Jahn überrollt Greuther-Fürth II und ist Herbstmeister
„Die Jungs haben so viel im Tank“

Sein letztes Spiel: Der Müller geht von Bord und heuert in Hamburg an. Nicht nur wegen des 5:0 gegen Greuther-Fürth bleibt uns Till in bester Erinnerung. Bilder: Herda/Göpel (sic)
Sport
Regensburg
23.10.2015
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Sein letztes Spiel: Der Müller geht von Bord und heuert in Hamburg an. Nicht nur wegen des 5:0 gegen Greuther-Fürth bleibt uns Till in bester Erinnerung. Bilder: Herda/Göpel (sic)
 
Dem brennt der Hut: Jann George hat's satt, die Spiele seiner Jahn-Elf von der kalten Tribüne aus zu betrachten.
 
Christian Brand in seinem Element.

Wenn man den Jahn-Trainer heute ärgern wollte, könnte man nach dem mühelosen 5:0 gegen die gespenstisch graue, ja unsichtbare Greuther-Fürther U23 sagen: Das ist ja keine Kunst. Aber das stimmt nicht – sogar ein unverbesserlicher Bayern-Fan aus Neustadt/Waldnaab war beeindruckt, wie souverän die Regensburger die Herbstmeisterschaft besiegelten.

Es ist schon ein Phänomen. Wer wollte vor ein paar Jahren Mannschaften mit dem Zusatz II oder U23 sehen? Gegen den Tabellen-15. marschierten am Freitagabend bei bereits frostigen Temperaturen erneut 6753 Zuschauer in die Arena und machten phasenweise Party – und das, obwohl die Gästekurve wie leergefegt war.

Die wenigen Anhänger des kleinen Kleeblatts sahen sich lieber zuhause an, wie sich ihre erste Mannschaft zu einem 1:0 gegen 1860 München quälte. Die Chancen, dass bald wieder Mannschaften ohne das II in Regensburg auflaufen, steigen. Das gilt nach dieser kranken Trainerwahl besonders für die Löwen.

„Wir wollten uns nicht einigeln“

„Gratulation an Jahn Regensburg für den verdienten Sieg und die Herbstmeisterschaft“, sagt Thomas Kleine nach dem Spiel zerknirscht. „Wir haben uns viel vorgenommen, sind aber sehr schlecht ins Spiel gekommen, haben sofort den Gegner eingeladen zum Tore schießen, lagen dann nach vier Minuten zurück, was natürlich der jungen Mannschaft nicht gut getan hat.“

Sein Team sei in der ersten Halbzeit in der Defensive viel zu passiv gewesen. „In der zweiten Halbzeit haben wir auch wiederum sehr schnell das dritte Tor bekommen und dann hat man gegen eine so wirklich sehr erfahrene Truppe wie heute, die ein sehr gutes Spiel gemacht hat, keine Chance – und verliert dann letztendlich 5:0.“

„Viel, viel Druck aufbauen“

Dabei hatte Kleine nicht vor, in der Oberpfälzer Arena nur auf Konter zu spielen: „Wir sind eine Mannschaft, die auch Fußball spielen kann, wir hatten nicht vor, uns hier einzuigeln.“ Christian Brand war in seinem Statement bemüht, die wenigen positiven Ansätze der Gäste nicht unerwähnt zu lassen: „Wir wussten, wenn man Greuther-Fürth dann spielen lässt, und sie haben es in ein, zwei Szenen auch angedeutet, sind sie sehr, sehr konterstark.“

Seine Mannschaft aber habe den Plan ungesetzt, „dass wir viel, viel Druck aufbauen wollten“. Besonders habe ihn gefreut: „Sie haben dann nicht aufgehört zu spielen, sondern das Spiel durchgezogen.“ Dabei hatte man in der zweiten Halbzeit von außen betrachtet gar nicht den Eindruck, dass sich der Trainer so sehr, sehr über die Leistung seiner Mannschaft freuen würde – selbst Torwart Philipp Pentke, der den Ball nicht schnell genug nach vorn brachte, und Michi Faber, der nicht rasch genug von der Ersatzbank aufsprang, bekamen einen Rüffel des Dressman in Schwarz ab. Brand brannte bis zur letzten Minute.

„Dafür gehen die Leute ins Stadion“

„Ich wollte, dass die Jungs sich da selbstbewusst weiter präsentieren und nicht einfach aufhören“, erklärt der Niedersachse sein temperamentvolles Coaching. „Ich weiß nicht, also es ist doch das Schönste, wenn man merkt, dass das Spiel läuft und man ist gut drauf, dass man dann weiter spielt und dass man auch den Spaß daran hat und sich nochmal Selbstbewusstsein holen kann in den verbleibenden 15, 20 Minuten.“

Es gäbe nichts Schlimmeres, als Spiele einfach so austrudeln zu lassen. Klar, wenn man Englische Wochen habe, sei das schon mal o.k. „Aber die Jungs haben so viel im Tank, ich finde, das muss man zeigen, dafür gehen die Leute ins Stadion und das ist man auch den Zuschauern schuldig.“

Entzückte Spielerfräuleins

Die dezimierte Jahn-Elf beginnt mit Oli Hein nach verbüßter Gelbsperre hinten rechts in der Viererkette um Markus Palionis, Thomas Kurz, Fabian Trettenbach und einem angeschlagenen Marc Lais auf der Sechs – Marvin Knoll und Daniel Schöpf müssen ohne den verletzten Kolja Pusch die Offensive mit Marcel Hofrath, Uwe Hesse und Markus Ziereis versorgen. Auch mit dabei heute: Jens Neundorff von Enzberg, Intendant am Theater Regensburg – als Balljunge. Der Drama-Experte löst seinen Wetteinsatz ein und wirft den (Schau-) Spielern anstatt Stichworten die Bälle zu.

Das Spiel beginnt mit Leichtsinn, Rückpass und Wahnsinn – zwei Fürther Verteidiger mit Ball und ein Keeper schauen sich traumhapert an – Marvin Knoll spritzt in eine verunglückte Kopfball-Rückgabe, marschiert ungerührt auf Keeper Mark Flekken zu und schiebt die Kugel zum 1:0 (4.) ins Netz – die Spielerfräuleins vor der Pressetribüne sind entzückt aufgesprungen und applaudieren.

Die Suche nach der zweiten Lücke

Danach ist erstmal viel Bemühen zu beobachten und die Suche nach der zweiten Lücke. Aber auch ein klein wenig Regensburger Leichtsinn. Aus einer eigenen Drangphase entwickelt sich ein Konter, der semmelblonde Stefan Maderer läuft bereits in Richtung Pentke – Lais bekommt in letzter Sekunde eine Ferse hinter den Ball (11.). Noch ist das Spiel des Spitzenreiters zu fehleranfällig. Chancen eher als Zufallsprodukte, etwa als Hofrath der Ball kurz vorm 16er vor die Füße fällt (16.).

Langsam nimmt die Jahn-Elf Fahrt auf. Nach schöner Vorarbeit von Trettenbach, lässt Ziereis am 16er zwei Graue stehen und zielt knapp drüber (23). Schöpf überlässt Hofrath die Kugel, der versucht‘s aus 25 Metern, weil er den Torwart etwas zu weit draußen wähnt – der Ball dreht sich übers Lattenkreuz (25.). Famose Kombination über links außen, Trettenbach schickt Schöpf steil, der versucht die Rücklage, knapp verfehlt (27.).

Brand schiebt nach dem 2:0 weiter an

Endlich mal uns Uwe: Nach seinem kleinen Burnout hat sich der blonde Racker das redlich verdient. Trettenbach geht links durch, Rückgabe auf den Elfmeterpunkt – Hesse hat nicht genug Zeit, um die Chance kaputtzudenken, sondern macht das Ding flach rein, 2:0 (28.). Schöne Beobachtung des Neustädter Gastes: Brand pusht jetzt die Mannschaft zum 3:0 – „eine gute Idee, gleich nachzulegen, solange der Gegner noch vom erneuten Gegentreffer beeindruckt ist“.

Halb wahnsinniger Befreiungsschlag, halb genialer Pass von Knoll auf Ziereis, der mit gutem Blick Hofrath auf der rechten Seite freispielt. Die 7 zieht rasant nach innen, verlädt zwei und zirkelt das Leder aufs lange Eck – Flekken dreht die Kugel um den Pfosten (38.). Nochmal Hofrath, kongenial von Oli Hein mit Diagonalpass auf der linken Seite ins Spiel gebracht … drüber (45.).

Der unermüdliche Hofrath

So kann’s auch in Hälfte zwei weitergehen. Knoll und Hofrath doppelpassen sich in den Strafraum, Marcel knallt aus 7 Metern drüber (47.). Überall scheint den Gästen jetzt eine Jahnfußspitze im Weg – Grau verliert den Ball meist schon in der eigenen Hälfte. Schöpf schickt Ziereis steil, Flekken ist einen Schritt schneller. Dann stellt der heute unermüdliche Hofrath seine Füße in einen schlampigen Pass, schneidet eine Bresche in die Hintermannschaft, bedient Schöpf am langen Pfosten, der die Kugel nur noch über die Linie schieben muss, 3:0 (58.).

Der nächste Konter läuft, wenn man beim Ballverlust noch vor dem Mittelkreis von Konter sprechen kann – Hesse allein vor Keeper Flekken, der mit Handballreaktion pariert (59.). Trettenbach zielt aus 16 Metern knapp übers Eck (60.). Nach kurzer Kunstpause und einer undramatischen Pentke-Rettung mal wieder Hofrath – flach in Flekkens Arme (63.). Auch Knoll prüft die Aufmerksamkeit des Gästekeepers (64.). Und warum nicht, auch Palionis darf‘s mal versuchen (66.) – schließlich rutscht Ziereis schon wieder in einen Ball, den der Keeper noch nicht dingfest gemacht hat. In dieser Phase hätte es für Fürth ganz übel ausgehen können.

Tripelwechsel bei den Gästen

Zeit, dass ein Erwachsener da mal eingreift. SpVgg-Trainer Thomas Kleine sieht Handlungsbedarf. Die aufregendsten Szenen der Gäste innerhalb von nur drei Minuten – ein Tripelwechsel: Jens Wartenfelser, Kevin Guerra und Marco Weber sollen’s besser machen als Stefan Maderer, Patrick Tischler und Brian Gallo (65./67./68.).

Und weil’s so schön war und bevor’s den unterforderten Regensburgern kalt wird, mischt auch Brand bunt durch: Martin Tiefenbrunner kommt für den angeschlagen ins Spiel gegangenen Marc Lais (69.), André Luge für Daniel Schöpf (76.) und Michael Faber für Uwe Hesse (82.). Man bemerke: Ziereis darf mal durchspielen – mit Folgen. Und Tiefenbrunner führt sich mit einem übermotivierten Verzieher aus 20 Metern ein (84.).

„Mehr geht ja nicht“

Das macht’s nicht besser: Gelbrot für Johannes Golla nach seiner Grätsche an der Außenlinie. Und dann macht er's wieder ¬– Markus Ziereis mit dem Rücken zum Tor, der unnachahmlichen Drehung und dem abgefälschten Schuss aus 12 Metern, kruscht die Kugel zum 4:0 ins Netz (86.) – Treffer Nummer 12. Und fast hätte sich der Kreis geschlossen, als Oli Hein aus spitzem Winkel wie gegen die Bayern seinen Beitrag zur Ausbeute eingezahlt hätte. Stattdessen Ecke: Thomas Kurz, in der Aufstiegssaison 2011 ja immerhin noch torgeiler Stürmer, schiebt nach dilettantischem Abwehrgestochere am kurzen Pfosten zum 5:0 ein (91.).

„Mehr geht ja nicht“, seufzt Christian Brand nach der Frage, ob er mit dem Erreichten zufrieden sei. „Wir haben auch in den letzten Wochen gesehen, dass uns nicht alles immer in den Schoß fällt – sondern überhaupt nicht. Wir müssen uns alles hart erarbeiten und es gibt einfach immer noch unheimlich viel zu tun, damit wir den nächsten Schritt machen können.“ Die Mannschaft habe die Liga angenommen. „Ich glaube, dass ist das allerwichtigste.“

Die 40 gegen Nürnberg?

Man könne als Trainer viel erzählen, aber wenn die Spieler dächten: „Ja, das ist Regionalliga, das machen wir mal so, dann funktioniert das natürlich nicht.“ Die Mannschaft sei auf einem guten Weg, sich eine Siegermentalität einzuimpfen. „Wenn ich grad heute das Spiel nehme, jetzt hatten wir drei Spiele, wo wir weniger Tore erzielt haben – einfach so auch der Hunger, die Spiele weiterzuspielen, das ist ganz, ganz wichtig, sich nicht zufrieden zu geben.“

Am Dienstag, 3. November, 19 Uhr, beim letzten Hinrundenspiel in Nürnberg kann der Jahn einmal mehr und endlich auch wieder auswärts beweisen, dass der Hunger Punkte frisst – dann kann der Jahn die 40 vollmachen. Eine Marke, die er im vergangenen Jahr nur mit dem Fernglas betrachten konnte. Mal ne Frage: Kann man in der Relegation auch auf eine Mannschaft aus Nordost treffen? Thomas Stratos‘ BFC ist inzwischen auf Platz 2 angekommen – das wär ja mal ein witziges Relegationsduell …