Müheloses 3:0 gegen ideenlose Wehen-Wiesbadener
Jahns kleine Auferstehung

Auswechslung mit Seltenheitswert: Aisas Aosman, heute erst mit schatten, dann mit Licht beim 3:0, verlässt das Feld. Der unzufriedene Trainer Christian Brand hadert mit dem Laisser-faire in Hälfte zwei. Bilder: Herda/Baumann
Sport
Regensburg
04.04.2015
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Auswechslung mit Seltenheitswert: Aisas Aosman, heute erst mit schatten, dann mit Licht beim 3:0, verlässt das Feld. Der unzufriedene Trainer Christian Brand hadert mit dem Laisser-faire in Hälfte zwei. Bilder: Herda/Baumann
 
Zerlegt im Eifer des Gefechts die Trainerbank-Überdachung. Gut, dass Christian Brand unter der kaum sitzt.

Da ging dann für die knapp 3000 Zuschauer am ersten Aprilsamstag doch noch die Sonne auf: Geradezu mühelos vollbringt der SSV den ersten Teil des Osterwunders und wiederholt gegen ideenlose Wehen-Wiesbadener das 3:0 der vergangenen Saison. Aber noch ist das echte Auferstehungswunder weit entfernt – nicht zuletzt, weil Lukas Sinkiewicz, gerade genesen, erneut einen Kreuzweg auf sich nimmt.

Christian Brand ist immer wieder für eine Überraschung gut. Während er manches Spiel, das recht verkorkst daherkam, anschließend schön redete, tobt der Mützenmann heute, als verspiele die rot-weiße Elf gerade das letzte Kapital – beim Stande von 3:0 Mitte der zweiten Hälfte verharrt er erst in einem permanenten Parkinson-Kopfschütteln, droht dann mit dem Zeigefinger, reißt im Eifer des Gefechts gar eine Leiste der Trainerbank-Überdachung aus der Verankerung und spurtet nach dem Schlusspfiff wie von der Schwarzen Witwe gebissen in den Kabinengang. Zweifelsfrei: Dem Hexer in spe gefällt nicht, was er da sieht.

Brands heiliger Zorn

Dabei sind die harmlosen Bemühungen der Gäste kaum dazu angetan, Schweiß auf die Trainerstirn zu treiben. Sicher, mit mancher Ungenauigkeit ermöglichen die Regensburger den Hessen die ein oder andere 1:1-Situation, die Richard Strebinger mit gewohnt perfektem Stellungsspiel und ausgezeichneten Reflexen zunichtemacht. Vielleicht erzürnt den Niedersachsen einfach, dass sich die Seinen nicht an den Matchplan halten – und das miserable Torverhältnis (-22) gleich noch mit aufhübschen.

Ganz so viel Kreativität lässt der Jahn-Coach in seine Aufstellung aber nicht einfließen, wie seine Ansprache bei der Pressekonferenz vermuten ließ – rechts hinten, links vorne, rechts vorne, alles offene Fragen. Auf dem Platz dann aber doch eher die erwartete Aufstellung: vor der unangefochtenen Nummer 1 im Tor flankieren Oli Hein rechts und Marcel Hofrath links die Innenverteidigung mit Markus Palionis und Grégory Lorenzi. Wie angekündigt Lukas Sinkiewicz als Absicherung hinter Kolja Pusch und Marvin Knoll. Und wie gehabt geben Uwe Hesse, Marco Königs und Aias Aosman in der Offensive den Ton an.

Hitziger Auftakt

Schiri Sven Waschitzki (Essen) hat erst mal mächtig Mühe, die hitzigen Aktionen der bis unter die Haarwurzeln motivierten Gastgeber unter Kontrolle zu bekommen. Erst muss Strebinger gegen den Kapitän der Gäste in höchster Not klären – und prallt dabei mit José-Pierre Vinguidica zusammen. Mannschaftsarzt Andi Harlass-Neuking muss einige Minuten an Strebingers Nase rumdoktern, bis die Blutung gestillt ist. Kurz darauf ist der Österreicher schon wieder hellwach und entschärft die erste „Eins-gegen-Eins“-Situation des Spiels (13.).

Praktisch im Gegenzug die zu diesem Zeitpunkt etwas überraschende Führung des Schlusslichts: Pusch spielt Königs links in Szene, der geht fast zur Grundlinie und legt dann im Rücken der Abwehrspieler auf Knoll ab – der Mann mit dem Rauschebart behält die Nerven und schiebt mit links zu seinem ersten Treffer für den Jahn ein – 1:0 (16.).

Spaßbremse Sinkiewicz

Da weiß man, was man hat: Sinkiewicz ist eine echte Spaßbremse für den Tabellenachten: Gnadenlos lässt er Patrick Funk über die Klinge springen (19.). Auch Pusch arbeitet sich an der schwarzen 6 ab und kassiert dafür die erste Gelbe (22.). Derart verprellt vergessen die Hessen eine entschiedenere Gegenwehr und Pusch spielt erneut Königs im Strafraum blendend frei – und dann knallt der das Ding in Wuttke-Manier, Gott hab ihn selig, volley ins linke obere Eck, Marke Tor der Rückrunde, 2:0 (24.).

Ob Marcel Kienle bereits genug von ihm gesehen hat oder ob er Opfer der bedingungslosen Jahn-Bissigkeit ist – jedenfalls muss Funk bereits jetzt das Feld für Robert Müller räumen (25.). In der Folge entschließt sich der Unparteiische aus dem Ruhrpott, noch entschiedener durchzugreifen: Sinkiewicz sieht Gelb für eine weitere robuste Aktion (29.).

Solider Kampfsport mit bösem Ende

Wenn die Gäste Gefahr entwickeln, dann meist über links, wo Vinguidica gleich immer drei Spieler auf sich zieht und so Löcher in die Abwehr reißt – ein Querpass auf Blacha reicht, und der Regensburger Strafraum ist entblößt wie Adam und Eva (32.). Zwei Minuten später hätte Jänicke, der im Hinspiel mit dem 1:0 die Weichen stellte, die Seinen wieder ranbringen können – sein Schüsschen ist aber kein Mittel gegen einen Strebinger in dieser Verfassung (34.).

Da wirken die wenigen, aber pointierten Vorstöße der Regensburger einfach explosiver: Hesse zieht nach innen, sein Flachschuss lässt das Gestänge am Wehener Außennetz scheppern (36.). Nach dieser kurzen Phase spielerischer Unterbrechung kehren beide Mannschaften zu solidem Kampfsport zurück – erst fällt Jonas Aquistapace Knoll (38.). Dann geht Sinkiewicz zu Boden und wird zur Seitenlinie geführt. Nach kurzer Rückkehr fällt der Deutsch-Pole im Zweikampf so unglücklich auf den Arm, dass er mit schmerzverzerrtem Gesicht andeutet, dass da was Schlimmeres passiert sein muss. Nach nur einer Halbzeit wird die Hoffnung auf bessere Abwehrzeiten mit der Trage abtransportiert – Verdacht auf ausgekugelten Ellbogen. Für ihn kommt noch vor der Pause Andi Güntner (45.) für immerhin fünf Minuten Rüpelaufschlag.

Aosman dreht endlich auf

Man hat fast den Eindruck, als habe Abwehrtank Sinkiewicz Aias Aosman bisher im Weg gestanden – jedenfalls versucht die Regensburger 10 nach einigen ungewohnt vogelwilden Fehlpässen im ersten Durchgang nun in Hälfte zwei stärker die Fäden in die Hand zu nehmen. Balleroberung an der linken Strafraumkante, Aosman läuft im spitzen Winkel auf Kolke zu – da will er den Keeper den Ball mit Effet um die Beine zaubern, die Kugel aber verhungert – da war mehr drin (49.).

Was soll’s, dann eben im zweiten Anlauf. Knoll schickt Hesse über rechts, der setzt sich dynamisch gegen Grupp durch – Aosman bleibt im ersten Versuch hängen, bekommt die Kugel nochmal vor die Füße und zirkelt sie präzise durch mehrere Beine rechts unten ins Eck – 3:0 durch den elften Treffer des Deutsch-Syrers (56.).

Auswechslung mit Seltenheitswert

Jetzt versucht’s Kienle mit Psychoterror: Soufian Benyamina, Schütze des 2:0 im Hinspiel, kommt für Lukas Schnellbacher, um Nervosität in den Regensburger Reihen zu erzeugen (59.). Bisher steht die rot-weiße Wand jedoch ziemlich stabil, auch wenn Palionis Gelb sieht, nachdem er Jänickes Spurtversuch jäh unterbindet (64.). Beste Aktion von Blacha bis zu diesem Zeitpunkt: Aus gut 20 Metern halblinks streicht die Kugel links am Pfosten vorbei – Strebingers Flugbahn aber macht deutlich: Das Ding hätte er locker entschärft (65.).

Ein potenzieller Gefahrenherd hat vorzeitig Feierabend: Für Jänicke kommt der kahl-kühn blickende Nils-Ole Book. Aber aller böser Blick nützt nichts, erst mal hätte der Gastgeber sein Torkonto nach oben schrauben können – Aosman zieht von links nach innen und versucht auf Königs durchzustecken – ein Bein im Weg, da hätte er vielleicht besser selbst exekutiert (70.). Eine Auswechslung mit Seltenheitswert – für den Schützen zum 3:0 kommt für eine gute Viertelstunde Daniel Steininger (74.).

Tabellenkeller weiter unberechenbar

Vorm Schlussspurt darf dann doch noch der Mann aufs Feld, dem Brand ein sehr, sehr gutes Testspiel gegen Ried, aber weniger Verdrängungsmasse als Sigurdsson attestiert hatte: Patrick Lienhard wird wohl in den letzten Minuten weder das eine noch das andere unter Beweis stellen können (80.). Dafür beweist Strebinger einmal mehr, dass es keinen Zweck hat, auf ihn mit dem Ball zuzulaufen: Gegen Blacha, der links kurz vor der Grundlinie Lorenzi aussteigen lässt, zeigt er einen Neueresken Reflex – seine Hand ist im Handballtorwartstil oben (84.).

Und auch Benyaminas Drehschuss kann Strebinger nicht im Geringsten beeindrucken (90.). Trotz der störenden Nebengeräusche von der unbesetzten Trainerbank schaukeln die Regensburger den Doppeldreier sicher ins Nest. Nur schade, dass Mainz (17./32) mit 3:1 gegen Erfurt ebenfalls einen Überraschungscoup landet und Großaspach (16./34) gegen Kiel immerhin punktet (1:1). Wenigstens ist Dortmund (19./27) nach einem 0:2 bei den Stuttgarter Kickers nur noch eine Schlagweite entfernt, die Regensburg (20./25) am kommenden Samstag, 14 Uhr, gegen Osnabrück aufholen kann.