Jahn Regensburg verblödelt ein Remis gegen MSV Duisburg
Spitzenreiter siegt mit Slapstick-Toren

Blödeltor Nummer 0:1 - Sven Kopp (gebückt) mit zu kurzer Abwehr um Luftkopfball, Andi Geipl mit unfreiwilliger Vorlage (schimpfend am Pfosten), Keeper Philipp Pentke geschlagen (am Boden). Bild: Herda
Sport
Regensburg
15.10.2016
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Marco Grüttner mit artistischem Abschluss: Leider lässt die Sturmspitze zu viele Hochkaräter liegen. Bild: Herda
 
Und immer wieder Erik Thommy (25), die Augsburger Leihgabe wirbelt omnipräsent. Marcel Hofrath (7) schaltet sich als linker Außenverteidiger oft in die Offensive ein. Hinten aber brennt es lichterloh. Bild: Herda
 
Marcel Hofrath zu weit weg von Thomas Broker, der unbedrängt flanken kann. Bild: Herda
 
Schöner Versuch von Erik Thommy, MSV-Keeper Mark Flekken wäre aber dran gewesen. Bild: Herda
Regensburg: Continental-Arena |

Die Vermisstenanzeige der Fans – ein Plakat in der ganzen Stadt – zeigt nur bedingt Wirkung: 7786 Zuschauer, Martin Kochs erhofftes „plus X“ macht also 786 aus. Der rasante Schlagabtausch im goldenen Herbst zwischen dem nie aufsteckenden SSV Jahn und einem abgebrühten Tabellenführer aus Duisburg hätte das Doppelte verdient gehabt. Selber schuld, liebe Feiertagsfans, mehr Fußball-Thriller als beim unglücklichen 1:2 gibt’s live in der Region nicht zu erleben.

Man kann es drehen und wenden wie man will: Verlieren ist nie schön, auch wenn es gegen einen sympathischen Gegner geht, dessen freundliche Fans schon im Vorfeld in das versöhnliche Remis-Angebot eingeschlagen hatten. Auf einen kurzen Nenner gebracht: Beide Mannschaften erfüllten das von ihnen gezeichnete Klischee. Der MSV zeigte besonders in der ersten Hälfte die bessere Spielanlage, da hatte Heiko Herrlich wohl bei seiner Analyse die brandgefährlichen Angriffe auf der rechten Außenbahn nicht so im Blickfeld.

Nicht ganz so sattelfest

Kein Vorwurf an Marcel Hofrath, der auf seiner Seite viele Angriffe ankurbelte. Aber dadurch konnten die schnellen Außen ein ums andere Mal die Innenverteidigung überlaufen – die Vorentscheidung hätte früher fallen können. Richtig ist aber auch, dass bei beiden Duisburger Toren – euphemistisch formuliert – die Jahn-Abwehr ihrem Ruf als nicht gaaanz sooo sattelfest alle Ehre machte. Sven Kopp, der im Lauf des Spiels viele kritische Szenen entschärfte, war beim 0:1 doppelter Vorbereiter: einmal mit einer zu kurzen Abwehr, dann mit dem Luftkopfball, assistiert von Andi Geipl, der zum Torschützen verlängerte.

Und beim 1:2 hätte schon die Flanke verhindert werden können, die Philipp Pentke nicht richtig zu fassen bekommt – von oben sah es dann eher so aus, als hätte der Stürmer den Kopf gleichzeitig mit dem Keeper am Ball, das muss der ansonsten sehr Jahn-freundliche Schiedsrichter Robert Kampka nicht abpfeifen – vor allem darf man sich nicht beschweren, wenn man an Geipls optimistisches Einsteigen im 16er in der ersten Halbzeit und Kopps etwas unbeholfenes Ziehen beim Konter in der zweiten Hälfte denkt.

Pädagogischer Zeigefinger auf der Brust

Und dennoch: Es gibt keinen Grund zur Enttäuschung, weil die Oberpfälzer einen Angriff nach dem anderen abspulten – vor allem wieder im Duett zwischen Regisseur Kolja Pusch und den überragenden Dauerläufer Erik Thommy –, weil die Jahn-Akteure mit Ausnahme des kleinen Tiefs nach dem Ausgleich fliegengleich am Gegner hingen und sich einen Punkt allemal verdient hätten, wenn nur Marco Grüttner ein wenig kaltblütiger mit seinen Hochkarätern umginge.

Fazit: Wir haben es hier dem stärksten SSV Jahn seit vielen Jahren zu tun. Und zumal ein Großteil der Spieler schon in der Abstiegssaison Rot-weiß trug, kommt man nicht umhin, Trainer Heiko Herrlich als Urheber dieser Leistungssteigerung zu würdigen. Wenn der Aufsteiger diese Leidenschaft konservieren kann, und man darf davon ausgehen, dass jeder Akteur den pädagogischen Zeigefinger des Übungsleiters konstant auf der Brust spürt, sobald die Lust nur etwas nachlässt, dann muss sich Sportchef Christian Keller nicht fürchten, einen einstelligen Tabellenplatz als Saisonziel auszugeben.

Ilia Gruev: „Begeistert von eurer Mannschaft“

„Bevor ich anfange“, fängt Ilia Gruev an, „möchte ich sagen, dass ich echt begeistert bin von hier, von Atmosphäre, von Stadion, vom Umfeld hier – und natürlich muss ich ehrlich sagen, von eurer Mannschaft hier.“ Wow, das ist mal ein Einstieg, vom früheren Co-Nationaltrainer Bulgariens unter Loddar Matthäus – da kommen dem Verlierer Tränen der Rührung. „Heiko Herrlich hat auch richtig sympathische Mannschaft, Mannschaft, die versucht Fußball zu spielen, mit einem sehr fairen Kollegen.“ Er freue sich, hier gewonnen zu haben. „War richtig, richtig schwer. Ihr seid definitiv, was auch das Spielerische betrifft, der beste Aufsteiger.“

Aber auch seine Mannschaft habe gut gespielt: „Wir haben den Kampf angenommen, gutes Umschaltspiel von beiden Seiten.“ Er habe sich gewünscht, das Spiel mehr unter Kontrolle zu bringen. „Nach dem 1:0 haben wir ein paar Möglichkeiten gehabt, das zweite Tor zu machen. Aber dann war der Jahn am Drücker.“ Da habe man ein paar Mal Glück gehabt, das gehöre auch dazu. „Aber am Ende, glaube ich, dass wir verdient gewonnen haben.“ Regensburg scheine ein guter Ort für ihn zu sein, hier habe er bekanntlich den MSV schon mal im Elfmeterschießen eine Pokalrunde weitergeschossen. „Tolle Leistung, ich freue mich auf das Rückspiel in Duisburg.“

Heiko Herrlich: „Gegentor ein Geschenk“

„Es war eine gute Leistung meiner Mannschaft“, beginnt Heiko Herrlichs leise Analyse. Mit dem Ergebnis könne er natürlich nicht zufrieden sein. Die ersten Minuten habe man nervös begonnen, dennoch: „Wir haben in der ersten Halbzeit 5:2 Torchancen, das Gegentor war eigentlich ein Geschenk.“ Man habe den Ball schon geklärt gehabt. „Zweite Halbzeit sind wir dann wieder rangekommen – sind zurecht zum 1:1 gekommen.“ Schließlich habe es eine Phase gegeben, wo man verpasst hätte, auf das 2:1 zu spielen.

„Da haben wir zu viele Bälle wieder verloren direkt nach der Balleroberung“, klagt Herrlich, „damit baust du den Gegner natürlich auf.“ Dadurch sei der Druck immer stärker geworden. Man habe einen hohen Aufwand gefahren, die Mannschaft sei vielleicht deshalb etwas in ein Loch gefallen. „Wie das Tor dann natürlich fällt, Philipp hat mir gesagt, er hätte den Ball fest in der Hand gehabt, es wäre Foulspiel – ich kann das jetzt nur so weitergeben.“ Das sei ärgerlich. „Meine Meinung ist, dass wir einen Punkt auf jeden Fall verdient gehabt hätten.“ Man habe gezeigt, dass man gegen Top-Mannschaften mithalten könne.

Nervöse Jahn-Abwehr

So nervös hat man die Jahn-Abwehr schon lange nicht mehr gesehen: Gleich zu Beginn ist der allseits gefürchtete Simon Brandstetter das erste Mal über rechts durch, Sven Kopp kann mit starkem Tackling zur Ecke klären (2.). Weniger schön vom Weidener Riesen: Statt zu klären stoppt Kopp den Ball für den Gegner, Marvin Knoll hebt das Abseits auf, Anfang einer Zitterpartie (3.). Dann aber klärt Knoll rechts außen clever gegen Nico Klotz und überzeugt den Linienrichter vom Abstoß, haha (4.).

Erster Standard für Regensburg: Kolja Pusch sucht mit dem Freistoß aus dem rechten Halbfeld Marc Lais, doch zuvor klärt ein Duisburger per Kopf zur Ecke: nicht der Schreibe wert. Es hat sich angedeutet: Sven Kopp mit dem Riesenbock auf den Gegner im 16er, er versucht noch mit dem Kopf voraus den Ball zu erreichen, Geipl verlängert, Pentke kommt nicht mehr hin, und fast von der Grundlinie köpft Tim Albutat noch zwischen Keeper und Geipl hindurch ins Netz, 0:1 (9.).

Regensburgs schwache Seite

Der Jahn berappelt sich schnell: Nach einem Freistoß aus dem Halbfeld kommt der Ball irgendwie zu Kopp, aber wieder ist ein Fuß im Weg, Ecke. Im zweiten Anlauf setzt sich Hofrath links aufsehenerregend durch, schiebt nach innen, Marco Grüttner bekommt die 100-ige serviert, aber dabei verbiegt er sich so artistisch, dass ein Man im Black noch dazwischen grätschen kann (12.). Einen tiefen Schnaufer später lässt sich Pusch im 16er schussbereit die Kugel noch von der Sohle nehmen (14.).

Das geht zu einfach, keiner greift wirklich ein, wenn die schwarzen Tarnzebras den Ball rechts laufen lassen. Klotz tritt an, kann flanken, Knoll wehrt gerade so zur Ecke ab. Dasselbe Spiel von Zlatko Janjic, in der Mitte verfehlt um ein Mückenbein Kollege Brandstetter (16.). Jetzt darf auch noch Thomas Bröker das Triple von rechts vollenden, Pentke legt sich vergeblich flach, zum Glück kein schwarzer Mann vorm leeren Tor (21.) – das Chancenverhältnis sollten wir nochmal kritisch überprüfen.

Gnädiger Truppenarzt Kampka

Das wär’s gewesen, Thommy setzt sich im 1:1 elegant durch, flacher Abschluss aus zehn Metern in Mark Flekkens offene Arme (24.). Wieder über links, Flanke nach innen, Flekken am Pfosten, Grüttner bedrängt ihn und bekommt die Ecke, der Ball ist schon über der Grundlinie (25.). Die Ruhrstädter sind sich aber auch fürs Grobe nicht zu schade: Branimir Bajic sieht Gelb, weil er George rüde mit Ellbogen an der Mittellinie umkickt – Thomas Tuchel, ick hör dir trapsen (30.).

Auch Kevin Wolze ist kein Kind von Traurigkeit – aber wirklich kritisch wird’s im Regensburger Strafraum: Oli Hein schirmt Andreas Wiegel ab, Geipl kommt von hinten angerauscht und rutscht in Mann und Ball – Kampa winkt weiter (32.).

Konter und Gegenkonter im Dreivierteltakt

Grüttner steil geschickt, aber bevor er allein vor Flekken auftaucht, reißt er seinen Gegenspieler um. Im Gegenzug wieder das beliebte Spiel: „Lass den Mann von rechts ruhig flanken“ – etwas zu hoch, der Kopfball von ganz außen nur noch ein Bogen auf Pentke. Ein Bilderbuchkonter auf Pusch, präzise Flanke auf Grüttner, der aus sieben Metern drüberköpft (38.). Es geht Schlag auf Schlag, Hofrath und Pentke sehen da nicht gut aus, der Keeper kommt erst mit raus, obwohl der Verteidiger schon da ist, und schleicht kleinlaut wieder zurück. Die Flanke wird gerade noch abgefangen (40.).

Pentkes schneller Abschlag, Pusch und Thommy schaffen es noch irgendwie George in der Mitte anzuspielen, der kann sich nicht gegen drei durchwursteln – der Gegenkonter läuft, 3:3, gerade so abgefangen. ReReKonter, Thommy hebt bei leichter Berührung ab wie Klinsi weiland in England – Gelb gegen Torschützen Albutat. Und dann ist die rasante erste Hälfte vorbei (48.).

Die Netto-Pausen-Show

Wir sehen uns bei der Netto-Pausenclown-Show: Wie bei der Opel-Werbung nur ohne Auto und Autopilot dürfen drei potenzielle Roller-Gewinner Riesensitzbälle über eine Bande ins Tor wuchten – sparen wir uns die Ausführung, das Ergebnis lautet 2:2. Die fast nicht zu lösende Stichfrage: Wer ist der erfolgreichste Torschütze von Jahn Regensburg? Lange Pause. Pfiffe von der Jakob-Tribüne für die Schönwetter-Teilnehmer.

Dann rettet der Kandidatenflüsterer die Situation: „Ja, richtig, es ist nicht Gerd Müller, sondern Jahn Tschortsch.“ Der Roller gehört der Kandidatin. Selten war ein Gewinn so verdient. Das Format hat „Wetten, dass …“-Nachfolge-Potenzial, falls Jan Böhmermann darauf anspringt.

Lais auf leisen Sohlen

Und weiter geht’s mit der Mission: „Vor dem Siegtreffer muss der Ausgleich rein.“ Erik Thommy über die linke Seite, da ist aber kein Abnehmer in der Mitte (46.). Und wieder ist’s fast Lais auf leisen Sohlen, der die Sturmkollegen mit einem Treffer peinlich berührt hätte – feine Flanke von Hein, Lais rutscht rein, noch von der Linie gekratzt (49.). Wolzes Benehmen gefällt nicht: Ohne Not drischt er Pusch an der Seitenlinie aufs Schienbein. Die Strafe folgt auf dem Fuß: Duisburg pennt beim Freistoß der Marke „so schnell ausgeführt, dass er normal zurückgepfiffen wird“.

Nicht so dieses Mal, Thommy prima auf Grüttner, der legt mustergültig für George zurück und der meldet mal kurz Bescheid, wie der erfolgreichste Jahn-Schütze (7 Treffer) wirklich heißt: Sein 20 Meter-Kracher schlägt genau im rechten oberen Winkel ein, 1:1 (53.).

Regensburgs Auszeit

MSV-Keeper Flekken verdreht sich das Knie, muss behandelt werden. Es scheint weiterzugehen für den Niederländer. Dämliche Aktion: Pentke unter Druck auf Kopp, der schnell weiter auf George, der verliert den Ball gegen 2, und aus Ballbesitz wird eine gegnerische Ecke (60.). Kopp im Glück: robustes Einschreiten im Strafraum, Kampa sieht kein Foul (63.). Nächster Aufreger: Grüttner blockt am Elfmeterpunkt mit dem Rücken zum Tor eine gefühlte Minute lang die Kugel und kommt nicht zum Abschluss (64.).

Dann kassiert auch Kopp die erste Regensburger Gelbe (66.). Brandgefährliche Ecke, Pentke mit Flugeinlage hebt die Kugel vor dem einschussbereiten Stürmer weg (68.). Der Jahn ist jetzt nicht mehr 100 Prozent im Spiel: Freistoß von rechts, Hein klärt zur Ecke (70.). Wahnsinn: Thommys verunglückter Rückpass an der Mittellinie, Knolls Versuch, den Ball wegzuspitzeln gerät zur Vorlage für Wiegel, Kopp hinterher, zerrt rüttelt, gemeinsam mit Pentke verhindern sie den Abschluss.

Zweites Blödeltor

Oli Hein vermasselt seine Chance, den Jahn in Führung zu bringen: Viel Zeit und Platz über rechts, aber dann nur sowas wie „halb Schuss, halb Flanke“ ins Aus (75.). Ruhepause für den angekränkelten Kopp – Benedikt Saller wird ins Rennen geschickt, Marc Lais zurück in die Innenverteidigung beordert, um das Ergebnis sattelfest zu machen.

Stattdessen macht Duisburg das zweite Blödeltor: Oli Hein, nicht konsequent genug, lässt die Flanke zu, Pentke und Iljutcenko gleichzeitig am Ball, des Stürmers Kopf drückt am linken Pfosten die Kugel durch des Keepers Hände ins Tor, der Protest nützt nichts, 1:2 (80.).

Furioses Ende ohne happy

Herrlich bringt den Hoffnungsträger: Markus Ziereis zurück im Kader und für Pusch auch wieder im Team. Sofort ist der Goalgetter der vergangenen Saison zur Stelle, schöne Rückgabe auf Hein, der mit dem präzisen Zuspiel auf Grüttner – aus 11 Metern haut die 15 in den Boden (81.). Und der letzte Wechsel bei beiden Mannschaften: Für Grüttner kommt Haris Hyseni (85.). Kompliment an die Regensburger: Sie bleiben dran wie die Schmeißfliegen, aber auch die Schwarzen lassen nicht nach – Wolze zieht George das Trikot aus, Gelb (87.).

Gelbe Karte für die MSV-Auswechselbank – zu viel Echauffage, weil Kampka den Schwarzen jedes Einsteigen verbietet. Noch ein Freistoß für Rot-Weiß, schwach getreten. Schon das zweite rüde Foul von Iljutcenko verhindert den Regensburger Spielaufbau, Gelb. Duisburg rast, weil der Doktor dem Jahn noch einen Freistoß aus 20 Metern halbrechts zugesteht: Hofrath direkt, Flekken reißt beide Fäuste hoch und boxt das Ding über die Latte – und nochmal ein Ecken-Trio, haarscharf verpasst, Geipl mit Rückenlage drüber. Finito.

„Wieder mal Lehrgeld bezahlt“, bedauert Heiko Herrlich die unnötige Pleite. Am Sonntag in acht Tagen reist der Jahn-Tross (8./17 Punkte) nach Mainz (20./6). Bloß nicht übermütig werden, meine Herren, Zwickau (19./8) lässt grüßen.
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