Kommentar: Keller – keine Führung, keine Aufsicht, kein Stil
Chefsache für den Oberbürgermeister

Christian Keller mit Abde Amachaibou, der monatelang auf ein Angebot des Sportchefs gewartet hatte.
Sport
Regensburg
03.10.2014
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Christian Keller mit Abde Amachaibou, der monatelang auf ein Angebot des Sportchefs gewartet hatte.
 
Jahn-Trainer Alex Schmidt versucht meist vergeblich auf die Mannschaft einzuwirken.

Alex Schmidt hat Recht: „Im Vergleich zu München seid ihr alles nette Kerle“, reagierte er auf die Frage, ob es schwieriger sei, in der Löwengrube des TSV 1860 München als Trainer zu arbeiten oder beim Low-Budget-Verein Jahn Regensburg. Er meinte damit die Journalisten. Denn während das Münchener Boulevard die Negativ-Schlagzeile herbeisehnt, wünschen sich die meisten Oberpfälzer Redakteure einen soliden Fußballverein, der im Profizirkus bestehen kann. Als Christian Keller in Regensburg ankam, wurde er trotz des unwürdigen Abschusses von Franz Gerber mit Vorschusslorbeeren empfangen – als Fußball-Professor aus Heidelberg. Wir alle haben uns gewünscht, dass er die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft stellt.

Keiner hat deshalb in den ersten 100 Tagen Wunderdinge erwartet. Wir haben lange akzeptiert, dass außer den drei Floskeln „Kontinuität, Glaubwürdigkeit und Erfolgswille“ wenig zu hören war, was erfrischend neu gewesen wäre. Eineinviertel Jahre sind seitdem vergangen. Und wenn das Vertrauen, das man dem Sportchef entgegengebracht hat, heute erschöpft ist, dann liegt das nicht daran, dass sich die Erfolge nicht schnell genug eingestellt hätten. Ganz im Gegenteil. Die meisten Fans hätten gut damit leben können, wenn man auf dem Mittelfeldplatz der vergangenen Saison aufgebaut hätte. Das Vertrauen hat Christian Keller verspielt, weil er sich an seine eigenen Maximen selbst nicht hält.

Kontinuität? Glaubwürdigkeit? Erfolgswillen?

Was bedeutet der Begriff Kontinuität, wenn er nach einer Saison einen ordentlichen Trainer entlässt, der die Zielvorgaben erfüllt hat? Was bedeutet Glaubwürdigkeit, wenn er behauptet, Spieler seien nicht zu halten gewesen, die nachweislich gar kein Angebot bekamen? Was hat es mit dem ominösen Erfolgswillen auf sich, wenn man nicht mal versucht, Leistungsträger zu halten? Aber am schwersten wiegt, dass man als Journalist nicht mehr weiß, was man glauben darf. Es gibt eine Methode Keller, die unter dem Vorwand, Mitarbeiter zu schützen, in Wahrheit ein Diffamierungsinstrument ist. Er äußert sich nicht über entlassene Trainer oder „gegangene“ Spieler. Er deutet nur an, dass es dramatische Dinge zu enthüllen gäbe, würde man darüber sprechen. Ein Totschlag-Argument, gegen das sich keiner wehren kann.

Und diese Geschichte findet jetzt eine Fortsetzung: Nach wochenlangen Beteuerungen, wie gut Alex Schmidt das Training, die Spielvor- und -nachbereitung leiten würde und dass man an so einem Taktikfuchs nicht rütteln werde, soll Sportchef Christian Keller Kapitän Sebastian Nachreiner beauftragt haben, einen Telefon-Rundruf zu starten. Einziges Thema: „Wollt ihr den Trainer noch?“ Man stelle sich vor, der Bereichsleiter eines mittelständischen Unternehmens würde einen Mitarbeiter beauftragen, telefonisch darüber abzustimmen, ob der Abteilungsleiter bleiben soll. Von jeder Führungskraft werden heute soziale Kompetenzen und die Fähigkeit verlangt, mit Mitarbeitern zu kommunizieren – Würfel hat man höchstens im alten Rom geworfen.

Täuschen und Tarnen

Unglaublich? Der Sportchef lässt seine Presseabteilung dementieren. Allerdings würde diese Vorgehensweise ins Bild passen. Statt Kommunikation und Transparenz herrscht hinter den Kulissen Täuschen und Tarnen. Entgegen der öffentlichen Beteuerungen des Sportchefs gab es für Abdenour Amachaibou und Jimi Müller kein Angebot von Seiten des Vereins. Beide wurden faktisch weggelobt.

Ein wenig anders, aber kaum besser verhält es sich bei Jonathan Kotzke. Der Mann, den Keller angeblich so gerne behalten hätte, bekam eine deutlich reduzierte Offerte unter 5000 Euro. Als er Redebedarf anmeldete, bekam er keine Antwort. Ist Funkstille die adäquate Reaktion, wenn man einen Leistungsträger halten möchte? Kenner vermuten: „Keller wollte alle Spieler abstoßen, die von Gerber geholt wurden und sich mit Stratos gut verstanden haben.“ Angenehmer Nebeneffekt: „Es bleibt mehr Geld für die Geschäftsstelle.“

Zugucken und Flurfunk

„Wortlos führen“ lautete auch die Devise gegenüber Trainer Thomas Stratos: „Christian Keller hat sich bei mir nicht ein einziges Mal über meine Trainingsmethoden beschwert“, sagt der beliebte Fußballlehrer. „Wenn, dann habe ich von Kiebitzen erfahren, dass er beim Training gemotzt hat.“ Mit Personalführung hat dieser Stil nichts zu tun. Von einem Manager muss ein Unternehmen verlangen können, dass er mit den Mitarbeitern Ziele formuliert und sie einfordert. Zugucken und Flurfunk sind keine Führungsinstrumente. Aber wer soll das beim Jahn kontrollieren? Der Aufsichtsrat ist dringend gefordert.

Spätestens seit den Personalentscheidungen vom Sommer sollte jedem klar geworden sein, dass der Seiteneinsteiger von einer kleinen privaten Fachhochschule bisher lediglich Fußballkompetenz behauptet hat. Er hat eine Mannschaft zusammengestellt, die so nicht funktionieren kann. Nicht, weil die jungen Spieler kein Talent hätten. Sondern weil der Fußballlaie Christian Keller Amateure ins Haifischbecken des Drittliga-Betriebs schmeißt, wo sich Lienhard, Geipl, Michel & Co. gegen die großen Fische der potenten Vereine behaupten sollen. Ein verantwortlicher Leiter hätte diese Jungs allmählich in die funktionierende Mannschaft der vergangenen Saison eingebaut – und nicht erst verbrannt und dann noch, um die eigene Haut zu retten, auf sie eingedroschen.

Kellers neue Kunden

Die Verteidiger des Heidelberger Theoretikers führen an, er habe hinter den Kulissen wahre Wunder bewirkt. Das Feedback der Wirtschaft sei positiv. Wenn dem so ist, dann sollte man endlich die Fakten auf den Tisch legen. Wo sind die neuen Sponsorenverträge? Wo sind die neuen Unterstützer, die sagen: „Wir müssen jetzt reagieren, bevor der Jahn in die Viertklassigkeit abrutscht und womöglich Jahre braucht, um wieder hoch zu kommen.“

Kann es sein, dass es Kellers neue Kunden gar nicht gibt? So wie es beim ersten Anlauf des Duos Keller und Rothammer keine Sponsoren gab, die bereit gewesen wären, die Wachträume der selbsternannten Experten zu finanzieren – in nur einem halben Jahr sackte der Jahn damals von einem einstelligen Tabellenplatz auf einen Abstiegsplatz. Zähneknirschend akzeptierte damals die Politik die Rückkehr Franz Gerbers, der Abstieg und Insolvenz vermied.

Entschuldung begann vor Keller

Und man sollte auch nicht vergessen: Der Entschuldungs- und Konsolidierungsprozess setzte damals ein, nicht unter Keller – Gerber füllte für deutlich weniger Geld deutlich mehr Funktionen aus. Und er weiß, im Gegensatz zu Keller, mit wem er reden musste, wenn er neue Spieler verpflichten wollte – nicht nur mit dem Spielberater, der die eigene „Ware“ natürlich in höchsten Tönen anpreist.

Gerber verfügt über ein funktionierendes Netzwerk des „do ut des“, ein gegenseitiges Frühwarnsystem. Wer Gerber den Zweitliga-Abstieg vorwirft, vergisst, dass der völlig überraschende Aufstieg, auch damals mit dem geringsten Budget der Liga, ein Betriebsunfall war. Von solchen „Unfällen“ kann der Tabellenletzte heute nur träumen.

Aufsichtsrat: Echte Kontrolle

Unabhängig von der Person Keller sollte sich der Aufsichtsrat Gedanken darüber machen, wie er sich zu einem echten Kontrollorgan entwickeln kann, das sich nicht auf Gedeih und Verderb einem fremdgesteuerten System vor ehrgeizigen Karrieristen und Beraterfirmen ausliefert. Es steht zu viel auf dem Spiel: ein Verein und seine Anhänger, die weit mehr in diesen Jahn investiert haben, als Keller in seinen angeblichen 14-Stunden-Tagen jemals schaffen wird – sie haben mit ihrem Herzblut bezahlt.

Für die Stadt Regensburg geht es darum, eine Blamage abzuwenden, die bundesweit Schlagzeilen machen könnte: Der Bund der Steuerzahler und die Rechnungshöfe der Länder kritisierten vehement ähnliche Prestigeprojekte in den neuen Bundesländern. Um wie viel größer wird die Häme sein, wenn sich herausstellt, dass die Stadt beim Projekt „Arena für die Zweite Liga“ den gesamten Einsatz auf einen Mann gesetzt hat, der zuvor noch nicht einmal einen Amateurverein managte. Jahn Regensburg muss spätestens jetzt Chefsache sein – Chefsache des demokratisch gewählten Oberbürgermeisters der Stadt Regensburg.