Jahn Regensburg stürmt gegen Halle an Tabellenspitze
In die Schnittstellen ohne Schnickschnack

Der SSV arbeitet noch an islandesken Choreografien: Alexander Nandzik ist nach dem 1:0 schon bereit für die herrliche Figur "Klo am Fußballplatz". Bilder: Herda/Göpel
Sport
Regensburg
11.08.2016
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Ohne Worte: in memoriam Markus Weinzierl.
 
Die Fans des Halleschen FC glühen zu Beginn noch vor Eifer und Vorfreude - werden aber von Minute zu Minute stiller.
 
Nach 20 schwierigen Minuten erarbeiten sich die Regensburger immer mehr Strafraumszenen.
 
Von wegen, der Jahn bekommt keine Räume: Andi Geipl mit viel Platz im gegnerischen Strafraum.
Regensburg: Continental-Arena |

Es waren in der Regionalliga schon mal mehr Zuschauer – so kamen nur 6823 Besucher in den Genuss einer kleinen Überraschung: Aufsteiger Jahn Regensburg dominierte nach 20 schwierigen Minuten den favorisierten Gast aus Halle und erobert im dritten Spiel die Tabellenspitze der Dritten Liga.


Neun Punkte aus drei Spielen, das hört sich natürlich nach der perfekten Laola-Welle an: Nur gut, dass Jahn-Trainer Heiko Herrlich die Finger gleich in die kleinen Wunden legt – vor Gericht und am Fußballplatz ist man in Gottes Hand. Gegen Rostock hätte es ohne den Elfer und Puschens Sonntagsschuss auch beim 0:0 bleiben können, Großaspach war dem 4:4 sicher näher als der SSV dem finalen Rettungsschuss. Und wenn Halle heute in der starken Anfangsphase ein Tor macht, läuft die Partie sicher anders.

Weil Regensburg nun aber gerade auf einer Erfolgswelle reitet, macht der Jahn früh in der Saison einen auf Würzburg – man stelle sich vor, Euphorie und Selbstbewusstsein schaukeln sich gegenseitig hoch, Fans und Mannschaft wachsen zu einer neuen Einheit zusammen, nun bei restaurierten Keller-Verhältnissen unter dem Motto: „Wir steh‘n unter Strom, haben bisschen Geld, wir sind das geilste Team der Welt …“. Aber erst mal der Reihe nach.

Rico Schmitt: „Verdient gewonnen, da gibt’s überhaupt keine Diskussion“

„Glückwunsch an Heiko“, gratuliert Fußballlehrer-Kamerad Rico Schmitt, „an sein Team, verdient gewonnen, da gibt’s überhaupt keine Diskussion.“ Er könne seiner Mannschaft überhaupt nichts absprechen, in puncto Einsatz- und Laufbereitschaft. „Wir haben eine ordentliche Drittligapartie gesehen, wir haben gesehen, dass Regensburg eine gute Mannschaft ist, ein Neuling zwar, aber mit viel Drittliga-Qualität im Kader.“ Die Regensburger hätten das sehr, sehr gut gemacht im Aufbauspiel – der kleine Unterschied zu seinem Team: „Ganz prägnant mit Überzeugung in den Aktionen, die Geradlinigkeit, Zielstrebigkeit, die wir in der einen oder anderen Situation vermissen haben lassen.“

Geärgert habe ihn in der ersten Halbzeit, „dass wir da die guten Situationen für uns nicht nutzen konnten“ – seine Jungs hätten nochmal zurückgespielt, noch einen Haken geschlagen. Wie man’s besser macht, hätte der Gegner gezeigt: „Beispielhaft sind die zwei Tore, da sind wir in der Vorwärtsbewegung, Regensburg hat das sehr, sehr gut gemacht, sehr geradlinig gespielt, schön in die Schnittstellen reingespielt ohne Schnickschnack.“

Heiko Herrlich: „Schwer getan mit der Größe und Präsenz“

„Wir haben uns die ersten 20 Minuten sehr schwer getan“, hebt Heiko Herrlich die Schattenseiten hervor, „mit der Präsenz und der Größe, haben da eigentlich kaum Zweikämpfe gewonnen, gerade im Mittelfeld.“ Die Bälle, die die Regensburger abgewehrt hätten, seien direkt wieder zurückgekommen. „So nach 20 Minuten sind wir dann besser ins Spiel gekommen, haben versucht, die Dinge fußballerisch zu lösen, sind dann immer gefährlicher geworden und haben, ja, dann zurecht das 1:0 gemacht.“

In der zweiten Halbzeit hätte der SSV das Spiel dann weitestgehend kontrolliert – „bis auf zwei, drei Momente, in denen wir Glück gehabt haben.“ Die erste Chance nach Wiederanpfiff hatten die Gastgeber. Aber: „Im Gegenzug war eine Riesenmöglichkeit zum Ausgleich, da haben wir riesig Glück gehabt.“ Und dann gab es eine Phase nach dem 2:0, „wo wir das 3:0 machen müssen“. Deshalb konstatiere er seiner Mannschaft eine gute, keine überragende Leistung – „weil du musst nach dem 2:0 einfach das dritte Tor machen und sparst dir dann in den letzten 20 Minuten einen Haufen Kraft, indem du einfach Ballbesitz spielst – weil wir müssen am Samstag ja schon wieder spielen.“

Pentkes Fahrgestell-Nummer

Halle beginnt wie erwartet – gerade auch der hochgelobte Benjamin Pintol tritt den Jahn-Youngsters aggressiv auf die Füße, Arbeitstitel Mobbing in der Telefonzelle, sogar massiver Druck auf den Keeper gehört zum Startprogramm. Daraus entwickelt sich ein – allerdings weitgehend pazifistischer – Stellungskrieg in den ersten Minuten. Keiner schenkt sich was, keiner bekommt etwas geschenkt. Chancen Mangelware. SSV-Schlussmann Philipp Pentke hat einmal Glück, als er rausläuft und an der 16er-Kante das Fahrgestell ausfährt – der ordentlich pfeifende Schiri Martin Petersen lässt weiterlaufen (6.).

Man merkt, die Oberpfälzer sind beeindruckt von der körperlichen Überlegenheit der Gäste: unglücklicher Pressball am eigenen 16er, Jann George bleibt erst mal liegen, kann aber weitermachen (8.). Die erste gelungene Kombination dann über links auf Kolja Pusch, der den Ball in der Mitte nicht voll trifft (9.). Gefährlich: ein Freistoß aus 18 Metern zentral für Halle, Pentke verharrt regungslos – na, so weit war der nicht weg, dass man da nicht mal den kleinen Finger rühren müsste (11.).

„Hier regiert der HFC“

Viel Lärm um eine Ecke, die Grüttner nur schlecht mit dem Kopf verwerten kann (13.). Auf der anderen Seite bekommt der Jahn minutenlang die Kugel nicht aus dem linken Eck, bis es schlussendlich Ecke rechts gibt. Die erste Gelbe kassiert Halles Kapitän Klaus Gjasula für sein Hadern (16.). „Hier regiert der HFC“, übertönen die Hallenser das Regensburger Publikum – nicht ganz zu Unrecht zu diesem Zeitpunkt. Der SSV kommt kaum zu eigenen Aktionen, zu aggressiv checkt Halle das Mittelfeld.

Jetzt vielleicht mal, Pusch nimmt sich etwas Raum, legt sich vorm 16er selbst auf und donnert knapp vorbei (19.). Weniger schön: Ein heftiger Stellungsfehler von Oli Hein, Martin Rösler ist außen durch, sein Passweg ist aber zugedeckt – die flache Ecke im Anschluss verhallt ohne Wirkung (20.). Ermahnung für Erik Thommy, der sich bislang schwertut mit den langen strammen Hallensern, weil er das lange Bein ausfährt – ein Signal zum rechten Moment, um zu zeigen, dass er sich den Schneid nicht abkaufen lässt. Der Freistoß aus dem Halbfeld kommt gefährlich scharf Richtung Fünfer, Pentke mit der Faust (24.).

Erzwungenes Eigentor

Kurze Meinungsverschiedenheit nach Pressball mit Fußeinwirkung gegen Halle – die bekommen den Freistoß, aber auch Gelb wegen Geschubse (25.). Im Gegenzug holt Alex Nandzik die zweite Jahn-Ecke: Oli Hein zirkelt den Ball ans Außennetz, die Torhymne war schon eingespielt. Nächste Ecke, Grüttner mit dem zweiten Ball, verzogen, da war mehr drin (28.). Noch nicht unbedingt zwingend, aber Regensburg spielt sich jetzt immer wieder in den Strafraum – Jann George mit dem vergeblichen Seitfallzieherversuch (30.). Freistoß Pusch halblinks, Thommy fast mit Kopf dran, der Eckenvorsprung wächst.

Gefährlicher Konter, weil Pintol sich den Weg mit Händen und Füßen freiräumt, dann aber ins Abseits zielt. Dafür macht’s Jann George sensationell viel besser – ein klassischer Doppelpass durch den Halleschen Strafraum, die brandgefährliche Flanke Marke „2:0 gegen Wolfsburg“ und Sportsfreund Stefan Kleineheismann kann gar nicht anders, als den Fuß hinzuhalten, 1:0 durch erzwungenes Eigentor (34.). Und gleich noch eine riesige Chance hinterher, Nandzik wuselt sich links durch, Halles Abwehr spielt auf abseits, Pfiefkaas, Flanke auf Leis, der köpft schief vorbei (36.).

Attacke im Mittelfeld

Pusch macht gegen Pintol, was der die ganze Zeit praktiziert – mit Armeinsatz zum Ballgewinn, wird aber zurückgepfiffen. Nächste Großchance für den Jahn: Jann George marschiert rechts los, könnte die Schnittstelle anpeilen, versucht’s aber direkt aus 20 Metern, Keeper Fabian Bredlow lässt abklatschen, Marco Grüttner kann den Abpraller nicht verwerten (41.)

Freistoß Halle halbrechts, scharf nach innen, Pentke traumhaft sicher. Da ist es, dieses schnelle Umschaltspiel, aber der Jahn stellt die Abseitsfalle bislang perfekt (40.). Das macht der Gastgeber richtig gut, aber auch nicht ungefährlich: Rot-Weiß attackiert im Mittelfeld mit vier Mann, Halle findet die Lücke und startet den nächsten Konter – Stürmerfoul (43.). Oh Mann, da reklamiert Hein zu Recht Hand, der Schiri lässt weiterspielen, brandgefährliche Flanke, Ecke (44.).

Das war die erste Halbzeit – nach Anfangsschwierigkeiten hat sich der SSV gut in die Partie gekämpft und führt aufgrund der klareren Chancen nicht einmal unverdient.

Die Thommy-George-Nummer

Es geht weiter, wie es aufgehört hat: Halle noch in der Pause, der SSV tankt sich über links durch, das hätte die Vorentscheidung sein müssen. Im direkten Gegenzug wird die Fahrlässigkeit der Oberpfälzer fast bestraft: Martin Röser ist rechts durch, kann viel zu einfach marschieren und sich im 16er die Ecke aussuchen – haut dann aber unkonzentriert drüber (47.). Ein exzellenter Spielzug über Pusch und Thommy, dessen Schuss leider in den Armen Bredlows verhungert (51.).

Es folgt der beste Spielzug seit langer Zeit: Erik Thommy zieht an, schickt George in den Strafraum, der zwei austrickst und eiskalt zum 2:0 einknallt (52.). Halle zeigt sich beeindruckt, der Jahn zieht an: die Regensburger holen sich die unmöglichsten Bälle, flößen mit ihrer Giftigkeit selbst Pintol Respekt ein – Ecke auf Grüttner, der Keeper ist unten (56.). Und wenn Halle dann doch mal Akzente setzt, gibt es ja auch noch Pentke, der auf der Linie blitzschnell reagiert (57.). Freistoß Jahn halbrechts auf den völlig freien Marc Lais, der die Kugel nicht mehr drücken kann (58.).

Jahn-Schreck Furoholm soll’s richten

Halle muss reagieren, Pfeffer und Sliskovic müssen Jahn-Schreck Timo Furoholm und Hilal El-Helwe weichen. Pintol zieht aus 25 Metern ab, Penkte pariert fast vor die Füße des mitgelaufenen Stürmers, aber der kommt nicht mehr ran (60.). Jetzt wechselt auch Heiko Herrlich: Für den Torschützen Jann George kommt Uwe Hesse (62.). Erster Ballkontakt Hesse, gleich ein gelungener Pass auf Hein, dessen Reingabe verhungert. Der Konter der Gäste schon im Ansatz unterbunden – erneut kann der Jahn den Deckel nicht draufmachen: Erst eine Dreifachchance nach Antritt Thommys mit Hesses Direktabnahme, dann ein Volleykracher aus 20 Metern, bei der Bredlow reflexartig den Arm hochreißt wie weiland Neuer gegen Frankreich (66.).

Ecke Röser auf den Fuß Hesses (73.) – symptomatisch für die wachsende Ratlosigkeit der Anhaltiner. Pentke macht den Neuer – ob’s nötig war? Jedenfalls köpft er ins Seitenaus und hastet zurück (74.). Uwe Hesse hat sich schon gerechnet – immer wieder rutscht er in die Bälle, bevor Gefahr entstehen kann. Ecke Jahn auf den kurzen Pfosten, Flugkopfball – die nächste bitte: Der Keeper unterspringt die Kugel, wird aber behindert. Knoll wieder mit souveräner Leistung: Erst blockt er Furoholm ab, dann vereitelt er auch noch die Ecke (80.).

Coole Schlussphase

Der Jahn macht das in der Schlussphase erstaunlich cool. Pusch holt die nächste Ecke, kurz auf Thommy, nicht ungefährlich (83.). Auch aus den Standards machen die Anhaltiner zu wenig: Freistoß aus dem Halbfeld auf den ersten Regensburger Kopf und die Liegeeinlage Pintols kostet die eigene Zeit (84.). Ein weiter Freistoß von Pusch, Bredlow streckt sich und hebt das Ding zur Ecke – 9:4 sagt auch einiges über die inwzischen verschobenen Kräfteverhältnisse aus.

Der nächste Wechsel, für Grüttner kommt Haris Hyseni (89.). Eine weitere Gigantenchance kurz vor Schluss, der Jahn will die Kugel jetzt ins Netz tragen. Uwe Hesse mit dem Antritt, aber dann verliert er das erkämpfte Spielgerät an der Grundlinie. Für Pusch trottet zu guter Letzt André Luge aufs Feld. Am Ergebnis ändert das nichts mehr, der SSV bringt die Punkte sicher in den Hafen.

Extralob für Kopp und George

Von wegen Innenverteidigungskrise, Pale-Ersatz Sven Kopp ließ den Kapitän kaum vermissen: „Eine sehr gute Leistung“, lobt denn auch Heiko Herrlich, „er war seit Januar verletzt, hat die Vorbereitung komplett mitgemacht, hat das erste Spiel in der U21 gemacht mit anfänglichen Schwierigkeiten, hat immer sehr gute Trainingsleistungen gebracht – beim Kurzeinsatz in Großaspach hat er schon gezeigt, dass man mit ihm rechnen kann und ich hatte vollstes Vertrauen.“ Man dürfe aber jetzt auch nicht zu viel erwarten: „Gerade nach längeren Verletzungen gibt’s auch mal Leistungsschwankungen, aber heute hat er eine sehr gute Leistung gebracht.“

Extralob auch für den Torschützen, den er nach einem Schlag vorsichtshalber vom Platz nahm: „Ich wollte kein Risiko eingehen.“ Jann George sei in einer sehr guten körperlichen Verfassung, was er in Herrlichs Anfangszeit nicht gewesen sei: „Mittlerweile kann er 90 Minuten marschieren, auch gegen den Ball, das ist wichtig.“ Früher habe er das Spiel eher für sich verstanden nur mit Ball, heute habe er auch viele gute Defensivaktionen. „Und deshalb ist er unheimlich wertvoll für uns und nach vorne natürlich schwer zu verteidigen, wenn er auf die Kette zuläuft.“

Das Programm: Frankfurt, Berlin, Aalen

Hat der „Pasquale Passarelli“-Appell also gefruchtet? „Ich freue mich natürlich, wenn der Rico das sagt“, freut sich Heiko Herrlich über die Blumen des Gästetrainers. „Ich weiß nicht, ob Sie das wissen, wir haben zusammen Fußballlehrer gemacht, unter Erich Rutemöller noch, und haben uns damals schon sehr gut verstanden.“

Naturgemäß haben die Regensburger weder Zeit noch Anlass, sich auf den neun Lorbeeren auszuruhen: Am Samstag, 14 Uhr, muss der Jahn bei Zweitliga-Absteiger FSV Frankfurt bestehen, dessen Tabellenstand nach Fehlstart sicher wenig über das Potenzial des alten Relegationsrivalen aussagt: 1 Punkt, Platz 18 – umso giftiger werden die Hessen ihre Situation verbessern wollen.

Am Sonntag, 21. August, um 18.30 Uhr ist dann beim DFB-Pokalspiel Hertha BSC Berlin zu Gast – die Karten sollen inzwischen rar sein. Das nächste Drittliga-Heimspiel steigt am Samstag, 27. August, 14 Uhr, gegen den VfR Aalen.
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