Kommentar: Runder Tisch mit vielen Kompetenzen
Schulterschluss statt Grabenkrieg

Alex Schmidt, der richtige Mann zur falschen Zeit. Bilder: Herda
Sport
Regensburg
10.11.2014
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Alex Schmidt, der richtige Mann zur falschen Zeit. Bilder: Herda

Jetzt ist also auch dieser gute Vorsatz zum Teufel. Sportchef Christian Keller betonte immer, „Trainer raus bei Misserfolg – nicht mit mir!“ Er wollte den nachweislich kontraproduktiven Ritualen des Profifußballs widerstehen. Nach 17 Spielen mit lediglich 12 Punkten und zuletzt einer unterirdischen Vorstellung in Chemnitz – trotz der Nachrüstung mit drei gestandenen Verteidigern und einer Offensivkraft – fehlte dem Akademiker der Glaube, dass ein „Weiter so“ noch reichen könnte.

Man möchte in manchen Dingen gar nicht Recht behalten – etwa damit, dass Keller mit einer derart jungen, neu zusammengewürfelten Truppe ohne Führungsspieler ein zu hohes Risiko eingegangen ist. Und dafür muss jetzt Alexander Schmidt die Zeche bezahlen. Der Ex-Löwe bezog aus Fan-Kreisen seit Wochen Prügel für die häufigen Umstellungen des Kaders, den angeblich zu harschen Umgangston und seine Rolle als Linienflitzer.

Hätte der solide Schwabe stur immer die selbe, erfolglose Mannschaft aufgestellt, wäre er zu sanft mit seinen Spielern umgesprungen und stoisch auf der Bank gesessen, hätten ihn die Fans ein phlegmatisches Weichei gescholten. Insider sagen, Schmidt habe taktisch anspruchsvolle Kabinenansprachen gehalten. Der passionierte Fußballlehrer war wohl nur der richtige Mann zur falschen Zeit.

Verpasste Chancen

Die Fortsetzung der vergangenen Saison mit punktuellen Verbesserungen wäre die bessere Variante gewesen. Dabei hat der Sportchef sicher Recht, wenn er sagt, keiner könne wissen, wohin die Reise mit Thomas Stratos in dieser Saison gegangen wäre. Wenn man sich aber die Spielweise der Elf vergegenwärtigt, die gegen Ende der vergangenen Saison den ewigen Geheimfavoriten Wehen-Wiesbaden mit Bilderbuchkombinationen vom Platz fegte, könnte man schon ins Träumen kommen. Wo stünde der Jahn heute, wenn man die Mittel, die jetzt als Krisenintervention aufgebracht wurden, zum Erhalt und Tuning dieser flotten Tikitaka-Truppe aufgebracht hätte?

Vor einigen Wochen appellierten die Verantwortlichen nach der Aufsichtsratssitzung an die Fans, jetzt zusammenzuhalten. Seidem hat sich die Krise noch einmal deutlich zugespitzt, der Ton verschärft. Man könnte der Führung Fehler leichter verzeihen, wenn sie solche einräumt und sich lernfähig zeigt. Die ersten Schritte in diese Richtung sind getan. Für den ganz großen Sprung, müssten jetzt alle Beteiligten über den eigenen Schatten springen.

Große Koalition statt Kleinkrieg

Zusammenhalten könnte auch bedeuten, alle Kräfte mit Blick auf den Klassenerhalt zu bündeln – anstatt Prozesse innerhalb der eigenen GmbH & Co. KGaA zu führen. Auch Konflikte kosten Kraft, die jetzt besser ins Krisenmanagement investiert wäre. Christian Keller hat nie bestritten, dass Franz Gerber einen sagenhaften Riecher für talentierte Spieler besitzt. Es wäre für den Regensburger Fußball ein enormer Gewinn, die vorhandenen Kompetenzen da einzusetzen, wo sie die größte Wirkung entfalten – Gerber als Chefscout, Keller als konzeptioneller Planer der Jahn-Zukunft und Johannes Baumeister als Schatzmeister.

Staaten bilden in verfahrenen Krisensituationen manchmal Runde Tische, an denen sich Regierung und Opposition auf eine gemeinsame Strategie verabreden – wenn das in der großen Politik funktioniert, warum dann nicht auch bei einem kleinen Verein? Schade nur, dass Thomas Stratos am Gedenktag des Mauerfalls bereits bei Erich Mielkes früheren Lieblingsclub anheuerte. Denn sonst hätte das Anforderungsprofil exzellent auf den Deutschgriechen gepasst: Kommunikation, Motivation, Mut machen!