Jahn-Tross bummelt acht Stunden im Zug an die Waterkant
Regensburg hofft aufs erste Tor in Kiel

Das möchten die Regensburger nicht erleben: eine Windjammerparade auf der Kieler Woche. (Foto: Von Arne List - originally posted to Flickr as Windjammerparade, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7495172)
Sport
Regensburg
24.11.2016
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Heiko Herrlich spornt die Jungs nach dem 3:1-Sieg gegen Wehen-Wiesbaden gleich zum giftigen Training danach an. Bild: Herda
Kiel: Holstein-Arena |

Es war immer eng, wenn die Regensburger (12./21 Punkte) die knapp 800 Kilometer lange Reise an die Waterkant antraten – aber bis auf ein 0:0 (2014) sprang nichts Zählbares in Kiel (10/21) heraus, noch nicht mal ein Tor. Am Samstag, 14 Uhr, hofft Jahn-Trainer Heiko Herrlich auf der langen Zugfahrt die giftige Seite seiner unsteten Truppe herauskitzeln zu können.

Bei den freundlichen Störchen ist das Glas sowohl halbleer als auch halbvoll: Der Kieler SV Holstein von 1900. so steht‘s nun mal im Wappen, ist seit fünf Spieltagen in Liga 3 ungeschlagen. Bravo! Allerdings, auch seit vier Spielen sieglos. „Es ist jetzt an der Zeit, dass wir wieder ein Spiel gewinnen“, sagt Trainer Markus Anfang. Klar, jeder Anfang ist schwer, denn: „Es ist nicht zu erwarten, dass die Regensburger hier Hurra-Fußball zeigen werden.“

Punktelieferant herzlich willkommen

Den Oberpfälzern werde es in erster Linie darum gehen, engagiert gegen den Ball zu spielen. „Das wird eine schwere Aufgabe für uns, zumal Regensburg in der Offensive eine gute Qualität besitzt und auch bei Standards gefährlich ist.“ Kaum trifft mal einer bei einem Freistoß ins Netz, schon macht das Gerücht die Runde: „Die haben einen, der schießen kann.“ Der Jahn ist jedenfalls als Mannschaft, die hier im hohen Norden noch nie einen Teepott geschweige denn einen Rumtopf gewonnen hat, herzlich willkommen.

Schließlich war schon das 2:0 im Jahn-Stadion am 24. September 2014 Auftakt zu einer beeindruckenden Serie: In 27 Partien kassierten die Blauen nur eine Schlappe (0:2 gegen den BVB II). Im Rückspiel am 21. März 2015 konnte nur Mikkel Vendelbo einen starken Richard Strebinger überwinden – erster Nagel im Abstiegssarg der Gäste. Tim Siedschlag zählte bereits damals zum Stammpersonal der Kieler. „Wenn das Heimspiel gegen Regensburg wieder der Beginn einer Siegesserie ist, soll’s mir nur recht sein“.

Erik Thommy an Bord

Personell hat Jahn-Trainer Heiko Herrlich wenig Sorgen. Zwar haben sich Daniel Schöpf und Michael Faber im matschigen Trainingsrasen leicht verletzt – „Daniel steigt nächste Woche wieder ins Training ein, Michi wird drei Wochen ausfallen.“ Aber Erik Thommy, Mann des vergangenen Spieltags, ist auf alle Fälle an Bord. Wie geht das junge Augsburger Talent mit den frischen Lorbeeren um nach dem Doppelpack gegen Wehen?

Für Erik Thommy sei es eine neue Situation, die er so nicht gekannt habe: Einsatz jede Woche. „Man merkt, dass es ihm manchmal schon an die Substanz geht, deshalb die kleinen Wehwehchen“, erklärt Herrlich. Aber insgesamt tue es ihm gut, dass er seinen Rhythmus finden habe können. „Er hatte eine kleine Krise im Abschluss, er hätte schon wesentlich mehr Tore machen können.“ Jetzt habe er drei auf dem Konto, aber schon 6 oder 7 Assists – zehn wären möglich gewesen. „Da müssen wir hinarbeiten, dass er die zehn auch macht – dann ist er da, wo er hingehört.“

Heiko im Pep-Style

Wie hat der Regensburger Coach nach langer Durststrecke die fünf Umstellungen vor dem Wehen-Spiel vermittelt? „Ich habe mit keinem gesprochen“, orientiert sich der Mannheimer an Pep Gurdiola, der immer nur mit dem Kapitän im Dialog gewesen sei. Eine Ausnahme: Markus Ziereis. „Dass er nicht im Kader war, war eine Entscheidung nicht gegen sondern für ihn.“ Er habe nach Bremen der ganzen Mannschaft erklärt, dass der Bonus der Stammspieler aufgebraucht sei. „Es zählt die Tagesform.“ Für Sven Kopp sei das eine schwere Entscheidung gewesen, aber er habe ihn auch oft genug gelobt. „Da sollte die Mannschaft Verständnis haben, dass man nicht mit allen abcheckt, ob das o.k. ist. Da steht der Verein im Vordergrund.“

„Es ist sicher so, dass der eine oder andere mit einem beleidigten Gesicht herumgelaufen ist, aber das hilft auch nicht“, sagt der Boss. Andere hätten sich zumindest äußerlich nichts anmerken lassen: Marco Grüttner etwa. „Als er reinkam, hat er sich voll reingeworfen und dann auch noch ein Tor geschossen – einfach professionell.“ Wenn Spieler sich nicht auch mal für einen Kollegen freuen könnten, wenn er eine Chance bekommt, das könne Herrlich nicht ab, da sei er nachtragend.

Teambuilding in der Bahn

In der Trainingswoche jedenfalls, hätten alle die Maxime umgesetzt: mit der Galligkeit aus dem letzten Spiel gleich ins nächste Training. „Die Jungs hauen sich voll rein“, freut sich Herrlich, der jetzt ganz neue Möglichkeiten habe: „Alle, die reinkamen, auch Uwe Hesse, haben für Druck gesorgt.“ Jetzt steht erst mal Teambuilding bei der Deutschen Bahn an: „Das wird eine lange Zugfahrt, acht Stunden, zweimal umsteigen“, sinniert der Trainer. „Wir treffen uns in der Früh, werden noch gemeinsam Brötchen schmieren, damit wir Proviant dabei haben.“ Vattern Herrlich denkt eben an alles.

Wird auch gut so sein, schließlich: „Kiel hat mit 12 Gegentoren die zweitbeste Abwehr nach Duisburg – das ist wirklich eine Festung.“ Die Störche stünden sehr kompakt auf ihren langen Beinen, liefen sehr aggressiv an – „nie einer allein, immer gemeinsam“. Da sei schon sehr gute Arbeit geleistet worden von Markus Anfang: „Sie haben profitiert vom Trainerwechsel, haben bis auf ein Spiel, alle Heimspiele gewonnen.“

Live-Konferenz im NDR

Trotzdem habe es der SSV in dieser Saison in Osnabrück und Großaspach auch schon bewiesen, „dass wir uns vor solchen Herausforderungen nicht verstecken müssen und trotzdem mutig auftreten können“. Das müsse das Ziel sein – nach Kiel zu fahren, um was mitzunehmen. „Ich traue meiner Mannschaft sehr viel zu, auch, dass sie in Kiel bestehen kann.“ Mit sechs Punkten Abstand auf den ersten Abstiegsplatz (Münster, 18.) und nur vier auf den Relegationsplatz zur Zweiten Liga (Halle, 3.) wäre ein Dreier jedenfalls ein fetter Beutezug der Regensburger Freischwimmer.

Wer die 723 Kilometer in die Schleswig-Holsteinische Landeshauptstadt scheut, hat im TV gute Karten: Der NDR überträgt ab 14 Uhr in einer Live-Konferenz den Nord-Süd-Vergleich abwechselnd mit dem Verfolgerduell VfL Osnabrück (4.) gegen die Sportfreunde Lotte (2.).
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