Kommentar: Hauskrach ist das Letzte, was der Oberpfälzer Fußball braucht
Lasst die Jahn-Tassen im Schrank

Da war die Welt noch in Ordnung: Sportchef Franz Gerber, Geburtstagskind Oscar Corrochano und Präsident Ulrich Weber.
Sport
Regensburg
18.04.2013
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Da war die Welt noch in Ordnung: Sportchef Franz Gerber, Geburtstagskind Oscar Corrochano und Präsident Ulrich Weber.
 
Riesenstimmung in Ensdorf: André Laurito nach der Aufstiegsfete.

„Teambuilding, was ist Teambuilding“, fragte Mehmet Scholl TV-Moderator Beckmann und Bayern-Orakel Matthias Sammer süffisant. „Wenn du Erfolg hast, hast du ein prima Team, wenn nicht, dann nicht.“ Letzte Saison hatte der Jahn ein geiles Team. Heuer nicht. Das liegt weder an Franz Gerber, noch an den zweieinhalb verschlissenen Trainern noch an den Spielern. Es liegt an 18 Niederlagen, zehn davon nervenzerrüttend knapp. Aber das nützt nichts, Punkte gab‘s dafür deshalb auch nicht.

Sich mit dem höchstwahrscheinlichen Abstieg zu arrangieren, das ist schwer genug. Eine neue, schlagkräftige Mannschaft mit einem funktionierenden Trainerteam zu installieren, knifflig genug – vor allem mit einem Bruchteil der Fernsehgelder von Zweiter Liga – am Rande bemerkt: Meines Erachtens ein Unding, dass der DFB hier so eine gewaltige Kluft zwischen Liga Zwei und Drei setzt, obwohl der Aufwand kaum geringer ist. Im Sinne der Nachhaltigkeit wäre eine maßvolle Progression der TV-Einnahmen wesentlich gerechter.

Kontinuität statt Panikattacken

Was der Verein jetzt braucht: Kontinuität, Konzentration auf die veränderte Lage und das Ziehen am gemeinsamen Strang. Was der Oberpfälzer Fußball jetzt überhaupt nicht braucht: Vereinsfunktionäre und leitende Angestellte, die sich gegenseitig öffentlich attackieren und anschließend lähmen.

Vom Freiburger Modell war die Rede. Was ist der Kern dieser Schwarzwald-Philosophie? Ein sehr langer Atem, keine Panikattacken bei Personalentscheidungen, keine halbjährlichen Verwerfungen von Konzepten. Deshalb zur Erinnerung eine vorläufige Bilanz dieser Saison, die alle enttäuscht hat, die mit dem Jahn verbunden sind und die höherklassigen Fußball in der Oberpfalz ansiedeln möchten – die aber deswegen keine verlorene gewesen sein muss.

1) Woher kommt der Jahn?

• In den letzten 30 Jahren, seit der Saison 1982/83 spielte der Verein sechs Jahre in der Landesliga, 13-mal in der Bayernliga, sechs Spielzeiten in der Regionalliga, vier Drittliga-Runden und gerade mal zwei Zweitliga-Abstecher.

• Als Franz Gerber im Februar 2010 übernahm, überlebte der Jahn gerade mal so als Tabellen-16. die 3. Liga. Im Jahr darauf belegte der SSV Rang 8, vergangene Saison den dritten Platz – und stieg mit einem der geringsten Etats der Liga in der Relegation gegen den haushohen Favoriten Karlsruher SC glücklich auf.

2) Erst kein Glück, dann kam das Pech dazu

Der Sportchef hatte nie einen Hehl daraus gemacht: Um in der Zweiten Bundesliga mit einem, im Vergleich noch niedrigeren Budget zu überleben, muss alles optimal laufen. Es lief weniger als suboptimal:

• Trainer Oscar Corrochano, angeblich Wunschkandidat des gesamten Vorstands, war als Motivator und Kommunikator überfordert. Dass Gerber dies zu spät erkannte, war sein Fehler. Dass er früh die Notbremse zog, war auch dann richtig, wenn das Ergebnis nicht zielführend war. Denn nicht zu handeln, ist keine Alternative.

• Der Jahn war von Anfang an vom Verletztungspech verfolgt und gerade Schlüsselspieler wie Jonathan Kotzke und Thomas Kurz fehlten ganz oder den größten Teil der Saison, Kapitän André Laurito, Oli Hein, Philipp Ziereis u.a. viel zu lange – diese Ausfälle kann vielleicht ein etablierter Verein verkraften, ein überforderter Aufsteiger an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit aber nicht.

• Die Einkäufe zu Beginn der Saison konnten aufgrund der Relegation erst getätigt werden, als das Transferfenster fast geschlossen war. Man musste dann nehmen, was verfügbar war und es ist keine Überraschung, dass die Überspieler nicht auf den Jahn warteten.

• Das Gleiche gilt für die Resterampe zur Winterpause: Guzmán und Koke waren durchaus Verstärkungen, Carlinhos mit Licht und Schatten – aber sie konnten lediglich Lücken schließen, die durch erneute Verletzungen oder Formtiefs neu entstanden waren.

• Trainer Franciszek Smuda war eine spektakuläre Interimslösung. Damit hatten ein junger unerfahrener und ein international renommierter Coach Gelegenheit, Wunder zu wirken. Da beide mit den genannten Rahmenbedingungen – Budget, junge Mannschaft, Verletzungen, Trainingsbedingungen – auf keinen grünen Zweig kamen, ist anzunehmen, dass sich auch Peter Neururer keine rot-weißen Haare hätte färben müssen.

• Der Rest ist Legion: Spiele wie gegen den 1. FC Köln, 2:3 nach 2:0 Führung bis kurz vor Schluss, wurden zur Regel. Mitnichten hat sich die junge Mannschaft mit Kanter-Niederlagen bis auf die Knochen blamiert. Man kann den Jungs Naivität vorwerfen, aber weder Talent, Einsatzwillen noch Perspektive absprechen.

3) Schlüssiges Konzept für Liga 3

Das in den letzten Wochen skizzierte Konzept für die Dritte Liga ist schlüssig:

• Der Jahn geht mit einem Stamm junger, um eine Zweitliga-Erfahrung angereicherten Mannschaft in die Dritte Liga – sofern das Budget dafür reicht und nicht allzu viele von begehrlichen Zweitligisten freigekauft werden.

• Der Verein geht ohne Schulden und ohne Gesichtsverlust aus dem Abenteuer Zweite Liga heraus und kann perspektivisch für die Ära im neuen Stadion einen neuen Anlauf nehmen.

• Man kann aus diesem Ausflug lernen: Seid beim nächsten Mal auf den Betriebsunfall „Aufstieg“ besser vorbereitet! Vielleicht lassen sich vor dem Hintergrund der Deutschland weiten Publicity beim nächsten Mal etwas früher Sponsoren bewegen, für die fünf erforderlichen, erfahrenen Zweitliga-Spieler geradezustehen, die gefehlt haben, um die etwa zehn Halbzeitführungen über die Zeit zu bringen.

Auch Klopp stieg ab

Vor diesem bekannten Szenario stellt sich die Frage: Woher hätte ein anderer sportlicher Leiter – zumal ein noch unerfahrener Ex-Profi, der sich erst mal orientieren muss – mit dem geringsten Budget der Liga zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt Top-Spieler hergelotst, die alle händeringend für wenig Geld beim Abstiegskandidaten Nummer 1 spielen hätten wollen?

Es ist ein Fehler, die Qualität der sportlichen Führung nur vom Ergebnis her zu sehen: Schließlich wird man Top-Motivator Jürgen Klopp seine Qualitäten als Trainer und Dortmunder Meistermacher nicht absprechen, weil er 2006 mit seinen Mainzern aus der Bundesliga abstieg.

Deshalb bleibe ich dabei: Franz Gerber hat unter den gegebenen Rahmenbedingungen einen guten Job gemacht. Dass er bei einem Verein, bei dem vor nicht allzu langer Zeit die Lichter ausgingen, mehr den Krisenmanager als den Kaiser Franz II. geben musste, ist logisch. Und wer schon mal Krisen managen durfte, der weiß: Auf unbekanntem Terrain geht‘s nur mit trial and error.