Jahn Regensburg: XXL-Interview mit Sportchef Christian Keller und Trainer Heiko Herrlich
Acht Gewinner-Thesen unterm Kreuz

Jahn-Sportchef Christian Keller (links) und Trainer Heiko Herrlich können auch über fußballfremde Themen philosophieren. Bild: Herda
Sport
Regensburg
12.09.2016
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Heiko Herrlich entwickelt seine Spielphilosophie mit Händen und Füßen. Bild: Herda
 
Christian Keller hat durch den Wiederaufstieg klar an Statur gewonnen. Bild: Herda
 
Der Trainer erläutert seine acht Gewinner-Gebote. Bild: Herda
 
Heiko Herrlich kann sich vorstellen, langfristig in Regensburg zu bleiben. Bild: Herda
 
Christian Keller als Feier-Biest nach dem Relegationsspiel gegen Wolfsburg. Bild: Herda
 
Der Trainer macht vor, wie dynamisch Alex Nandzik am Pfosten gegen Hertha gestanden hätte, Fahrradkette er nicht zuvor einen überflüssigen 120-Meter-Spurt absolviert. Bild: Herda
 
Die Körpersprache sagt alles: Christian Keller zieht sich in der Abstiegssaison in sich selbst zurück. Bild: Herda
 
Ratlos: Der Sportchef konnte die Niederlagenserie in der Saison 2014/15 mit keiner Maßnahme stoppen. Bild: Herda
 
Heiko Herrlich hält viel von der Vermittlung eines Wertesystems für junge Fußballer. Bild: Herda
 
Fußballerpech: Immer wieder muss Sebatian Nachreiner mit neuen Rückschlägen zurechtkommen. Bild: Herda
Regensburg: Continental-Arena |

Dem Blitzstart in der Dritten Liga folgt die Ernüchterung. So schnelllebig ist Fußball. Nach vier Niederlagen, zwei im Pokal, zwei in der Liga, findet sich der SSV Jahn im Mittelfeld wieder. Eben dort, wo ihn Sportchef Christian Keller und Trainer Heiko Herrlich im Aufstiegsjahr positioniert haben wollen. Im Redaktionsgespräch vor der Spaßbremse Lotte schildert das Macher-Duo, wohin es wie langfristig gehen soll.

Herr Herrlich, haben Sie nach dem blitzsauberen Start die jüngsten Rückschläge mit dem Doppel-Aus im Pokal verdaut?

Herrlich: Ja natürlich. Ich bin seit 1989 im Geschäft, da darfst du dich nicht lange aufhalten. Für mich heißt das nach jedem Spiel schnell umschwenken. Mich hat das von allen Seiten erfolgte Lob für das Hertha-Spiel beispielsweise fast etwas gestört. Erstens war Berlin besser und ist verdient weiter gekommen. Zweitens stehen wir mit leeren Händen da. Ich hatte mich schon auf den neuen Trainingsplatz gefreut, der wird jetzt nicht gebaut.

Sie hatten die künftigen Einnahmen schon verplant, Herr Keller?

Keller: Sie kennen die Verhältnisse auf dem Trainingsgelände am Kaulbachweg? Wir hätten mit dem aus einem Weiterkommen resultierenden Zusatzerlös einen Rasenplatz am Kaulbachweg kernsaniert und wären damit nach dem Bau des Kunstrasenplatzes infrastrukturell einen weiteren Schritt vorangekommen. Die aktuelle Platzbeschaffenheit sorgt dafür, dass die Rasenplätze recht schnell den Strapazen des täglichen Trainings erliegen, gerade bei schlechter Witterung. Da können sich unsere Platzwarte abstrampeln wie sie wollen. Wir müssen die bestehenden Rasenplätze deshalb vollkommen neu anlegen. Es besteht noch viel Nachholbedarf am Kaulbachweg.

Herrlich: Ich habe immer ein richtig schlechtes Gewissen gegenüber unseren Platzwarten.

Herr Keller, Sie mussten in den ersten zwei Jahren ja viel Prügel einstecken, nicht zuletzt von mir – wie fühlt sich die Erfolgswelle mit Meisterschaft, Relegationssieg, Traumstart und fast DFB-Sensatiönchen an? Gibt es inzwischen auch positives Feedback von unerwarteter Seite?

Keller: Zunächst einmal muss man die bisherigen Leistungen sowohl in der Liga als auch im DFB-Pokal richtig einordnen. Im DFB-Pokal haben auch alle anderen Drittligisten ihre Sache gut oder sogar besser als wir gemacht – wie Lotte, die gegen Bremen weiter gekommen sind. In der Liga haben wir vier Spiele mit ordentlichen Leistungen und durchweg guten Ergebnissen absolviert. Das Spiel gegen Aalen war auch ok, allerdings in vielen kleinen Facetten in der Leistung und schließlich auch im Ergebnis schlechter als die ersten vier Spiele.

Für jedes der absolvierten Ligaspiele gilt, dass es immer sehr knapp zuging und Erfolg oder Misserfolg in diesen 50/50-Spielen oftmals über das Momentum entschieden wurde. In Aiglsbach hat man gesehen, wie schnell sich im Fußball alles ins Gegenteil verkehren kann. Das dortige Ausscheiden im BFV-Pokal ist unentschuldbar. Deshalb sollten wir die Kirche insgesamt mal ganz schön im Dorf lassen. Ich weiß, dass wir nur nach Sieg oder Niederlage bewertet werden.

Herrlich: Ich sehe es auch differenziert. Über Aiglsbach brauchen wir wie gesagt nicht reden, das war eine Blamage über die ich mich auch heute noch ärgere. Die 10 Punkte in der Liga gehen bisher in Ordnung, wir waren besser gegen Rostock, in Großaspach mit einer Hängephase, auch gegen Halle. Aber in allen Spielen gab es Momente, wo es hätte in die andere Richtung laufen können. Gegen Aalen haben wir das erlebt. Auch hier hatten wir mehr Möglichkeiten, waren sicher nicht die schlechtere Mannschaft, der Gegner war aber gnadenlos effektiv und wir eben nicht. Auf der anderen Seite hätten wir auch gegen Hertha weiterkommen können – dazu hätten wir aber unheimlich viel Glück gebraucht.

Keller: Hertha hat gegen uns ein richtig gutes Spiel, vor allem auch gegen den Ball, gemacht.

Herrlich: Stimmt. Ich habe den Jungs in der Videoanalyse zahlreiche Szenen aus dem Hertha-Spiel gezeigt, bei denen 9 Berliner verteidigt haben. Da sieht man, wie seriös die das angegangen sind.

Herr Herrlich, Sie haben in Ihrer Bescheidenheit immer darauf verwiesen, dass Ihr Vorgänger die Grundlagen für den Aufstieg geschaffen hat – war die Stabilisierung der Abwehr dennoch das entscheidende Quäntchen mehr?

Herrlich: Letztendlich kann ich den Spielern nur die Tür aufsperren, durchgehen müssen sie selber. Leistung ist planbar, Erfolg nicht. Wir gehen nach dem Beppo-Prinzip vor [Anm. d. Red.: Der Straßenkehrer aus Momo, der Schritt für Schritt macht]. Eine Mannschaft, die nicht funktioniert, ist kein kaputter Fernseher, wo du was austauschen kannst. Du arbeitest mit Menschen, musst viel Überzeugungsarbeit lassen. Ich musste Entscheidungen treffen, und scheinbar war eine mehr richtig als falsch. Mein erster Ansatzpunkt bei meinem Amtsantritt war, dass wir mit 27 Gegentoren in der Regionalliga nicht mehr zur Spitzengruppe gehören würden, wenn man diese Zahl auf 34 Spieltage hochrechnet. Da haben wir uns sicher verbessert mit 9 Gegentoren in 13 Spielen – das ist nicht überragend, aber immerhin haben wir fünfmal zu Null gespielt und es hat gereicht für Platz 1. Die Aufstiegsspiele waren beide sehr gut gegen eine überragende Wolfsburger Mannschaft.

Herr Keller, Sie waren ja gegen einen Trainerwechsel. Wie haben Sie die Entwicklung seitdem gesehen und was ist Ihrer Auffassung nach der Anteil von Heiko Herrlich?

Keller: Ich war gegen die Art und Weise sowie den Zeitpunkt des Trainerwechsels, aber das ist mittlerweile Schnee von gestern. Am Aufschwung der Mannschaft hat Heiko natürlich einen sehr großen Anteil. Man sieht ganz klar seine Handschrift. Am deutlichsten wohl im Spiel gegen den Ball, also in der Art und Weise wie wir im Mannschaftsverbund, aber auch individuell verteidigen. Das ist jetzt so, wie es in unserer Spielphilosophie steht. Ein weiterer wesentlicher Punkt ist, dass sich unter Heiko die Haltung der Mannschaft immens verändert hat: Die Mannschaft ist auf dem Weg, eine Siegermentalität zu entwickeln, einen wesentlichen Schritt weitergekommen. Darüber hinaus verdient die Mannschaft jetzt auch diese Bezeichnung. Wir haben deutlich an Teamgeist hinzu gewonnen.

Klar muss aber auch sein, dass Siegermentalität und Teamgeist nichts sind, das man einmal hat und das dann fortan immer da ist. Die Spieler müssen verstehen, dass diese beiden Werte und auch das, was unsere Mannschaftsmentalität darüber hinaus noch ausmachen soll, immer wieder aufs Neue geschützt und erarbeitet werden müssen. Der Trainer lebt den Spielern das an jedem einzelnen Trainingstag und bei jedem Spiel, gleich ob Meisterschafts-, Pokal- oder Testspiel vor. Dass man Siegermentalität und Teamgeist haben will, ist zwar ganz schnell gesagt, verkommt aber zur puren Floskel, wenn man im Alltag nicht bereit ist, es mit allem, was man geben kann, zu leben. Und das ist extrem schwierig, letztlich aber der Anfang von allem und die Voraussetzung für Erfolg.

Herrlich: Richtig. Ich erzähle meinen Mannschaften seit elf Jahren immer das Gleiche. Ich messe euch an zwei Sachen. Ihr sollt Teamplayer, Diener sein für die anderen. Wenn das jeder macht, hast du 20 Diener. Das zweite ist die Siegermentalität. Ich habe, bevor ich hier angefangen habe, das Spiel in Schweinfurt beobachtet. Da waren wir keine Mannschaft. Im Moment ist das ein Team, wo sich keiner zu schade ist, für den Nebenmann zu fighten. Du musst das jedes Mal von Neuem leben. Worte können lügen, Taten nicht. Woran hat man Freude? Wenn du allein gegen den Ball trittst, oder wenn du am Bolzplatz 5 gegen 5 spielst? Das sind die schönsten Momente, das gibt mir Frieden. Ich habe den Jungs gesagt: Stellt euch vor, nur Palle mit seiner Einstellung gibt alles, gewinnt das Spiel für euch und läuft die Ehrenrunde dann allein. Wollt ihr das? Das Gemeinsame geht immer mehr verloren.

Sind das nicht Selbstverständlichkeiten?

Keller: Verantwortung für andere übernehmen, Respekt zeigen, Danke sagen, das eigene Ego hinter dem Wohl des Ganzen anstellen etc. – das ist heute leider nicht mehr selbstverständlich.

Herrlich: Du reflektierst ja auch deine eigene Karriere. Wir haben mit Borussia Dortmund als schlechtere Mannschaft gegen Juventus die Champions League und anschließend auch den Weltpokal gewonnen – und sind dann trotz Verstärkungen drei Jahre später fast abgestiegen. Wieso geht so was verloren? Ich kann mich erinnern, dass Dieter Hoeneß um 2009 bei Hertha radikal die Egomanen aus der Mannschaft geworfen und anschließend konsequent gefordert hat, dass in der Ausbildung des Nachwuchses wieder mehr auf die Eigenschaft Teamplayer geschaut wird.

Keller: Wenn man sich zum Beispiel die Akademie von RB Leipzig, die sowohl was Ihre Infrastruktur als auch ihr Personal angeht in der absoluten Spitze unterwegs ist, anschaut, ist das Interessante, dass den Spielern zuerst einmal ein integres, sozial verträgliches Normen- und Wertegerüst, weit vor allen fußballerischen Inhalten vermittelt wird...

Herrlich: … das ist Rangnick …

Keller: … deshalb hat er Erfolg. Wenn er genug Zeit bekommt.

Herrlich: Heute hat jeder halbwegs talentierte Spieler mit 14, 15 gleich einen Berater. Die Eltern drehen am Rad, es geht nur um den Spieler. Der hat noch nicht die Reife, zu sagen, es geht nicht um mich. Da musst du gegensteuern. Er muss kapieren, dass er nur Erfolg haben kann, wenn das Kollektiv funktioniert.

Keller: Natürlich sagt jeder Spieler, ich habe Siegermentalität. Aber was heißt das? Profi ist man nicht nur auf dem Platz, sondern im ganzen Lebenswandel. Das unsichtbare Training, also Ernährung, Schlaf und Körperpflege sowie das gezielte Arbeiten an individuellen Defiziten, macht den wahren Profi aus.

Herrlich: Persönlichkeit ist ein Leistungsfaktor. Herz und Wille gehören dazu, darauf habe ich auch als Trainer Einfluss zu nehmen, das kann ich bis zu einem gewissen Maß trainieren. Im DFB-Pokalspiel hat man gesehen, dass die Jungs trotz Krämpfen weitergespielt haben. Nach jedem Spiel im Fernsehen hörst du immer die gleichen Antworten, wenn einer nach den Gründen für einen Erfolg gefragt wird: „Einer war bereit für den anderen alles zu tun.“

Keller: Das hat man aktuell gerade auch bei den Olympischen Spielen wieder gehört. Sowohl die Frauen-Nationalmannschaft als auch das deutsche Männerteam haben betont, dass ihre jeweils größte Stärke der Teamgeist war.

Herrlich: Das ist die Folge von Führung, mit der richtigen Mischung von Vertrauen und Härte. Eine Mannschaft ist ein lebendiger Organismus. Der Fußballer ist bequem, am liebsten bewegt er sich in der Komfortzone. Ich habe nach den ersten drei Spielen schon gemerkt, dass einige sehr zufrieden mit sich waren, den Montagnachmittag erst einmal ganz gechillt angehen wollten. Der Glanz wirkt nach, da kriegst du Blicke, wenn du antreibst: „Was soll das? Bitte fass‘ mich mit Samthandschuhen an.“ Manchmal schieße ich vielleicht auch übers Ziel hinaus.

Keller: Das für Erfolg erforderliche Normen- und Wertegerüst kann jeden Tag entgleiten.

Sie haben aber doch das letzte Wort – wenn Sie einen Spieler auf die Bank setzen, ist seine Karriere in Gefahr. Insofern ist er doch von Ihnen abhängig.

Herrlich: Nein, das sehe ich ein bisschen anders. Sind wir doch mal ehrlich, eigentlich bin ich als Trainer doch auch auf meine Spieler angewiesen. Ich habe für den Aufstieg kein Laufduell gewonnen, kein Tor geschossen. Ich sage immer: Mannschaften können ohne Trainer gewinnen, aber nicht umgekehrt.

Herr Herrlich, Herr Keller, gehen Sie konform damit, dass der Jahn mit dem Stamm der Regionalliga, in gewisser Weise mit dem hard core der abgestiegenen Drittliga-Mannschaft antritt – Oli Hein, Markus Palionis, Uwe Hesse, Marcel Hofrath, Sven Kopp, Andi Geipl, Marvin Knoll, Kolja Pusch, Sebastian Nachreiner. Wenn ja: Haben die sich so gut entwickelt, waren sie in der Saison 2014/15 noch nicht so weit – oder sind die seither getätigten Verstärkungen mit Thommy, Ziereis, Nandzik entscheidend?

Keller: Es gab in der Abstiegssaison viele leistungshemmende Faktoren für die Genannten. Die einzelnen Spieler konnten ihr Leistungsvermögen deshalb oftmals nicht abrufen. Oli Hein zum Beispiel hat mindestens die Qualität für die 3. Liga, da wird mir jeder Recht geben. Aber auch er war im Abstiegsjahr nur ein Schatten seiner selbst. Jetzt ist er wieder auf gutem Niveau. Ein entscheidender Punkt für die aktuelle Leistungsentwicklung vieler Spieler ist, dass durch den Aufstieg wahnsinnig viel emotionaler Ballast abgeworfen wurde. Man darf nicht unterschätzen, wie das hemmen, und umgekehrt, wie das beflügeln kann. Das hat man auch in der Regionalliga gesehen. Die Mannschaft hat in der ersten Saisonhälfte alles überrannt, dann sind ein paar Sachen passiert und wir sind ziemlich aus dem Tritt geraten.

Was waren denn das für Sachen?

Keller: Wir haben ja vorhin schon über die Haltung zum Spiel gesprochen. Die war sicher ab einem gewissen Zeitpunkt in der Regionalliga nicht durchgängig in dem Maße da, das nötig ist, um konstant gute Leistungen abzurufen und entsprechende Ergebnisse zu erzielen. Anders sind viele der Auftritte, gerade auswärts, nicht zu erklären. An der technisch-taktischen Qualität oder auch der Fitness der Spieler hat es in Rain/Lech, in Schalding-Heining, in Aschaffenburg oder den anderen Orten empfindlicher Regionalliga-Niederlagen nicht gelegen. Wir haben in dieser Phase beim Leistungsbaustein Persönlichkeit vieles von dem vermissen lassen, was uns dann später wieder stark gemacht hat.

Herrlich: Die größten Fehler machst du im Erfolg. Beim Spiel in Schweinfurt war keine Mannschaft am Platz. Wenn dir der Trainer so wichtig ist, spielst du anders. Ab Januar haben wir das Stück für Stück wieder freigelegt, spätestens im Mai war das auch nach außen hin wieder für jeden sichtbar. Was ich hier so festgestellt habe, ist, wenn du Leute dabei hast, die sich die Frage stellen „Was gibt mir der Verein?“ und nicht „Was kann ich dem Verein geben?“, dann hast du ein Problem.

Wenn ich an Ihre Kommentare nach den Spielen vergangene Saison denke, waren wir in der Einschätzung der Leistung nicht so weit auseinander – viele Spiele waren nicht so der Hit. In Amberg, gegen 1860, in Buchbach, gegen Rain. Aufwärts ging's ab Burghausen ... Was war Ihrer Meinung nach der entscheidende Impuls: die von Ihnen geforderte Toba-Passarelli-Mentalität oder die neue konditionelle Stärke, siehe Jann George?

Herrlich: Man konnte bei Jann von Anfang an sehen, dass er fußballerisches Potenzial hat, aber noch nicht die Fitness, die es für ein erfolgreiches Spiel benötigt.

Keller: Dafür gibt es aber auch eine einfache Erklärung. Jann kam zu uns, hatte wegen eines Knorpelschadens acht Monate nicht gespielt. Er hat von Juni bis September gebraucht, um in eine Grundverfassung zu kommen, dann bricht er sich das Wadenbein. Vor der Winterpause ist er dann wegen unserer Personalnot viel früher als es sein Fitnesszustand eigentlich hergegeben hat, nochmal auf den Platz zurückgekehrt. Jetzt hat er zum ersten Mal beim Jahn eine längere Phase ohne Verletzung und ist körperlich wie mental in der Lage, an sich und seiner Entwicklung zu arbeiten.

Herrlich: Er marschiert jetzt 90 Minuten, auch defensiv. Er ist immer bei Oli Hein mit am Doppeln.

Keller: Profi ist man wie schon gesagt auch dann, wenn man nicht auf dem Platz steht. Auch da hat sich Jann deutlich weiterentwickelt. Seine Leistungskurve beim Jahn zeigt, was für jeden einzelnen Spieler möglich ist – positiv wie negativ – steil nach oben.

Wenn das so ist: Was machen Sie im Training anders als Ihr Vorgänger?

Herrlich: Ich kann nicht beurteilen wie Christian Brand gearbeitet hat und möchte deshalb nur über mich sprechen. Ich achte im Training darauf, dass jeder die Einheiten konzentriert mit einem Maximum an Intensität angeht, und dass die vier Leistungsfaktoren Mentalität, Kondition, Technik und Taktik abgedeckt sind – in der Defensive und in der Offensive.

Pep Guardiola wurde nach diversen Verletzungen kritisiert – gibt es sportmedizinischen Ansatz, außer dem klassischen Warmmachen, wie man Verletzungen vermeiden kann, also eine Art Gesundheitsmanagement?

Keller: Man muss zunächst einmal unterscheiden. Es gibt immer Verletzungen, die durch Fremdeinwirkung entstehen und die sich kaum vermeiden lassen.

Herrlich: Aber wenn du topfit bist, nimmst du auch schneller wahr, da will dich einer packen. Es kommt auf das „unsichtbare“ Training an. Dazu gehören zum einen Sonderschichten, um individuell an athletischen Defiziten zu arbeiten. Außerdem aber auch die richtige Pflege, zum Beispiel durch regelmäßige Arbeit mit dem Physio. Dazu kommt dann noch die Erholung durch gesunden Schlaf und die richtige Ernährung. Ich erkläre das der Mannschaft immer wieder, am Abend vor dem Spiel kriegen die Spieler ein besonders ausgewogenes Essen. Einmal in der Woche gehen wir gemeinsam Mittagessen. Wenn du ein Formel-1-Auto hast, kannst du auch keinen Diesel tanken, sondern du brauchst eine besondere Ölmischung. Nach hartem Training fällt der Körper in ein Loch. Man muss den Speicher auffüllen. Ich will den Spielern aber auch nicht alles verbieten. Sie müssen selbst Verantwortung übernehmen.

Stichwort Mario Basler, die Zigarette danach und ein schönes Weizen …

Herrlich: Das kannst du bei dem heutigen Tempo vergessen. Das geht einfach nicht mehr.

Ist es einfach Pech, wenn Spieler wie Sebastian Nachreiner oder Thomas Paulus von einer Verletzung in die nächste stolpern oder muss man irgendwann sagen, der Körper spielt da nicht mehr mit?

Herrlich: Der Wastl hatte eine Woche bevor er sich verletzt hat noch 90 Minuten in der U21 gespielt, am Mittwoch dann beim Testspiel in Seligenporten. Dann sollte er eigentlich eine Pause machen, musste aber gegen Bochum doch spielen, weil wir nach der kurzfristigen Verletzung von Markus Palionis, und weil Sven Kopp lange nicht gespielt hatte, keine wirkliche Alternative hatten und ich die vielen Zuschauer nicht enttäuschen wollte. Kurz vor Schluss kriegt er einen Tritt gegen das Knie – da hätte er ohne Vorermüdung vielleicht noch auf die Situation reagieren können. Das nehme ich auf meine Kappe.

Keller: Ach was, da geht Heiko zu hart mit sich ins Gericht, ich mache ihm da gar keinen Vorwurf. Wastl wollte spielen, hat gesagt, es geht. Es wäre ein schlechtes Zeichen an den Spieler gewesen, ihm zu sagen, dass er nicht darf, wenn er sich selbst fit fühlt. Die neuerliche Verletzung ist für uns und vor allem für Wastl sehr bitter. Das Gute ist aber, dass er den neuerlichen Rückschlag super weggesteckt hat und bereits Ende September wieder im Mannschaftstraining sein sollte.

Natürlich ist es Blödsinn nach fünf Spieltagen das Saisonziel zu verändern und taktisch blödsinnig, sich selbst unter Druck zu setzen: Gibt es dennoch einen Plan C, wenn eine Eigendynamik wie bei Würzburg oder der Aufstiegssaison unter Weinzierl entsteht, die ja spielerisch auch nicht immer eine Offenbarung war?

Herrlich: (grinst) Nein, wenn die Situation eintritt, würden wir uns mit Händen und Füßen wehren ... Ganz im Ernst: Ich sage ja immer, dass es vermessen wäre als Aufsteiger ein anderes Ziel auszugeben als den Klassenerhalt. Und das meine ich auch genauso. Würzburg oder Leicester City, das sind Märchen, die der Fußball manchmal schreibt. Es gibt aber auch die Kehrseite, Vereine, die nach gutem Saisonstart abstürzen. Wir tun gut daran realistisch zu bleiben.

Keller: Wir denken immer nur an das nächste Spiel und arbeiten sportlich Schritt für Schritt. Das schließt aber natürlich keinesfalls aus, dass eine Gesamtidee da ist, wohin sich der SSV Jahn als Gesamtorganisation perspektivisch entwickeln soll. Als nächsten infrastrukturellen Schritt wollten wir beispielsweise wie schon geäußert einen Rasenplatz am Kaulbachweg sanieren, weil das eine Voraussetzung ist, um die Trainingsbedingungen und damit wiederum die sportlichen Erfolgsaussichten zu verbessern. Für das und viele andere Perspektivthemen mehr, ist ein klarer Plan vorhanden.

Wir sind heute schon um Lichtjahre weiter als zu Drittligazeiten in der Abstiegssaison, müssen aber trotzdem noch ganz viele Dinge bewegen und verbessern, um weiter nach vorne zu kommen. Aktuell sehen wir, dass wir sportlich konkurrenzfähig sind, aber auch wie hart wir für jeden einzelnen Punkt auf der Habenseite arbeiten müssen. Wir sind in der 3. Liga zwar keine Mickey Mouse mehr, von der Spitze aber auch noch ein großes Stück entfernt. Es bleibt deshalb für die nächsten Jahre viel zu tun.

Herrlich: Ich kann da nur die alten Weisheiten von Herberger zitieren – das nächste Spiel ist immer das wichtigste. Ich habe nur eines auf dem Schirm, am Samstag drei Punkte einzufahren. Aber klar, langfristig musst du mit so einem Stadion aufsteigen.

Entscheidendes Kriterium für die Wettbewerbsfähigkeit ist natürlich auch das Geld: Wie entwickeln sich die Finanzen, welche Säulen sind besonders wichtig – sind Sie ein klein wenig enttäuscht, dass gegen Rostock, Halle und sogar Hertha weniger Zuschauer da waren als gegen Amberg oder Bayern?

Keller: Im Vergleich zum Heimspiel in der Abstiegssaison hatten wir gegen Rostock nahezu doppelt so viele Zuschauer – und das war damals sogar noch eine unkritische Phase.

Aber man spielt jetzt auch im neuen Stadion. Warum sind es jetzt weniger als vergangenes Jahr?

Keller: Wir machen im Marketing aktuell mehr denn je, um unsere Heimspiele zu bewerben. Es ist deshalb schwer zu sagen, warum in den ersten Spielen keine Zuschauerspitzen erreicht wurden. Der abnehmende Stadiontourismus kann da eine Rolle spielen, die Urlaubszeit, der Anstoßzeitpunkt am Samstag um 14 Uhr.

Herrlich: Ich wünsche mir, dass die Leute, die da waren, sagen, „mit der Mannschaft kann ich mich identifizieren – komm, lass uns eine Dauerkarte kaufen“.

Keller: Der Kreis derer, die das Geschehen beim Jahn aufmerksam verfolgen, ist zuletzt stark gewachsen. Auch bei denen, die darüber hinaus regelmäßig ins Stadion kommen, haben wir einen Wachstumstrend. Unsere Aufgabe ist es, beide Gruppen noch deutlich größer zu machen. Die Gruppe derer, die immer kommen, ist in kürzester Zeit um ein Drittel gewachsen – wir haben zum jetzigen Zeitpunkt knapp 2000 Dauerkarten verkauft. Am Ende der vergangenen Saison waren es 1500. Mir wäre es natürlich auch recht, wenn dieser Wachstumsprozess noch schneller ginge, aber die Entwicklung ist positiv.

Wie wirkt sich die Anklage gegen OB Wolbergs und der damit verbundene Unmut des wichtigsten Gesellschafters auf die Finanzen aus?

Keller: Das ist natürlich nicht schön, wenn Personen wie der OB und Herr Tretzel, die den Jahn über Jahre hinweg massiv unterstützt und maßgeblich zu seiner Existenzsicherung beigetragen haben, jetzt wegen der sogenannten Spendenaffäre auf der Anklagebank sitzen. Aktuell kann ich nur sagen, dass das Bauteam Tretzel aufgrund eines laufenden Vertrages in der Riege der Premium Partner bleiben wird.

Wie lange läuft der noch?

Keller: Bis zum Ende der Saison 2017/18.

Steht die Finanzierung inzwischen auf genügend vielen und stabilen Säulen?

Keller: Im Durchschnitt hatte vergangene Saison jeder Drittliga-Verein einen Umsatz von 8,9 Millionen Euro – die zweiten Mannschaften nicht mit eingerechnet. Wir streben für die laufende Saison einen Jahresumsatz von 6,5 Millionen Euro an, liegen also noch ein gutes Stück unter dem Durchschnitt. Wir haben aber brutal aufgeholt, vor allem im Sponsoring. Über die vergangenen drei Jahre hinweg haben Unternehmen, die mit uns zusammengearbeitet haben, registriert, dass wir ein seriöser Geschäftspartner sind, der sich an seine Zusagen hält und für seine Markenwerte Ambition, Bodenständigkeit und Glaubwürdigkeit einsteht. Wir hatten, als ich anfing, weniger als 70, jetzt bald 200 Partner. Das ist eine ordentliche Entwicklung in kurzer Zeit.

Unser Leitansatz in den Sponsoringgesprächen ist: Was sind Ihre Unternehmensziele, was Ihre Marketingziele? Auf diese Ziele versuchen wir dann mit passenden Sponsoringleistungen einzuzahlen. Das kann im Extremfall aber auch bedeuten, dass sich herausstellt, dass eine Partnerschaft keinen Sinn macht, weil wir beim Erreichen der Ziele des potentiellen Partners nicht behilflich sein können. Im Regelfall finden wir aber einen gemeinsamen Weg. Es ist beileibe nicht mehr so, dass ein Sponsor aus Gönnertum Mittel zur Verfügung stellt. Sponsoring ist ein Geschäft basierend auf Leistung und Gegenleistung. Natürlich sollte sich aber auch eine emotionale Bindung entwickeln, um die Sponsoringbeziehung abseits des eigentlichen Geschäfts zu stärken. Die Chance darauf ist umso größer, wenn sich ein Partner, wie das inzwischen viele unserer Sponsoren tun, über längere Zeit beim Jahn engagiert

Erfolge wecken Begehrlichkeiten: Befürchten Sie Abwerbungsversuche potenter Dritt- und Zweitligisten?

Herrlich: Es ist ehrlich gesagt so, dass ich mich über jedes Angebot für unsere Spieler freue. Ich hoffe natürlich, dass wir Rahmenbedingungen schaffen, um sie zum Bleiben zu bewegen. Wenn nicht, haben wir ein bisschen am Rad drehen dürfen, damit ihre Entwicklung weitergeht.

Keller: Wir sagen den Spielern ja auch bei jedem Vertragsgespräch: „Wir wollen dir hier ein Sprungbrett bieten – zu einem anderen Verein oder, für uns noch viel besser, wir entwickeln uns als Club weiter und du springst mit uns.“ Wichtig ist in jedem Fall, dass der Spieler „springt“, denn dann heißt das, dass er eine gute Saison gespielt hat und das ist auch für den Jahn positiv.

Wie sieht Ihre Zukunftsplanung aus, Herr Herrlich – würden Sie in der schönsten aller Welten den Jahn immer weiter nach vorne führen oder wäre ein Angebot, wie es Markus Weinzierl bekam, unwiderstehlich?

Herrlich: Ich habe lange genug gespielt, die gesteigerte Aufmerksamkeit in den oberen Ligen und alles was diese mit sich bringt, bedeutet mir nicht so viel. Ich bin ein gläubiger Mensch, empfinde es als Segen, dass ich auch heute noch im Fußball arbeiten kann – dass ich mein Hobby weiter zum Beruf machen darf. Für mich steht die Jobzufriedenheit über allem. Ich habe lieber wie hier Leute um mich herum, mit denen es Freude und Spaß macht, als zwanghaft nach einer Aufgabe in einer höheren Liga zu streben.

Und Sie können sich Regensburg als Wohnsitz vorstellen?

Herrlich: Ich bin immer ein treuer Mensch gewesen, hatte auch als Fußballer mit Abstrichen nur drei Vereine. Mein Ziel ist es immer, etwas langfristig zu machen. Ich weiß, dass ich das nicht allein entscheiden kann. Ich habe bisher vor allem eine Rolle in der Entwicklung junger Mannschaften gespielt. Bei Borussia Dortmund konnte ich mithelfen, dass sich ein Talent wie Marcel Schmelzer entfalten konnte. Es war kein leichter Einstieg für mich ins Trainergeschäft, ich musste erst einmal Manager Michael Meier überzeugen, der der Meinung war, nie Ex-Profis einzustellen. Die anderen Jugendtrainer waren alles andere als begeistert. Der Verein befand sich damals im Niedergang, sie hatten brutale Existenzängste. „Hier geht es um Ausbildung, nicht ums Gewinnen“, war ihr Credo. Ich habe denen gesagt, „nein, es geht auch darum, Profis zu entwickeln.“

Dass Sie Mathias Sammer zum DFB geholt hat, galt dann auch eher als Freundschaftsdienst denn als Ritterschlag für Ihre Jugendarbeit?

Herrlich: Es war ähnlich, ich galt als Sammer-Zögling, war aber erfolgreich. Ich wollte mich dennoch freischwimmen und habe die Herausforderung beim VfL Bochum angenommen, trotz vieler Stimmen, die sagten, da kommen bessere Angebote. Ich habe den Verein auf dem vorletzten Tabellenplatz übernommen und wurde auf dem Relegationsplatz entlassen. Zwischenzeitlich wähnte uns das Umfeld schon gerettet, dann brach mir meine Achse im zentralen Mittelfeld weg, das konnten wir nicht kompensieren. Ich habe leider nicht mehr die Chance bekommen, den VfL mit einem Sieg am letzten Spieltag noch zu retten, was möglich gewesen wäre. Anschließend bin ich zu Unterhaching gegangen und wir haben nach großem Umbruch souverän die 3. Liga gehalten. Danach ging ich aus familiären Gründen zurück nach Dortmund, was viele nicht verstanden haben. Es folgte die Zeit im Nachwuchs des FC Bayern – eine sehr reizvolle Aufgabe, die nach zwei Jahren zu Ende ging.

Nach zwei Jahren muss man bei Ihnen also mit dem Schlimmsten rechnen?

Herrlich: Ich bin jeden meiner Trainerjobs so angegangen, dass ich ihn länger machen wollte. Aus den verschiedensten Gründen hat das bislang aber leider noch nicht geklappt. Ich würde mich freuen wenn es jetzt beim Jahn funktioniert.

Keller: Wir sagen bei jedem Vertragsgespräch mit Spielern, „du musst dich auf uns einlassen mit Haut und Haaren, du musst mit uns verheiratet sein“.

Herrlich: (lacht) So ist das bei mir auch. Ich teile meinen Mannschaften immer ein Schriftstück aus: „Der Gewinner.“ Das sind meine 8 Fußballgebote. Ich sage den Jungs, „die müssen bei euch unterm Kreuz hängen“. Da steht zum Beispiel: „Der Gewinner hat immer einen Plan, der Verlierer immer Ausreden.“

Herr Keller, soll man gehen, wenn es am Schönsten ist oder möchten Sie beweisen, dass man einen Chaotenverein ganz nach oben führen kann?

Keller: Das ist immer ein Prozess, der abhängig ist von Ergebnissen. Wenn ich etwas mache, möchte ich es so gut wie möglich machen. Ich vergleiche die Entwicklung des Jahn intern den Mitarbeitern gegenüber oft mit einem Marathonlauf. Bis vor kurzem waren wir als Gesamtorganisation betrachtet so schlecht, dass wir nicht mal am Start waren. Jetzt befinden wir uns in etwa bei Kilometer 10, müssen demzufolge aber noch eine weite Strecke zurücklegen, um ans Ziel zu kommen. Das Ziel des Marathonlaufs, ist eine Begeisterung zu entfachen, damit sich die Menschen wieder mit dem Jahn identifizieren, stolz auf ihn sind. Das war schon mal so in den 60er Jahren. Das Relegationsspiel gegen Wolfsburg und das Pokalspiel gegen Hertha haben gezeigt, dass das Potenzial da ist, um wieder dort hinzukommen. Wenn der Jahn es schafft, einen gewöhnlichen Samstag möglichst oft zu einem Highlight für die Menschen in der Region zu machen, dann kommen wir diesem Ziel Schritt für Schritt näher. Sportlich möchten wir auf diesem Weg dann natürlich irgendwann in die Zweite Liga.

Herr Herrlich, sind Sie abergläubisch oder einfach nur unheimlich konzentriert – wenn man Sie gegen Wolfsburg oder Hertha beobachtet hat, erlauben Sie sich und manchmal auch anderen kaum Jubel, bevor der Sieg wirklich feststeht? Dann ginge es Ihnen so wie mir, der sich auch nie zu früh freuen will ...

Herrlich: Eigentlich bin ich emotional, aber genau deshalb kontrolliere ich mich – einer muss ja den Überblick behalten. Ich freue mich innerlich. Gegen Wolfsburg führen wir 2:0, einer nach dem anderen will runter – Ziereis ist völlig leer, Pusch kann nicht mehr und die drücken immer mehr. Von der 80. Minute an habe ich mit mir gerungen – bring‘ ich jetzt Paulus zur Absicherung und die bringen eins rein, haben wir keine Gelegenheit mehr, Hyseni reinzuwerfen. In der 87. habe ich mich entschieden, jetzt müssen wir durch mit Paulus. Ich versuche da immer ruhig zu bleiben. Geprägt von Hitzfeld, dessen Menschen- und Gruppenführung. Ich finde immer, Zuschauer kommen wegen des Spielers, nicht wegen des Schiedsrichters oder Trainers. Da muss man sich zurückhalten, nicht eine Show abziehen. Ich hatte genug Aufmerksamkeit, die brauche ich nicht mehr. Das geht aber jetzt nicht gegen Klopp und Simeone, die auch Vorbilder sind – aber ich würde mich schwer tun, Laola vor der Kurve aufzuführen.

Sie marschieren lieber aufs Feld und halten dem Torschützen Nandzik eine Strafpredigt, weil er vor Begeisterung 40 Meter weiterflitzt …

Herrlich: Das ist eine Kraftvergeudung – das gilt nicht nur für ihn. Einmal hat Thommy bei Ballbesitz Hertha einen sinnlosen 75-Meter-Sprint hingelegt. Das war dumm, so was macht man gemeinsam, nicht alleine. Das Gegentor kriegen wir dann nach einem Eckball über unsere linke Seite. Wenn der Nandzik die Kraft noch gehabt hätte, den zu stellen, hätte er ihn vielleicht noch abgelaufen oder zumindest ins Seitenaus geklärt. Und er wäre vielleicht nicht so dagehangen am Pfosten (Heiko Herrlich macht es vor). Das weiß man nie sicher und es ist kein Vorwurf, ich will nur, dass meine Spieler den gleichen Fehler nicht zweimal machen.

Keller: Man muss zur Ehrenrettung von Alex Nandzik sagen, das ist ein Spieler, der von der Begeisterung lebt. Wir schießen das 1:0 gegen Hertha BSC ...

Herrlich: Ich habe schon auch Trainingsformen, bei denen wir 30-Metersprints üben, aber nie 120 Meter von ganz hinten in die Kurve. Ich weiß, wie lange du brauchst, dich wieder zu erholen. Es gibt zwar den guten Spruch von Arrigo Sacchi: „Muss ich ein gutes Pferd gewesen sein, wenn ich ein guter Jockey sein will?“ Ich finde aber, es schadet zumindest nicht, ein gutes Pferd gewesen zu sein. Aus Erfahrung weiß ich, der wahre Sieger jubelt nach dem Spiel. Weiser kam frisch rein, wir bekommen die 11. Ecke gegen uns. Die stehen unter enormem Druck, sie haben gegen Bröndby ein Jahr Arbeit in den Sand gesetzt und die Berliner Presse ist brutal.

Herr Keller, wie entwickelt sich jetzt die Geschäftsstelle weiter – vergangene Saison ging es ja viel um den ominösen dritten Mann, der bei Verpflichtungen mitreden soll. Das ist passé?

Keller: Ich entscheide über Spielerverpflichtungen zusammen mit dem Trainer. Da lasse ich mir auch künftig von keinem reinreden. Mit der Aufstellung der Geschäftsstelle haben wir mittlerweile ein sehr gutes Niveau erreicht. Für den Jahn arbeiten heute ausschließlich kompetente Mitarbeiter, die den Anspruch haben, den Jahn mit viel persönlichem Herzblut auf seinem Marathonlauf weiter nach vorne zu bringen.
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