Nach 3:0 gegen Dortmund nur noch „six points under“
Ein Jahn-Sargnagel weniger

Uwe Hesse kurbelt zusammen mit Fabian Trettenbach das Spiel über rechts an. Bilder: Herda
Sport
Regensburg
31.01.2015
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Uwe Hesse kurbelt zusammen mit Fabian Trettenbach das Spiel über rechts an. Bilder: Herda
 
Fabi Trettenbach hatte seine liebe Mühe, die quirligen Dortmunder auf seiner Seite am Flanken zu hindern.
 
Gratulation zur Beförderung und anschließendem Führungstreffer: Kapitän Markus Palionis und Trainer Christian Brand.

Der runderneuerte SSV Jahn lässt dank neuer Hoffnungsträger aufhorchen: Kapitän Markus Palionis, Kolja Pusch und der starke Marcel Hofrath packen auf drei Punkte drei Tore – allerdings musste das Juniorenteam der Borussia aus Dortmund eine Halbzeit mit zehn Mann bestreiten. Mit skeptischem Blick zurück auf den Saisonauftakt und dem verheißungsvollen 2:0 gegen den MSV Duisburg damals, sollte man freilich auch den Rückrundenstart nicht überbewerten.

Erste Erkenntnis im Regensburger Kühlhaus an der Prüfeninger Straße: Rote Linien auf grünbraunem Boden geben eher keinen guten Kontrast ab: Merke, „Rot auf Weiß, so sieht man den Kreis. Rot auf Grün kann nur die Nelke blüh‘n.“ Zwei Schneehaufen türmen sich zu beiden Seiten der überdachten Trainerbänke. Auf der Gegengerade und hinter den Toren verläuft immerhin noch ein halb-Meter hohes Schneemäuerchen, Ergebnis der Schipp-Ehrenarbeit von rund 100 Fans, Spielern und Jahn-Funktionären.

Der Verein hat nicht nur in sieben Spieler, sondern auch noch in 30 zusätzliche Schneeschaufeln investiert – und Hans Rothammer hat eine Schneefräse draufgelegt. Immerhin, dieser neue Teamtgeist im Umfeld zeigt erste Früchte: Bibiane Steinhaus, die große Blonde des deutschen Schiedsrichterwesens, erklärt das geräumte Feld für bespielbar. „Game on“, gibt Pressesprecher Till Müller mit Smiley per Sms gegen Mittag bekannt.

Auftakt mit redlichem Bemüh‘n

Das also ist der neue Jahn? Hand auf rotweiße Herz: Wir bestaunen einen Auftakt mit durchaus viel redlichem Bemüh'n – aber das sahen wir in dieser Saison schon öfters. Mit etwas gutem Willen kann man eine Schippe mehr Aggressivität im mit vier Neuen besetzten Team erkennen: Im Tor feiert Richard Strebinger seine Premiere, die Viererkette bilden Fabian Trettenbach (von rechts), der neue Kapitän Markus Palionis, Gregory Lorenzi und Neuzugang Marcel Hofrath. Andi Güntner soll Andi Geipl und dem Novizen Marvin Knoll den Rücken frei halten. Für die ersehnte Offensivgefahr dürfen Daniel Steininger, Marco Königs und Uwe Hesse sorgen.

Erstmals für Gefahr freilich sorgt der Gast aus Dortmund. Angriff über links, wo Fabian Trettenbach Oguzhan Kefkirs Flanke nicht verhindern kann, Güntner passt auf, spielt dann aber dem Gegner den Ball vor die Füße – im zweiten Anlauf kommt Nikolaos Ionnidis zentral zum Kopfball und überwindet den herausgeeilten Strebinger aber auch das Tor (5.).

Beim Jahn alles über rechts

Der Spielaufbau läuft bei den Regensburgern über die rechte Seite. Steininger mit präzisem Diagonalball auf Uwe Hesse. Der fackelt nicht lange und zielt den Ball flach Richtung Pfosten, Königs mit der Hacke, aber Marc Hornschuh fälscht zur ersten Ecke ab (8.). Immer wieder kurbeln Trettenbach und Hesse auf dieser Seite das Spiel an. Ein Freistoß erreicht Königs freistehend vor Dortmunds Keeper Hendrik Bonmann – dass zwei Regensburger einsam im Strafraum über die Kunst des Toreschießens meditieren können, hat einen Grund. Die Szene ist längst abgepfiffen. Zum Glück für Königs, der vorbeigeschossen hätte (14.).

Langsam mehren sich die Hochkaräter für die Gastgeber. Nach schöner Kombination zielt Steininger im Nachschuss knapp daneben (20.) – immerhin Ecke. Als der SSV erneut eine Doppelchance liegen lässt, führt die vielleicht komplizierteste Ecke in der jüngeren Jahn-Geschichte zum Erfolg. Kurz ausgeführt, Hofrath sofort unter Druck, bringt aber die Flanke scharf und gut auf seinen Käpt‘n – und Palionis belohnt seinen Trainer für die Beförderung mit einer mutigen Direktabnahme mit links zum 1:0 – da gratulieren sich die Nummer 16 und Christian Brand zufrieden an der Seitenlinie (27.)

Souveräne Schirine

Rot-Weiß erhöht den Druck. Marvin Knoll scheitert allein vorm Keeper (29.) – wieder eine Abseitsentscheidung.Die souveräne Schirine Bibiana Steinhaus (Hannover) lässt wenig später das Spiel weiterlaufen, und zückt erst anschlideßend Gelb für ein Foul an Knoll. Wenn Dortmund mal gefährlich wird, dann weil Trettenbach erhebliche Probleme mit dem quirligen Ionnidis hat, der wiederholt zur Grundlinie laufen und flanken kann. Zum Glück für das Schlusslicht drängen sich in der Mitte keine gewitzten Abnehmer auf (32.).

Nach der anschließenden Ecke verschlampt Hesse eine aussichtsreiche Konterchance (32). Unauffällig aber äußerst effektiv bisher Hofrath, nicht nur wegen seiner Flanke zur Führung. Der laufstarke Defensivspieler schaltet sich immer wieder in die Offensive mit ein und kann vom Dortmunder Kapitän David Solga nur mit unfairen Mitteln gestoppt werden – Gelb für den Gelbschwarzen (37.).

Gelbrot für Gelbschwarz kurz vor der Pause

Auf der anderen Seite muss der SSV aufpassen, dass er die Konzentration hoch hält: Nach einer Freistoßflanke von Kefkir, kümmert sich kein Abwehrspieler um Tammo Harder, der aus elf Metern unbedrängt rechts oben vorbeizielt (40.).

Noch nicht seinen Rhythmus gefunden hat Stürmer Königs. Dennoch gelingt ihm kurz vor der Pause ein vorentscheidender Coup. Die bärtige 33 erobert den Ball, marschiert energisch auf den Strafraum zu und ist nicht unglücklich, dass ihn der vorbestrafte Solga taktisch ausbremsen muss – mit der Notbremse handelt er sich Gelbrot ein und den Gästen damit massive Nachteile. Hesses Freistoß allerdings verpufft wirkungslos in der Mauer, ebenso wie der Nachschuss (45.).

Brand gibt den Schmidt

Die selbstverschuldete Dezimierung bringt David Wagners Konzept ins Wanken. Mit einem Doppelwechsel möchte er sein Team für die Minderheitenrolle in der zweiten Hälfte wappnen. Für Kefkir und Harder kommen Evans Nyarko und Vincent-Louis Stenzel auf den Platz. Beim Jahn hat sich der Mann mit dem übersichtlichen Haupthaar und Ribery-Bart das Erstzugriffsrecht auf alle Standards gesichert – Knoll bringt erst eine scharfe Ecke vors Tor, der Ball fällt ihm wieder vor die Füße und er zieht aus spitzem Winkel ab – Bonmann ist unten (46).

„Kooommm, koommm, mehr Druck!“, schreit Brand in die Runde. Der zierliche rote Anorak mit der Wollmütze darüber ist an der Seitenlinie stets in Bewegung, während Kollege David Wagner inzwischen immer öfter abwinkt oder die Arme verschränkt. Andi Geipl, der sich müht, aber unauffällig bleibt, mit gelungenem Doppelpass mit Knoll, der eine gefährliche Flanke von links bringt – der Ball rutscht Keeper Hendrik Bonmann durch die Hände, aber Hesse kommt einen Schritt zu spät (50,).

Brandrede nach Stockfehler

Ein Schrei entfährt der tief ins Gesicht gezogenen Wollmütze: Brand tobt über Andi Güntners gelegentliche Stockfehler (52.). Einer führt bei diesem brisanten Spielstand zu einer unnötigen Freistoßchance für die Gäste . Die Flanke ist eigentlich harmlos, aber dann kann ein Gelbschwarzer unbedrängt im Strafraum abziehen – knapp vorbei, das Spiel ist noch nicht in trockenen Tüchern. Denkt an Unterhaching (2:3 nach 2:0)!

Nach gelungenem Seitenwechsel bekommt Königs den Ball halbhoch im Strafraum serviert. Er versucht ihn sich runterzulegen und vertändelt ihn dabei (54.). Dann verzettelt sich Knoll bei einem aussichtsreichen Konteraufbau (55.). Besser macht das Hofrath, der sich allein einer gelbschwarzen Mauer gegenübersieht, aber immerhin die Ecke herausholt.
Der puscht das Spiel
Zeit für einen Wechsel: Brand bringt mit Kolja Pusch den fünften Neuzugang für den abgekämpften Geipl. Und der kommt gleich in die Bredouille: Knoll legt ihm die Ecke auf den Fuß, Pusch schlägt den Ball an den Gegenmann und schon muss er dem Konter hinterherhecheln, den Trettenbach abfängt (63.). Ein Auf und Ab ist das jetzt, schon findet sich Pusch wieder allein vorm Gegentor, blickt auf, will noch einmal quer legen, die falsche Entscheidung, ein Bein ist im Weg. Aber er hat Glück, der Ball springt ihm wieder vor die Füße und dieses Mal bringt er die Kugel aus fünf Metern zum 2:0 unter (65.).

Jetzt dreht der Gastgeber befreit auf. Schöner Doppelpass mit Hofrath, der allein auf Bonmann zusteuert, aber zurückgepfiffen wird – erste Fehlentscheidung, die 27 aus Chemnitz war beim Abspiel deutlich vor der Abwehr. Nach einem etwas schlampigen Ausschuss von Jahn-Torwart Strebinger, kann sich die neue Nummer 18 zwischen den Pfosten erstmals mit guter Reaktion auszeichnen (68.).

Chancen für einen Kantersieg

Inzwischen ist das 2:0 mehr als verdient, der SSV drauf und dran das peinliche 1:5 aus dem Hinspiel zu toppen. Fabi Trettenbach chippt das Leder auf Knoll, der am Fünfer mit links in die lange Ecke zielt – aber erneut an Bonmann scheitert (70.). Schon rollt der nächste Konter. Steininger zögert einen Tick zu lange, legt dann aber gut quer zu Hesse, der von der Strafraumkante abzieht – flach links unten vorbei (74.). Vier Minuten später hätte Pusch einen Doppelpack schnüren müssen, als er allein vorm Tor drüberdrischt (78).
Chancen für einen Kanter im Minutentakt:
• Königs setzt sich prima durch, verzieht um Zentimeter.
• Hofrath geht an die Grundlinie, die Flanke aber ins Leere
• Keeper Bonmann verschätzt sich bei einer Hofrath-Flanke, der Ball fliegt nur knapp vorbei.
• Wieder mal Pusch frei vor Bohnmann, zentral vorm Tor hätte er für den besser postierten Steininger auflegen sollen.
• Königs scheitert mit einem Schuss von der Strafraumkante (84.).

Kleiner Geniestreich als Schlusspunkt

Noch einmal bäumt sich der Tabellen-16 auf, dringt in den Strafraum ein, einer fällt zu Boden – ein später Elfer? Bibi Steinhaus wedelt weiter. Die nächste Konterchance, das Tor leer, weil Bonmann viel zu weit herausgelaufen ist, aber Königs vertändelt (86). Jetzt sieht Trainer Brand die Zeit gekommen, um mit einem Doppelwechsel, das Ding in aller Ruhe über die Zeit zu schaukeln. Doppelcomeback: Für Hesse und Knoll dürfen die letzten fünf Minuten Patrick Lienhard und Thomas Kurz ran.

Den verdienten Lohn für eine bärenstarke Premiere im Jahn-Trikot fährt zuletzt Hofrath ein: Steininger schickt ihn auf der linken Seite Richtung 16er, Kurz und Königs lauern in der Mitte, und was macht Hofrath? Er zirkelt das Ding am verdutzten Keeper vorbei in die kurze Ecke – 3:0! Wenn’s Absicht war, ein kleiner Geniestreich (91.)!

Ein knolliges Versprechen

„Wir haben hart gearbeitet und man sieht, wie gut die Neuen bereits integriert sind“, freut sich Christian Brand nach „seinem“ ersten Sieg nach fünf Niederlagen. Und Marvin Knoll, die neue Dampfmaschine in der Jahn-Offensive, verspricht: „Wir werden uns in jedes Spiel so reinhängen und alles geben, um den Abstieg zu verhindern.“

Am kommenden Samstag, 14 Uhr, können die Regensburger (20./15) dieses Gelübde unter Beweis stellen. Dem Tabellennachbarn Hansa Rostock (19./20), der mit einem 2:1 in Wehen Wiesbaden ebenfalls mit einem Sieg gestartet ist, könnte der SSV dann bis auf zwei Punkte auf die Pelle rücken. Der Abstand zum ersten Nichtsabstiegsplatz beträgt sechs Punkte, allerdings spielt Mainz (17./21) erst am Sonntag gegen die Stuttgarter Kickers und das Spiel in Großaspach (18./21) gegen Unterhaching fiel den weniger motivierten Schneeschippern zum Opfer.