Jahn verliert Brands Premierenspiel mit 0:1 gegen Bielefeld
„Wenn du hinten stehst, bist der Depp“

Ein Gesicht, als ob er zum Schafott marschieren müsste: Bene Schmid war nach seiner vergebenen Großchance untröstlich. Bilder: Herda
Sport
Regensburg
22.11.2014
14
0
 
Ein Gesicht, als ob er zum Schafott marschieren müsste: Bene Schmid war nach seiner vergebenen Großchance untröstlich. Bilder: Herda
 
Christian Brand ist ein würdiger Nachfolger als Gestikulierer an der Seitenlinie.
 
Der giftige Oli Hein hätte allein schon einen Punkt verdient.

Er war die tragische Figur dieses Spiels. Bene Schmid stand nach Abpfiff minutenlang wie paralysiert vor der Tribüne. Was denkt man in den Sekunden, wenn man kurz vor Schluss beim Spielstand von 0:1 auf den Torwart zuläuft, ihn umkurvt? „Ich bekam den Ball nicht unter Kontrolle“, sagt er traurig. Es gab diesen winzigen Moment, als das Tor leer schien, der Ball zu weit vom Fuß, dann schloss sich die Lücke. Zwei Abwehrspieler bauten sich vorm eingewechselten Stürmer auf, Mattscheibe.

4070 Zuschauer, soweit Regensburger, waren fassungslos: Was wäre das für ein Signal gewesen! Bene Schmid, wenige Minuten zuvor erst eingewechselt, unter Alex Schmid in die zweite Mannschaft verbannt, hätte gegen den Tabellendritten in letzter Minute den Ausgleich markiert. Aufbruchsstimmung, es geht doch, wir können auch mit Spitzenteams mithalten. Und dann das. Zwischen Entsetzen und Hohn schwankte die Stimmung.

Trost für den Untröstlichen

Wie alleine muss sich der arme Kerl gefühlt haben, als er mit einem Gesicht, als ginge er zum Schafott, auf die Tribüne zuging. Da nützt nicht mal der Trost einer Frau. Versteinert steht er da: „Was war los, Bene?“ Kopfschütteln. Von außen sieht’s immer leichter aus. Die Angst des Stürmers vorm Versagen. Gomez‘ Tanz mit dem Ball auf der österreichischen Torlinie. Schulterklopfen, „das nächste Mal haust einfach drauf, egal, den Ball am besten mit den zwei Blauen ins Tor.“ Da hilft heute kein Scherz mehr.

Auf der anderen Seite hatte fünf Minuten zuvor ein Bielefelder das entscheidende 2:0 auf dem Fuß. Mutterseelenalleine lief Christoph Hemlein auf Stephan Loboué zu, machte alles richtig – und schob doch die Kugel am Tor vorbei. Darüber wird morgen keiner mehr reden, warum auch? Der vermeintliche Favorit hat sein Spiel gewonnen, „Auswärtssieg“ skandieren die rund 500 mitgereisten Ostwestfalen, also war die Szene des blauen Angreifers nicht entscheidend. Beim Tabellenletzten aber, wenn so etwas passiert, wird zwangsläufig die Qualitätsfrage gestellt. Anders formuliert: „Wenn du hinten drin stehst, bist du der Depp“, sagt der Fan zu Schmid und trifft den Nagel auf den Kopf.

Mitbewerber punkten munter

Vor wenigen Monaten noch schien es, als könnte für Benedikt Schmid der Knoten platzen: Im Sommer, als er im ersten Heimspiel gegen Duisburg gleich traf, war die Welt für den Waldkirchener und den Jahn noch in Ordnung. 18 Spieltage später steht Rotweiß fünf Punkte vom rettenden Ufer entfernt auf Platz 20, die Mitbewerber um die Abstiegsplätze punkten munter – Dortmund holt ein 1:1 in Dresden, Köln gewinnt 1:0 in Wiesbaden, Großaspach 1:0 gegen Chemnitz – und der zweite Trainer in dieser Saison soll nun die Kastanien aus dem Feuer holen.

Um Punkt 14 Uhr an diesem sonnigen, aber kalten Samstagnachmittag ist die Stimmung prächtig – man würde sie arg vermissen in der Regionalliga. Die Kulisse stimmt, da hatte Pressesprecher Till Müller Recht, das Wetter sowieso und auch am Einsatz gibt es erst mal nichts zu mäkeln. Der Impuls nach dem Trainerwechsel ist spürbar, die Schippe mehr, die Christian Brand gefordert hat, scheint draufgelegt, die Aktionen der Mannschaft wirken eine Spur geradliniger, die Abwehrarbeit abgeklärter.

Loboués zweite Chance

Dass der Interimsschweizer trotz ausgewiesener Jugendtraineraffinität bei seiner heiklen Mission auf Erfahrung setzen würde, hatte er schon angedeutet. Deshalb hat's jetzt Dominik Bergdorf erwischt, der für die Misere zwar mit Sicherheit nicht ursächlich war, aber doch immer wieder Wackler drin hatte. Also bekommt Stephan Loboué die zweite Chance.

Lukas Sinkiewicz, auch das nach den Trainingseindrücken keine allzu große Überraschung, soll mit seiner Souveränität auf der 6 als Scharnier nach hinten und vorne wirken. Und nachdem Brand dem wieselflinken, aber nicht gerade durchsetzungsstarken Jonas Erwig-Drüppel im Training immer wieder anspornte, seine Schnelligkeit auszuspielen, darf er das nun auch wieder auf dem Platz.

Aosman hätte die Weichen stellen können

Und das geht doch gleich mal gut los: Drüppel rast über rechts, prima die Flanke auf Andi Geipl, der für Aias Aosman auflegt – die 10 schlenzt die Kugel um 30 Zentimeter neben den rechten Pfosten (4.). Auf der anderen Seite dauert es zehn Minuten, bis der erste Standard, ein Freistoß aus 35 Metern halblinks, die erste Torannäherung mit sich bringt: Marc Lorenz tritt die Kugel an den Fünfer, ein Bielefelder Hinterkopf ist dran, Loboué streckt sich vorsorglich, der Ball geht klar daneben.

Der Rückkehrer im Jahn-Tor steht noch unter verschärfter Beobachtung: Konnte er seine Nervosität ablegen?
Als Pascal Testroet steil auf Hemlein spielt, ist der Mann von der Elfenbeinküste aufmerksam zur Stelle (12.)
Etwas unschlüssig ist er, mit welchem Körperteil er das Spielgerät knapp außerhalb des Strafraums aus der Gefahrenzone schlagen soll – er entscheidet sich fürs Knie, der Flatterball verfehlt zum Glück Freund und Feind (33.)
In Hälfte zwei faustet er eine Flanke weg, die er wohl auch festhalten hätte können

Giftiger Oli Hein

Bei vielen Aktionen der Regensburger ist die Handschrift des neuen Trainers zu erkennen: Schüsse aus der zweiten Reihe hat er gefordert und Andi Güntner nimmt ihn beim Wort. Das Eigengewächs stolpert etwas überhastet bis zum 16er, wo er den aufspringenden Ball deutlich über die Latte drischt – da wäre noch Raum für zwei, drei Meter Maßarbeit gewesen (14.)!

Schöner Seitenwechsel von Uwe Hesse auf Drüppel, dessen Flanke zur Ecke geklärt wird (16.). Oli Hein immer wieder engagiert und giftig:
Marc Lorenz spielt er auf engstem Raum schwindelig (21.)
Im Mittelfeld schleicht er sich von hinten an den Gegenspieler und holt sich den Ball – wird aber zurückgepfiffen und ermahnt (24.)
Nach einer Unkonzentriertheit im 16er ist er der letzte Mann und klärt in höchster Not (30.).
Gegen Linksaußen Dennis Mast klärt er sauber mit der Grätsche (32.)

Auch Brand gestenreich an der Linie

An der Seitenlinie hat sich durch den Wechsel von Schmidt auf Brand wenig geändert. Auch der Niedersachse ist äußerst engagiert nicht nur in seiner Coachingzone unterwegs, weiß sich mit Pfiffen durch die Finger bemerkbar zu machen und agiert mindestens so gestenreich wie sein Vorgänger. Auf dem Feld macht Markus Palionis einstweilen als stellvertretender Fels in der Brandung seine Sache sehr ordentlich:
Nur einmal bringt er seine Abwehr in Verlegenheit, als er über den Ball schlägt, ein Bielefelder durchstartet, er aber dann rechtzeitig wieder zur Stelle ist und den Zweikampf mit fairen Mitteln für sich entscheidet (26.).
Mit viel Übersicht klärt er Flanke um Hereingabe (30.).

Sinke einmal abgelenkt

Umso ärgerlicher dann die völlig überflüssige Führung der Gäste bei erster Gelegenheit: Lukas Sinkiewicz ist im defensiven Mittelfeld damit beschäftig, drei Forchecker auf Distanz zu halten. Der Spielaufbau glückt deshalb nicht ganz, Bielefeld schaltet schnell um und kann Christoph Hemlein in die Lücke schicken, die der Maskenmann gerissen hat: freie Bahn zum schmeichelhaften 1.0 (36.).

Das wird jetzt die erste ernsthafte Prüfung für die neugewonnene Stabilität der Jahn-Psyche: Wie gehen die Jungs mit dem Rückstand um? Die Bielefelder Attacken nehmen zu: Freistoß von rechts, Kapitän Florian Dick schlenzt den Ball auf Stephan Salger, der mit Direktabnahme knapp verfehlt (40.).

Der SSV wehrt sich: Der omnipräsente Hein schickt Drüppel an der rechten Außenlinie, immerhin springt eine Ecke dabei heraus (43.) – die Flanke verfehlen zwei Blaue, Sinke in der Mitte kann fast unbedrängt abziehen, drüber!

Kleine Jahn-Drangphase

Die Gastgeber kommen etwas zielstrebiger aus der Kabine und mit einer ersten Kombination über links mit Trettenbach und Aiosman zu einer weiteren Ecke – Geipl flankt in die Keeper Alexander Schwolows Arme (47.). Und wieder ein Brand-Gedächtnisschuss: Aias probiert‘s aus 30 Metern mit einem Heber, der doch deutlich zu hoch angesetzt ist (53.).

Abwehrchef Palionis eröffnet eine kleine Regensburger Drangphase: Im Sechzehner umkurvt er via Grundlinie einen Verteidiger, lupft die Kugel Richtung Latte, um die Schwolow das Ding zur Ecke dreht (63.). Zwei Ecken und drei Seitenwechsel erzeugen Handball-Powerplay-Stimmung, bringen aber nichts Zählbares.

Zwei Schrecksekunden

Die Aktionen der Regensburger verlieren zunehmend an Präzision. Trainer Brand reagiert. Zwischen der 67. und 75. Minute bringt er der Reihe nach Bene Schmid, Zlatko Muhovic und Daniel Steininger für Erwig-Drüppel, Hesse und Geipl. Doch statt den ersehnten Ausgleich muss der Jahn gleich zwei Schrecksekunden verdauen:
Ob da Palionis wirklich stürmergefoult wurde? Der Ball ist beim Blauen, der schiebt ins leere Tor, Schiri Schröder pfeift ihn zurück (67.).
Hemlein hat den Doppelpack am Fuß: Allein vor Loboué verfehlt er den Kasten um Zentimeter (81.).
Für eine echte Schlussoffensive reichen Kräfte und Können gerade nicht mehr. Ein ums andere Mal laufen sich die Regensburger rechts außen fest, für Steininger gibt’s da kaum ein Durchkommen. Und dann kommt dieser eine Moment, der den Unterschied zwischen Held und Buhmann ausmacht. Man traut seinen Augen nicht, da ist tatsächlich Bene Schmid durch und am Torwart vorbei – die Zuschauer haben die Arme schon hochgerissen, der Torschrei bleibt in der Kehle stecken: Das wird Benedikts Kopfkino für die nächsten Wochen. Wie in einem Alptraum stochert er ein ums andere Mal gegen den Ball, doch die zwei Arminen lösen sich nicht in Luft auf, sie lassen sich nicht mit dem Ball ins Tor schieben, dann kippt er nach hinten um, und der Schiri entscheidet auf Stürmerfoul (89.).

Schon Vergangenheit

Balsam für die Seele ist was anderes. Aber Christian Brand ist schon Sekunden nach dem Abpfiff auf dem Feld, klatscht mit allen Spielern ab, auch und gerade mit Bene Schmid. Der Junge ist nicht der Sündenbock für eine bisher völlig verkorkste Saison. Und das Kurzzeitgedächtnis des neuen Trainers hat das Vergangene bereits abgehakt: „Das ist für mich vorbei, es geht sofort nur noch ums nächste Spiel.“ Brand hat im Vergleich zu den Videoerkenntnissen bereits Verbesserungen erkannt. „Darauf können wir aufbauen.“

Und Oli Hein macht rhetorisch da weiter, wo er spielerisch aufgehört hat – kämpferisch: „Des werd uns etz ned umwerf‘n“, sagt er wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Authentisch eben. Noch 20 Spiele mit 60 zu vergebenden Punkten bleiben den Oberpfälzern, um die fünf Punkte Rückstand gutzumachen. Erste Gelegenheit dazu: Samstag, 14 Uhr bei Fortuna Köln (13./22 Punkte).