Jahn Regensburg quält Osnabrück zur ersten Heimniederlage
VfL mittellos gegen Oberpfälzer Plagegeister

Jahn Regensburg tut etwas gegen das miese Image der gemeinen Schmeißfliege. (Foto: Von א (Aleph) - Eigenes Werk, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2666473)
Sport
Regensburg
01.10.2016
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"Komm Trainer, lass' uns doch den Traum", lacht Abwehrbollwerk Marvin Knoll Heiko Herrlich an, der ihn als DFB-Trainer schon mal aus einer Nationalauswahl gestrichen hat. Bild: Göpel
 
Dieses Spiel läuft irgendwie an den Osnabrückern vorbei und durch VfL-Trainer Joe Enoch (rechts) hindurch. Bild: Göpel
 
Erdrückend: Torschütze Jann George wird von den Kollegen niedergeschmust - nur Marcel Hofrath ziert sich noch. Bild: Göpel
Osnabrück: Osnatel-Arena |

Zugegeben, Scheißhausfliegen hatten bisher kein so gutes Image – Facebook sperrt sogar Posts mit Nennung dieser possierlichen Tierchen. Und auch in Osnabrück sind die Plagegeister seit Samstag in aller Munde. Der verletzte Kapitän Halil Savran gibt zu: „Stimmt, die Regensburger haben uns vor allem in der ersten Halbzeit gequält wie …“. Dabei sehen 7572 Zuschauer einen SSV Jahn, der mit den von Jahn-Trainer Heiko Herrlich eingeforderten Qualitäten dieser Nervtöter einen verdienten 2:1-Auswärtssieg landet.

Ob der sonst eher mit gepflegten Momo-Zitaten aufgefallene Ex-Nationalspieler ausgerechnet mit seinem „Scheißhausfliegen“-Zitat in die Fußballgeschichte eingehen will? Die Niedersachsen jedenfalls finden den Vergleich so passend, dass sie die ganze Halbzeitpause über nichts anderes parlieren. Da hatten sich die Osnabrücker nach der Pleite in Chemnitz so viel vorgenommen, und dann lässt der lästige Aufsteiger dem zu Hause ungeschlagenen VfL keine Luft zum Atmen.

Die Folge: Heiko Herrlich ist nach Markus Weinzierl der zweite Jahn-Trainer, der einen Dreier aus der viertgrößten Stadt des nördlichen Bundeslandes mit nach Hause bringt – Herrlich, der neue Weinzierl, sofern der Vergleich mit Markus 04 noch ein Kompliment ist? Heiko, der künftige Aufstiegsheld? Da fährt der nüchterne Mannheimer gleich in die Parade: „Man sieht in der Liga kann jeder jeden schlagen“, fasst er das Geschehen zusammen. „Wir schauen auf uns und nicht auf andere, die können träumen.“

Herrlich: „Über die Ziellinie gekrochen“

„Auch wenn wir die letzten Minuten über die Ziellinie gekrochen sind“, findet Heiko Herrlich zurück zur gewohnt subtilen Bildhaftigkeit, „denke ich, dass es insgesamt trotzdem in Ordnung geht.“ In der ersten Halbzeit habe man Osnabrück nicht ins Spiel kommen lassen, gut gepresst, sei nach drei Torchancen verdient in Führung gegangen. „Wir haben im Prinzip mit der ersten gefährlichen Situation den Ausgleich bekommen.“

In der folgenden Phase habe seine Mannschaft die Bälle zu schnell wieder hergeschenkt. „Wir haben uns aber dann zum Ende des Spiels wieder gefangen.“ Man habe punktuell Druck auf den Gegner ausgeübt und dann verdient das 2:1 gemacht.

„Ich bin schon stolz, dass wir bei der besonderen Atmosphäre hier im Stadion in Osnabrück, wo ich als Zuschauer, als Beobachter des DFB, als Trainer von Unterhaching nie erlebt habe, dass die Heimmannschaft nicht gewinnt – dass es uns heute gelungen ist, einen Dreier zu setzen.“

Enoch: „Problem mit dieser Niederlage“

VfL-Coach Joe Enoch habe das Spiel ähnlich gesehen: „Dass wir in der ersten Halbzeit genau das vermissen lassen, was uns in den vorigen Partien stark gemacht hat – das waren Einsatz, Wille, Einstellung.“ Bis auf wenige Spieler sei keiner an seine Leistungsgrenze gegangen. „Das war sehr enttäuschend, wenn wir 2:0 hinten liegen, können wir uns nicht beschweren.“ Die Mannschaft habe in der zweiten Halbzeit eine Reaktion gezeigt, auch zurecht den Ausgleich erzielt. „Genau in dieser Druckphase, wo wir immer wieder Bälle gewonnen haben, haben wir das 2:1 kassiert.“

Aufgrund der ersten Halbzeit sei der Sieg für Regensburg definitiv verdient. „Vor der Saison haben wir uns zusammengesetzt und ich habe gesagt, dass ich eine Mannschaft möchte, die 90 Minuten lang oder 94 Minuten lang mental und physisch immer an ihre Leistungsgrenze geht.“ Wenn man ein Spiel verliere, könne man sagen, der Gegner war der Bessere an dem Tag. „Deshalb habe ich ein riesen Problem mit dieser Niederlage, weil ich das Gefühl hatte, dass das mehrere Spieler nicht getan haben.“ In der Länderspielpause müsse man das aufarbeiten und in Rostock ein anderes Gesicht zeigen.

Aufdringliche Gäste

Der Gast aus Regensburg läuft wie von Trainer Heiko Herrlich angekündigt nur mit einer Änderung im Vergleich zum Paderborn-Sieg auf: Marvin Knoll übernimmt wieder seinen Interimsposten in der Innenverteidigung von Robin Urban, der mit angerissenem Außenband im Knie mehrere Wochen ausfällt. Sein Pendant Joe Enoch setzt nach der 0:3-Pleite in Chemnitz auf Ahmet Arslan statt Jules Reimerink.

Ein kleiner Aussetzer nach dem Anstoß: Sven Kopps holpriger Rückpass zu Philipp Pentke. Dann ist die Mannschaft hellwach. Da erinnert viel an den Glanzauftritt vor Wochenfrist gegen den SC Paderborn. Der Jahn von Beginn an aufdringlich. Jann George legt für Pusch auf, ein erster kleiner Test für VfL-Keeper Marius Gersbeck (2.). Überhaupt, die Regensburger 9: George geht mit seinem besten Freund, der Kugel, rechts an der Linie, scharfe Flanke in die Mitte, Marco Grüttner verpasst, Erik Thommy trifft nicht voll, Gersbeck wieder zur Stelle (8.). Mal ein Standard gefällig? Kolja Pusch setzt seinen Freistoß gut 20 Meter halbrechts um wenige Zentimeter neben den heimischen Kasten (12.).

Marc Lais: Wenn’s sonst keiner macht

Nach einer Viertelstunde übernimmt Jahn Regensburg klar die Regie. Flanke von Oli Hein vor Thommys Füße – nicht auszudenken, wenn der Leih-Augsburger auch noch einen Killerinstinkt entwickelt (15.). Immer wieder Nadelstiche der Regensburger, inzwischen bereits die dritte Ecke für den Gast – ohne Folgen für die Gastgeber (22.).

Aber es gibt ja im Team mit den meisten Treffern (18 zusammen mit Großaspach) noch andere, die weniger Scheu haben: Hein sucht die Sturmkollegen in der Mitte, Marcel Appiah kann nur unkontrolliert abwehren, Marc Lais lässt sich die Kugel nicht zweimal geben und zieht mit links ab, 0:1 (24.) – nicht das erste Mal, dass der unauffällige Freiburger zuschlägt.

Böse Pfiffe an der Bremer Brücke

Nicht nur die Hintermannschaft um Marvin Knoll und Sven Kopp verteidigt sehr gut, die ganze Mannschaft bildet die undurchdringliche römische Schildkröte. Die nächste Gelegenheit für die Oberpfälzer: Pusch bedient Thommy, der zieht unwiderstehlich nach innen, Gersbeck dreht den platzierten Schuss um den Pfosten (35.). Jetzt wird’s Schiri Patrick Alt (Heusweiler) zu bunt – wenn auch an falscher Stelle: Über Gelb für Sven Kopp kann man reden, er stoppt Ball und Konter (37.). Aber die Mecker-Karte für Marcel Hofrath ist doppelt überflüssig – Marcel, spielen, nicht gackern (39.).

Bleiben wir bei der Kartenschau: VfL-Ersatz-Kapitän Christian Groß will ein Zeichen setzen und wuchtet Oli Hein von hinten um – Dunkelgelb (42.). Hilft aber den Osnabrückern auch nicht, das Ergebnis vor der Pause aufzuhübschen. Die Folge: böse Pfiffe der Niedersachsen.

Holland trifft

Halbzeit zwei schließt nahtlos an die Verhältnisse von vor 45. an: Thommy mit seiner engen Ballführung eine Schau, sensationeller Pass auf Grüttner am Fünfer, aaahhh, der lässt abprallen (48.) – dennoch kürt ihn Joe Enoch wegen seiner Hartnäckigkeit zum besten Spieler auf dem Platz. Sportsfreund Bastian Schulz will es dem Kollegen Groß gleichtun und tritt Kolja Pusch völlig überflüssig außer Torreichweite in die Hacken – gelbe Belohnung auch für ihn (49.). Da haben sich zwei gefunden: Pusch und Thommy buhlen um den Freistoß. Thommy behält Oberhand, der Ball weht um ein Fliegenbein vorbei (52.).

Jetzt will es der VfL-Trainer wissen: Doppelwechsel, für Ahmet Arslan und Bashkim Renneke kommen Nazim Sangaré und der Niederländer Jules Reimerink (53.). So hat sich der Heimtrainer das vorgestellt. Keine zehn Minuten ist der blonde Holländer im Spiel, bringt frischen Wind und ist dann auch noch zur Stelle – als Wriedt sich an der rechten Strafraumecke gegen drei Regensburger durchsetzen kann, den Ball flach auf den Elfmeterpunkt schlenzt – um vor Pentke einzuschieben. Die erste Chance der Hausherren und es hat Tooor gemacht, 1:1 (61.).

Wie verdaut der Jahn den Ausgleich?

Bricht der SSV jetzt ein wie in Lotte? Die ersten Minuten nach dem Ausgleich verspüren die Lilablassblauen Aufwind: Langer Ball auf Wriedt, der ist schneller als Kopp, hat nur noch Philipp Pentke vor sich, der prächtig reagiert – der Abpraller springt hoch vors Tor, Marvin Knoll vor zwei Angreifern mit dem Kopfball über den Kasten – und Schiri Alt ahndet zurecht den Rempler, Freistoß Regensburg (67.). O.k., der Jahn gibt sich nicht auf, marschiert weiter nach vorne: Pusch mit dem Freistoß halbrechts, der Keeper hebt ihn vorsichtshalber über die Latte – George und Hofrath bringen das Ding nicht im Kasten unter (69.).

Oje, es hat nicht immer Glück gebracht, Mittelfeld-Fighter Pusch rauszunehmen – aber der hat natürlich auch einige Kilometer auf dem Buckel. Und Benedikt Saller kann’s zumindest technisch ja auch nicht schlecht. Allerdings findet der Münchener erst mal nur schwer ins Spiel – ein paar Stockfehler bringen den Gastgebern mehr Ballbesitz als nötig.

Tor wie eine Commedia dell‘Arte

Ja, was ist das jetzt? Das nächste Thommy-Solo zum Zungeschnalzen, er schickt Hofrath links in den 16er, der bedient jenen Saller haargenau an der Ecke des Fünfers – und der lässt den Ball drei Meter wegspringen. Marc Lais schnappt sich den zweiten Ball an der Strafraumkante, legt sich das Ding zurecht, zielt durch die verbliebenen Beine, zwei Ossis werfen sich auf der Linie dazwischen, der Ball kullert Jann George vor die Füße, der umkurvt die stochernden Füße eiskalt und netzt ein, 1:2, (74.). Was für ein Schrei der Erleichterung in der Fankurve dahinter!

Was bleibt den Hausherren jetzt noch? Klar, Publikumsliebling Addy-Waku Menga darf seine auch nach 33 Lebensjahren nicht erloschene Torgefährlichkeit unter Beweis stellen (77.). Doch zunächst ist es der in der Wolle oranje gefärbte Blondschopf, der für den Hallo-wach-Effekt sorgt: Reimerinks Freistoß landet auf dem Netz (79.) – noch zehn Minuten zittern! Das sieht übel aus: Thommy geht an der Seitenlinie in die Knie und fasst sich mit schmerzverzerrter Grimasse hinten an den Oberschenkel – hoffentlich kein Muskelbündelriss. Uwe Hesse übernimmt dessen Part (86.).

Wer nicht träumt …

Diese Partie dauert länger als erhofft: Fünf Minuten Zugabe ist dann des Guten doch etwas zu viel. Und die Gastgeber mühen sich emsig, den Nachschlag produktiv zu verwerten. Kleines Powerplay zum Schluss, Heiko Herrlich schickt noch Thomas Paulus zur Beruhigung in die Abwehrschlacht (93.). Ecke von links, Menga am Elfer sträflich frei, Drehschuss, Lais bekommt noch die kleine Zeh dazwischen – ein Tor erzielt, eines verhindert, good guy! Noch eine Ecke, diesmal von rechts – erneut viel Betrieb im Jahn-Strafraum, auch Keeper Gersbeck wurstelt hektisch mit. Aber es hilft alles nichts, der Jahn rettet den Dreier über die 95 Minuten.

Und Marvin Knoll, der bärtige Abwehrtroll, deutet Herrlichs Träumeabfuhr positiv um: „Wer nicht träumt, macht was falsch im Leben – wenn wir weiter so auftreten, werden wir noch einiges holen.“ Zum Beispiel als Tabellenvierter (17 Punkte wie der Tabellenzweite VfR Aalen) gegen Tabellenführer MSV Duisburg am Samstag, 15. Oktober, 14 Uhr – dann vielleicht mal wieder vor annähernd vollem Haus! Wenn nicht da, wann dann?
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