Maxi-Interview: Jahn-Trainer Christian Brand ist in der Regionalliga-Saison voll haftbar
Smart und Clevers Feuerprobe

Interview-Partner Christian Brand im Rosarium. Bilder: Herda/dpa
Sport
Regensburg
14.07.2015
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Interview-Partner Christian Brand im Rosarium. Bilder: Herda/dpa
 
Mystische Schweiz: Nebel über den Hügeln und Wäldern in Fraeckmuentegg in der Nähe von Kriens in der Zentralschweiz, wo Christian Brand seine Karriere ausklingen ließ.
 
Nati-Coach Ottmar Hitzfeld (links) und Kapitän Gokhan Inler bei der WM 2014 in Sao Paulo, Brasilien.
 
Ein Nachfolger Christian Brands als Trainer des FC Luzern: Markus Babbel. Zuvor versuchten sich u.a. Ciriaco Sforza, Robert Morinini und Rolf Fringer als Trainer unter Präsident Ruedi Stäger.
 
Nonverbale Kommunikation im Fußball.
 
Gut zu wissen: Je mehr man weiß, desto mehr erkennt man, dass man nichts weiß.

Im Dauerfeuer der Fan-Kritik stand in der Abstiegssaison vor allem Sportchef Christian Keller, der alle wichtigen Personalentscheidungen getroffen hatte. Feuerwehrmann Christian Brand konnte sich zwar mangels Erfolg nicht in die Herzen der Regensburger trainieren, aber mit seinem Charme bei Pressekonferenzen überzeugen. Was hat der ehemalige niedersächsische Fußballprofi als Trainer wirklich drauf?

Wie kommt man am Ende seiner Profikarriere in die Schweiz – hatten Sie zum Schluss noch ein Engagement bei den Old Boys Bern?

Brand: Zum Ausklang meiner Karriere hatte ich ein paar alternative Angebote aus den USA und Australien und eben der Schweiz. Meine Kinder waren damals noch zu klein für ein Abenteuer auf einem anderen Kontinent. Außerdem befand sich die australische Liga in Auflösung, ein Teil sollte ausgelagert werden nach Thailand. So hat sich die Schweiz ergeben. Ich habe mir das mal angeschaut und es war wunderschön.

Wie ist die Schweiz als zweite Heimat außer sauber, penibel, latent fremdenfeindlich?

Brand: (grinst) Davon habe ich nichts bemerkt. Luzern, das ist ein bisschen wie Ferien im Dauerzustand mit vielen netten Menschen. Aber irgendwann wusste ich, ich will zurück ins wirkliche Leben. Mir war von vornherein klar, dass ich nach Deutschland muss, wenn ich wirklich ernsthaft Fußball als Beruf betreiben wollte. Die Fußballbegeisterung der Eidgenossen hält sich nach wie vor in Grenzen, erst kommt noch immer Ski, Eishockey dann Tennis und dann erst Fußball.

Der Fußballstandort Schweiz hat sich aber verbessert – früher war das ja kaum besser als Österreich, doch inzwischen hat die Nati Kultstatus ...

Brand: Auf alle Fälle. Für mich hat es sich rentiert. Ich habe dort die Trainerausbildung absolviert, die in ganz Europa einen hohen Stellenwert genießt – das Beste was mir passieren konnte. Sie ist sehr aufwendig, beinhaltet Praktika im Ausland, regelmäßige Abschlussarbeiten nach jedem Abschnitt. Alles sehr genau aber auch sehr wertvoll...für mich zumindest.

Wie lange dauert die?

Brand: Sieben Jahre.

Alle Achtung, ein richtiges Studium …

Brand: Ja. Eine Expertenkommission entscheidet, wann man die nächste Stufe erreicht. Die Ausbildung ist modular aufgebaut, sie fängt an mit dem Kinderfußballdiplom – gut, das haben sie mir geschenkt. Aber dann gab’s keine Geschenke mehr bis zur UEFA Pro Lizenz. Es gibt noch das Instruktorendiplom in der Schweiz, wo man dann später selber Trainer der unteren Stufen ausbilden muss, häufig Nachwuchstrainer.

Ist Jugendtrainer zwangsläufig der Einstieg in dieses Geschäft – was lernt man als Kindermädchen, was ist bei den mehr oder weniger erwachsenen Profis anders?

Brand: Man braucht halt die Scheine wie in jedem Studium und das fängt eben bei der Jugend an. Ich finde, dass Jugendarbeit anstrengender ist. Für mich war die Nachwuchsarbeit ein sehr wichtiger Einstieg. Regensburg ist auch anstrengend, aber die Profis vergessen nicht gleich wieder, was man ihnen gestern gesagt hat. Die sind anders bei der Sache, weil sie halt Profis sind und es der Job ist. Bei Nachwuchsakteuren kommen noch viele andere Dinge dazu, die ablenken können.

Als Geisteswissenschaftler will man reflexhaft irgendwas mit Medien machen, als Fußballer irgendwas mit Trainer? Und Sie wollten gleich beides?

Brand: Nein, gar nicht. Als ich aufhörte als Profi, war ich müde vom Fußball, hatte viele Verletzungen hinter mir, keine Lust mehr. Viele andere Dinge interessierten mich. Journalismus war eines davon. Als ich die Chance hatte, bei der Neuen Luzerner Zeitung ein Volontariat zu absolvieren, und abends weiter im Vorstadtclub Kriens zu spielen, war das eine tolle Möglichkeit, nebenbei was anderes kennenzulernen.

Was macht einen guten Trainer aus und wenn ja, zu welchen Anteilen – bitte ein paar Wörter zu den folgenden Begriffen:


Autorität: Wenn sie auf natürlichem Weg entsteht, ist sie o.k.
Einfühlungsvermögen: Ist immer sehr wichtig, egal ob bei Jugendlichen oder Erwachsenen.
Kommunikation: Alles ist Kommunikation, ob verbal oder non-verbal. Die Kunst besteht darin, Fußball so rüberzubringen, dass die Spieler meine Vorstellung von Fußball verstehen – am besten so, dass ich sie dafür begeistern kann. Meist sind das im Fußball ganz einfache Wahrheiten, die sind nicht so schwer zu erklären. Und ein guter Trainer kann auch komplexe Vorgänge so darstellen, dass ein Spieler sie umsetzen kann.
Motivation: Die geht immer einher mit Inspiration. Ich stelle mir häufig die Frage, was ist denn der Grund, warum wir da sind, was ist unsere Haltung zum Fußball? Als Berufsprofi kommst du aber immer auch in eine gewisse Routine, und da ist die Herausforderung für den Trainer, immer wieder den Spieler zu packen, zu fordern, ihm neue Aufgaben zu stellen – bei jedem Training, vor jedem Spiel.
Strategie: Ist immer darauf ausgelegt, wie ich meinen Gegner besiegen, wie ich ihn überraschen kann. Natürlich immer vor dem Hintergrund, welches Spielermaterial man zur Verfügung hat.

Welche Geheimnisse lernt man denn nun beim Trainerlehrgang, die man nach 15 Jahren Fußball noch nicht kennt – ausrechnen, wie man die 4-4-2, 2-3-4-1-Formationen immer so hinbekommt, dass am Schluss nicht zu viele Spieler am Platz stehen?

Brand: Oh, das sind extrem viele Dinge, von denen man als Spieler überhaupt noch keine Ahnung hat. Man kann sich das vorstellen wie eine Reise. Man fährt durch eine neue Landschaft, ist extrem neugierig. Auf dem Weg der Ausbildung ist man offen, Neues zu entdecken. Wen man 15 Jahre als Profi spielt, denkt man natürlich erst mal, man hat schon alles gesehen. Ich stelle aber fest, je länger ich mich mit Fußball beschäftige, desto neugieriger und wissbegieriger werde ich. Man weiß, dass man nichts weiß.

Nur damit man das nicht falsch versteht und Sie für lernresistent hält: Das ist ja der klassische Satz des griechischen Philosophen Sokrates, der damit sagen möchte, dass der Kosmos so komplex ist, dass erst der Gelehrte und Weise kapiert, dass man immer nur einen winzigen Ausschnitt der Wirklichkeit betrachtet.

Brand: Absolut. Man sieht die Dinge aus einem neuen Blickwinkel. Es ist, als ob man den Kokon des Spielers langsam ablegt. Alles ist völlig anders, wenn ich Trainer bin, es sind völlig unterschiedliche Berufe. Man lernt ein neues Handwerk. Wie auf einer Wanderschaft, auf der dein Rucksack mit Wissen gefüllt wird. Man muss die überhebliche Sicht ablegen, zu glauben, man habe schon alle Schlachten geschlagen. Als Spieler weiß ich nicht, wie man 11 oder 20 Menschen darauf einstellt, miteinander zu interagieren. Und ich bin nicht nur zuständig für das engere Team, sondern für den ganzen Stab, auf höchstem Level für bis zu 30 Leute. Das hat natürlich sehr viel mit Führungskompetenz zu tun.

Auf dieser Reise erfahre ich, wie ich didaktisch vermittle, was ich gelernt habe. Das beginnt mit den unteren Diplomen mit der einfachen Frage: Was ist das Ziel meines Trainings? Wie ist der Aufbau des Trainings, wie setze ich ein bestimmtes Techniktraining um, übe Flachpass, wie schaffe ich, dass die Spieler die Ballbehandlung mit der Innenseite auf die Reihe bekommen? Um den Spielern das korrekt zu vermitteln, muss man auch die Begriffe dafür haben, die richtige Körperhaltung beschreiben können, die Fußhaltung – diese Details akribisch zu beherrschen, ist das Rüstzeug um es dann sehr viel später bis zur UEFA-Trainer-Lizenz zu schaffen.

Es gibt diesen Film, „Die Kunst zu gewinnen – Moneyball“, in dem Brad Pitt mit einem Mathe-Nerd eine Baseballmannschaft zusammenstellt, zuerst erfolglos, dann immer besser. Die These: Baseball wird am grünen Tisch entschieden. So ähnlich hat das Christian Keller mal formuliert. Ist das die neue Methode beim Jahn?

Brand: Ich kenne den Film, aber nicht das Zitat von Christian Keller. Ich kann mir vorstellen, was er damit gemeint hat. Natürlich ist es für den Erfolg entscheidend, ob man die richtigen Spieler kauft und die Rahmenbedingungen schafft. Aber damit ist der Erfolg noch nicht garantiert. Da beginnt die Arbeit des Trainers erst, die Mannschaft richtig einzustellen, ein Team zu formen, die einzelnen Individuen weiterzuentwickeln. Für mich als Trainer ist Fußball ein Spiel, das auf dem Platz gespielt wird. Christian Keller ist der Sportdirektor. Sein Arbeitsfeld ist das Büro, meines der Fußballplatz.

Sie sagen, Glück spielt im Fußball keine Rolle. Ich war in früher Jugend immer für Brasilien, weil sie so schön spielten. Sie belagerten das gegnerische Tor, trafen zehnmal die Latte und verloren dann sogar das Spiel um Platz 3 gegen Polen. Im Gegensatz dazu war Deutschland unter Derwall und Vogts fürchterlich zum Zuschauen, kam aber immer meist ins Endspiel – wie Italien mit dem unerträglichen Catenaccio. Wieviel Anteil am Ergebnis haben Können, Motivation, Strategie und Masseltov also?

Brand: Ich war auch für Brasilien. Als Trainer versuche ich Glück und Zufall weitestgehend auszuschließen. Wie kann ich den Zufallsgenerator abschalten? Das hat mit Qualität zu tun. Wenn die Spieler immer die Latte treffen, haben sie das Ziel des Spiels verfehlt. Da fehlt zum Schluss die nötige Qualität. Ist es umgekehrt immer Glück, wenn Spieler wie Ronaldo oder Messi wie am Fließband treffen? Nein, sie sind einfach um ein Vielfaches besser. Bayern München hat einen der erfolgreichsten Trainer der Welt und trotz aller Strategie, Taktik und Technik kommt dann der beste Spieler der Welt und hat so viel mehr Lösungen parat, ist so viel schneller, drei Klassen besser und macht den Plan von Pep Guardiola zunichte. Ich bin ein Liebhaber dieses Spiels, ich habe eine Idee, wie ich gegen den FC Augsburg spielen lassen möchte. Aber im Normalfall schlagen die uns trotzdem, weil sie mehr Qualität haben, weil sie auf 20 von 20 Positionen besser besetzt sind.

Was war Ihre Motivation, nach Regensburg zu kommen: Irgendwie muss man einfach die Eingangstür zum deutschen Fußball finden, selbst wenn das Stadion einsturzgefährdet ist?

Brand: Für mich war es der richtige Zeitpunkt. Es gab vorher zwei Anfragen, aber da waren meine Kinder noch zu klein. Es wären einfachere Aufgaben gewesen. Nicht falsch verstehen, das Projekt hier ist megaspannend. Und ich hatte nie den Eindruck, man würde mich hier in einen goldenen Käfig sperren. Man war von Anfang an ehrlich – so sieht's hier aus, das sind die Duschen, Umkleidekabine, Trainingsplatz usw. ... Aber das spielte für mich keine Rolle. Es geht nicht um den Platz oder marode Kabinen, es geht um Fußball. Klar ist es fantastisch, dass wir jetzt ein neues Stadion haben. Aber davon hätte ich meine Zusage sicher nicht abhängig gemacht.

Die Rahmenbedingungen sind das eine, der Zustand der Mannschaft, als Sie kamen, das andere. Was von der schrecklichen Wahrheit wussten Sie damals schon, was kam erst allmählich ans Licht?

Brand: Ich habe mir, bevor ich kam, alle Videos angesehen. Aber natürlich muss man eine Mannschaft erst einmal persönlich kennenlernen. Dass es eine schwierige Aufgabe wird, war mir klar, aber ich hatte keine Angst, die Herausforderung anzunehmen. Wir haben versucht, mit der ganzen Crew, aber begrenzten Mitteln eine Lösung zu finden. Was mir gefällt, ist, dass hier alle extrem lösungsorientiert arbeiten. Es wird nicht lange rumgejammert, sondern angepackt, um in der neuen Saison eine Art Fußball möglich zu machen, von der wir hoffen, dass sie eine Euphorie entfachen kann und den gewünschten Erfolg bringt. Dabei hat sich für uns nicht so viel verändert: Wir haben ein neues Stadion, mehr Komfort, aber auf dem Platz dieselben Dummies und Hütchen. Entscheidend ist, was habe ich für ein Team, kann ich damit vernünftig arbeiten? Es sind eine Reihe besserer Spieler dazu gekommen, und ich bin megafroh, dass wir den Stamm der guten Spieler halten konnten.

Ich habe Sie bei den PKs immer gleichzeitig bewundert und bemitleidet: Sie konnten ja schlecht zehn Spieltage vor Schluss sagen, das wird nichts mehr. Was dachten Sie wirklich?

Brand: Es war mir total ernst damit, dass ich bis zum Schluss daran geglaubt habe, dass wir es schaffen können. Ich war überzeugt, wir arbeiten gut, die Mannschaft arbeitet gut – aber die Zeit reichte einfach nicht. Und ein Stück weit hat auch die Qualität gefehlt.

Was ist aus Ihrer Sicht falsch gelaufen, was war Ihr Anteil, falls es einen gab?

Brand: Natürlich habe ich mich kritisch hinterfragt. Aber ich denke, von der Trainingssteuerung über die Videovorbereitung und den jeweiligen Matchplänen war das ok... bei der Aufstellung hatten wir häufig wegen der vielen Ausfälle einiger Leistungsträger nicht viele Alternativen. Im Nachhinein hätte ich freilich den einen oder anderen Spieler, der an dem einen oder anderen entscheidenden Gegentor beteiligt war, nicht aufgestellt. Aber du musst nach den Trainingseindrücken entscheiden und meist hatten wir auch nicht gerade die Qual der Wahl auf einigen Positionen.

Wie stellt man eine wirklich gute Mannschaft zusammen, ohne einen Scheich im Kreuz? Ich höre ja immer andere Legenden, wer denn nun in den letzten Jahren verantwortlich war für die Flops und Tops?

Brand: Das ist unser täglich Brot. Es gibt zu viele Spieler, extrem viele Angebote, außer vielleicht beim schnellen Außenspieler, den jeder sucht. Man erkundigt sich, ich kenne ein paar zuverlässige Quellen, studiere viel Videomaterial, lade zum Probetraining. Dann höre ich mir an, was andere sagen. Wichtig ist, wie funktioniert der Spieler als Mensch? Denn wenn es charakterlich nicht passt, wird‘s schwierig. Und je weniger Geld du hast, desto genauer musst du sein. Du hast nur einen Schuss zur Verfügung.

Wie läuft das genau, falls man die Spieler nicht wirklich kennt? Der Spielerberater sagt, ich habe da eine Granate, bringt ein Video aus den Walt-Disney-Studios, auf dem der Wunderknabe Ronaldo alt aussehen lässt und begründet seinen nicht erfolgten Durchbruch damit, dass der Trainer seine Nase nicht mochte?

Brand: Für einen Trainer ist das ja nichts Neues. Als Übungsleiter selektiert man tagtäglich, bemerkt, die Eigenschaft fehlt hier noch, hier hat er sich entwickelt. Im Nachwuchsbereich ist das sogar noch viel intensiver, man entscheidet über die Zukunft eines jungen Talents. Da muss man schon genau hinschauen: Wie schnell ist er im Kopf, auf den Beinen, wie stark ist er mental belastbar? Welches Potenzial steckt noch in ihm? Nehmen Sie Thomas Paulus. Wie kann er uns helfen? Er ist sehr erfahren, hat sich in den Ligen 1 bis 3 durchgesetzt und war als Mensch dabei nie ein Störfaktor, sondern charakterlich immer einwandfrei und fußballerisch ein wichtiger Spieler bei seinen bisherigen Stationen. Ich bin in all diesen Dingen extrem ehrlich und sage den Spielern realistisch, wie ich sie einschätze und was ich von ihnen möchte.

Können Sie uns die Stammmannschaft für die kommende Saison beschreiben?

Brand: Sie wird sich größtenteils um die zehn Jungs bilden, die wir als Grundgerüst halten konnten. Einige Neuzugänge sind noch verletzt, wie Danny Schöpf oder André Luge. Wir haben keinen sehr großen Kader, aber sind mit den 14 bis 18 Spielern auf allen Positionen gut besetzt, so dass wir eine gute Konkurrenzsituation haben.

Welches sind die besten Mannschaften in der Regionalliga und ohne Tiefstapeln: Was glauben Sie zutiefst, dass mit einer der teuersten Mannschaften der Liga drin ist?

Brand: Ich glaube, wir haben eine gute Mannschaft und gehören zu den Mitfavoriten auf einen der vorderen Plätze. Aber sicher nicht zu den Topfavoriten. Wenn ich höre, dass Bayern München II, zwei Spieler nicht an die 2. Liga abgegeben hat, weil sie unbedingt aufsteigen wollen, dann weiß ich, was los ist. Alle zweiten Mannschaften der Bundesligisten und Zweitligisten sind gut ausgebildet. Auch Illertissen und einige, die man gar nicht auf dem Zettel hat, haben gute Mannschaften. Wir hatten 19 Abgänge, 9 Neuzugänge, das Team muss sich erst finden.

Warum wird jetzt alles gut?

Brand: Manchmal braucht man einen Schritt Anlauf um nach vorne zu kommen …

Aber dazu muss man sich nicht unbedingt zwei Klassen tiefer fallen lassen …

Brand: Ich bin seit einem guten halben Jahr verantwortlich. Ich habe mit Christian Keller die Mannschaft nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt und dabei die Erfahrung gemacht, dass man mit ihm sehr gut zusammenarbeiten kann. Es gab keinen Transfer, bei dem wir uns nicht einig waren. Ich habe einen sehr vernünftigen Eindruck von dieser Arbeit. Jede Entscheidung, die wir bisher getroffen haben, kann sinnvoll begründet werden. Trotzdem kann niemand den Erfolg garantieren. Verletzungen, Sperren, Formschwankungen sind Gründe dafür. Meine Aufgabe ist es, das Gesamtgefüge so zusammenzustellen, dass die Mannschaft funktioniert und um ihren Charakter zu festigen. Alle anderen, das gesamte Trainerteam, Christian Keller, der medizinische Bereich und die Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle spielen eine andere Rolle, die genauso wichtig ist für den Gesamterfolg.

Ihr Horizont reicht über den Fußball hinaus – was ist Ihr Lieblingsbuch, Musiker, Film?

Brand: Puuh, ein Buch rauszugreifen ist schwierig …

Was lesen Sie den gerade?

Brand: Momentan lese ich gar kein Buch, sondern eher Magazine und Mannschaftsaufstellungen. Aber um eines meiner Lieblingsbücher zu nennen: „Schuld und Sühne“

… die Russen also, das Dostojewski-Drama bezieht sich aber nicht auf Ihre Arbeit beim Jahn?

Brand: Es geht um die Abgründe des Menschen, davon gibt es viele …

Was ist denn Ihr schlimmster Abgrund?

Brand: Das wollen Sie gar nicht wissen. Es geht um den Kampf mit sich selbst. Auch bei Filmen kann ich mich nicht auf einen festlegen. Zuletzt habe ich „Boyhood“ geschaut und davor „Fahrstuhl zum Schafott“. Mir gefällt aber auch „Ein Zombie hängt am Glockenseil“ oder „Großangriff der Zombies“ …

… ich sehe schon, Sie haben es mit den Toten …

Brand: Mich schreckt der Tod nicht ab.

Freuen Sie sich schon auf Peter Maffay, den Oberbürgermeister Joachim Wolbergs bald in der Neuen Arena spielen lassen möchte?

Brand: Das ist nicht mein Musikgeschmack, aber völlig ohne Ironie ist das ein großartiger, erfolgreicher Künstler, der mit seinen Projekten sehr viel Gutes leistet. Im Übrigen empfinde ich für alle Menschen, die in der Öffentlichkeit auftreten, sich tagtäglich mit der Möglichkeit Ihres Scheiterns auseinandersetzen müssen, Hochachtung.

Und was ist Ihr Musikgeschmack?

Brand: Ach, sehr unterschiedlich, je nach Laune ändert der sich stündlich. Neil Young mag ich sehr gern, aber auch Johnny Cash.

Haben Sie das Weltkulturerbe hier schon wahrgenommen – Wohnung in der Altstadt, Familienanschluss?

Brand: Meine Familie ist noch in der Schweiz. Wenn ich länger hierbleibe, was ich mir vorstellen kann, ist Regensburg sicher eine Option. Ich finde dieses Café (Anmerkung der Redaktion: Rosarium) hier wunderschön mitten im Dörnbergpark, die viele Natur in der Stadt.

Dann wollen wir hoffen, dass Sie nicht nach Wolfsburg müssen …

Brand: Da habe ich schon gespielt.

Aber Sie waren noch nicht Trainer dort …

Brand: Ich finde das gar nicht so schlimm. Ich war halt oft in Braunschweig. Wenn man einen schönen Ort in sich selbst hat, ist der Ort, in dem man wohnt, gar nicht so wichtig.