Magdeburg bei Jahn Regensburg: Duell gegen den Absturz
„Gurkentruppe“ mit Schalk im Nacken

Jahn-Dompteur Heiko Herrlich glänzt auch als Kreisläufer. (Foto: Sascha Janne)
Sport
Regensburg
28.10.2016
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In der berühmten Magdeburger Zwickmühle: Den Sachsen-Anhaltiner sitzt der Schalk im Nacken - Golodkowski dagegen schon lange nicht mehr. Bild: Herda
 
FC-Trainer Jens Härtel ist derzeit nur bedingt guter Laune. (Foto: dpa)
Regensburg: Continental-Arena |

Die Stimmung in der Till-Eulenspiegel-Stadt war schon mal besser: „Können Sie sich vorstellen, woher es kommt, dass die Mannschaft selbst schon Späße darüber macht, als Gurkentruppe bezeichnet zu werden dieses Jahr“, fragt ein Sportredakteur Magdeburgs Trainer Jens Härtel. „Das ist eine Frage für den Nachgang“, würgt Pressesprecher Norman Seidler ab. Mit einem Punkt weniger sieht sich der Tabellen-13. am Samstag, 14 Uhr, auf Augenhöhe mit Jahn Regensburg (11./17 Punkte).

„Regensburg ist nicht ein ganz normaler Aufsteiger“, urteilt FC-Trainer Jens Härtel, der mit Magdeburg selbst ein Jahr zuvor in Liga 3 aufgestiegen war, „sondern eine solide Drittligamannschaft – eine Mannschaft, die es als erste geschafft hat, nach dem Abstieg auch gleich wieder aufzusteigen.“

Durch die Bundesliga-Bänke


Durch die Bank hätten viele Spieler Erst-, Zweit-, und Drittliga-Erfahrung – gut, Erste Liga ist jetzt vielleicht etwas sehr gut gemeint. Hinzu komme die bessere Atmosphäre im neuen Stadion. Der Jahn sei gut gestartet, habe sich nach einem Durchhänger wieder stabilisiert, aber wie Magdeburg zuletzt zweimal verloren. „Sie werden alles dafür tun, dieses Spiel gegen uns zu gewinnen. Und wir müssen dahin fahren und schauen, dass wir den Trend schleunigst wieder brechen.“

„Ich glaube, dass wir genau da weitermachen sollten, wo wir aufgehört haben“, verortet Neuzugang Florian Karth, die offensive Leihgabe aus Freiburg, das Spiel gegen Regensburg, „unabhängig vom Ergebnis. Die zweite Halbzeit (Anm. d. Red.: beim 2:4 gegen Chemnitz) war wirklich gut.“ Man solle weniger auf den Gegner schauen als auf sich selbst. Ach wirklich? Aufgemerkt: „Man hat als Fußballer jede Woche die Chance zu zeigen, dass man es besser kann – und nicht wie bei Olympia alle vier Jahre.“ Da ist was dran.

Der antizyklische Herrlich

Jahn-Trainer Heiko Herrlich verhält sich wie so oft antizyklisch – wenn man meint, er zürne nach zwei Niederlagen, ist der Mannheimer Sohn bester Dinge: „Die Leistungen waren ja in beiden Spielen, besonders gegen Duisburg, sehr gut – wir haben zwei Slapstick-Tore bekommen, viele Chancen nicht genutzt.“

In Mainz – vor umgekehrten Vorzeichen, erst als Außenseiter gegen den Tabellenführer, dann erstmals als leichter Favorit gegen das Schlusslicht – sei die Leistung nicht ganz so gut gewesen. Dennoch: „Wir hatten auch da ein Chancenverhältnis von 5:1, dann kriegen wir einen Sonntagsschuss aus 27 Metern, der war drin – dann der unglückliche Elfmeter gleich nach der Pause, und es steht 0:2.“ Mainz habe das dann sehr gut verteidigt.

Vier gewonnen, zwei verloren

Jetzt komme mit Magdeburg eine Mannschaft, die noch nicht die Konstanz gefunden, aber gezeigt habe, dass sie gegen Top-Mannschaften gewinnen könne. Zuletzt hätten die Sachsen-Anhaltiner zwei Spiele verloren, aber davor auch vier gewonnen.

„Sehr starker Kader, aber wir werden unser Bestes geben und versuchen, die drei Punkte dazubehalten.“ Man müsse wieder giftig verteidigen, dürfe ihnen keine Räume geben, gut gegen den Ball arbeiten. „Das ist die Basis, die zu vielen Balleroberungen und letztlich auch zu Torchancen führen kann.“

Magdeburgs Stärke: Umschalten auf Beck

Als herausragende Stärke der Gäste bewertet der Jahn-Coach das Umschaltspiel: „Die haben Christian Beck vorne drin, ein Stürmer, der groß ist, der schon sieben Tore gemacht hat – da gilt‘s, den auf alle Fälle zu verteidigen.“ Nach jeder Balleroberung versuchten die Magdeburger ihren Wirbelwind rechts außen anzuspielen.

Man kennt das ja, die Ersten und die Letzten der Dritten Liga trennen traditionell wenige Punkte und noch weniger Qualitätsunterschiede: „Nur weil Mainz jetzt vielleicht Letzter war, haben sie trotzdem einen überragenden Kader auf dem Platz.“ Es sei auch dort schwer zu gewinnen. „Es gibt keine kleinen Mannschaften in der Liga.“ Wenn der Jahn nicht seine vollen 100 Prozent abrufe, werde es schwer.

Die leidige „nix zu verlieren“-Psychologie

„Es ist immer von der Psychologie her was anderes, wenn ein Gegner kommt, wo ich nichts zu verlieren habe und alle erwarten eigentlich, dass der andere gewinnt“, begibt sich Herrlich wieder ins hochgeistige Fach. „Das ist was anderes, als wenn von dir erwartet wird, du musst gewinnen.“ Ein Reifeprozess sei das. „Da haben wir noch Luft nach oben in dieser Entwicklung.“ Insgesamt müsse die Mannschaft effizienter werden – Stichwort mangelnde Chancenverwertung nicht nur in Mainz –, die Cleverness entwickeln, ein 2:0 über die Zeit zu bringen (wie beim 2:3 in Lotte).

Keine Entspannung an der Personalfront, die nicht auch Rückschritte mit sich bringt. Nach dem schrittweisen Comeback von Thomas Paulus zumindest auf der Bank, und Sebastian Nachreiner, hat sich letzterer schon wieder mit Fieber krankgemeldet. Und auch Paulus‘ Bank-Eignung ist nach zwei fehlenden Trainingseinheiten nur bedingt gegeben.

Grüttner hat die Nase vorne

Falls bei den Innenverteidiger-Azubis Knoll/Kopp Not am Mann sei, könne man immer noch umstellen: „Marc Lais hat beim 2:1 gegen Nürnberg eine ganze Halbzeit auf der Position gespielt.“ Im Talentschuppen schockt der Außenbandriss von Patrick Džalto, den er sich beim U21-Einsatz zugezogen hat. „Wir klären das mit Leverkusen ab“, sagt Herrlich, „die haben auch ein Interesse, dass er möglichst optimal behandelt wird.“

Noch keine Option für einen Startplatz sei Markus Ziereis, der wegen seiner Schambeinentzündung die Vorbereitung nur bedingt mitmachen konnte: „Jetzt haben wir ihn sieben Wochen wieder im Training und er hat mal in der zweiten Mannschaft vier Tore gemacht und sehr gut gespielt.“ Ein Kurzeinsatz gegen Duisburg, eine halbe Stunde in Mainz: „Aber er ist noch nicht ganz da, um sein volles Potenzial auszuschöpfen.“ Marco Grüttner habe gerade die Nase vorne, auch weil er unheimlich viel für die Mannschaft arbeite. „Er ist da momentan auf jeden Fall gesetzt.“

Nandzik für Hofrath

Marcel Hofrath sei schon mal sehr weit weg gewesen von der Mannschaft, habe dann seine Chance genutzt, als er verletzungsbedingt gegen Paderborn auflaufen durfte. An ihn habe es nicht gelegen, dass der Jahn gegen Duisburg verloren habe: „Er hat unheimlich viel nach vorne gemacht.“ Aber nach der Niederlage gegen Mainz will Herrlich nun wieder auf Alexander Nandzik setzen: „Einfach, damit wir defensiv noch mehr Geschwindigkeit, eine weitere Absicherung haben, auch wenn uns offensiv die Durchschlagskraft fehlt vom Marcel.“

Mit Jann George (stark über rechts: 7 Tore, 2 Assists) und Erik Thommy (besonders stark auf der linken Seite: 7 Assists, 2 Tore) habe man zwei brandgefährliche Außen – ein Grund, warum Uwe Hesse derzeit nicht zum Zug kommt. „Ich bewundere, wie er sich trotzdem reinhaut und immer da ist für die Mannschaft“, schwärmt Herrlich vom blonden Gift, „solche Spieler braucht man einfach.“
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