.). Marco Grüttner mit guter Annahme am 16er, aber der Drehschuss verhungert (74.). Nach starkem Ballgewinn von Thommy haut Marc Lais viel zu früh drauf (75.). Wieder übersieht Lossius ein Foul im Mittelfeld, Chance für Magdeburg, Pentke mit Fußabwehr (76.).

Oli Heins Magdeburger Roulette

Die dritte Strafraumsituation für Pusch, der wird noch abgefangen, Hesse mit dem zweiten Ball, aber Grüttner geht nicht zum Ball. „Schieber, Schieber“-Rufe von den Rängen, der Schiri lässt Knoll zwei Minuten am Spielfeldrand schmoren – geht’s noch, Herr Lossius? Jetzt ist Sturmverstärkung gefragt: Haris Hyseni darf statt Grüttner ran. Auch ein Handspiel der Blauen im Jahn-Strafraum lässt der Unparteiische durchgehen (81.).

Irre Aktion von Oli Hein gegen Kath: Da ist Regensburgs Rechtsverteidiger eigentlich eher am Ball, lässt den Freiburger aber nochmal dranschnuppern, und der verbraucht drei Versuche, ehe Pentke verdreht im Rückwärtslaufen noch die Hand dranbekommt, Ecke (82.). Auch Uwe Hesse bekommt seine Chance: Das blonde Gift über rechts, aber da kann er sich nicht durchsetzen.

Munteres Kamikaze zum Schluss

Pusch versucht’s aus 16 Metern, abgefälscht, da fehlen nur ein paar Zentimeter – Ecke, Hyseni springt am Höchsten, köpft aber den eigenen Mann an. Geipl mit dem Nachschuss aus der Distanz in den Himmel (84.). Hallo? Hyseni wird unübersehbar am Trikot gezogen, der Pfiff bleibt aus, die 1:1-Situation verpufft (85.). Letzte Maßnahme: Marcel Hofrath statt George, ein wenig Absicherung zum Schluss?

Vielleicht gar nicht verkehrt, wenn man den Gästen beim Freistoß aus dem Halbfeld wohlwollend zuguckt, der Ball wird immer länger, Pfosten (88.). Jetzt zieht FC-Trainer Härtel sehr spät seine drei Trümpfe aus dem Ärmel – Chahed für Kath, Düker für Beck und Puttkammer für Sowislo (alle 90 plus x). Der Schiri glotzt beim gefühlt stundenlangen Abgang auf die Uhr, als wolle er eine halbe Stunde nachspielen. Noch ein Freistoß für die Gäste, Pentke bleibt stehen, das war knapp (92.). Und wieder bekommt Pusch den Schlussakkord, sein Flugkopfball geht aber drüber (93.). Und der Sondershausener pfeift ab.

Es bleibt wohl bei einer Spitze

Hinten durchaus anfällig, vorne nicht effektiv genug – sollte Heiko Herrlich nicht doch öfter mal die Sturmalternativen testen? „Das habe ich mir immer wieder überlegt“, gibt er zu bedenken, „aber auch Kolja Pusch ist enorm torgefährlich – wenn ich mit einem zweiten Stürmer spiele, müsste ich ihn zurückziehen oder Geipl und Lais – und die sehe ich auch ganz stark.“

Deshalb wird es auch beim nächsten Auswärtsspiel am kommenden Samstag, 14 Uhr, in Bremen (17./13 Punkte) und beim Heimspiel nach der Länderspielpause am Samstag, 19. November, 14 Uhr, gegen Wehen-Wiesbaden (11./18), wohl eher bei einer Spitze bleiben.
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