Man braucht Fantasie, um weiter an Jahn Regensburg zu glauben
Spitzenreiter auf Abruf

Honey-Shot: Später Jubel auf der Tribüne. Hat da der Papa getroffen?
Sport
Regensburg
09.04.2016
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Unschlüssiger Jubel nach dem Schlusspfiff. Was ist das 1:0 gegen den Letzten wert?
 
Die konstruktive Ausnahme: Fabian Trettenbach (14) setzt sich auf der rechten Außenbahn durch, bedient Jann George, der aus spitzem Winkel Keeper Dominik Jozinovic nicht überwinden kann.
 
Eine Rückgabe mehr denn ein Schuss.
Regensburg: Continental-Arena |

Es konnte eigentlich nur peinlich werden: Erster gegen Letzter, blamable Vorstellung zuvor beim 0:1 in Buchbach, ein Ultimatum der Clubführung: Und so sahen 3165 Zuschauer ein zittriges 1:0 des Tabellenführers gegen einen harmlosen TSV Rain durch eine feine Einzelleistung von Markus Ziereis.



Man braucht sehr viel Fantasie, um sich diese Mannschaft in den nächsten Wochen bei souveränen oder auch nur glücklichen Siegen in Amberg, Burghausen oder München vorzustellen. Im Vergleich zu den positiven Ansätzen gegen Illertissen trat heute Abend eine verschreckte Truppe auf, bei der zwar jeder unter Beweis stellen wollte, für den Kollegen mitzulaufen – gemäß Heiko Kennedys Maxime: „Frage nicht, was dein Verein für dich tun kann, frage, was du für ihn tun kannst.“

Doch der gute Wille allein reicht nicht für ein ordentliches Spiel: Klar, der Spitzenreiter hatte trotz erschreckender Fehlpassquote fast dennoch immer den Ball – da war der Gegner einfach zu schwach. Dennoch: Auch wenn der harmlose TSV Rain erst nach einer knappen halben Stunde erstmals vors Jahn-Tor kam – es war bis dahin die gefährlichste Torszene. Man möchte nicht wissen, wie die hypernervösen Regensburger mit einem Rückstand umgegangen wären.

Der Anschiss hat erst mal nichts besser gemacht: Trabten die Rot-Weißen noch pomadig über Buchbacher Blumenwiesen, laufen sie jetzt hektisch durcheinander. Fehlpassquote in Hälfte 1 bei gefühlten 80 Prozent – und dabei noch zwei Großchancen eines enorm harmlosen Letzten zugelassen. Nein, das ist nicht der Effekt, den man sich gewünscht hätte.

Hühnerhaufen, Arbeitstitel

Heiko Herrlich hatte es angekündigt: Die Buh-Männer aus Buchbach sollten Wiedergutmachung leisten – einzige Änderung: Lediglich Marcel Hofrath darf gleich von Beginn an mitmischen. Alexander Nandzik hat sich mit sofortiger Wirkung auch noch in die Verletztenliste eingetragen. Na bravo!

Viele Lücken in den Rängen, die Begossenen rennen hektisch, um zu zeigen: „Wir haben verstanden.“ Entsprechend attackiert Haris Hyseni TSV-Keeper Dominik Jozinovic, der Glück hat, dass der Abpraller unerreichbar ist (5.). Ansonsten erst einmal Hühnerhaufen, Arbeitstitel. Ein Pass nach rechts auf Uwe, nur 20 Meter zu weit (6.). Ballettübungen für Schreibtischtäter beim Abstoß des gegnerischen Torwarts, Ziereis hebt Beinchen, kommt nicht ran.

Von denen, die wollen und nicht können

Was ist mit Uwe Hesse los – der will ja wie immer, aber jede Ballberührung ein Fehler. Erste Jahn-Chance, als Trettenbach Hesses Position rechts okkupiert, George in den 16er schickt – am kurzen Pfosten versucht er erst einen Hackentrick, dann einen Drehschuss, aber da steht der Keeper seinen Mann (16.). Symptomatisch: Hesse erkämpft sich aufopferungsvoll den Ball in der eigenen Hälfte, düst ab, aber anstatt zu spielen, hakt er sich ein, fällt und bekommt den Freistoß nicht (17.).

Dafür jetzt der erste Standard, 30 Meter halblinks schlenzt Andi Geipl halbwegs auf einen Regensburger Kopf, das bleibt ohne Wirkung (18.). Grauslich: Ali Odabas halb mit Pass, halb mit Befreiung ins Nichts (19.). Nur eines ist noch nichtiger: die Konteransätze der Rainer – Marke Schulsport. Balleroberung Regensburg, Flanke Ziereis, zu weit für George (20.). Ziereis mit Drehschuss aus 18 Metern – eine Schippe drüber (21.) – alles Stückwerk.

Eine Chance, beinahe rain …

Auch schön: Kapitän Sebastian Mitterhuber geht unbedrängt zur Grundlinie, Pentke pariert mit dem Fuß – der erste Torschuss der Schwaben gleich die bisher gefährlichste Situation des Spiels (23.). Auf der anderen Seite sieht Palionis, dass der Keeper etwas weit vorm Kasten steht, schiebt mal kurz rüber zu Pusch – gar nicht mal so schlecht aus 18 Metern, halber Meter drüber (25.).

Rain allein auf Pentke nach Mamutpatzer – Christian Doll fängt einen schlampig gespielten Pass ab, läuft einsam auf Pentke zu und kullert ihn in dessen Hände (27.). Auch im Anschluss Chaos pur in der Abwehr – wären die Blauen nicht Letzter, es müsste 0:2 stehen (29.). Halbwegs gelungener Doppelpass Geipl, Ziereis, Geipl mit Flachschuss, der Keeper muss sich sogar hinlegen (32.).

Die Angst vorm Tor

Unglaublich, Rains letzter Mann verstolpert, Pusch zieht zögerlich Richtung Tor gegen 2, spielt auf Ziereis, der scheitert gegen einen (34.). Immerhin, Hesse auf Trettenbach, der legt für George auf, Abpraller auf Hesse, der aus acht Metern knapp danebenzielt (35.). Marcel Hofrath bekommt den nächsten Querschläger, visiert wohl Hyseni an, aber Jozinovic hat die Kugel. Klasse Aktion von Geipl, der anzieht und Ziereis freispielt – aber Regensburgs Topstürmer kläglich (37.) – wenigstens Freistoß, weil Geipl dabei rüde gelegt wurde. 25 Meter zentral, Pusch, Abpraller auf Ziereis, und der Stürmer scheitert aus fünf Metern am Keeper, zudem abseits.

Pässe über mehr als 5 Meter – keine Chance, Pusch nicht mal in die anvisierte Nähe (40.). Einzelaktionen: Hofrath durch die Beine auf George, der setzt sich links mal durch, acht Meter spitzer Winkel, der Keeper hat ihn (42.). Starker Einsatz Hesse, der den Ball noch von der Grundlinie kratzt, quasi-Elfer für Pusch, Vollspan rechts vorbei. Nächster Schuss Hesse aus 16 Metern, knapp links vorbei (45.). „Wir wollen euch kämpfen sehen“ und Pfiffe begleiten die Mannschaft in die Kabine.

Halbgar und unpräzise

Jann George lässt ein Paar Figuren stehen, quert den Strafraum, zieht ab, knapper Meter drüber (47.). Palionis spielt an der Linie ins Aus – Unmut beim Kollegen. Immer wieder halbgare Ansätze, einen in die Gasse zu schicken, zu unpräzise, Jozinovic zur Stelle. Was für Pässe! Hofrath zu steil, die Flanke zu weit, so wird das nichts (53.). Immerhin, Palionis stellt sich geschickt in den Konter (54.). Den zweiten Ball schnippt Trettenbach unmotiviert ins Aus (55.).

So, jetzt verursacht der kleine blonde Ersatzrooney den Freistoß am eigenen 16er – Rain in die Mauer! Beim Konteransatz lässt sich Hofrath abdrängen und legt sich zum Freistoß in die eigene Hälfte (57.) – man kann da auch mal dagegenhalten oder einfach nicht in den Lauf des Gegners sprinten! Pusch zieht den Freistoß aus 25 Metern drei Meter hinter die Grundlinie (59.) – schmerzhaft. Hyseni schickt Hesse, der rast in den Strafraum und verstolpert (60). Hofrath lässt sich im 16er abdrängen wie ein Schulbub (61.).

Statt Elfer ein 18er zum 1:0

George legt am Strafraum für Ziereis ab, sein Schuss wird zur Ecke geblockt. Geipl mit einem kleinen Geniestreich auf Hyseni, der wird in aussichtsreicher Position umgerissen, Schiri Markus Pflaum wedelt weiter – klare Fehlentscheidung, die sich zu einer Stange kleinerer Fehler des Oberfranken reiht (65.). Mal eine glasklare Ecke nicht gesehen (72.), auf beiden Seiten nach robustem Einsatz weiterspielen lassen – kein Ruhmesblatt für das Gespann.

Wenn der Freischuss aus elf Metern verweigert wird, muss es Ziereis eben mit einer feinen Einzelleistung richten – Ziereis aus 18 Metern ins linke obere Eck, 1:0 (66.). Nur ja nicht mal souverän: Riesenbock von Odabas, der am Mittelkreis stolpert, Christian Doll fährt den Konter und setzt das Ding knapp rechts vorbei (68.). Schöner Seitenwechsel auf Hofrath, guter Pass auf Ziereis Köpfchen, aber den kann er nicht mehr drücken (76.).

Großer Schatten, wenig Licht

Nach einer Freistoßflanke bekommt Ziereis den zweiten Ball am Elfer – sein verhungerter Seitfallzieher kullert dem Keeper in die Arme (77.). Endlich sieht mal einer George einsam links seine Kreise ziehen, der geht mit der Kugel in den 16er auf Jozinovic zu, der Mann in Orange blockt und bleibt dann erst mal liegen (79.) – bei der Ecke ist er schon wieder mit den Fäusten zur Stelle.

Da schieben sich drei Rot-Weiße den Ball am Rainer 16er hin und her – dann Puschens kläglicher Abschluss drei Meter drüber (81.). Kurz darauf spielt er im Doppelpass mit Hyseni ins Aus. Der Schatten ist groß, wo bleibt das Licht? Auch Hofrath bringt allein vorm Keeper den Ball nicht unter, eher hätte es noch der letzte Blaue geschafft, der beim Rettungsversuch für mehr Gefahr sorgt als der Regensburger (84.). Ziereis läuft auf die Viererkette zu, legt quer zu George, der wieder verhudelt (85.).

Jahn bringt sich nochmal in Bedrängnis

Nach Freistoß Rain wirft Pentke schnell auf Trettenbach, der schickt George, mutterseelenalleine läuft der spitz auf den Keeper zu und hämmert drüber (85.). Stand jetzt wirkt Regensburg wie die schlechteste Abwehr aller deutscher Profimannschaften: Wie der SSV mit Pirouetten am Strafraum, einem halben Hand von Ziereis bei einem Balanceakt im 16er den Dreier noch in Gefahr bringt, sucht seinesgleichen. Der Torschütze darf dann in der 90. zum Duschen – nicht, dass er sich noch selbst um die Früchte seines Treffers betrügt.

Die paar Anhänger der Schwaben auf der Tribüne – das Gästeeck ist ja mangels Nachfrage heute geschlossen – jubeln ihre Jungs nach vorne. Torwart Jozinovic darf ganz weit raus und den Freistoß von der Mittellinie treten – die beiden gegnerischen Reihen auf einer Linie in Höhe des 16ers, man kann Heiko Herrlich und die Jahn-Bank innerlich Nägelkauen hören vor Anspannung – der Ball kommt weit, fast rutscht noch ein Blauer rein. Dann ist endlich Schluss.

Wacker wiederbelebt

Mit seiner Antileistung vom vergangenen Sonntag hat der alte und neue Tabellenführer schon einiges bewirkt: Wie zum Beispiel seinen direkten Kontrahenten Burghausen neue Lebensgeister eingehaucht – nach vier Niederlagen in Folge schöpften die Oberbayern aus dem Grottenkick der Regensburger, den Trainer Wolf cokommentierte, so viel Mut, dass sie am Freitag zeitgleich in Ingolstadt mit 4:1 auftrumpften.

Der nächste Gegner beim Nachholspiel am Dienstag, 18 Uhr, die heimliche Hauptstadt der Oberpfalz, Amberg dagegen, rutscht immer tiefer in die Krise – nach dem 0:3 gegen die SpVgg Bayeuth belegt der FCA Rang 16 und steht, wenn auch aus anderen Gründen, beim Derby genauso unter Zugzwang, wie der wacklige Tabellenführer aus Regensburg mit dem Auswärtstrauma. Am Samstag, 16. April, 14 Uhr dann die Vorentscheidung im Meisterschaftsrennen: das Duell in Burghausen.
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